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Shoghi Effendi

Der verheißene Tag ist gekommen

The Promised Day has come

Der Verheißene Tag ist gekommen

An die Geliebten Gottes und die Dienerinnen des Allerbarmers im Westen:

Freunde und Miterben des Reiches von Bahá’u’lláh!

1Ein Sturm von beispielloser Heftigkeit und unberechenbarer Bahn, von verheerenden Wirkungen, aber unvorstellbar herrlichen späteren Folgen fegt heute über das Antlitz der Erde. Seine Gewalt wächst unbarmherzig an Raum und Ausmaß. Seine säubernde Kraft, die zwar meist übersehen wird, nimmt mit jedem Tage zu. Ein Spielball seiner verheerenden Macht, wird die Menschheit bei den Ausbrüchen seines unwiderstehlichen Wütens zu Boden geschmettert. Sie kann weder seine Herkunft erkennen noch sein Ausmaß begreifen oder seine Folgen abschätzen. Zu Tode verstört und ohnmächtig muss sie zusehen, wie dieser gewaltige Sturm Gottes über die fernsten und schönsten Länder der Erde hereinbricht, ihre Grundfesten erschüttert, ihr Gleichgewicht zerstört, ihre Völker spaltet, die Heime ihrer Bewohner vernichtet, ihre Städte verwüstet, ihre Könige verstößt, ihre Bollwerke niederreißt, ihre Ordnungen zerschmettert, ihr Licht verdüstert und die Seelen ihrer Bewohner quält.

2»Die Zeit für die Zerstörung der Welt und ihrer Menschen ist gekommen«, hat die prophetische Feder Bahá’u’lláhs verkündet. »Die Stunde naht«, so bekräftigt Er ausdrücklich, »da die heftigste Zuckung auftreten wird«. »Der verheißene Tag ist da, der Tag, da qualwolle Heimsuchungen über euren Häuptern und unter euren Füßen aufbrechen und künden: ›Schmecket, was eure Hände angerichtet haben!‹« »Bald werden die Schläge Seiner Züchtigung euch treffen und wird euch der Staub der Hölle verhüllen.« Und weiter: »Und wenn die festgesetzte Stunde gekommen ist, wird plötzlich erscheinen, was die Glieder der Menschheit erzittern macht.« »Der Tag naht, da ihre Flamme die Städte verzehren und die Zunge der Erhabenheit verkünden wird: ›Das Reich ist Gottes, des Allmächtigen, des Allgepriesenen!‹« »Bald kommt der Tag«, hat Er, auf die Narren der Welt weisend, geschrieben, »da sie um Hilfe schreien und keine Antwort erhalten werden«. »Der Tag rückt heran«, hat Er des Weiteren geweissagt, »da der Ingrimm des Allmächtigen sie packen wird. Er ist wahrlich der Allmächtige, der Allbezwinger, der Machtvollste! Er wird die Erde von der Befleckung ihrer Verderbnis reinigen und zum Erbe denen Seiner Diener geben, die Ihm nahe sind.«

3»Für jene aber, die Ihn, das Erhabene Tor Gottes, verleugnen«, so hat auch der Báb im Qayyúmu’l-Asmá’ bekräftigt, »haben Wir nach Gottes gerechtem Ratschluss schmerzliche Qualen vorbereitet. Und Er, Gott, ist der Mächtige, der Weise.« Und weiter: »O Völker der Erde! Ich schwöre bei eurem Herrn! Ihr werdet tun, wie frühere Geschlechter getan. So warnt euch denn selbst vor der schrecklichen, schmerzlichsten Vergeltung Gottes. Denn wahrlich, Gott ist aller Dinge mächtig.« Und wiederum: »Bei Meiner Herrlichkeit! Ich will mit den Händen Meiner Macht die Ungläubigen Vergeltungen spüren lassen, die nur Ich kenne, und will über die Getreuen die moschusgewürzten Düfte wehen lassen, die Ich im innersten Herzen Meines Thrones gehegt habe.«

