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‘Abdu’l-Bahá

Sendschreiben an Forel

Der Brief an August Forel

-Dem geschätzten und verehrten Herrn Professor Dr. Forel – auf ihm sei die Herrlichkeit Gottes, des Allherrlichen!

Er ist Gott!

1:1O verehrter Wahrheitssucher! Ihr Brief vom 28. Juli 1921 kam an. Sein Inhalt brachte große Freude und bewies, dass Sie – Preis sei Gott! – noch jung sind und nach der Wahrheit suchen, dass Ihre Denkkraft stark und Ihre geistigen Entdeckungen offenkundig sind.

1:2Von dem Brief, den ich an Dr. F. geschrieben hatte, sind viele Abschriften verbreitet worden; jeder weiß, dass er im Jahre 1910 offenbart worden ist. Außer diesem Brief wurden vor dem Kriege viele weitere gleichen Inhalts verfasst, und in der Zeitschrift der Universität von San Franzisco ist auf diese Fragen hingewiesen worden. Das Datum jener Zeitschrift ist zweifellos bekannt, ebenso auch das hohe Lob weitsichtiger Philosophen über einen Vortrag, der in der erwähnten Universität beredsam gehalten wurde; ein Exemplar jener Zeitschrift liegt diesem Briefe bei. Ihre Werke sind zweifellos sehr segensreich; senden Sie uns von jedem ein Exemplar, soweit sie veröffentlicht sind.

1:3Mit den Materialisten, von deren Ansicht über das Göttliche die Rede war, sind nicht die Philosophen im allgemeinen, sondern jene Gruppe engstirniger Materialisten gemeint, die das sinnlich Wahrnehmbare verehren, die sich nur auf die fünf Sinne verlassen und deren Erkenntnismaßstab auf das begrenzt ist, was durch die Sinne wahrnehmbar ist. Alles sinnlich Wahrnehmbare ist ihnen wirklich, während sie alles, was nicht der Macht der Sinne unterliegt, entweder für unwirklich oder für zweifelhaft erachten. Dass es eine Gottheit gibt, halten sie für völlig zweifelhaft.

1:4Wie Sie schreiben, sind also nicht die Philosophen im Allgemeinen angesprochen, sondern die engstirnigen Materialisten. Die an Gott glaubenden Philosophen wie Sokrates, Plato und Aristoteles sind in der Tat verehrungswürdig und verdienen höchstes Lob; denn sie haben der Menschheit hervorragende Dienste erwiesen. Desgleichen schätzen wir die feingebildeten, bescheidenen materialistischen Philosophen, die (der Menschheit) Dienste getan haben.

1:5Wir betrachten Wissen und Weisheit als Grundlagen des Fortschritts der Menschheit und verehren Philosophen von breitem Gesichtsfeld. Lesen Sie die Zeitschrift der Universität von San Franzisco genau durch, damit Ihnen die Wahrheit offenbar werde.

1:6Was die Geisteskräfte angeht, so gehören sie wahrscheinlich zu den angeborenen Eigenschaften der Menschenseele, wie die Leuchtkraft eine Grundeigenschaft der Sonne ist. Die Sonnenstrahlen erneuern sich, aber die Sonne selbst ist beständig und unveränderlich. Bedenken Sie, wie der menschliche Verstand sich entwickelt, wieder nachlässt und manchmal völlig schwindet, während die Seele sich nicht verändert. Damit sich der Verstand offenbare, muss der menschliche Körper heil sein. Ein gesunder Verstand kann nur in einem gesunden Körper wohnen, aber die Seele ist nicht vom Körper abhängig. Durch die Macht der Seele hat der Verstand Begriffs- und Vorstellungsvermögen, durch sie übt er seinen Einfluss aus; aber die Seele ist eine freie Macht. Der Verstand begreift das Abstrakte mit Hilfe des Konkreten, aber die Seele hat unbegrenzte, eigenständige Offenbarungen. Der Verstand ist umgrenzt, die Seele unbegrenzt. Mittels der Sinne – Gesicht, Gehör, Geschmack, Geruch, Gefühl – begreift der Verstand, aber die Seele ist frei von allen Werkzeugen. Wie Sie beobachten, ist die Seele immer in Bewegung und Tätigkeit, ob wir schlafen oder wachen. Es mag sein, dass sie im Traum ein schwieriges Problem löst, das sie im wachen Zustand nicht lösen kann. Überdies kann der Verstand nichts begreifen, wenn die Sinne zu arbeiten aufhören. Im Embryonalzustand und in der frühen Kindheit ist die Verstandesmacht noch gar nicht da, indes die Seele immer mit voller Kraft ausgestattet ist. Kurz, es gibt viele Beweise, dass die Macht der Seele fortbesteht, auch wenn der Verstand verloren geht. Der Geist jedoch hat verschiedene Grade und Stufen.

