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Bahá’u’lláh

Sieben Täler – Vier Täler

Haft-Vádí – Chihár-Vádí

Die Sieben Täler

Im Namen Gottes, des Gnädigen, des Barmherzigen!

1:1Preis sei Gott, Der das Sein aus dem Nichtsein gerufen, Der die Geheimnisse urewigen Vorseins in die Tafel des Menschen gegraben, ihn aus dem Bayán das, was er nicht wußte, gelehrt hat und aus ihm ein offenbares Buch gemacht hat für die, die glauben und gehorchen, Der ihn zum Zeugen der Schöpfung aller Dinge in diesen Tagen der Finsternis und Trübsal befähigt und ihn auf der erhabensten Höhe der Ewigkeit in ›Seinem edelsten Tempel‹ die wunderbarsten Weisen ertönen läßt, die jedem ermöglichen, in sich, durch sich und durch die Stufe der Offenbarung seines Herrn zu bezeugen, daß in Wahrheit kein Gott außer Ihm ist, und so zu den Gipfeln der Wirklichkeit emporzusteigen, bis er in allen Dingen nichts außer Gott sieht.

1:2Segen und Heil dem ersten Meer, das sich aus dem Meer der Wesenheit Gottes ergossen, dem ersten Morgen, der vom Horizonte der Einheit dämmerte, der ersten Sonne, die am Himmel der Ewigkeit erstrahlte, der ersten Flamme, die in der Lampe der Einzigkeit am Lichte des Vorseins entfacht ward, Dem, Der in der Welt der Erhabenen Aḥmad heißt, Muḥammad in der Versammlung der Gott Nahen und Maḥmúd im Königreich der Geweihten! »Und wie immer ihr Ihn anrufet: Er ist der Herr der erhabensten Namen« in den Herzen derer, die wissen.

Überströmender, dauernder und ewiger Friede sei auf Seinem Hause und auf Seinen Gefährten!

1:3Wahrlich, Ich habe das Lied gehört, das die Nachtigall der Erkenntnis in den Ästen des Baumes deines Seins gesungen, und vernommen, was die Taube der Gewißheit in den Zweigen der Laube deines Herzens gegirrt hat. Es war, als hätte Ich beim Lesen deines Briefes den Wohlgeruch vom Kleide deiner Liebe geatmet und mit dir vollkommene Begegnung gefunden. Und da du deine Nichtswerdung in Gott und dein Leben durch Ihn und deine Liebe zu Gottes Geliebten, zu den Offenbarungen Seiner Namen und den Orten des Aufgangs Seiner Attribute erwähnt hast, will Ich dir einige heilige, leuchtende Zeichen der Stufen der Herrlichkeit geben, auf daß du hingezogen werdest zum Hofe der Heiligkeit, Nähe und Schönheit und dorthin gelangest, wo du in der Schöpfung nichts mehr siehst außer dem verklärten Glanz deines Geliebten, des Ehrwürdigen, und du nicht mehr der Geschöpfe gedenkst, es sei denn wie an dem Tage, da nichts erwähnt wird.

1:4Dies ist es, wovon die Nachtigall der Einzigkeit im Garten Ghawthíyyih gesungen: »Auf der Tafel deines Herzens wird zu lesen sein das zarte Geheimnis ›Fürchte Gott, und Gott wird dir Erkenntnis verleihen‹, und der Vogel deiner Seele soll sich des Heiligtums ewigen Vorseins erinnern und sich auf Flügeln der Sehnsucht zum Himmel des ›Wandle auf dem Pfade deines Herrn‹ erheben und von den Früchten der Gemeinschaft in den Gärten des ›Alsdann esset von jeglichen Früchten‹ sammeln«.

1:5Bei meinem Leben, o Freund, würdest du von diesen Früchten aus dem grünenden Garten dieser Blüten genießen, die da aus dem Boden der Erkenntnis unter dem Lichte der Wesenheit Gottes erwachsen, das aus den Spiegeln der Namen und Attribute zurückstrahlt, so würde dir das Verlangen die Zügel der Geduld und Beherrschung aus den Händen reißen, deine Seele durch das Leuchten des Göttlichen Lichtes erbeben lassen, dich weit aus der Heimat des Staubes zu der wirklichen göttlichen Heimat im Mittelpunkt der wahren Bedeutung entführen und dich aufsteigen lassen zu einer Ebene, auf der dich die Lüfte so tragen, wie du auf der Erde einhergehst, und du auf dem Wasser wandelst wie auf dem Lande. Möchte es Mich und dich und jeden erfreuen, der zum Himmel der Erkenntnis emporsteigt, und dessen Herz dadurch erfrischt ist, daß der Zephir der Gewißheit über den Garten seiner innersten Seele von dem Ṣabá des Allbarmherzigen her weht.

