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Bahá’u’lláh

Brief an den Sohn des Wolfes

Lawḥ-i-ibn-i-Dhi’b

Brief an den Sohn des Wolfes

1Im Namen Gottes, des Einen, des Unvergleichlichen, des Allmachtvollen, des Allwissenden, des Allweisen.

Preis sei Gott, dem Ewigen, der nie vergeht, dem Immerwährenden, der niemals schwach wird, dem Selbstbestehenden, der sich niemals wandelt. Er ist es, der alles in Seiner höchsten Herrschaft überragt, der sich durch Seine Zeichen kundgibt und sich durch Seine Geheimnisse verborgen hält. Er ist es, auf dessen Geheiß die Fahne des Erhabensten Wortes in der Welt der Schöpfung aufgerichtet und das Banner des »Er tut, was Er will« inmitten aller Völker aufgepflanzt wurde. Er ist es, der Seinen Glauben zur Führung Seiner Geschöpfe offenbarte und Seine Verse herniedersandte, um Seinen Beweis und Sein Zeugnis darzutun; Er schmückte das Vorwort im Buche des Menschen mit der Zier Seines Ausspruchs: »Der Gott der Barmherzigkeit hat den Qur’án gelehrt; Er hat den Menschen erschaffen und hat ihn die deutliche Sprache gelehrt.« Es ist kein Gott außer Ihm, dem Einen, dem Unvergleichlichen, dem Kraftvollen, dem Mächtigen, dem Wohltätigen.

2Das Licht, das sich aus dem Himmel der Gaben ergießt, und der Segen, der ausstrahlt vom Dämmerungsort des Willens Gottes, des Herrn im Reiche der Namen, seien auf Ihm, der der Höchste Mittler, die Erhabenste Feder ist, auf Ihm, den Gott zum Tagesanbruch Seiner vortrefflichsten Namen und Seiner herrlichsten Eigenschaften gemacht hat.

Durch Ihn erstrahlte das Licht der Einheit am Himmelskreis der Welt, durch Ihn wurde das Gesetz der Einigkeit unter den Völkern geoffenbart. Mit leuchtendem Antlitz haben sie sich dem Höchsten Horizonte zugewandt und angenommen, was die Zunge der Äußerung im Reiche Seiner Erkenntnis sprach: »Erde und Himmel, Ruhm und Herrschaft sind Gottes, des Allmächtigen, des Allmachtvollen, des Herrn überströmender Gnade.«

3Leihe dein Ohr, o du gefeierter Geistlicher, der Stimme dieses Unterdrückten. Wahrlich, Er rät dir um Gottes willen und ermahnt dich zu dem, was dich in allen Lebenslagen Ihm nahe kommen läßt. Er ist fürwahr der Allbesitzende, der Erhabene. Wisse, daß des Menschen Ohr geschaffen wurde, damit es auf die Göttliche Stimme höre an diesem Tage, der in allen Büchern, Schriften und Tablets erwähnt wurde. So reinige denn deine Seele mit den Wassern der Entsagung und schmücke dein Haupt mit der Krone der Gottesfurcht und deinen Tempel mit der Zier des Vertrauens in Ihn. Alsdann erhebe dich und sprich, dein Angesicht dem Größten Hause zugewandt, dem Orte, den auf Befehl des Ewigen Königs alle Erdenbewohner umkreisen müssen:

4»O Gott, mein Gott, mein Verlangen, mein Angebeteter, mein Meister, meine Stütze, meine höchste Hoffnung und meine tiefste Sehnsucht! Du siehst, wie ich mich Dir zuwende, wie ich mich fest an das Seil Deiner Güte halte, mich an den Saum Deiner Großmut klammere, die Heiligkeit Deines Selbstes und die Reinheit Deines Wesens bekenne und Deine Einzigkeit und Deine Einheit bekunde. Ich bezeuge, daß Du der Eine, der Einzige, der Unvergleichliche, der Unvergängliche bist. Du hast Dir in Deinem Reiche keinen Genossen beigesellt, noch hast Du Dir einen Gefährten auf Erden erkoren. Alle erschaffenen Dinge bezeugen, was Du mit der Zunge Deiner Größe schon vor ihrer Erschaffung bekundet hast. Wahrlich, Du bist Gott! Es gibt keinen Gott außer Dir! Seit Ewigkeit warst Du geheiligt über das Lob Deiner Diener und erhaben über die Beschreibung Deiner Geschöpfe. Du siehst, o Herr, wie der Unwissende das Meer Deiner Erkenntnis sucht, der Verdurstende das Lebenswasser Deines Wortes, der Gedemütigte das Zelt Deiner Herrlichkeit, der Arme den Schatz Deiner Reichtümer, der Bittende den Dämmerungsort Deiner Weisheit, der Schwache den Quell Deiner Stärke, der Elende den Himmel Deiner Gaben und der Stumme das Reich Deines Ausdrucks.

