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Bahá’u’lláh

Kitáb-i-Aqdas

Kitáb-i-Aqdas

Das Heiligste Buch

Vorwort

pr:1Als Shoghi Effendi, der Hüter des Bahá’í-Glaubens, 1953 den Zehnjahresplan aufstellte, war eines der von ihm gesteckten Ziele die Erarbeitung einer Inhaltsübersicht des Kitáb-i-Aqdas mit einer systematischen Darstellung seiner Gesetze und Gebote. Dieses Werk sollte der Auftakt zur Übersetzung des Kitáb-i-Aqdas sein. Er arbeitete selbst an dieser Aufstellung, hatte sie jedoch, als er 1957 starb, noch nicht vollendet. Sie wurde auf der Grundlage seiner Vorarbeiten fortgesetzt und 1973 in englischer, 1987 in deutscher Sprache publiziert. Diese Veröffentlichung enthielt außer der eigentlichen Inhaltsübersicht und Erläuterungen auch die von Shoghi Effendi schon übersetzten und in verschiedenen Werken veröffentlichten Teile des Kitáb-i-Aqdas. Die ›Inhaltsübersicht und systematische Darstellung‹ umfasste sowohl das Kitáb-i-Aqdas als auch die ›Fragen und Antworten‹, die einen Anhang zum Aqdas bilden. 1986 hielt das Universale Haus der Gerechtigkeit die Zeit für gekommen, eine englische Übersetzung des Heiligsten Buches in seinem vollen Wortlaut in Angriff zu nehmen. Diese Aufgabe wurde als Ziel in den Sechsjahresplan 1986–1992 aufgenommen. Der englischen Veröffentlichung folgen Übersetzungen in andere Sprachen.

pr:2Man entschied sich dafür, das Kitáb-i-Aqdas gemäß seinem Charakter als ›Heilige Schrift‹ in einer Form vorzulegen, die leicht lesbar, inspirativ und nicht mit den bei wissenschaftlichen Texten üblichen Fußnoten und Textziffern befrachtet ist. Gleichwohl wurde der Text – obwohl bei Werken der arabischen Literatur an sich unüblich – in Absätze eingeteilt, um den Leser seinen Fluss und seine wechselnden Themen leichter erkennen zu lassen. Zur Erleichterung des Zugangs, für die Hinweise im Stichwortverzeichnis, aber auch um ein einheitliches Bezugssystem für alle Sprachen zu schaffen, in denen das Werk veröffentlicht wird, wurden die Absätze nummeriert.

pr:3An den Text des Aqdas schließt sich eine kurze Zusammenstellung von Schriften Bahá’u’lláhs an, die das Heiligste Buch ergänzen, sodann eine Übersetzung der Fragen und Antworten, die hier zum ersten Mal veröffentlicht werden.

pr:4Nach Shoghi Effendi sollte die englische Übertragung des Aqdas »mit einer Fülle von Erläuterungen versehen« werden. Hierbei wurde so verfahren, dass man sich auf diejenigen Punkte konzentrierte, die dem des Arabischen nicht mächtigen Leser dunkel erscheinen können oder die aus verschiedenen Gründen der Erhellung oder der Hintergrundinformation bedürfen. Über diese grundlegenden Erfordernisse hinaus ist mit den Erläuterungen kein umfassender Kommentar zum Text beabsichtigt.

pr:5Die nach der ›Inhaltsübersicht und systematischen Darstellung‹ abgedruckten Erläuterungen sind fortlaufend numeriert. Einer jeden ist die betreffende Textstelle und die Nummer des Absatzes vorangestellt, was den Querverweis zwischen Text und Erläuterungen erleichtert und dem Leser, so er dies wünscht, das Studium der Erläuterungen ohne ständiges Nachschlagen des Textes ermöglicht. Es ist zu hoffen, dass so den Bedürfnissen von Lesern unterschiedlichster Bildung, Herkunft und Interessen Rechnung getragen wird.

pr:6Das Stichwortverzeichnis schließt alle Teile des Buches ein.

pr:7Bedeutung und Rang des Kitáb-i-Aqdas sowie das weite Feld seiner Themen hat Shoghi Effendi in seinem das erste Bahá’í-Jahrhundert darstellenden Geschichtswerk Gott geht vorüber anschaulich beschrieben. Um dem Leser den Zugang zu erleichtern, sind diese Passagen in dem Abschnitt nach der ›Einführung‹ wiedergegeben. Die im vorliegenden Band erneut abgedruckte ›Inhaltsübersicht und systematische Darstellung‹ soll dem Leser einen raschen Überblick über das Buch vermitteln.