1:7Was das Vorhandensein des Geistes im Mineral anbelangt, so ist es sicher, dass das Mineral, den Erfordernissen seiner Stufe entsprechend, mit Geist und Leben ausgestattet ist. Auch dieses verborgene Geheimnis ist den Materialisten bekannt geworden. Jetzt behaupten sie, alle Dinge hätten Leben, wie Er im Qur’án spricht: »Alle Dinge sind belebt«.

1:8Im Pflanzenreich kommt die Kraft des Wachstums hinzu, und diese Kraft ist der Geist. In der Tierwelt gibt es die Fähigkeit der Empfindung; im Reiche des Menschen ist jedoch eine allumfassende Macht vorhanden. Auf allen vorangehenden Stufen fehlt die Macht des Verstandes, aber die Seele ist da und offenbart sich. Die Fähigkeit der Empfindung begreift die Seele nicht, aber die Macht des Verstandes beweist ihr Vorhandensein.

1:9Ebenso beweist der Verstand das Vorhandensein einer unsichtbaren Wirklichkeit, die alle Lebewesen umfasst, auf allen Stufen da ist und sich offenbart. Ihr Wesen aber liegt über dem Begriffsvermögen des Verstandes. Auch das Mineralreich kann ja das Wesen und die Vollkommenheiten der Pflanzenwelt nicht verstehen; die Pflanzenwelt begreift nicht das Wesen der Tierwelt, und das Tierreich kann die wesenhafte Wirklichkeit des Menschen, die alle Dinge entdeckt und umfasst, nicht verstehen.

1:10Das Tier ist der Gefangene der Natur, es kann die natürlichen Regeln und Gesetze nicht überschreiten. Im Menschen jedoch ist eine Forscherkraft, die über die natürliche Welt hinausreicht, deren Gesetze beherrscht und beeinflusst. Zum Beispiel sind alle Minerale, Pflanzen und Tiere Gefangene der Natur. Selbst die Sonne mir all ihrer Pracht ist der Natur derart untertan, dass sie keinen eigenen Willen hat und nicht um Haaresbreite von den Naturgesetzen abweichen kann. Ebenso wenig können andere Wesen, ob sie nun dem Mineral-, dem Pflanzen- oder dem Tierreich angehören, von den Naturgesetzen abgehen; sie sind vielmehr allesamt Sklaven der Natur. Der Mensch dagegen, wenn auch körperlich ein Gefangener der Natur, ist in seinem Verstand und seiner Seele frei und herrscht über die Natur.

1:11Bedenken Sie: Nach dem Gesetz der Natur lebt und bewegt sich der Mensch auf der Erde; aber seine Seele und sein Verstand greifen in die Naturgesetze ein, und wie ein Vogel fliegt er durch die Luft. Mit großer Geschwindigkeit fährt er über das Meer, und wie ein Fisch taucht er in die Tiefe und treibt dort seine Forschungen. Das ist fürwahr ein großer Sieg über die Naturgesetze.

