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‘Abdu’l-Bahá

Briefe und Botschaften

Selections from the Writings of ‘Abdu’l-Bahá

Vorwort

pr:1‘Abdu’l-Bahás Darstellung der Bahá’í-Offenbarung findet sich in Seinen Schriften, in zahlreichen Zusammenstellungen Seiner Reden und Gespräche sowie in Seinen Briefen. Die schriftlichen Werke wie Geheimnis göttlicher Kultur, A Traveller’s Narrative sowie Wille und Testament sind in abendländische Sprachen übersetzt, ebenso Sammlungen Seiner Reden wie Beantwortete Fragen, Vorbilder der Treue, Ansprachen in Paris und Promulgation of Universal Peace. Dagegen wurde in den letzten 70 Jahren keine größere Zusammenstellung aus Seinen unzähligen Briefen in europäischen Sprachen vorgelegt. Die drei Bände Tablets of ‘Abdu’l-Bahá, die in den Vereinigten Staaten zwischen 1909 und 1916 veröffentlicht und 1930 ein zweites Mal aufgelegt wurden, sind längst vergriffen.

pr:2Die Auswahl der vorliegenden Zusammenstellung ist viel breiter angelegt als die der früheren Bände; sie zeigt das weitgefächerte Spektrum der Themen, mit denen sich der Meister in Seinen Briefen befasste. Aufgenommen wurden einige Sendbriefe, die ein Ausschuss im Weltzentrum übersetzte; dabei wurden Entwürfe benutzt, die Shoghi Effendi noch zu Lebzeiten ‘Abdu’l-Bahás machte. Viele Briefe hat Marzieh Gail übersetzt; die Auswahl dieser Briefe war ihr aus der 19.000 Originale und bestätigte Kopien umfassenden Sammlung des Weltzentrums zugegangen. Bekannte Sendschreiben wie der Brief an August Forel oder der größere Teil des Sendschreibens nach Den Haag wurden weggelassen, weil sie bereits in gesonderten Veröffentlichungen zugänglich sind.

pr:3Die glücklichen, gesegneten Empfänger der meisten hier zusammengetragenen Sendbriefe waren frühe Gläubige in Ost und West: einzelne Gläubige, Gruppen, Ausschüsse oder Versammlungen der Freunde. Die Bedeutung dieser Botschaften für die eben erst entstehenden Gemeinden des Westens zu einer Zeit, als noch kaum Bahá’í-Literatur in europäischen Sprachen zugänglich war, kann nicht überschätzt werden.

pr:4Sicherlich wird die Veröffentlichung dieser Schriften des Meisters alle, die Ihn lieben, in ihrem Eifer bestärken, auf Seinen Ruf zu antworten, und wird ihnen ein Gespür für den wundervollen Zusammenklang von Menschlichem und Göttlichem geben, den Er, das Geheimnis Gottes, so vollkommen verkörperte.

pr:5Versangaben bei Qur’án-Zitaten erfolgen nach der kufischen Zählung. Bei Qur’án-Ausgaben mit anderer Zählweise können sich geringfügige Verschiebungen ergeben.

Einführung

in:1‘Abdu’l-Bahá (23. Mai 1844 – 28 November 1921) war der älteste überlebende Sohn und ernannte Nachfolger Bahá’u’lláhs, des prophetischen Gründers des Bahá’í-Glaubens. Obgleich er außerhalb der Bahá’í-Gemeinde als ›‘Abbás Effendi‹ bekannt war, bezeichnen die Bahá’í ihn oft als den »Größten Ast«, »das Geheimnis Gottes« und den »Meister« – Titel, die ihm von Bahá’u’lláh verliehen worden waren. Nach dem Hinscheiden Bahá’u’lláhs im Jahre 1892, nannte er sich selbst »‘Abdu’l-Bahá«, den ›Diener Bahás‹.

in:2Der Bahá’í-Glaube stammt aus dem Írán der Mitte des 19. Jahrhunderts und verdankt seinen Ursprung den Bemühungen zweier aufeinanderfolgender Gründerpropheten: des Báb and Bahá’u’lláhs. Wie der erste von ihnen verkündete, bestand seine Mission darin, den Weg zu bereiten für »Den, den Gott offenbaren wird«>́, dem von den Anhängern aller Glaubensrichtungen erwarteten Offenbarer Gottes. Während der wiederholten, auf diese Verkündigung antwortenden Verfolgungswellen, die das Leben des Báb, sowie etlicher Tausend Seiner Anhänger forderten, erklärte Bahá’u’lláh sich selbst als die Erfüllung dieses göttlichen Versprechens.