4Liebe Freunde! Das machtvolle Walten dieses gewaltigen Umbruchs ist nur für die fassbar, die den Anspruch Bahá’u’lláhs wie auch des Báb anerkannt haben. Ihre Anhänger wissen gar wohl woher es kommt und wohin es letzten Endes führen wird. Mögen sie auch nicht wissen, wie weit es reichen wird, so erkennen sie doch klar seinen Ursprung, ahnen seine Richtung, bejahen seine Notwendigkeit, beobachten zuversichtlich seinen geheimnisvollen Verlauf, flehen um Milderung seiner Strenge, mühen sich einsichtig um eine Abschwächung seines Wütens und richten ihren ungetrübten Blick voraus auf das Ende der Schrecknisse und die Hoffnungen, die es zwangsläufig zeitigen muss.

Das Gottesgericht

5Dieses Gericht Gottes, wie es denen erscheint, die Bahá’u’lláh als Sein Sprachrohr und Seinen größten Boten auf Erden erkannt haben, ist eine furchtbare Vergeltung, aber auch ein Akt der heiligen, höchsten Züchtigung. Es ist eine göttliche Heimsuchung und zugleich eine Läuterung für die ganze Menschheit. Seine Feuerbrände strafen die Verderbnis des Menschengeschlechts und schweißen dessen einzelne Teile zu einer organischen, unteilbaren, weltweiten Gemeinschaft zusammen. In diesen schicksalsschweren Jahren, Ausklang des ersten und zugleich Anbruch eines neuen Jahrhunderts des Bahá’í-Zeitalters, wird die Menschheit, wie von Ihm, dem Richter und Erlöser des Menschengeschlechts verordnet, zur Rechenschaft für ihre Taten gerufen und zugleich für ihre künftige Sendung geläutert und gerüstet. Sie kann weder die Verantwortung für die Vergangenheit abschütteln noch der für die Zukunft ausweichen. Gott, der Wachsame, der Gerechte, der Liebende, der Allweise Verordner, kann in dieser höchsten Sendung die Sünden einer noch nicht neugeborenen Menschheit, ob Unterlassungs- oder Tatsünden, nicht ungestraft lassen, noch wird Er gewillt sein, Seine Kinder ihrem Schicksal zu überlassen oder ihnen in ihrem langen, mühsamen, schmerzensreichen Werdegang durch die Zeitalter hindurch jenen Gipfel des Segens zu versagen, der ihr unveräußerliches Recht und zugleich ihre eigentliche Bestimmung ist.

6»Regt euch, ihr Völker«, ist einmal die schicksalhafte Warnung, die Bahá’u’lláh selbst gegeben hat, »in der Erwartung der Tage göttlicher Gerechtigkeit, denn die verheißene Stunde ist nun da!« »Gebt hin, was ihr besitzt, und ergreift, was Gott, der den Menschen den Nacken beugt, brachte! Wisst wahrlich, dass, wenn ihr euch nicht von dem abkehrt, was ihr begangen habt, von allen Seiten Züchtigung über euch kommen wird und ihr schmerzlichere Dinge schauen werdet als je zuvor!« »Wir haben euch eine Zeit bestimmt, o Menschen! Wenn ihr versäumt, euch zur festgesetzten Stunde Gott zuzuwenden, so wird Er, wahrlich, gewaltig Hand an euch legen und euch mit schmerzlicher Trübsal von allen Seiten bedecken. Wahrlich, streng ist die Züchtigung, mit der euch euer Herr dann heimsucht!« Und weiter: »Gott herrscht gewisslich über das Leben derer, die Uns Unrecht taten, und Er sieht ihr Treiben wohl. Er wird sie sicherlich um ihrer Sünden willen ergreifen. Er ist der grimmigste Rächer.« Und schließlich: »O Völker dieser Welt! Wisst wahrlich, dass unerwartete Trübsal euch verfolgt und schmerzhafte Vergeltung eurer harrt. Denkt nicht, dass vor Meinem Antlitz getilgt ist, was ihr begangen habt. Bei Meiner Schönheit! Mit offenen Lettern hat Mein Griffel all euer Tun auf Tafeln von Chrysolith geschrieben.«.