1:12Ebenso steht es mit der Elektrizität. Diese unbändige Kraft, die Berge spaltet, bannt der Mensch in eine Glühlampe – ein offenbarer Eingriff in die Naturgesetze. Auch entdeckt der Mensch die verborgenen Geheimnisse der Natur, die nach den Naturgesetzen geheim bleiben sollen; aus dem Bereich des Unsichtbaren bringt er sie auf die Ebene des Sichtbaren – wiederum ein Eingriff in die Naturgesetze. Der Mensch dringt in die tiefsten Eigenheiten der Dinge, die zu den Geheimnissen der Natur gehören. Längst vergangene und vergessene Ereignisse bringt er ans Licht und schließt durch seine Kraft der Induktion auf künftige Geschehnisse, die noch unbekannt sein müssten. Nachrichtenaustausch und Wahrnehmung sind nach den Naturgesetzen auf kurze Entfernungen begrenzt; dennoch verbindet der Mensch den Osten und den Westen dank jener inneren Kraft, die die Wirklichkeiten aller Dinge entdeckt. Auch das ist ein Eingriff in die Naturgesetze. Alle Schatten sind nach dem Naturgesetz flüchtig; der Mensch jedoch bannt sie auf eine Platte – ein weiterer Eingriff in ein Naturgesetz. Überdenken Sie wohl: Alle Wissenschaften, Künste, Handfertigkeiten, Erfindungen und Entdeckungen waren Geheimnisse der Natur und müssten nach den Naturgesetzen verborgen bleiben; aber der Mensch greift durch seine Entdeckerkraft in die Naturgesetze ein und bringt jene verborgenen Geheimnisse aus dem Bereich des Unsichtbaren auf die Ebene des Sichtbaren. Dies sind alles Eingriffe in die Naturgesetze.

1:13Kurz, jene dem Menschen innewohnende, unsichtbare Geisteskraft reißt der Natur das Schwert aus der Hand und versetzt ihr einen schweren Schlag. Alle anderen Wesen, wie groß sie auch seien, sind dieser Vollkommenheiten beraubt. Der Mensch besitzt die Kräfte des Willens und des Verstehens, aber die Natur besitzt sie nicht. Die Natur ist gebunden, der Mensch frei. Die Natur ist ohne Verstand, der Mensch jedoch versteht. Die Natur weiß nichts von der Vergangenheit, der Mensch aber weiß um sie. Die Natur sieht die Zukunft nicht voraus, der Mensch aber erkennt dank seinem Unterscheidungsvermögen, was kommen wird. Die Natur ist ihrer selbst nicht bewusst; der Mensch aber weiß um alle Dinge.

1:14Wenn jemand annimmt, der Mensch sei nur ein Teil der natürlichen Welt, die Vollkommenheiten, die er besitzt, seien nur Erscheinungen der Natur und die Natur sei die Urheberin dieser Vollkommenheiten, deren sie folglich nicht ermangele, so antworten wir: Der Teil hängt vom Ganzen ab; er kann unmöglich Vollkommenheiten besitzen, die das Ganze nicht hat.

1:15Unter ›Natur‹ sind die besonderen Eigenheiten und die zwangsläufigen Beziehungen zu verstehen, die aus den Wirklichkeiten der Dinge herrühren. Diese Wirklichkeiten der Dinge sind eng miteinander verknüpft, obwohl sie höchst mannigfaltig sind. Für diese mannigfaltigen Wirklichkeiten ist eine alles vereinigende Wirkkraft vonnöten, die sie miteinander verbindet. Zum Beispiel sind die Organe und Glieder, Teile und Elemente, die den menschlichen Körper bilden, äußerst verschieden, aber eine alles vereinigende Wirkkraft, die wir die menschliche Seele nennen, verbindet sie untereinander, lässt sie in vollkommener Harmonie und Regelmäßigkeit zusammenwirken und ermöglicht so den Fortbestand des Lebens. Der menschliche Körper ist sich dieser alles vereinenden Wirkkraft völlig unbewusst, und doch hält er sich an ihre Ordnung und arbeitet nach ihrem Willen.