1:6Friede sei mit dem, der den rechten Weg geht!

1:7Der Stufen, die den Weg des Wanderers von der irdischen Wohnung zur Göttlichen Heimat bezeichnen, werden sieben gezählt, von manchen als ›Sieben Täler‹, von anderen als ›Sieben Städte‹ bezeichnet. Und es heißt, daß der Wanderer nicht eher zum Meer der Nähe und Einheit gelangen noch von dem unvergleichlichen Weine trinken wird, als bis er sein Ich aufgegeben und die Reise vollendet hat.

Das erste Tal ist

das Tal des Suchens,

1:8und Geduld ist das Fahrzeug, mit dem man hindurchgelangt. Ohne Geduld findet der Wanderer zu keinem Ende noch Ziel. Nie darf der Mut ihm entsinken, und müßte er hunderttausend Jahre lang sich bemühen, ohne die Schönheit des Freundes zu schauen, so dürfte er doch nicht verzagen, denn jene, die die Ka‘bah des »hin zu Uns« zu finden bestrebt sind, wird die Verheißung erfreuen: »Wir werden sie leiten auf Unseren Wegen.« Sie haben sich in ihrem Suchen mit Festigkeit zu dienen entschlossen und trachten unablässig danach, sich von der Stätte der Nachlässigkeit abzukehren und der Welt des Seins zuzuwenden. Kein Band hält sie auf, und kein Rat kann sie hindern.

1:9Das Herz dieser Diener, die Quelle göttlicher Schätze, muß frei sein von jedem Makel; sie dürfen nicht länger blindlings die Bräuche ihrer Väter und Ahnen befolgen und müssen das Tor des Freundlich- oder Feindlichseins für alle Bewohner der Erde verschließen.

1:10Auf dieser Wanderung wird der Suchende eine Stufe erreichen, auf der er alle Geschöpfe in verwirrter Suche nach dem Freunde sieht. Wie manchen Jakob wird er erblicken, der seinem Josef nachjagt, wie manchen Liebenden gewahren, den das Verlangen nach dem Geliebten treibt, und eine Welt von Sehnenden tut sich ihm auf, die nach dem Ersehnten suchen. Jeder Augenblick läßt ihn bedeutsames Neues, jede Stunde ein Geheimnis erschauen, denn sein Herz ist gelöst von dieser und der anderen Welt, er ist auf dem Weg zur Ka‘bah des Geliebten. Die Hilfe des Unsichtbaren umgibt ihn bei allen seinen Schritten, und die Glut seines Suchens ist entfacht.

1:11Ermeßt das Suchen an dem Majnún der Liebe. Es heißt, daß man Majnún eines Tages erblickte, wie er tränenden Auges die Erde siebte. Man fragte ihn: »Was machst du da?« Er sprach: »Ich suche nach Laylí.« Da sagte man zu ihm: »Weh dir! Ist Laylí doch reinen Geistes und du suchst sie im Staube.« Er antwortete: »Ich suche sie überall, vielleicht, daß ich sie irgendwo finde.«

1:12Fürwahr, wenn die Weisen auch sagen, es zieme sich nicht, den Herrn der Herren im Staub zu suchen, so zeugt solch ein Tun doch von heißestem Verlangen des Suchens. »Wer sucht mit Bemühen, wird sicherlich finden.«

1:13Der wahrhafte Sucher verfolgt nichts als den Gegenstand seines Verlangens, und der Liebende hat kein Ziel als die Vereinigung mit dem Geliebten. Doch wird der Sucher nur dann sein Ziel erreichen, wenn er allen Dingen entsagt: er muß alles, was er gesehen, gehört und verstanden hat, in den Wind schlagen können, um in das Reich des Geistes zu kommen, das die Stadt Gottes ist. Ernste Bemühung ist nötig in unserem Suchen nach Ihm und heißer Eifer, damit wir den Honig der Vereinigung mit Ihm zu kosten vermögen. Doch trinken wir aus diesem Kelch, so werden wir die Welt von uns werfen.

1:14Auf dieser Wanderung wird der Reisende in allen Ländern verweilen und überall wohnen. In jedem Antlitz sucht er die Schönheit des Freundes, und in jedem Land schaut er nach dem Geliebten aus. Keine Gesellschaft meidet er, und sucht die Gemeinschaft mit einem jeden, damit er vielleicht das Geheimnis des Freundes in irgendeiner Seele entdecke oder die Schönheit des Geliebten in irgendeinem Angesicht schaue.

1:15Wenn es ihm auf dieser Wanderung mit Gottes Hilfe gelingt, eine Spur des unauffindbaren Freundes zu finden und von dem Göttlichen Boten den Duft des verlorenen Josef zu spüren, dann wird er sofort das

Tal der Liebe

betreten und im Feuer der Liebe zerschmelzen.