5Ich bezeuge, o mein Gott und mein König, daß Du mich erschaffen hast, Deiner zu gedenken, Dich zu verherrlichen und Deine Sache zu fördern. Dennoch habe ich Deinen Feinden geholfen, die Deinen Bund brachen, Dein Buch verwarfen, die nicht an Dich glaubten und Deine Zeichen leugneten. Wehe mir, wehe mir ob meines Eigensinns und meiner Schande, meiner Sündhaftigkeit und meines Unrechts, die mich davon abhielten, in das Meer Deiner Einheit zu tauchen und die See Deiner Gnade zu ergründen! Darum wehe mir, wehe mir, und nochmals wehe mir, wehe mir ob meiner Erbärmlichkeit und meiner schrecklichen Vergehen! Du riefst mich ins Leben, o mein Gott, damit ich Dein Wort erhöhe und Deine Sache verkünde. Meine Achtlosigkeit aber hat mich abgehalten und in solcher Weise irregeleitet, daß ich mich aufmachte, Deine Zeichen auszutilgen und das Blut Deiner Geliebten zu vergießen, die die Dämmerungsorte Deiner Zeichen sind, die Morgenröten Deiner Offenbarung und die Schatzkammern Deiner Geheimnisse.

6O Herr, mein Herr, und wiederum: O Herr, mein Herr, und noch einmal: O Herr, mein Herr! Ich bezeuge, daß die Früchte des Baumes Deiner Gerechtigkeit ob meiner Bosheit abfielen, daß die Herzen derer unter Deinen Geschöpfen, die sich Deiner Nähe erfreuen, verzehrt wurden und die Seelen der Aufrichtigen unter Deinen Dienern durch das Feuer meiner Widerspenstigkeit zerschmolzen. Nichtswürdiger Wicht, der ich bin! Welch grausame Verbrechen habe ich schamlos verübt! Wehe mir, wehe mir ob meines Fernseins von Dir, ob meines Eigensinns, meiner Dummheit, meiner Niedertracht, ob meiner Auflehnung und meines Widerstands gegen Dich! Wie viele Tage gab es, an denen Du Deinen Dienern und Deinen Geliebten gebotest, mich zu beschützen, während ich ihnen befahl, Dir und Deinen Vertrauten wehe zu tun! Und wie zahllos waren die Nächte, in denen Du gnädiglich meiner gedachtest und mir Deinen Pfad wiesest, während ich mich von Dir und Deinen Zeichen abwandte! Bei Deiner Herrlichkeit, o Du Hoffnung derer, die Deine Einheit anerkennen, und die Herzenssehnsucht jener, die sich von allem außer Dir lösten! Ich finde keinen Helfer außer Dir, keinen Herrscher, keine Zuflucht oder Freistatt als Dich! Aber ach, meine Abkehr von Dir hat den Schleier meiner Redlichkeit verbrannt, und meine Absage an Dich hat die Hülle zerrissen, die meine Ehre bedeckte. O wäre ich doch tief unter der Erde, daß meine Übeltaten vor Deinen Dienern verborgen blieben! Du siehst den Sünder, o mein Herr, der sich dem Dämmerungsort Deiner Vergebung und Deiner Gnade zuwendet, und erkennst den Berg von Schlechtigkeit, der den Himmel Deiner Barmherzigkeit und Deiner Vergebung sucht. Ach wehe mir! Meine großen Sünden haben mich gehindert, dem Hofe Deiner Gnade näherzukommen, und meine gräßlichen Untaten ließen mich weit vom Heiligtum Deiner Gegenwart abirren. Fürwahr, ich versäumte meine Pflichten