1:16Es gibt zweierlei Schulen von Philosophen. Sokrates der Weise glaubte an die Einheit Gottes und an das Leben der Seele nach dem Tode. Da seine Überzeugung den Ansichten seiner kurzsichtigen Zeitgenossen widersprach, vergiftete man diesen göttlichen Weisen. Alle göttlichen Philosophen, alle Menschen von Weisheit und Einsicht erkennen, wenn sie die unendliche Vielzahl der Lebewesen bedachten, dass in diesem großen, unermesslichen Weltall alle Dinge im Mineralreich ihr Ende finden, dass aber das Ergebnis des Mineralreiches das Pflanzenreich, das Ergebnis des Pflanzenreiches das Tierreich, das Ergebnis des Tierreiches die Welt des Menschen ist. Die Vollendung dieses grenzenlosen Weltalls in seiner ganzen Größe und Herrlichkeit ist der Mensch, der sich in dieser Welt eine Zeitlang müht und von verschiedensten Leiden und Schmerzen quälen lässt; dann zerfällt er, ohne Spuren und Früchte zu hinterlassen. Wäre dem so, würde dieses unendliche Weltall zweifellos mit all seinen Vollkommenheiten zu nichts anderem führen als zu Wahn und Trug, ohne Ergebnis, ohne Frucht, ohne Beständigkeit, ohne Wirkung. Es wäre völlig sinnlos. Sie (die Philosophen) gewannen hieraus die Überzeugung, dass dem nicht so ist: Diese große Werkstatt mit all ihrer Macht, ihrer verwirrenden Großartigkeit und ihren unendlichen Vollkommenheiten kann nicht einfach in ein Nichts versinken. Somit ist sicher, dass es noch ein anderes Leben gibt, und wie das Pflanzenreich das Menschenreich nicht erahnen kann, so wissen auch wir nicht um das hehre Leben, das dem menschlichen Dasein hienieden folgt. Unser Nichtwissen um jenes Leben ist jedoch kein Beweis für sein Nichtsein. Auch das Mineralreich weiß zum Beispiel nichts von der Menschenwelt und kann sie nicht begreifen; aber Unkenntnis ist niemals ein Beweis für Nichtsein. Es gibt zahlreiche schlüssige Beweise dafür, dass diese unendliche Welt mit dem Menschenleben nicht aufhören kann.

1:17Nun zum Wesen der Gottheit: In Wahrheit ist sie keineswegs durch irgendetwas anderes als sich selbst bestimmt, und es ist unmöglich, sie zu begreifen; denn alles, was der Mensch sich vorstellen kann, ist eine begrenzte, keine unbegrenzte, eine umfasste, keine umfassende Wirklichkeit – eine Wirklichkeit, die vom Menschen begriffen werden kann und von ihm beherrscht wird. Ebenso ist gewiss, dass alle menschlichen Vorstellungen kontingent, nicht absolut sind; sie haben ein gedankliches, kein materielles Sein. Auch sind die Stufenunterschiede in dieser bedingten Welt ein Hindernis für das Verstehen. Wie also kann das Kontingente sich die Wirklichkeit des Absoluten vorstellen? Es ist, wie wir sagten: Die Unterscheidung von Stufen in der bedingten Welt ist ein Hindernis für das Verstehen. Mineralien, Pflanzen und Tiere entbehren der Verstandeskräfte, mit denen der Mensch die Wirklichkeiten aller Dinge entdeckt; nur der Mensch begreift die Stufen unter ihm. Jede höhere Stufe begreift die niedrigere und entdeckt deren Wirklichkeit, aber die niedrigere weiß nichts von der höheren und kann sie nicht begreifen, doch durch die Macht seiner Vernunft, durch Beobachtung, durch seine Einfühlungsgabe und durch die offenbarende Macht seines Glaubens kann er Gott anerkennen und Gottes Gnadengaben entdecken. Er wird gewiss, dass überzeugende (geistige) Beweise das Sein jener unsichtbaren Wirklichkeit bestätigen, auch wenn das Wesen Gottes dem Auge verborgen ist und Gottes Sein nicht fassbar ist. Das Wesen Gottes, wie es in sich selbst besteht, ist jedoch über jede Beschreibung erhaben. So ist auch das Wesen des Äthers unbekannt; dass es ihn aber gibt, wird aus seinen Wirkungen deutlich: Wärme, Licht und Elektrizität sind seine Schwingungen. Durch diese Schwingungen wird das Dasein des Äthers bewiesen. Und wenn wir die Ausgießungen der göttlichen Gnade beobachten, werden wir des göttlichen Seins gewiss. Zum Beispiel beobachten wir, dass das Sein der Lebewesen von der Verbindung verschiedener Elemente abhängt, ihr Nichtsein hinwieder von der Auflösung dieser Bestandteile; denn Auflösung verursacht die Trennung der verschiedenen Elemente. Wenn wir so sehen, dass die Verbindung der Elemente Lebewesen ins Sein ruft, und wissen, dass die Lebewesen – also die Wirkung – unendlich sind, wie kann da die Ursache endlich sein?