Einführung

in:11992, das 149. Jahr der Bahá’í-Zeitrechnung, ist gekennzeichnet durch den hundertsten Jahrestag des Hinscheidens Bahá’u’lláhs, des Trägers der allumfassenden Offenbarung Gottes, deren Bestimmung es ist, die Menschheit zu ihrer kollektiven Mündigkeit zu führen. Dass dieser Anlass begangen wird von einer Gemeinde, die einen Querschnitt der ganzen Menschheit darstellt und sich im Verlauf von anderthalb Jahrhunderten bis in die hintersten Winkel des Planeten etabliert hat, ist ein Zeichen für die vereinenden Kräfte, die durch Bahá’u’lláh freigesetzt wurden. Dass diese Kräfte am Werk sind, lässt sich überdies an dem Ausmaß erkennen, in dem viele Aspekte unserer heutigen Erfahrung in Bahá’u’lláhs Werk vorweggenommen sind. Die rechte Zeit ist nun gekommen für die erste autorisierte Übersetzung des Mutterbuches Seiner Offenbarung, Seines ›Heiligsten Buches‹, des Buches, in welchem Er das Gesetz Gottes für eine Sendung von mindestens tausendjähriger Dauer niedergelegt hat.

in:2Von den über hundert Bänden, die die heilige Schrift Bahá’u’lláhs umfasst, hat das Kitáb-i-Aqdas einzigartige Bedeutung. »Die ganze Welt neu zu bauen«, ist der herausfordernde Anspruch Seiner Botschaft. Das Kitáb-i-Aqdas ist die Charta der künftigen Weltkultur, die zu errichten Bahá’u’lláh gekommen ist. Seine Vorschriften sind fest verankert in der Grundlage, welche die vergangenen Religionen gelegt haben; denn nach Bahá’u’lláhs Worten ist »dies Gottes unveränderlicher Glaube, ewig in der Vergangenheit, ewig in der Zukunft«. Gedanken und Begriffen der Vergangenheit ist in Bahá’u’lláhs Offenbarung ein neuer Verständnishorizont eröffnet. Die Gesetze der Gesellschaft sind dem neuen Zeitalter angemessen und dazu bestimmt, die Menschheit zu einer Weltkultur zu führen, deren Glanz heute noch kaum vorstellbar ist.

in:3Das Kitáb-i-Aqdas bestätigt die großen Religionen der Vergangenheit in ihrer Gültigkeit und bekräftigt die von allen göttlichen Boten verkündeten ewigen Wahrheiten: die Einheit Gottes, die Nächstenliebe, den sittlichen Zweck des Erdenlebens. Zugleich beseitigt es Elemente früherer religiöser Rechtssetzungen, die heute die wachsende Welteinheit und die Neuordnung der Gesellschaft behindern.

in:4Das Gottesgesetz für das neue Zeitalter ist auf die Nöte der ganzen Menschheitsfamilie gerichtet. Einige Gesetze des Kitáb-i-Aqdas zielen primär auf bestimmte Glieder der Menschheitsfamilie und sind diesen unmittelbar verständlich, während sie Menschen aus anderen Kulturen bei der Lektüre zunächst dunkel erscheinen mögen. So ist das Verbot der Beichte Menschen mit christlichem Hintergrund verständlich, andere kann es verwirren. Eine größere Zahl von Gesetzen bezieht sich auf Vorschriften vergangener Religionssysteme, vor allem der beiden jüngsten, der Muḥammads und des Báb, deren Gesetze im Qur’án und im Bayán verwahrt sind. Auch wenn gewisse Gebote des Aqdas einen solchen Bezug haben, so sind sie gleichwohl universal in ihren Auswirkungen. Durch Sein Gesetz enthüllt Bahá’u’lláh Schritt für Schritt die Bedeutung der neuen Ebene des Wissens und des Verhaltens, zu der die Völker der Welt aufgerufen sind. Seine Vorschriften sind eingefasst in zentrale Lehraussagen, die dem Leser unentwegt vor Augen führen, dass diese Gesetze unabhängig von ihrem Gegenstand letztlich darauf zielen, der Gesellschaft Ruhe zu bringen, das sittliche Verhalten der Menschen zu heben, ihrem Verständnis größere Reichweite zu verleihen und das Leben eines jeden zu vergeistigen. Die Beziehung der Menschenseele zu Gott und die Erfüllung ihrer geistigen Bestimmung sind das letzte Ziel des Religionsgesetzes. »Wähnt nicht«, mahnt Bahá’u’lláh, »Wir hätten euch nur ein Gesetzbuch offenbart. Nein, Wir haben den erlesenen Wein mit den Fingern der Macht und Kraft entsiegelt.« Sein Buch der Gesetze ist Sein »gewichtigstes Zeugnis für alle Menschen, des Allerbarmers Beweis für alle im Himmel und auf Erden«.