vor Dir, ich brach Deinen Bund und Deinen Willen und verübte Taten, die die Bewohner der Städte Deiner Gerechtigkeit und die Dämmerungsorte Deiner Gnade in Deinem Reiche zum Weinen brachten. O mein Gott, ich bezeuge, daß ich Deine Gebote mißachtet und meinen Leidenschaften gefrönt, daß ich die Gesetze Deines Buches verworfen und mich an das Buch meiner eigenen Begierden gehalten habe. O Jammer über Jammer! Je größer meine Bosheit wurde, desto mehr nahm Deine Nachsicht mit mir zu, und je wilder das Feuer meiner Widerspenstigkeit wütete, desto stärker suchten Deine Vergebung und Deine Gnade die Flammen zu ersticken. Bei der Kraft Deiner Allmacht, o Du Verlangen der Welt und wahrer Geliebter aller Völker! Deine Langmut hat mich hoffärtig und Deine Geduld hat mich dreist gemacht! O mein Gott, Du siehst die Tränen, die ich ob meiner Schande weine, und hörst die Seufzer, die ich ob meiner Achtlosigkeit ausstoße. Ich schwöre bei Deiner erhabenen Größe! Keine Wohnstatt kann ich finden, es sei denn im Schatten des Hofes Deiner Gaben, und keine Zuflucht als unter dem Baldachin Deiner Gnade. Du siehst mich inmitten eines Meeres hoffnungsloser Verzweiflung, seitdem Du mich Deine Worte hören ließest: ›Verzweifle nicht!‹ Bei Deiner Kraft! Mein schweres Unrecht hat das Seil meiner Hoffnung zerrissen, und meine Auflehnung hat mein Gesicht vor dem Throne Deiner Gerechtigkeit in Schatten gehüllt. O mein Gott, Du siehst mich wie tot vor dem Tore Deiner Gunst niederfallen; ich schäme mich, um das Lebenswasser Deiner Vergebung aus der Hand Deiner Güte zu bitten. Du gabst mir eine Zunge, Deiner zu gedenken und Dich zu preisen; sie aber sprach, was die Seelen Deiner Erwählten, die Dir nahe sind, zerschmelzen ließ und die Herzen der aufrechten Bewohner in den Gemächern der Heiligkeit verzehrte. Du gabst mir Augen, Deine Zeichen zu erkennen, auf Deine Verse zu schauen und die Offenbarungen des Werkes Deiner Hände zu betrachten; ich aber verwarf Deinen Willen und tat, was die Gläubigen unter Deinen Geschöpfen und die Losgelösten unter Deinen Dienern seufzen ließ. Du gabst mir Ohren, damit ich auf Deinen Lobpreis lausche, auf Deine Verherrlichung und auf das, was Du vom Himmel Deiner Gaben und von den Höhen Deines Willens herniedersandtest. Doch wehe mir, wehe mir! Deiner Sache bin ich abtrünnig geworden, und Deinen Dienern habe ich befohlen, Deine Vertrauten und Deine Geliebten zu schmähen. Vor dem Throne Deiner Gerechtigkeit habe ich mich in solcher Weise vergangen, daß diejenigen unter den Bewohnern Deines Reiches, die Deine Einheit erkannt haben und Dir ganz ergeben sind, schmerzlich klagten und trauerten. O mein Gott, ich weiß nicht, welche meiner Übeltaten ich vor der wogenden See Deiner Gunst erwähnen soll und welche meiner Sünden ich bekennen soll, wenn ich den strahlenden Sonnen Deiner herrlichen Gnadengaben gegenübertrete.