1:18Nun gehen alle Gestaltungen auf dreierlei Art vor sich – eine vierte gibt es nicht: zufällig, zwangsläufig und gewollt. Das Zusammenkommen der verschiedenen Bestandteile der Lebewesen kann nicht zufällig sein; denn jede Wirkung setzt eine Ursache voraus. Sie kann nicht zwangsläufig sein; denn dann müsste die Gestaltung eine wesenhafte Eigenschaft der Bestandteile sein. Wesenhafte Eigenschaften einer Sache lassen sich aber nicht von ihr trennen. Das Licht etwa, das die Dinge offenbart, die Wärme, die die Teile sich ausdehnen lässt, und die Strahlen sind wesenhafte Eigenschaften der Sonne. Unter solchen Bedingungen könnte sich keine Gestaltung auflösen, da die wesenhaften Eigenschaften einer Sache nicht von ihr zu trennen sind. Es bleibt die dritte Gestaltung, die gewollte: Eine unsichtbare Kraft, die als die Altehrwürdige Macht beschrieben wird, veranlasst diese Bestandteile zusammenzukommen, wobei jede Gestaltung ein besonderes Lebewesen entstehen lässt.

1:19Die Eigenschaften und Vollkommenheiten, die wir jener göttlichen Wirklichkeit zuschreiben – Wille, Wissen, Macht und andere altehrwürdige Eigenschaften –, sind Zeichen, die das Sein der Lebewesen im Bereich des Sichtbaren widerspiegeln, nicht aber die absoluten Vollkommenheiten des göttlichen Wesens, die nicht begriffen werden können. Wenn wir zum Beispiel die erschaffenen Dinge betrachten, nehmen wir unendliche Vollkommenheiten wahr, und weil die erschaffenen Dinge von höchster Ordnung und Vollendung sind, folgern wir, dass jene Altehrwürdige Macht, von der das Sein dieser Lebewesen abhängt, nicht unwissend sein kann; wir sagen deshalb, sie sei allwissend. Es steht fest, dass sie nicht schwach sein kann; sie muss allmächtig sein. Sie ist nicht arm; sie muss allbesitzend sein. Sie ist keinesfalls nichtseiend; sie muss also ewiglebend sein. Damit soll gezeigt werden, dass die Eigenschaften und Vollkommenheiten, die wir jener umfassenden Wirklichkeit zuschreiben, lediglich Unvollkommenheiten an ihr bestreiten, nicht aber diejenigen Vollkommenheiten, die der Menschengeist sich vorstellen kann, an ihr nachweisen sollen. Folglich sagen wir, dass ihre Eigenschaften unerforschlich sind.

1:20Kurz, jene umfassende Wirklichkeit mit all den Merkmalen und Eigenschaften, die wir ihr zuschreiben, ist heilig und erhaben über allen menschlichen Geist und alles Verständnis. Aber wenn wir mit offenem Bewusstsein über dieses unendliche Weltall nachdenken, stellen wir fest, dass es ohne bewegende Kraft keine Bewegung, ohne Ursache keine Wirkung geben kann, dass jedes Lebewesen unter zahlreichen Einwirkungen entstanden ist und fortgesetzt Rückwirkungen durchmacht. Diese Einwirkungen geschehen als Auswirkungen wieder anderer Einwirkungen. Die Pflanzen zum Beispiel wachsen und blühen durch die Ströme der Frühlingsschauer, die Wolke entsteht durch verschiedene andere Kräfte; diese anderen Kräfte sind Rückwirkungen auf wieder andere Kräfte. Pflanzen und Tiere wachsen und gedeihen unter der Einwirkung dessen, was die Gelehrten unserer Tage als Wasserstoff und Sauerstoff bezeichnen; sie sind Rückwirkungen dieser beiden Elemente. Diese ihrerseits werden unter anderen Einwirkungen gestaltet. Das gleiche kann von anderen Lebewesen gesagt werden, ob sie nun auf wieder andere Lebewesen einwirken oder selbst unter deren Einwirkung stehen. Dieser Prozess der Verursachung setzt sich fort; aber die Behauptung, er habe kein Ende, ist offenkundig absurd. So muss die Ursachenkette zwangsläufig am Ende zu Ihm führen, der der Ewiglebende, der Allmächtige, der Selbstbestehende und die letzte Ursache ist. Diese Allumfassende Wirklichkeit kann nicht sinnlich wahrgenommen werden. Das muss zwangsläufig so sein; denn sie ist allumfassend und nicht begrenzt, und Eigenschaften kennzeichnen die Wirkung, nicht die Ursache.