Über dieser Stadt erhebt sich der Himmel des Entzückens, die alles erleuchtende Sonne der Sehnsucht scheint, und das Feuer der Liebe ist entfacht, und wenn das Feuer der Liebe entflammt ist, wird es die Ernte der Vernunft zu Asche verbrennen.

1:16In diesem Zustand ist sich der Wanderer weder seiner selbst noch dessen, was außer ihm ist, bewußt. Er sieht weder Wissen noch Unwissenheit, weder Zweifel noch Gewißheit, noch erkennt er den Morgen der Führung oder die Nacht des Irrtums. Er flieht vor Unglaube und Glaube, und tödliches Gift ist ihm köstlich. Es ist wie ‘Aṭṭár gesagt hat:

»Laßt die Ungläubigen irren, die Gläubigen glauben;
‘Aṭṭárs Herz sucht nichts als ein Atom Deines Leides!«

Schmerz ist in diesem Tal das Fahrzeug, ohne das man niemals die Reise vollendet. In diesem Zustand hat der Liebende keinen anderen Gedanken als an den Geliebten, und er sucht keine Zuflucht außer beim Freunde. Auf dem Pfad zum Geliebten wird er hundertmal willig das Leben opfern und bei jedem Schritt tausendmal das Haupt zu Füßen des Freundes legen.

1:17O mein Bruder! Ehe du nicht in das Ägypten der Liebe eingehst, wirst du nicht dem Josef der Schönheit des Freundes begegnen; und ehe du nicht wie Jakob nach außen erblindest, wirst du nie mit dem inneren Auge schauen. Solange du nicht vom Feuer der Liebe entflammt bist, wirst du dich nicht mit dem Freunde der Sehnsucht vereinen.

1:18Der Liebende fürchtet nichts, und kein Leid kann ihm etwas antun. Du findest ihn kühl im Feuer und trocken im Meere:

1:19»Ein Liebender ist, wer kalt im Feuer der Hölle,
ein Wissender, wer trocken bleibt in der Tiefe des Meeres«.

1:20Liebe trägt keine Sehnsucht nach Dasein und hängt nicht am Leben. Sie sieht Leben im Tod und sucht Ruhm in der Schande. Ein Übermaß an geistiger Gesundheit ist nötig, ehe jemand des Wahnsinns der Liebe würdig, und eine Fülle von Geist, bis er der Bande des Freundes wert wird. Gepriesen der Hals, der in Seiner Schlinge sich gefangen, und glücklich das Haupt, das auf dem Pfad Seiner Liebe gefallen! Darum, o mein Freund, entsage deinem Selbst, auf daß du den Unvergleichlichen findest. Gehe an dieser sterblichen Erde vorüber, um in dem himmlischen Neste eine Heimat zu suchen. Werde zu Nichts, wenn du das Feuer des Seins zu entfachen wünschst, und sei bereit zum Weg der Liebe:

1:21»Nicht befällt die Liebe die lebensgierige Seele,
nicht jagt der Falke der leblosen Maus nach«.

1:22Liebe setzt in jedem Augenblick eine Welt in Flammen und zerstört alle Länder, in denen sie ihr Banner entfaltet. In ihrem Land hat das Dasein keinen Platz, und in ihrem Reich ist kein Raum für die Weisen. Sie verschlingt wie ein Ungeheuer die Vernunftbegabten und vernichtet die Einsichtsvollsten. Sieben Meere verschlingt sie, ohne den Durst ihres Herzens zu stillen, und spricht noch: »Gibt es da kein anderes mehr?« Sie flieht vor sich selbst und wendet sich von allem ab, was auf Erden ist:

1:23»Die Liebe ist Erde und Himmel fremd,
in ihr ist zweiundsiebenzigfältiger Wahnsinn«.

Zahllose Opfer fängt die Liebe in ihren Schlingen, und unzählige Weise werden durch ihre Pfeile verwundet. Alles Rot in der Welt rechne ihrem Zorn zu und alle Blässe in den Gesichtern der Menschen ihrem Gifte. Sie kennt keine andere Heilung als den Tod und keine andere Zuflucht als im Tal des Nichtseins. Und dennoch ist dem Liebenden ihr Gift süßer als Honig und dem Suchenden das Nichtsein, das sie verursacht, erwünschter als hunderttausendfältiges Leben.

1:24Darum muß das Feuer der Liebe die Schleier des teuflischen Selbstes verbrennen, damit der Geist geläutert und rein sei und die Stufe des Herrn der Welten erkenne.

1:25»Entfach’ das Feuer der Liebe und verbrenne alle Dinge,
dann geh in der Liebenden Land ein«.

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