7Nun flehe ich zu Dir bei den Geheimnissen Deines Buches, bei den Dingen, die in Deiner Erkenntnis verborgen liegen, und bei den Perlen, die in den Muscheln des Weltmeers Deiner Gnade ruhen, zähle mich zu denen, die Du in Deinem Buch erwähntest und in Deinen Tablets beschriebst! O mein Gott, hast Du mir nach dieser Trübsal noch eine Freude bestimmt, oder eine Hilfe nach diesem Jammer, eine Erleichterung nach dieser Not? O wehe, wehe mir! Du hast verfügt, daß jede Kanzel Deiner Verkündigung, der Verherrlichung Deines Wortes und der Offenbarung Deiner Sache geweiht sei; ich aber habe sie bestiegen, um den Bruch Deines Bündnisses zu predigen, und habe zu Deinen Dienern Worte gesprochen, die die Bewohner der Zelte Deiner Erhabenheit und die Bürger der Städte Deines Wissens zum Weinen brachten. Wie oft hast Du aus dem Himmel Deiner Gaben die Speise Deiner Worte herniedergesandt, und ich verschmähte sie! Wie oft hast Du mich zu den stillen Wassern Deiner Gnade gerufen, und ich habe mich abgewandt, weil ich meinen eigenen Lüsten und Begierden folgte! Bei Deiner Herrlichkeit! Ich weiß nicht, für welche meiner Sünden ich Dich um Verzeihung bitten und um Vergebung anflehen soll. Ich weiß nicht, ob welcher meiner Untaten ich mich an den Hof Deiner Großmut, zum Heiligtum Deiner Gunst wenden soll. So groß sind meine Sünden und Vergehen, daß kein Mensch sie zählen und keine Feder sie schildern kann. Ich flehe Dich an, o Du, der Du Finsternis in Licht verwandelst, der Du Deine Geheimnisse auf dem Sinai Deiner Offenbarung enthüllst! Stehe mir allezeit bei, daß ich mein Vertrauen auf Dich setze und mein Tun und Lassen Deiner Führung anbefehle. Sodann, o mein Gott, laß mich zufrieden sein mit dem, was der Finger Deines Rats gewiesen und die Feder Deines Gebots niedergeschrieben hat. Mächtig bist Du zu tun, was Dir gefällt, und Deine Hand lenkt alles im Himmel und auf Erden. Es gibt keinen Gott außer Dir, dem Allwissenden, dem Allweisen.«

8O Shaykh! Sei gewiß, daß weder die Verleumdungen der Menschen noch ihre Ablehnung und ihre Spitzfindigkeiten den anfechten können, der sich am Seil der Gunst des Herrn aller Schöpfung und am Saume Seiner Gnade festhält. Bei Gott! Er, die Herrlichkeit Gottes (Bahá), spricht nicht aus eigenem Antrieb. Wer Ihm die Stimme verlieh, ist Er, welcher allen Dingen Stimme gab, auf daß sie Ihn preisen und verherrlichen. Es gibt keinen anderen Gott als Ihn, den Einen, den Unvergleichlichen, den Herrn der Kraft, den Unbedingten.

9Die, deren Auge klar, deren Ohr offen, deren Herz erleuchtet und deren Brust geweitet ist, erkennen, was wahr und was falsch ist, und unterscheiden das eine vom andern. Sprich das folgende Gebet, das von der Zunge dieses Unterdrückten floß, und denke darüber nach mit einem Herzen, das frei von aller Bindung ist, und mit reinen und geweihten Ohren gib acht auf seine Bedeutung, auf daß du vielleicht den Hauch der Loslösung atmest und Erbarmen mit dir und anderen empfindest:

10»Mein Gott, Du mein Angebeteter, Du Ziel meiner Sehnsucht, Du Allgütiger, Allbarmherziger! Alles Leben kommt von Dir, und alle Kraft liegt in der Hand Deiner Allmacht. Wen immer Du erhöhst, der ist über die Engel erhöht und erlangt die Stufe des ›Wahrlich, Wir hoben ihn auf eine hohe Stufe empor‹, und wen immer Du erniedrigst, der wird gemeiner als der Staub, nein, weniger als ein Nichts. O Göttliche Vorsehung! Böse, sündig und haltlos wie wir sind, suchen wir dennoch bei Dir den ›Sitz der Wahrheit‹ und sehnen uns danach, das Antlitz des Allmächtigen Königs zu schauen. Dein ist der Befehl, alle Herrschaft liegt bei Dir, und das Reich der Macht beugt sich auf Dein Geheiß. Alles, was Du tust, ist reine Gerechtigkeit, ist Gnade in ihrer wahren Gestalt. Ein Schimmer vom Strahlenglanz Deines Namens ›der Allbarmherzige‹ genügt, um jede Spur von Sündhaftigkeit aus der Welt zu bannen und zu tilgen, und ein einziger Hauch von den Lüften des Tages Deiner Offenbarung reicht aus, die ganze Menschheit mit einem neuen Gewand zu schmücken. O Du Allmächtiger! Verleihe Deinen schwachen Geschöpfen Deine Stärke, und belebe die, welche den Toten gleichen, auf daß sie Dich finden, zum Weltmeer Deiner Führung gelangen und standhaft in Deiner Sache bleiben. Wird der Duft Deines Lobpreises in einer der verschiedenen Sprachen der Welt, des Ostens oder des Westens, verbreitet, dann wird diese Sprache wahrlich lieb und wert gehalten. Wäre eine Sprache aber dieses Duftes beraubt, dann wäre sie keiner Erwähnung wert, sei es in Worten oder auch nur in Gedanken. O Vorsehung, wir bitten Dich, zeige allen Menschen Deinen Weg und führe sie den geraden Pfad. Wahrlich, Du bist der Allmächtige, der Allmachtvolle, der Allwissende, der Allschauende.«

11Wir flehen zu Gott, Er möge dir beistehen, gerecht und aufrichtig zu sein, und dich mit den Dingen vertraut machen, die vor den Augen der Menschen verborgen waren. Er ist in Wahrheit der Mächtige, der Unbezwungene. Wir bitten dich, über das nachzudenken, was geoffenbart wurde, und in deiner Rede ehrlich und gerecht zu sein, auf daß vielleicht das Tagesgestirn der Wahrhaftigkeit und der Aufrichtigkeit in seinem Glanz erstrahle, dich aus dem Dunkel der Unwissenheit befreie und die Welt mit dem Licht der Erkenntnis erleuchte. Dieser Unterdrückte hat weder eine Schule besucht noch an dem Wortstreit der Gelehrten teilgenommen. Bei Meinem Leben! Nicht aus eigenem Antrieb habe Ich von Mir gekündet, sondern Gott hat Mich nach Seinem ureigenen Ratschluß geoffenbart. Im Tablet an Seine Majestät den Sháh – möge Gott, gepriesen und verherrlicht sei Er, ihm beistehen – strömten folgende Worte von der Zunge dieses Unterdrückten:

12»O König! Ich war nur ein Mensch wie andere und lag schlafend auf Meinem Lager. Siehe, da wehten die Lüfte des Allherrlichen über Mich hin und lehrten Mich die Erkenntnis all dessen, was war. Dies ist nicht von Mir, sondern von Einem, der allmächtig und allwissend ist. Und Er gebot Mir, Meine Stimme zwischen Erde und Himmel zu erheben, und um dessentwillen befiel Mich, was jedes verständigen Menschen Tränen fließen ließ. Die Gelehrsamkeit der Menschen studierte Ich nicht; ihre Schulen betrat Ich nicht. Frage nach in der Stadt, wo Ich wohnte, und sei dessen wohl versichert, daß Ich nicht zu denen gehörte, die falsch reden. Das hier ist nur ein Blatt, das die Winde des Willens deines Herrn, des Allmächtigen, des Allgepriesenen, bewegt haben. Kann es ruhen, wenn der Sturmwind weht? Nein bei Ihm, dem Herrn aller Namen und Eigenschaften! Sie bewegen es nach ihrem Belieben. Das unscheinbare Ding ist wie ein Nichts vor Ihm, dem Ewigen. Sein allbezwingender Ruf hat Mich erreicht und ließ Mich Seinen Lobpreis unter allem Volke verkünden. Fürwahr, Ich war wie tot, als Sein Befehl erging. Die Hand des Willens deines Herrn, des Mitleidsvollen, des Barmherzigen, verwandelte Mich.«