1:21Wenn wir weiter nachdenken, stellen wir fest, dass der Mensch wie eine winzige Mikrobe in einer Frucht ist. Diese Frucht hat sich aus der Blüte entwickelt, die Blüte ist aus dem Baum gewachsen, der Baum ernährt sich aus dem Pflanzensaft, und der Pflanzensaft ist aus Erde und Wasser gebildet. Wie kann nun diese kleine Mikrobe das Wesen des Gartens begreifen, sich den Gärtner vorstellen und dessen Sein verstehen? Dies ist offenbar unmöglich. Aber wenn jene Mikrobe Verstand hätte und nachdenken könnte, würde ihr klar, dass der Garten und der Baum, die Blüte und die Frucht niemals von selbst in solcher Ordnung und Vollkommenheit entstehen konnten. Auf gleiche Art erkennt die weise, nachdenkliche Seele mit Gewissheit, dass dieses unendliche All in seiner ganzen Herrlichkeit und Ordnung nicht von selbst entstanden sein kann.

1:22Auch in der Welt des Seins gibt es unsichtbare Kräfte wie die vorerwähnte Kraft des Äthers, die nicht sichtbar, nicht sinnlich wahrnehmbar ist. Doch durch die Wirkungen, die der Äther hervorruft, durch seine Wellen und Schwingungen, erscheinen Licht, Wärme und Elektrizität und werden offenbar. Das gleiche gilt für die Kräfte des Wachstums, der Empfindung, des Verstehens, des Denkens, des Erinnerns, der Vorstellung und der Unterscheidung. Alle diese inneren Fähigkeiten sind weder sichtbar noch wahrnehmbar; dennoch werden sie offenkundig durch die Wirkungen, die sie hervorbringen.

1:23Was nun die Macht betrifft, die keine Grenzen kennt, so ist Begrenzung der Beweis für das Vorhandensein des Unbegrenzten; denn das Begrenzte wird durch das Unbegrenzte erkannt, so wie die Schwäche der Beweis dafür ist, dass es Kraft gibt. Ohne Wohlstand gäbe es keine Armut, ohne Wissen keine Unwissenheit, ohne Licht keine Finsternis. Die Finsternis ist ein Beweis für das Vorhandensein des Lichtes, denn Finsternis bedeutet Fehlen von Licht.

1:24Was die Natur angeht, so besteht sie nur aus den wesentlichen Eigenheiten und den zwangsläufigen Beziehungen, die den Wirklichkeiten der Dinge innewohnen. Obwohl diese unendlichen Wirklichkeiten wesensverschieden sind, stehen sie doch in innigster Eintracht und enger Verbindung zueinander. In dem Maße, wie der Mensch seinen Blick weitet und scharf beobachtet, wird er gewahr, dass jede Wirklichkeit nichts als eine wesentliche Voraussetzung anderer Wirklichkeiten ist. Um all diese verschiedenen, unendlichen Wirklichkeiten zu verbinden und in Einklang zu bringen, ist eine alles vereinende Macht vonnöten, die bewirkt, dass jeder Teil des Seins in vollendeter Ordnung seine Aufgabe erfüllt. Betrachten Sie etwa den menschlichen Körper und nehmen Sie an ihm den Teil als Modell für das Ganze. Sehen Sie, wie die verschiedenen Teile und Glieder dieses Körpers eng und einträchtig miteinander verbunden sind. Jeder Teil ist eine wesenhafte Voraussetzung aller anderen Teile, und jeder hat seine besondere Aufgabe. Doch die Seele, die alles vereinende Kraft, verbindet alle Bestandteile so miteinander, dass sie ihre besonderen Aufgaben in vollendeter Ordnung erfüllen; Zusammenarbeit und Rückwirkungen werden auf diese Weise möglich. Alle Teile arbeiten nach gewissen Gesetzen, die lebensnotwendig sind. Wird jene alles vereinende Kraft, die alle Teile steuert, auf irgendeine Weise gestört, dann hören die Bestandteile zweifellos auf, ordnungsgemäß zu arbeiten. Und obwohl die alles vereinende Kraft im menschlichen Tempel weder sichtbar noch wahrnehmbar ist, obwohl sie ihrem Wesen nach unbekannt ist, offenbart sie sich doch mit ganzer Macht durch ihre Wirkungen.