7Bahá’u’lláh erklärt ein anderes Mal mit Nachdruck, wobei Er einer jetzt verdunkelten Welt eine strahlende Zukunft voraussagt: »Die ganze Erde ist jetzt im Zustand der Trächtigkeit. Der Tag naht, da sie die edelsten Früchte hervorbringen wird, da ihr die stolzesten Bäume, die entzückendsten Blüten, die himmlischsten Segnungen entsprießen werden.« »Die Zeit ist nahe, da alles Erschaffene seine Bürde abwerfen wird. Verherrlicht sei Gott, der diese Gnade gewährt, die alle Dinge, ob sichtbar oder unsichtbar, umfängt.« »Diese großen Unterdrückungen«, hat Er ferner im Vorausblick auf das goldene Zeitalter der Menschheit geschrieben, »bereiten die Menschheit auf das Kommen der Größten Gerechtigkeit vor.« Diese Größte Gerechtigkeit ist die Gerechtigkeit, auf der sich der Bau des Größten Friedens allein gründen kann und muss, während der Größte Friede hinwiederum jene größte Weltkultur einleiten wird, die für immer mit Dem verbunden sein wird, der den Größten Namen trägt.

8Geliebte Freunde! Schon an die hundert Jahre sind vergangen, seit die Offenbarung Bahá’u’lláhs für die Welt angebrochen ist, eine Offenbarung, deren Wesen, wie Er selbst bestätigt, »keiner der Offenbarer der alten Zeiten, es sei denn bis zu einem vorgezeichneten Grade, jemals voll begriffen hat«. Ein volles Jahrhundert lang hat Gott dem Menschengeschlecht Zeit gegeben, den Begründer einer solchen Offenbarung anzuerkennen, sich Seine Sache zu eigen zu machen, Seine Größe zu verkünden und Seine Ordnung aufzurichten. In einhundert Bänden, den Aufbewahrungsorten unschätzbarer Lehren, starker Gesetze, einzigartiger Grundsätze, inständiger Ermahnungen, wiederholter Warnungen, erstaunlicher Weissagungen, erhabener Anrufungen und bedeutsamer Auslegungen, hat der Träger einer solchen Botschaft, wie kein Offenbarer zuvor, die Sendung verkündet, die Gott Ihm anvertraut hatte. An Kaiser, Könige, Fürsten und Machthaber, an Herrscher, Regierungen, Geistlichkeiten und Völker in Ost und West, an Christen, Juden, Muḥammadaner und Zoroastrier sandte Er vor nahezu fünfzig Jahren unter den tragischsten Umständen diese unschätzbaren Perlen der Erkenntnis und Weisheit, die im Weltmeer Seiner unvergleichlichen Äußerungen verborgen lagen. Ansehen und Reichtum entsagend, bereit zu Kerker und Verbannung, blind für Verruf und Schmähung, leibliche Unbill und grausame Entbehrungen auf sich nehmend ließ Er, der Statthalter Gottes auf Erden, sich von Ort zu Ort, von Land zu Land verbannen, bis Er zuletzt, im Größten Gefängnis, Seinen gemarterten Sohn für die Erlösung und Einigung der ganzen Menschheit als Pfand darbrachte. »Wir haben wahrlich«, so hat Er selbst bezeugt, »Unsere Pflicht nicht versäumt, die Menschen zu ermahnen und ihnen zu bringen, was Wir von Gott, dem Allmächtigen, dem Allgepriesenen, geheißen wurden. Hätten sie auf Mich gehört, so hätten sie die Erde als eine andere Erde gesehen.« Und weiter: »Gibt es noch irgendeine Entschuldigung für irgendjemanden in dieser Offenbarung? Bei Gott, dem Herrn des mächtigen Thrones, nein! Meine Zeichen sind um die Erde gegangen, und Meine Macht hat das ganze Menschengeschlecht umfasst, und dennoch liegen die Menschen in einem seltsamen Schlaf.«

Welche Antwort auf Seinen Ruf?