in:3‘Abdu’l-Bahá erkannte als Kind die spirituelle Stufe seines Vaters, noch bevor diese öffentlich bekannt gegeben wurde und begleitete Bahá’u’lláh vom 8. Lebensjahr an in Exils und die Verbannung. ‘Abdu’l-Bahá vertrat seinen Vater oft beim Umgang mit Behörden und der Öffentlichkeit. Nach Bahá’u’lláh’s Hinscheiden im Jahre 1892, wurde ‘Abdu’l-Bahá in Übereinstimmung mit in den Schriften Bahá’u’lláhs getroffenen Vorkehrungen das Oberhaupt des Bahá’í-Glaubens.

in:4Als Bahá’u’lláh’s Nachfolger und ernannter Interpret Seiner Schriften kommt ‘Abdu’l-Bahá eine eigene spirituelle Stufe zu. Die Bahá’í betrachten ihn als die vollkommene Verkörperung des Bahá’í-Glaubens, und als mit göttlichem Wissen ausgestattet, nicht jedoch als Propheten.

in:5Während seiner bemerkenswerten Amtszeit korrespondierte ‘Abdu’l-Bahá mit Bahá’ís aus der ganzen Welt und versorgte sie mit einer Fülle praktischer und spiritueller Führung. Obgleich viele der in diesem Band zusammengestellten Briefe an Einzelpersonen addressiert waren und Antworten auf spezifische Fragen darstellen, enthält die in ihnen vermittelte Führung universelle Wahrheiten, die es wert sind von allen studiert zu werden. Die hier zusammengetragene Korrespondenz und schriftlichen Äußerungen decken ein weites Themenfeld ab und enthalten tiefe spirituelle Weisheit, die heute ebenso maßgeblich und unerläßlich ist, wie als sie zu Papier gebracht wurde.

1

1:1O Völker der Erde! Die Sonne der Wahrheit ist aufgegangen, um die ganze Welt zu erleuchten und die Gesellschaft der Menschen zu vergeistigen. Lobenswert sind die Ergebnisse und Früchte, reichhaltig die heiligen Beweise, die aus dieser Gnade fließen. Dies bedeutet echte Barmherzigkeit und reinste Großmut, Licht für die Welt und alle ihre Völker, Harmonie und Brüderlichkeit, Liebe und Solidarität; ja es bedeutet Mitleid und Einigkeit und das Ende von Entfremdung, es bedeutet, eins zu sein mit allen auf Erden in vollkommener Würde und Freiheit.

1:2Die Gesegnete Schönheit spricht: »Ihr seid alle die Früchte eines Baumes und die Blätter eines Zweiges.« Er hat diese Welt des Seins mit einem einzigen Baum verglichen und alle ihre Völker mit dessen Blättern, Blüten und Früchten. Der Zweig muss zum Blühen kommen, Blatt und Frucht müssen wachsen; das Gedeihen von Blatt und Blüte und die Süße der Frucht hängen von der innigen Verbundenheit aller Teile des Weltenbaumes ab.

1:3Deshalb müssen alle Menschen sich gegenseitig äußerst wirksam unterstützen, alle müssen nach dem ewigen Leben trachten; und aus demselben Grunde müssen die, die Gott lieben, in dieser Welt des Zufalls zu Gnadengaben und Segnungen werden, die durch den milden König der sichtbaren und unsichtbaren Reiche ausgestrahlt wurden. Sie sollten ihren Blick läutern und die ganze Menschheit als Blätter, Blüten und Früchte am Baume des Seins erkennen. Sie sollten zu allen Zeiten danach trachten, eine gute Tat für einen Mitmenschen zu tun und ihm Liebe, Beachtung und fürsorgliche Hilfe zu erweisen. Niemanden sollten sie als ihren Feind betrachten noch jemandem etwas Böses wünschen, sondern in jedem Menschen den Freund sehen, den Fremden als Vertrauten, den Unbekannten als Weggefährten betrachten, frei von Vorurteil und ohne Grenzen.

1:4Heute ist der ein Begünstigter an der Schwelle des Herrn, der den Becher der Treue weiterreicht, der den Edelstein der Freigebigkeit sogar seinen Feinden gewährt und selbst seinem gestrauchelten Unterdrücker eine helfende Hand reicht. Er ist selbst seinem erbittertsten Feind ein liebevoller Freund. Dies sind die Lehren der Gesegneten Schönheit, dies die Ratschläge des Größten Namens.