1:25Damit ist bewiesen und dargelegt, dass die unendlich vielen Lebewesen in diesem wundersamen Weltall nur dann ihre Aufgaben richtig erfüllen, wenn sie von jener Allumfassenden Wirklichkeit so gesteuert und überwacht werden, dass Ordnung in der Welt errichtet ist. Zum Beispiel sind Wechselwirkung und Zusammenarbeit zwischen den Bestandteilen des menschlichen Körpers offenkundig und unbestreitbar; das aber ist nicht genug. Eine alles vereinende Kraft ist notwendig, die die Bestandteile steuert und überwacht, damit sie durch Wechselwirkung und Zusammenarbeit ihre notwendigen besonderen Aufgaben in vollkommener Ordnung erfüllen.

1:26Sie wissen genau – gepriesen sei der Herr –, dass Wechselwirkung und Zusammenarbeit zwischen allen Lebewesen, ob groß oder klein, offenkundig und bewiesen sind. Im Falle großer Körper ist die Wechselwirkung so offenbar wie die Sonne; bei kleinen Körpern mag sie unerkannt bleiben, aber der Teil ist ein Zeichen für das Ganze. Alle diese Wechselwirkungen sind folglich mit jener alles umfassenden Kraft verbunden; sie ist ihr Angelpunkt, ihre Mitte, ihr Ursprung und ihr Antrieb.

1:27Wie wir sahen, ist die Zusammenarbeit zwischen den Bestandteilen des menschlichen Körpers klar erwiesen; die Teile und Glieder leisten allen anderen Körperteilen ihre Dienste. Zum Beispiel helfen Hand, Fuß, Auge, Ohr, Verstand und Vorstellungskraft den verschiedenen Teilen und Gliedern des Körpers, aber alle diese Wechselwirkungen sind durch eine unsichtbare, alles umfassende Kraft verknüpft; sie bewirkt, dass diese Wechselwirkungen mit vollkommener Regelmäßigkeit hergestellt werden. Es handelt sich um die innere Fähigkeit des Menschen, das heißt, um seinen Geist und seine Seele, die beide unsichtbar sind.

1:28Beobachten Sie in der gleichen Weise Maschinen und Werkstätten; achten Sie auf die Wechselwirkung zwischen den verschiedenen Bestandteilen und Arbeitsgruppen, wie eng sie miteinander verbunden sind. Alle diese Beziehungen und Wechselwirkungen sind jedoch mit einer zentralen Macht verknüpft, die ihr Antrieb, ihr Angelpunkt und ihr Ursprung ist. Dies kann die Kraft des Dampfes sein oder das Geschick des unternehmerischen Geistes.

1:29Somit ist klar erwiesen, dass die Wechselwirkung, die Zusammenarbeit und die gegenseitigen Beziehungen zwischen den Lebewesen der Steuerung und dem Willen einer bewegenden Macht unterliegen; sie ist der Ursprung, der Antrieb und der Angelpunkt aller Wechselwirkungen des Weltalls.

1:30Jede Anordnung und Gestaltung, die nicht vollkommen in ihrer Ordnung ist, bezeichnen wir als zufällig; ist sie aber geordnet, regelmäßig und vollkommen in ihren Beziehungen, steht jeder Teil am richtigen Platz, bildet jeder Bestandteil eine wesentliche Voraussetzung für alle anderen, dann sprechen wir von einem Gebilde, das durch Willen und Wissen gestaltet wurde. Ohne jeden Zweifel sind diese unendlichen Lebewesen, ist die Vereinigung dieser verschiedenen Elemente zu unzähligen Formen von einer Wirklichkeit ausgegangen, die keineswegs ohne Willen und Verstand sein kann. Das ist für den menschlichen Geist klar erwiesen, und niemand kann es leugnen. Es bedeutet jedoch nicht, dass wir jene umfassende Wirklichkeit oder deren Eigenschaften begriffen. Weder ihr Wesen noch ihre wahren Eigenschaften sind von irgendjemandem erfasst worden ; aber wir halten daran fest, dass diese unendlichen Lebewesen, diese zwangsläufigen Beziehungen, diese vollkommene Anordnung notwendigerweise von einem Ursprung ausgehen, der des Willens und der Vernunft nicht ermangelt, und dass diese unendliche Gestaltung, die sich in unendlich viele Formen ergießt, von einer allumfassenden Weisheit verursacht worden sein muss. Dies kann nur bestreiten, wer halsstarrig und verstockt ist, wer klare, unmissverständliche Zeichen abweist und so zum Gegenstand des heiligen Verses wird: »Taub, stumm und blind sind sie – darum finden sie keine Umkehr«.