9Wie hat – so mögen wir wohl fragen – die Welt, der Gegenstand solcher göttlicher Fürsorge, Dem gedankt, der ihretwillen alles geopfert hat? Was für ein Willkommen hat sie Ihm bereitet, und was für eine Antwort hat Sein Ruf geweckt? Ein in der Geschichte des shí‘itischen Islám nie dagewesenes Getöse begrüßte das junge Licht des Glaubens in seinem Geburtslande inmitten eines Volkes, das verrufen war für seine krasse Unwissenheit, seinen wilden Fanatismus, seine barbarische Grausamkeit, seine eingefleischten Vorurteile und die grenzenlose Macht, mit der eine fest verschanzte Geistlichkeit die Massen an sich kettete. Die Verfolgung, die einen Mut entflammte, der, nach dem Zeugnis keines Geringeren als des verstorbenen Lord Curzon of Kedleston, von dem Mut, den die Feuer von Smithfield entfachten, nicht übertroffen ward, mähte mit verhängnisvoller Schnelle nicht weniger als zwanzigtausend heldenhafte Gläubige nieder, die sich geweigert hatten, ihren neuen Glauben gegen die flüchtigen Ehren und die Geborgenheit eines sterblichen Lebens einzutauschen.

10Zu den leiblichen Qualen, die diesen Duldern bereitet wurden, kamen die so unverdienten Anschuldigungen, wie Leugnung aller Werte, Okkultismus, Verneinung der staatlichen Ordnung, Religionsklitterung, Unsittlichkeit, Sektenbildung, Ketzerei, parteiliche Umtriebe, deren jede durch die Glaubenssätze selbst und den Lebenswandel der Gläubigen überzeugend widerlegt wurden, die aber die Zahl derer anschwellen ließen, die aus Unwissenheit oder Bosheit diesen Glauben schädigten.

11Die erschreckende Gleichgültigkeit der Männer von Stand und Rang, der unerbittliche Hass der geistlichen Würdenträger eben des Glaubens, dem er entsprungen war, der höhnische Spott des Volkes, in dem die Religion entstanden war, die äußerste Missachtung, die die meisten Könige und Herrscher ihrem Stifter gegenüber zeigten, als Er sich an sie wandte, die Verurteilungen, Drohungen und Verbannungen, die von jenen beschlossen wurden, unter deren Macht der Glaube groß geworden war und sich zuerst verbreitet hatte, die Verdrehung, die seine Grundsätze und Gesetze durch die Neider und Böswilligen in Ländern und Völkern weitab von seinem Ursprungslande erfuhren – dies alles sind nur die Beweise der Behandlung durch ein Geschlecht, das in Selbstzufriedenheit versunken war, sich um Gott nicht kümmerte und die von Seinen Boten geoffenbarten Vorzeichen, Weissagungen, Warnungen und Mahnungen vergessen hatte.

12Die Schläge, die so schwer auf die Jünger eines kostbaren, herrlichen und starken Glaubens niederfielen, konnten jedoch nicht den Grimm seiner Verfolger besänftigen. Auch die absichtlichen, böswilligen Verdrehungen seiner Grundlehren, seiner Ziele und Zwecke, seines Hoffens und Strebens, seiner Einrichtungen und Tätigkeiten waren noch nicht genug, um die Hand des Unterdrückers und des Verleumders zurückzuhalten, die mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln seinen Namen zu vernichten und seine Ordnung auszurotten suchten. Die Hand, die eine so große Zahl untadeliger, demütiger Verehrer und Diener des Glaubens niedergeschmettert hatte, wurde jetzt erhoben, um den Begründern des Glaubens die schwersten und grausamsten Schläge zu erteilen.