in:5Eine Einführung in den vom Kitáb-i-Aqdas enthüllten geistigen Kosmos würde ihren Zweck verfehlen, machte sie den Leser nicht mit den Institutionen der Auslegung und Gesetzgebung vertraut, die Bahá’u’lláh unlöslich mit dem von Ihm offenbarten Rechtssystem verbunden hat. Das Fundament dieser Führung ist die unvergleichliche Rolle, die Bahá’u’lláhs Schrift – gerade auch der Text des Kitáb-i-Aqdas – Seinem ältesten Sohn ‘Abdu’l-Bahá zugewiesen hat. ‘Abdu’l-Bahás einzigartige Gestalt ist das Vorbild für das von Seinem Vater gelehrte Lebensmuster. Er ist zugleich der göttlich inspirierte, bevollmächtigte Interpret Seiner Lehre und der Mittel- und Angelpunkt des Bundes, den der Stifter der Bahá’í-Offenbarung mit allen, die Ihn anerkennen, geschlossen hat. Die neunundzwanzigjährige Amtszeit ‘Abdu’l-Bahás beschenkte die Bahá’í-Welt mit einer leuchtenden Sammlung von Erläuterungen, die vielfältige Einblicke in die Zielsetzungen Seines Vaters eröffnen.

in:6In Seinem Testament übertrug ‘Abdu’l-Bahá Seinem ältesten Enkel, Shoghi Effendi, das Amt des »Hüters der Sache Gottes« und des unfehlbaren Interpreten der Lehre. Zugleich bestätigte Er die Amtsgewalt und die göttliche Führung, die Bahá’u’lláh dem Universalen Haus der Gerechtigkeit in allen Fragen verliehen hat, »die nicht ausdrücklich im Buche offenbart sind«. Hütertum und Universales Haus der Gerechtigkeit sind somit nach Shoghi Effendis Worten gleichsam die »Zwillingsnachfolger« Bahá’u’lláhs und ‘Abdu’l-Bahás. Sie sind die höchsten Institutionen der Gemeindeordnung, deren Grundlagen im Kitáb-i-Aqdas gelegt und im Testament ‘Abdu’l-Bahás näher ausgeführt sind.

in:7In seiner sechsunddreißigjährigen Amtszeit errichtete Shoghi Effendi die Struktur der gewählten Geistigen Räte – der, wie sie das Kitáb-i-Aqdas nennt, »Häuser der Gerechtigkeit« in ihrem embryonischen Stadium – und leitete mit deren Unterstützung die systematische Inswerksetzung des Göttlichen Planes ein, den ‘Abdu’l-Bahá für die Verbreitung des Glaubens in der ganzen Welt aufgestellt hat. Auf der Grundlage der so gebildeten, festen Ordnungsstruktur setzte Shoghi Effendi zugleich die zur Wahl des Universalen Hauses der Gerechtigkeit erforderlichen Prozesse in Gang. Im April 1963 wurde diese Körperschaft errichtet, die durch geheime, dreistufige Mehrheitswahl aus den wahlberechtigten Bahá’í der ganzen Welt gebildet wird. Bahá’u’lláhs offenbartes Wort schafft zusammen mit den Erläuterungen und Interpretationen des »Mittelpunktes des Bundes« und des »Hüters der Sache Gottes« das bindende Bezugssystem des Universalen Hauses der Gerechtigkeit und seine feste Grundlage.