1:5O ihr geliebten Freunde! In der Welt herrscht Krieg, das Menschengeschlecht liegt in Wehen und tödlichem Kampf. Die finstere Nacht des Hasses hat die Überhand gewonnen, das Licht der Vertrauenswürdigkeit ist erloschen. Die Völker und Geschlechter der Erde haben ihre Klauen geschärft und stürzen sich im Kampf aufeinander. Die Menschheit zerstört ihre eigenen Lebensgrundlagen. Tausende von Familien sind ihrer Habe beraubt und irren umher, und jedes Jahr sieht Tausende und Abertausende von Menschen sich auf staubigen Schlachtfeldern in ihrem Blute wälzen. Die Zelte des Lebens und der Freude sind abgebrochen. Generäle üben sich in ihrer Feldherrnkunst, rühmen sich des Blutes, das sie vergießen, und wetteifern miteinander im Anstacheln zu Gewalttaten. »Mit diesem Schwert«, sagt einer von ihnen, »habe ich ein Volk enthauptet!« Und ein anderer sagt: »Ich stürzte eine Nation zu Boden!« Und ein weiterer: »Ich habe eine Regierung zu Fall gebracht!« Solcher Dinge rühmen sich die Menschen, auf solche Dinge sind sie stolz! Liebe – Rechtschaffenheit – überall werden sie gerügt, und Eintracht und Hingabe an die Wahrheit werden verachtet.

1:6Der Glaube der Gesegneten Schönheit ruft die Menschheit auf zu Sicherheit und Liebe, zu Freundschaft und Frieden. Er hat seine Stiftshütte auf den Höhen der Erde errichtet und lässt seinen Ruf an alle Völker ergehen. Seid euch daher des Wertes dieses kostbaren Glaubens bewusst, o ihr, die ihr Gott liebt. Gehorcht seinen Geboten, wandelt auf seinen Wegen, die gerade sind, und weist die Menschheit darauf hin. Erhebt eure Stimme und singt das Lied des Königreiches. Verbreitet die Lehren und Gebote des liebenden Herrn in allen Landen, auf dass diese Welt in eine andere verwandelt und diese dunkle Erde mit Licht überflutet werde und der tote Leib der Menschheit auferstehe und lebe, auf dass jede Seele nach Unsterblichkeit trachte durch den heiligen Odem Gottes.

1:7Bald werden eure schnell dahinfliegenden Tage vergangen sein, und Ruf und Reichtum, Bequemlichkeit und Freude, die dieser Schutthaufen von Welt bereitet hat, werden spurlos verschwunden sein. Ruft deshalb die Menschheit vor Gott und ladet sie ein, dem Beispiel der himmlischen Heerscharen zu folgen. Seid der Waise ein liebevoller Vater, eine Zuflucht dem Hilflosen, ein Schatz dem Armen, dem Kranken Heilung. Seid jedem Opfer der Unterdrückung ein Helfer, ein Beschützer dem Beladenen. Denkt zu allen Zeiten daran, wie ihr jedem Glied der Menschheit einen Dienst erweisen könnt. Schenkt Abneigung und Zurückweisung, Geringschätzung, Feindseligkeit und Ungerechtigkeit keine Beachtung: Tut das Gegenteil. Seid aufrichtig freundlich, nicht nur dem Anschein nach. Jeder der Geliebten Gottes sollte seine Aufmerksamkeit auf das Folgende richten: des Herrn Segen für die Menschen, des Herrn Gnade zu sein. Er sollte jedem, dem er begegnet, einen guten Dienst erweisen und ihm von Nutzen sein. Er sollte jedermanns Charakter veredeln und den Gedanken der Menschen eine neue Richtung geben. So wird das Licht der göttlichen Führung leuchten und der Segen Gottes die ganze Menschheit umfangen, denn Liebe ist Licht, wo immer sie wohnt, und Hass ist Finsternis, wo immer er nistet. O Freunde Gottes! Möge das verborgene Mysterium offenbart und das geheime Wesen aller Dinge enthüllt werden. Strebet danach, das Dunkel auf immer und ewig zu bannen.