1:31Nun zu der Frage, ob die Fähigkeiten des Geistes und die Seele des Menschen ein und dasselbe sind: Die Geisteskräfte sind nur Eigenbesitz der Seele, so etwa Vorstellungskraft, Denkkraft, Verständnis – alles Kräfte, die wesentliche Voraussetzungen der menschlichen Wirklichkeit sind, so, wie der Sonnenstrahl Eigenbesitz der Sonne ist. Der Tempel (Körper) des Menschen ist wie ein Spiegel, seine Seele ist wie die Sonne, und seine Geisteskräfte sind wie die Strahlen, die von dieser Lichtquelle ausgehen. Der Strahl kann aufhören, auf den Spiegel zu fallen, aber er kann nicht von der Sonne getrennt werden.

1:32Kurz, der wesentliche Punkt ist der, dass die Welt des Menschen im Verhältnis zum Pflanzenreich übernatürlich ist – in Wirklichkeit ist sie dies selbstverständlich nicht. Auf die Pflanze bezogen, ist die Wirklichkeit des Menschen, sein Hör- und Sehvermögen, übernatürlich. Für die Pflanze ist es unmöglich, diese Wirklichkeit und das Wesen der menschlichen Geisteskraft zu erfassen. So ist es auch für den Menschen völlig unmöglich, das Wesen des Göttlichen und des Lebens nach dem Tode zu begreifen. Die Gnadengaben des Göttlichen ergießen sich jedoch auf alle Lebewesen, und der Mensch hat die Pflicht, in seinem Herzen über diese Ausgießungen der göttlichen Gnade, zu denen auch seine Seele gehört, nachzudenken – nicht aber über das Wesen der Gottheit. Hier liegt die Grenze menschlichen Begreifens. Wie bereits gesagt, sind die Eigenschaften und Vollkommenheiten, die wir vom Wesen der Gottheit berichten, dem Dasein und der Beobachtung der Lebewesen entnommen, und es ist keineswegs so, dass wir damit Gott in Seinem Wesen und in Seiner Vollkommenheit begriffen hätten. Wenn wir sagen, die göttliche Wirklichkeit sei vernünftig und frei, bedeutet dies nicht, dass wir den Willen und die Absicht Gottes entdeckt hätten, sondern dass wir durch die göttlichen Gnadengaben, die sich in den Wirklichkeiten der Dinge kundtun und offenbaren, Wissen um den Willen und die Absicht Gottes erworben haben.

1:33Zu unseren gesellschaftspolitischen Grundsätzen: Die Lehren Seiner Heiligkeit Bahá’u’lláhs, die schon vor 50 Jahren (um 1870) weit verbreitet wurden, umfassen alle anderen Lehren. Es ist klar erwiesen, dass die Menschheit ohne diese Lehren in keiner Weise fortschreiten und vorankommen kann. Jede Gemeinschaft auf der Welt findet in diesen göttlichen Lehren die Verwirklichung ihres höchsten Strebens. Sie sind wie ein Baum, der unter allen Bäumen die besten Früchte trägt. Die Philosophen zum Beispiel sehen in diesen himmlischen Lehren die vollkommene Lösung ihrer gesellschaftlichen Probleme und gleichzeitig eine wahre, vornehme Darlegung von Sachverhalten, die sich auf philosophische Fragen beziehen. Religiöse Menschen schauen die Wirklichkeit der Religion in diesen himmlischen Lehren deutlich offenbart; klar und schlüssig finden sie bewiesen, dass diese Lehren das wirkliche Heilmittel für die Leiden und Gebrechen der ganzen Menschheit sind. Wenn diese erhabenen Lehren Verbreitung finden, wird die Menschheit von allen Gefahren, von allen ihren chronischen Leiden und Krankheiten befreit. So verkörpern die Bahá’í-Grundsätze für das Wirtschaftsleben die höchsten Bestrebungen aller lohnabhängigen Klassen wie auch diejenigen der verschiedenen wirtschaftswissenschaftlichen Schulen.

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