13Jetzt ist der Augenblick gekommen, dich mit den Wassern der Loslösung, die aus der Erhabensten Feder flossen, zu reinigen, und über das, was immer wieder herniedergesandt und geoffenbart wurde, nachzudenken. Dann strebe danach, soweit es in deinen Kräften steht, das Feuer der Feindschaft und des Hasses, das in den Herzen der Völker dieser Welt schwelt, mit der Macht der Weisheit und der Kraft deiner Worte auszulöschen. Die Göttlichen Boten wurden herabgesandt und Ihre Bücher wurden geoffenbart, damit die Erkenntnis Gottes vertieft und Einheit und Brüderlichkeit unter den Menschen gefördert werden. Aber siehe, wie sie das Gesetz Gottes zum Grund und Vorwand für Verderbtheit und Haß benützten. Wie bedauerlich, wie jämmerlich ist es, daß die meisten Menschen an den Dingen hängen, die sie besitzen, und sich nur mit diesen beschäftigen, während sie dessen, was Gottes ist, nicht gewahr werden und wie durch einen Schleier davon getrennt sind!

14Sprich: »O Gott, mein Gott! Schmücke mein Haupt mit der Krone der Gerechtigkeit und meinen Tempel mit der Zier der Redlichkeit. Du bist wahrlich der Besitzer aller Wohltaten und Gaben.«

15Gerechtigkeit und Redlichkeit sind die beiden Wächter, die über die Menschen wachen. Von ihnen gehen deutliche, gesegnete Worte aus, die die Grundlage für das Wohl der Welt und den Schutz ihrer Völker bilden.

16Die folgenden Worte flossen aus der Feder dieses Unterdrückten in einem Seiner Tablets: »Die Absicht des einen wahren Gottes – erhaben ist Seine Herrlichkeit – ist es, aus der Tiefe des Menschen die geheimnisvollen Edelsteine ans Licht zu fördern – die Aufgangsorte Seiner Sache und die Speicher der Perlen Seiner Erkenntnis; denn Gott selbst ist der Unsichtbare, der Verborgene, vor den Augen der Menschen verhüllt. Denke über das nach, was der Barmherzige im Qur’án offenbarte: ›Keine Schau kann Ihn umfassen, aber Er umfaßt alle Schau; Er ist der Scharfblickende, der Allkennende.‹«

17Daß es den verschiedenen Gemeinschaften und den mannigfachen Glaubensrichtungen auf der Erde nie gestattet sein sollte, Gefühle der Feindschaft unter den Menschen zu nähren, gehört an diesem Tage zum Wesen des Glaubens Gottes und zu Seiner Religion. Diese Grundsätze und Gesetze, diese festgefügten und mächtigen Glaubenssysteme gingen alle aus einer Quelle hervor und sind die Strahlen eines Lichtes. Wenn sie sich voneinander unterscheiden, so ist dies den wechselnden Erfordernissen der Zeitalter zuzuschreiben, in denen sie verkündet wurden.

18Gürte deine Lenden, o Volk Bahás, und bemühe dich, daß sich vielleicht der Lärm religiösen Haders und Streites, der die Völker der Erde beunruhigt, lege und keine Spur davon mehr übrig bleibe. Um der Liebe zu Gott und Seinen Dienern willen erhebt euch, diese erhabene, folgenreiche Offenbarung zu unterstützen. Religiöser Fanatismus und Haß sind ein weltverzehrendes Feuer, dessen Gewalt niemand zu dämpfen vermag. Nur die Hand Göttlicher Macht kann die Menschheit von dieser verheerenden Plage befreien. Denke an den Krieg, der zwischen den beiden Nationen entbrannt ist! Beide Seiten setzen ihre ganze Habe und ihr Leben aufs Spiel. Wieviele Dörfer wurden völlig ausgelöscht!

19Die Äußerung Gottes ist eine Lampe, deren Licht die Worte sind: Ihr seid die Früchte eines Baumes und die Blätter eines Zweiges. Verkehrt miteinander in größter Liebe und Eintracht, in Freundschaft und Brüderlichkeit. Er, die Sonne der Wahrheit, ist Mein Zeuge! So mächtig ist das Licht der Einheit, daß es die ganze Erde erleuchten kann. Der eine wahre Gott, der alle Dinge kennt, bezeugt die Wahrheit dieser Worte.