2

2:1O mein Herr! Dir habe ich mich zugewandt, mitten in dieser finsteren Nacht, und Dir vertraue ich mich an mit der Sprache meines Herzens; ich erbebe vor Freude bei den süßen Düften, die aus Deinem allherrlichen Reich her wehen; ich rufe Dich an und spreche:

2:2O mein Herr, ich finde keine Worte, Dich zu verherrlichen; ich sehe keinen Weg für den Vogel meines Geistes, in Dein Königreich der Heiligkeit aufzusteigen; denn Du bist in Deinem innersten Sein geheiligt über alle Huldigung, Du bist in Deinem innersten Wesen unerreichbar für allen Lobpreis, Dir dargebracht von dem Volke, das Du erschaffen hast. In Deines Wesens Heiligkeit warst Du immer erhaben über das Verständnis der Gelehrten aus den himmlischen Heerscharen, und ewig wirst Du verhüllt bleiben in der Heiligkeit Deiner eigenen Wirklichkeit, unerreicht vom Wissen derer, die in Deinem hehren Königreich wohnen und Deinen Namen verherrlichen.

2:3O Gott, mein Gott! Wie kann ich Dich verherrlichen, wie Dich beschreiben, der Du unerreichbar bist? Unermesslich erhaben und geheiligt bist Du über Beschreibung und Lobpreis.

2:4O Gott, mein Gott! So habe denn Erbarmen mit meiner Hilflosigkeit, meiner Armut, meiner Not, meiner Erniedrigung! Gib mir zu trinken aus dem vollen Kelch Deiner Gnade und Vergebung, erwecke mich mit den süßen Düften Deiner Liebe, weite mir die Brust mit dem Lichte Deiner Erkenntnis, läutere meine Seele mit den Mysterien Deiner Einheit, rufe mich zum Leben mit der sanften Brise aus dem Garten Deiner Barmherzigkeit – bis ich mich löse von allem außer Dir, mich festhalte am Saum des Gewandes Deiner Erhabenheit, bis ich alles, was Du nicht bist, vergesse, ganz umgeben von dem süßen Odem, der Deine Tage durchweht, bis ich Treue erwerbe an der Schwelle Deiner Heiligkeit, bis ich mich erhebe, Deiner Sache zu dienen, bescheiden vor Deinen Geliebten und in der Gegenwart Deiner Begünstigten ein völliges Nichts.

2:5Du wahrlich bist der Helfer, der Erhalter, der Erhabene, der Freigebigste.

2:6O Gott, mein Gott! Ich flehe Dich an beim Morgenlicht Deiner Schönheit, das die ganze Erde erleuchtet, beim Augenlicht Deines göttlichen Erbarmens, das auf allen Dingen ruht, bei der brandenden See Deiner Gnadengaben, in die alle Dinge eingetaucht sind, bei Deinen strömenden Wolken der Großmut, die auf das Wesen alles Erschaffenen ihren Segen herabregnen, und beim Strahlenglanz Deiner Barmherzigkeit, die da war, ehe denn die Welt war: Hilf Deinen Erwählten, treu zu sein, stehe Deinen Geliebten bei, an Deiner erhabenen Schwelle zu dienen, lasse sie siegen durch die Bataillone Deiner alles überwindenden Macht und stärke sie durch zahllose Kämpfer aus den himmlischen Heerscharen.