in:8Was die Gesetze betrifft, so lässt eine sorgfältige Durchsicht erkennen, dass sie drei Bereiche regeln: die Beziehung des Menschen zu Gott, alles, was dem Menschen unmittelbar, physisch oder geistig, nützt, und die Beziehungen zwischen den Menschen untereinander und zwischen dem Einzelnen und der Gesellschaft. Die Gesetze lassen sich in folgende Themengruppen einordnen: Gebet und Fasten; Gesetze des persönlichen Status zu Eheschließung, Scheidung und Erbfolge; eine Reihe anderer Gesetze, Ge- und Verbote sowie Ermahnungen; schließlich die Aufhebung bestimmter Gesetze und Gebote früherer Religionssysteme. Ein auffallendes Merkmal der Gesetze ist ihre Knappheit. Sie bilden den Kern einer Rechtsentwicklung, die sich in kommenden Jahrhunderten entfalten wird. Das Universale Haus der Gerechtigkeit wird sie kraft der ihm von Bahá’u’lláh übertragenen Amtsgewalt in die Wege leiten. Die Grundsätze dieser Rechtsentwicklung erläutert ‘Abdu’l-Bahá in einem Brief wie folgt:

in:9»Alles Wesentliche, die Grundlage des göttlichen Gesetzes, ist eindeutig im heiligen Text festgelegt. Ergänzende Gesetze bleiben jedoch dem Haus der Gerechtigkeit überlassen. Die Weisheit dieser Regelung liegt im Wandel der Zeit, denn Veränderung ist ein unabdingbares, wesentliches Merkmal dieser Welt, ein Attribut von Zeit und Raum. Dementsprechend wird das Haus der Gerechtigkeit verfahren …

in:10Darin liegt, kurz gesagt, die Weisheit, die Gesetze der Gesellschaft dem Haus der Gerechtigkeit zu übertragen. Auch im Islám war nicht jedes Gesetz ausdrücklich offenbart; nein, nicht der zehnte Teil eines Zehntels fand sich im Text. Obwohl alles Wesentliche genau festgelegt war, gab es Tausende von Bestimmungen, deren Details ungeregelt blieben. Diese wurden von den Theologen späterer Generationen nach den Grundsätzen der islámischen Jurisprudenz entwickelt. Dabei kamen einzelne Theologen zu Deduktionen aus dem offenbarten Gesetz, die mit denen anderer im Widerspruch standen; dennoch erlangten sie alle Geltung. Heute ist dieser Prozess der Ableitung der Körperschaft des Hauses der Gerechtigkeit anvertraut, während die Schlüsse und Folgerungen einzelner Gelehrter nur dann verbindlich werden, wenn das Haus der Gerechtigkeit sie sich zu eigen macht. Der klare Unterschied ist, dass Schlüsse und Bestätigungen der Körperschaft des Hauses der Gerechtigkeit, dessen Mitglieder von der weltweiten Bahá’í-Gemeinde gewählt und ihr bekannt sind, nicht zum Meinungsstreit führen, während Ableitungen und Entscheidungen einzelner Gelehrter unweigerlich Konflikte im Gefolge haben und in Schismen und Zersplitterung enden. Die Einheit des Wortes ginge verloren, die Einheit des Glaubens wäre dahin, und das Fundament des Gottesglaubens wäre erschüttert.«

in:11Das Universale Haus der Gerechtigkeit ist ausdrücklich befugt, das von ihm selbst gesetzte Recht zu ändern oder aufzuheben, wenn sich die Verhältnisse ändern. So erhält das Bahá’í-Recht ein wichtiges Element: es ist flexibel. Doch kann das Universale Haus der Gerechtigkeit keines der ausdrücklich im heiligen Text verfügten Gesetze außer Kraft setzen oder abändern.

in:12Die Gesellschaft, für die bestimmte Gesetze des Aqdas vorgesehen sind, wird erst allmählich entstehen. Bahá’u’lláh hat für die schrittweise Einführung des Bahá’í-Rechts Vorkehrungen getroffen:

in:13»Die Gesetze Gottes gleichen fürwahr dem Meer und die Menschenkinder den Fischen, verstünden sie es doch! Angewandt werden müssen sie jedoch mit Feingefühl und Klugheit … Da die meisten Menschen schwach und weit entfernt sind von der göttlichen Absicht, muss man in jeder Lage Takt und Klugheit walten lassen, auf dass nichts geschehe, was Verwirrung und Streit hervorrufen oder Geschrei unter den Achtlosen erregen kann. Wahrlich, Seine Großmut übertrifft das ganze Weltall, und Seine Gnadengaben umfassen alle, die auf Erden wohnen. In einem Geist der Liebe und Duldsamkeit muss man die Menschheit zum Meere wahren Verstehens führen. Das Kitáb-i-Aqdas selbst legt beredtes Zeugnis ab für Gottes liebevolle Vorsehung.«