20Bemüht euch, diese erlauchte und erhabene Stufe zu erreichen, eine Stufe, die den Schutz und die Sicherheit der ganzen Menschheit verbürgt. Dieses Ziel übertrifft jedes andere Ziel, und dieses Streben ist der Fürst allen Strebens. Aber noch verdunkeln dichte Wolken der Unterdrückung das Morgenlicht der Gerechtigkeit; solange sie nicht zerstreut sind, fällt es schwer, die Herrlichkeit dieser Stufe vor den Augen der Menschen zu entschleiern. Diese dichten Wolken sind der Ausdruck eitler Vorstellungen und leerer Einbildungen, die die Geistlichen Persiens hegen. Einmal sprachen Wir in der Sprache des Gesetzgebers, ein anderes Mal in der des Wahrheitssuchers und des Mystikers; aber immer war es Unsere höchste Absicht und Unser größter Wunsch, die Herrlichkeit und Erhabenheit dieser Stufe zu enthüllen. Wahrlich, Gott ist ein ausreichender Zeuge!

21O Volk Bahás! Verkehre mit allen Menschen im Geiste der Freundschaft und Kameradschaft. Wenn du eine Wahrheit erkannt hast und ein Juwel besitzest, das andere nicht besitzen, dann teile es mit ihnen in Worten größter Freundlichkeit und höchsten Wohlwollens. Wird die Wahrheit angenommen und erfüllt sie ihren Zweck, so ist dein Ziel erreicht. Weist jemand sie zurück, so überlasse ihn sich selbst und flehe zu Gott, daß Er ihn führe. Hüte dich, ihn unfreundlich zu behandeln. Freundlicher Zuspruch ist ein Magnet für die Menschenherzen. Er ist das Brot des Geistes, er verleiht den Worten Bedeutung und ist die Quelle des Lichts der Wahrheit und des Verstehens.

22Mit »Geistlichkeit« sind an der zuvor angeführten Stelle jene Menschen gemeint, die sich äußerlich das Gewand der Erkenntnis überwerfen, in ihrem Innern aber deren ermangeln. In diesem Zusammenhang führten Wir im Tablet an Seine Majestät den Sháh verschiedene Textstellen aus den Verborgenen Worten an, die die Feder Abhás unter dem Titel Buch der Fáṭimih – Gottes Segen ruhe auf ihr – offenbarte.

23»O ihr Toren, die ihr als weise geltet!

Warum verkleidet ihr euch als Hirten, da ihr doch innerlich zu Wölfen wurdet, die nach Meiner Herde trachten? Ihr gleicht dem Morgenstern, der vor der Dämmerung strahlend und hell scheint und der doch die Wanderer zu Meiner Stadt in die Irre und auf den Pfad des Verderbens leitet.«

24Desgleichen sagt Er:

»O ihr scheinbar Vollkommenen, doch innerlich Unvollkommenen!

Ihr seid wie reines, doch bitteres Wasser, das äußerlich kristallklar scheint, von dem aber bei der Probe durch den göttlichen Prüfer nicht ein Tropfen angenommen wird. Ja, der Sonnenstrahl fällt gleicherweise auf den Staub wie den Spiegel, doch in ihrem Widerschein unterscheiden sie sich wie der Stern von der Erde – ja mehr noch, der Unterschied ist unermeßlich.«

25Und weiterhin spricht Er:

»O Wesen der Leidenschaft!

Manches Mal kam Ich in der Morgendämmerung aus den Reichen des Unendlichen zu deiner Wohnung und fand dich auf dem Lager der Behaglichkeit mit anderem als Mir beschäftigt. Da kehrte Ich dem Blitzstrahl des Geistes gleich zu den Reichen der himmlischen Herrlichkeit zurück, ohne es in Meiner Zufluchtstätte droben die Heerscharen der Heiligkeit wissen zu lassen.«

26Und wiederum spricht Er:

»O du Sklave dieser Welt!

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