2:7O mein Herr! Sie sind schwache Seelen vor Deiner Tür, Bettler an Deinem Hof, die nach Deiner Gnade dürsten, verzweifelt Deiner Hilfe bedürfen, ihr Angesicht dem Reiche Deiner Einheit zuwenden und nach Deinen Gnadengaben schmachten. O mein Herr! Gieße Dein heiliges Licht über ihre Seelen aus, läutere ihre Herzen mit der Gunst Deiner Hilfe; weite ihnen die Brust mit dem Duft des Entzückens, der heranweht von Deinen Himmelsscharen; lasse ihre Augen leuchten, wenn sie auf die Zeichen und Beweise Deiner Macht blicken; lasse sie Standarten der Reinheit sein, Banner der Heiligkeit, die hoch über allen Geschöpfen auf den Gipfeln der Erde wehen; lasse ihre Worte Herzen, so hart wie Stein, bewegen. Lasse sie sich erheben, Dir zu dienen, hingegeben an das Königreich Deiner Göttlichkeit; lasse sie ihr Angesicht auf die Höhen Deines Selbstbestehens richten und Deine Zeichen überallhin verbreiten; erleuchte sie mit Deiner Lichtflut; lasse sie Deine verborgenen Geheimnisse enthüllen. Gib, dass sie Deine Diener zu sanften Wassern führen, zum Springquell Deiner Barmherzigkeit, der mitten im Himmel Deiner Einheit wallt und sprudelt. Gib, dass sie auf der Arche des Heils das Segel der Loslösung setzen und über das Meer Deiner Erkenntnis fahren; gib, dass sie die Schwingen der Einigkeit ausbreiten und aufsteigen in das Königreich Deiner Einzigkeit, um Diener zu werden, die das Lob der himmlischen Heerscharen und den Preis der Bewohner Deines allherrlichen Reiches erwerben; lasse sie den Boten der unsichtbaren Welt lauschen, wenn sie den Ruf der mächtigsten frohen Botschaft erheben; gib, dass sie in ihrer Sehnsucht, Dir zu begegnen, zu Dir rufen und flehen, wundersame Gebete im Morgenlicht auf den Lippen – o mein Herr, der Du alle Dinge lenkst – unter Tränen am Morgen und am Abend, voll Verlangen, unter den Schatten Deiner unendlichen Barmherzigkeit zu treten.

2:8Hilf ihnen unter allen Umständen, o mein Herr; stehe ihnen jederzeit bei mit Deinen Engeln der Heiligkeit, die Deine unsichtbaren Heerscharen sind, Deine himmlischen Bataillone, welche die vereinte Streitmacht dieser niederen Welt besiegen.

2:9Wahrlich, Du bist der Mächtige, der Kraftvolle, der Starke, der Allumfassende, der höchste Herr über alles, was ist.

2:10O heiliger Herr! O Herr liebender Gnade! Wir irren um Deinen Wohnsitz, sehnen uns, Deine Schönheit zu schauen, voll Liebe zu all Deinen Wegen. Wir sind unglücklich, gering und bedeutungslos. Wir sind arm; erweise uns Barmherzigkeit und Großmut; sieh nicht auf unsere Verfehlungen, verbirg unsere fortgesetzten Sünden. Was wir auch sind, wir sind immer Dein; was wir sprechen und hören, ist Dein Lobpreis; Dein Antlitz suchen wir, Deinem Pfad folgen wir. Du bist der Herr liebender Gnade, wir sind verirrte Sünder fern unserer Heimat. So spende uns ein paar Regentropfen, Du Wolke der Barmherzigkeit. Sende uns Deinen duftenden Windhauch, Du Blumenbeet der Gnade. Überflute uns mit einer mächtigen Woge, Du Meer aller Güte. Sende einen Lichtstrahl auf uns hernieder, Du Sonne der Freigebigkeit. Hab Erbarmen mit uns, gewähre uns Gnade. Bei Deiner Schönheit, wir kommen mit nichts als unseren Sünden, mit keinen nennenswerten guten Taten, nur Hoffnungen. Wenn Dein verhüllender Schleier uns nicht bedeckt, Dein Schutz uns nicht schirmt und hegt, welche Kraft haben wir hilflosen Seelen, uns zu erheben und Dir zu dienen; wie können wir Elenden uns tapfer erweisen? Du, der Du der Mächtige bist, der Allgewaltige, hilf uns, begünstige uns. Wir sind verdorrt; belebe uns mit Regenschauern aus Deinen Wolken der Gnade. Gering sind wir; erleuchte uns mit den hellen Sonnenstrahlen Deiner Einheit. Wirf diesen dürstenden Fisch in das Meer Deiner Barmherzigkeit, führe diese verlorene Karawane unter das Obdach Deiner Einzigkeit. Zum Brunnquell der Führung leite Du die verirrten Wanderer und gewähre denen, die den Pfad verfehlten, Zuflucht in der Freistatt Deiner Macht. Setze an diese ausgedörrten Lippen die reichen, sanftfließenden Wasser des Himmels, erwecke diese Toten zu ewigem Leben. Gib den Blinden sehende Augen. Lasse die Tauben hören, die Stummen sprechen. Entflamme die Entmutigten, mache die Unbekümmerten achtsam, warne die Hochmütigen, erwecke die Schläfer.

2:11Du bist der Mächtige, Du bist der Schenkende, Du bist der Liebende. Wahrlich, Du bist der Wohltätige, der Erhabenste.