in:14Das Prinzip der schrittweisen Einführung wurde 1935 in einem Brief im Auftrag Shoghi Effendis an einen Nationalen Geistigen Rat formuliert:

in:15»Die von Bahá’u’lláh im Kitáb-i-Aqdas offenbarten Gesetze sind überall, wo sie angewandt werden können und nicht in direktem Widerspruch zum staatlichen Recht stehen, für alle Gläubigen und alle Bahá’í-Institutionen des Ostens wie des Westens absolut verbindlich. Einige Gesetze … sollen von allen Gläubigen schon jetzt als anwendbar und lebensnotwendig betrachtet werden. Andere wurden im Vorgriff auf eine Gesellschaft formuliert, die dereinst aus den chaotischen Verhältnissen, die heute herrschen, erstehen wird … Was nicht im Aqdas verfügt ist, wie auch Details und zweitrangige Fragen, die sich aus der Anwendung der Gesetze Bahá’u’lláhs ergeben, wird durch das Universale Haus der Gerechtigkeit zu regeln sein. Was Bahá’u’lláh bestimmt hat, kann diese Körperschaft ergänzen, jedoch niemals außer Kraft setzen oder auch nur im geringsten abändern. Genausowenig hat der Hüter das Recht, Vorschriften dieses grundlegenden, geheiligten Buches zu lockern oder gar aufzuheben.«

in:16Die Zahl der Gesetze, die für die Bahá’í schon bindend sind, wird durch die Veröffentlichung der vorliegenden Übersetzung nicht erhöht. Zu gegebener Zeit wird die Bahá’í-Gemeinde darüber informiert werden, welche weiteren Gesetze für die Gläubigen verbindlich sind. Ihr wird alle Führung und gegebenenfalls auch die ergänzende Gesetzgebung zuteilwerden, die für die Anwendung der Gesetze erforderlich ist.

in:17Im Allgemeinen sind die Gesetze des Kitáb-i-Aqdas kurz und bündig. Die Knappheit des Stils zeigt sich unter anderem darin, dass viele Gesetze so formuliert sind, als gälten sie nur für den Mann. Doch aus den Schriften des Hüters wird deutlich, dass, wo Bahá’u’lláh ein Gesetz für das Verhältnis von Mann und Frau gibt, dieses mutatis mutandis auch zwischen der Frau und dem Mann gilt, sofern der Kontext dies nicht ausschließt. So verbietet beispielsweise der Text des Kitáb-i-Aqdas dem Mann, seine Stiefmutter zu heiraten. Der Hüter weist jedoch darauf hin, dass ebenso auch der Frau verboten ist, ihren Stiefvater zu heiraten. Dieses Rechtsverständnis hat im Lichte des fundamentalen Grundsatzes von der Gleichheit der Geschlechter weitreichende Auswirkungen, was beim Studium des heiligen Textes beachtet werden sollte. Dass Mann und Frau sich voneinander in gewissen Merkmalen und Aufgaben unterscheiden, ist eine unausweichliche Gegebenheit der Natur, die einander ergänzende Rollen in bestimmten Gesellschaftsbereichen möglich macht. Bedeutsam ist jedoch die Feststellung ‘Abdu’l-Bahás, dass in dieser göttlichen Offenbarung »die Gleichberechtigung von Mann und Frau, abgesehen von einigen unwesentlichen Ausnahmen, umfassend und kategorisch verkündet ist«.

in:18Auf die enge Verwandtschaft des Kitáb-i-Aqdas mit den Heiligen Büchern früherer göttlicher Offenbarungen wurde bereits hingewiesen. Besonders eng ist seine Beziehung zum Bayán, dem vom Báb offenbarten Buch der Gesetze. Sie wird durch die folgenden Auszüge aus Briefen im Auftrag des Hüters erläutert:

in:19»Nach Shoghi Effendis Auffassung sollte man besonderes Gewicht darauf legen, dass die Bahá’í-Offenbarung eine Einheit darstellt, die auch den Glauben des Báb einschließt … Die Religion des Báb sollte nicht von der Bahá’u’lláhs getrennt werden. Zwar wurde das Gesetz des Bayán durch das Gesetz des Aqdas aufgehoben und ersetzt, doch sollten wir angesichts der Tatsache, dass der Báb sich selbst als Vorläufer Bahá’u’lláhs verstand, beide Sendungen als Einheit betrachten: die vorausgehende Offenbarung war der Auftakt für die nachfolgende.

in:20Der Báb sagt, Seine Gesetze seien vorläufig und der Annahme durch die kommende Manifestation bedürftig. Dies ist der Grund, warum Bahá’u’lláh im Buch Aqdas einige Gesetze übernommen, andere abgeändert und viele aufgehoben hat.«

in:21Wie der Báb den Bayán um die Mitte Seiner prophetischen Amtszeit offenbart hat, so offenbarte auch Bahá’u’lláh das Kitáb-i-Aqdas um 1873, ungefähr zwanzig Jahre, nachdem Er im Síyáh-Chál von Ṭihrán die Ankündigung Seiner Offenbarung erhalten hatte. In einer Tafel bemerkt Er, Er habe das Aqdas nach seiner Offenbarung eine Zeitlang zurückgehalten, bevor es an die Gläubigen im Írán gesandt wurde. Wie Shoghi Effendi berichtet, hat

in:22»Bahá’u’lláh, nachdem Er das Grundgesetz Seiner Sendung im Kitáb-i-Aqdas formuliert hatte, … gegen Ende Seines prophetischen Amtes noch einige Vorschriften und Grundsätze offenbart, die zum Kern Seines Glaubens gehören. Er bekräftigte früher schon verkündete Wahrheiten, entwickelte und erläuterte einige Seiner Gesetze, offenbarte erneut Prophezeiungen und Warnungen und gab zusätzliche Weisungen, welche die Vorschriften Seines Heiligsten Buches ergänzen. All dies ist in zahlreichen Tafeln verzeichnet, die Er bis in die letzten Tage Seines Erdenlebens offenbarte …«

in:23Zu diesen Werken gehören die Fragen und Antworten, eine Zusammenstellung von Zaynu’l-Muqarrabín, dem bedeutendsten Kopisten der Schriften Bahá’u’lláhs. Sie bestehen aus Antworten, die Bahá’u’lláh auf Fragen von Gläubigen offenbarte, und bilden einen unschätzbaren Anhang zum Kitáb-i-Aqdas. 1978 wurden die wichtigsten anderen Schriften dieser Art in einer englischen Zusammenstellung unter dem Titel Tablets of Bahá’u’lláh revealed after the Kitáb-i-Aqdas veröffentlicht.

in:24Einige Jahre nach der Offenbarung des Kitáb-i-Aqdas ließ Bahá’u’lláh handgeschriebene Kopien davon an Bahá’í im Írán senden und dann im Jahr 1309 d. H. (1890–91 n. Chr.) gegen Ende Seines Lebens, den arabischen Originaltext in Bombay veröffentlichen.

in:25Noch ein Wort zum Sprachstil der englischen Übersetzung des Kitáb-i-Aqdas. Bahá’u’lláh verfügte über eine hohe Meisterschaft im Arabischen, das Er für solche Tafeln und Schriften verwandte, bei denen es auf die dieser Sprache eigene Präzision der Begriffe besonders ankam, um zentrale Grundsätze darzustellen. Über die Wahl der Sprache hinaus ist der Stil des Aqdas erhaben, das Gefühl ansprechend, ungemein bezwingend. Dies gilt vor allem für den, der mit der großen literarischen Tradition vertraut ist, in der das Werk entstand. Als Shoghi Effendi seine Übersetzung begann, stand er vor der schwierigen Aufgabe, einen englischen Stil zu finden, der nicht nur die exakte Bedeutung des Textes getreu wiedergibt, sondern zugleich im Leser den Geist andächtiger Ehrfurcht weckt, der das kennzeichnende Merkmal der rechten Zuwendung zum Original ist. Der von Shoghi Effendi gewählte Sprachstil erinnert an den Stil der Bibelübersetzer im siebzehnten Jahrhundert. Er lässt die gehobene Sprachebene von Bahá’u’lláhs Arabisch erahnen und bleibt doch dem zeitgenössischen Leser zugänglich. Shoghi Effendis Übersetzungen sind im Übrigen von seinem einmalig inspirierten Verständnis für die Bedeutung und den tieferen Sinn der Originale geprägt.

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