2:12O ihr Geliebten Gottes, ihr Helfer dieses dahinschwindenden Dieners! Als die Sonne der Wirklichkeit ihre unendlichen Gaben vom Aufgangsort aller Sehnsucht ausströmte, als dieses heilige Licht die Welt des Seins von Pol zu Pol erleuchtete, da warf diese Sonne ihre Strahlen mit solcher Kraft hernieder, dass sie das schauerliche Dunkel für alle Zeit tilgte. So wurde unsere Welt des Staubes zum Neid der himmlischen Sphären; dieser niedrige Ort nahm die Pracht und den Schmuck des überirdischen Reiches an. Der Heiligkeit sanfte Lüfte wehten darüber hin und verbreiteten süßen Duft. Die himmlischen Frühlingswinde umfächelten sie. Aus dem Quell aller Segensgaben strömten befruchtende Brisen und brachten grenzenlose Gnade. Dann brach der strahlende Morgen an, und mit ihm kam die Botschaft großer Freude. Die göttliche Frühlingszeit errichtete ihre Zelte in dieser bedingten Welt, so dass alle Schöpfung hüpfte und tanzte. Die welke Erde brachte unsterbliche Blüten hervor. Der tote Staub erwachte zu ewigem Leben. Der Erde entsprossen Blumen mystischer Gelehrsamkeit und frisches Grün voll der Erkenntnis Gottes. Die bedingte Welt offenbarte Gottes großmütige Gaben, die sichtbare Welt spiegelte die ganze Herrlichkeit der Reiche, die den Augen verborgen sind. Gottes Ruf ward verkündet, die Tafel des Ewigen Bündnisses bereitet; der Kelch des Testamentes ging von Hand zu Hand, die Ladung an alle war verkündet. Da ließen sich einige aus dem Volk vom himmlischen Wein entflammen; andere hatten keinen Anteil an diesem größten Geschenk. Sicht und Einsicht einiger wurden erleuchtet vom Licht der Gnade; manche hörten die Hymnen der Einheit und hüpften vor Freude. Vögel stimmten in den Gärten der Heiligkeit ihr Jubellied an, und Nachtigallen sangen in den himmlischen Rosenzweigen ihre wehmütigen Lieder. Sowohl das Reich der Höhe als auch die Erde hienieden waren aufs Schönste geschmückt, und der hohe Himmel beneidete diese Welt. Aber ach, noch immer verharren die Achtlosen unbekümmert in festem Schlaf, und die Narren weisen diesen heiligsten Segen von sich. Die Blinden bleiben in ihre Schleier gehüllt, die Tauben haben keinen Anteil an dem, was vorgegangen ist. Die Toten sind ohne Hoffnung, etwas davon zu erlangen, wie Er sagt: »Sie verzweifeln an dem zukünftigen Leben ebenso, wie die Ungläubigen an der Auferstehung derer verzweifeln, die in den Gräbern liegen.«

2:13Zu euch, o ihr Geliebten Gottes! Löst eure Zunge und bringt Ihm Dank dar, preist und verherrlicht die Schönheit des Angebeteten; denn ihr habt aus diesem reinsten Kelch getrunken, ihr seid begeistert und entflammt von diesem Wein. Ihr habt den süßen Duft der Heiligkeit entdeckt, ihr atmet den Moschus der Treue aus Josefs Gewand. Ihr nährt euch vom Honigtau der Ergebenheit aus der Hand des Einziggeliebten, ihr labt euch an unsterblicher Speise von der üppigen Festtafel des Herrn. Dieser Überfluss ist eine besondere Gunst, die ein liebender Gott euch schenkt; das sind Segnungen und seltene Gaben, die aus Seiner Gnade kommen. Im Evangelium sagt Er: »Denn viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt.« Das bedeutet: Vielen wurde es angetragen, aber nur wenige Seelen sind erwählt, die große Gabe der Führung zu empfangen. »So ist Gottes Großmut: Wem Er geben will, dem gibt Er, und Gott ist von unermesslicher Großmut.«

2:14O ihr Geliebten Gottes! Von den Völkern der Welt stürmen die Winde der Uneinigkeit gegen die Kerze des Bündnisses. Raben des Hasses gleich, setzen Abtrünnige der Nachtigall der Treue zu. Hart bedrängen geistlose Nachtvögel die Taube des Gottesgedenkens, und beutegierige Bestien hetzen die Gazelle, die in den Auen der Gottesliebe wohnt. Tödlich ist die Gefahr, qualvoll der Schmerz.

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