13Der Báb – »der Punkt«, wie Bahá’u’lláh bestätigte, »um den die Wirklichkeiten der Propheten und Gottesboten kreisen« – geriet als erster in den Strudel, der Seine Anhänger verschlingen sollte. Plötzliche Gefangennahme und Einkerkerung im ersten Jahre Seiner kurzen, ereignisreichen Laufbahn; absichtliche öffentliche Beschimpfung vor den geistlichen Würdenträgern in Shíráz; strenge und lange Kerkerhaft in den kahlen Bergfesten von Ádhirbáyján; verachtende Geringschätzung und feige Eifersucht von Seiten des höchsten Richters des Reiches und des ersten Ministers der Regierung; ein sorgfältig abgekartetes, possenhaftes Verhör vor dem Thronerben und hochgestellten Geistlichen in Tabríz; eine schändliche Bastonade im Bethaus durch die Hand des Shaykhu’l-Islám der Stadt; schließlich die Aufhängung im Kasernenhof in Tabríz und die Feuergarbe von über siebenhundert Kugeln auf Seine jugendliche Brust unter den Augen einer verstockten Menge von zehntausend Menschen, und als Gipfel die schmähliche Schaustellung Seiner zerfetzten Überreste am Grabenrande draußen vor dem Stadttor – dies waren nacheinander die Abschnitte der wildbewegten, tragischen Wirkungszeit eines Mannes, dessen Zeitalter die Vollendung aller Zeitalter einleitete und dessen Offenbarung die Verheißung aller Offenbarungen erfüllte.

14»Ich schwöre bei Gott«, so hat der Báb selbst in Seinem Tablet an Muḥammad Sháh geschrieben, »wüsstest du, was Mir alles in diesen vier Jahren aus den Händen deines Volkes und deines Heeres widerfahren ist, so würde dir aus Furcht vor Gott der Atem stocken … Wehe, wehe ob der Dinge, die Mich betroffen haben! … Ich schwöre bei dem Allerhöchsten! Würde man dir erzählen, an was für einem Ort Ich hause, so würdest du selbst als erster Erbarmen mit Mir empfinden. Im Herzen eines Gebirges ragt eine Festung … nur von zwei Wächtern und vier Hunden bewohnt. So male dir denn Meine Bedrängnis aus … In diesem Gebirge musste Ich allein verbleiben, und keiner von Meinen Vorgängern hat erlitten, was Ich erlitten habe, und kein Übeltäter hat ertragen, was Ich ertragen habe.«

15»Wie verblendet seid ihr doch, o Meine Geschöpfe«, hat Er, als Stimme Gottes redend, im Bayán geoffenbart, »… die ihr, ohne jedes Recht, Ihn auf einen Berg verbannt habt, von dessen Bewohnern nicht einer der Erwähnung wert ist … Bei Dem, der bei Mir ist, ist nur der eine Buchstabe des Lebendigen Meines Buches. In Seiner Gegenwart, die Meine Gegenwart ist, scheint nachts nicht einmal eine Lampe. Und doch leuchten an Stätten, die in vielerlei Weise sich Ihm zukehren, unzählige Lampen! Alles, was auf Erden ist, ist für Ihn erschaffen, und alle haben mit Wonne an Seinen Wohltaten teil, und doch sind jene Ihm gegenüber so verblendet, dass sie Ihm sogar eine Lampe verweigern.«

16Und was ist Bahá’u’lláh widerfahren, dessen Offenbarung in ihrem Kern, wie vom Báb bezeugt ist, mit einer Kraft begabt wurde, die die vereinten Kräfte der Sendung des Báb übertraf? Wurde Er, für den der Báb litt und unter so tragischen und wundersamen Umständen starb, nicht fast ein halbes Jahrhundert lang unter der Herrschaft der beiden mächtigsten Gewalthaber des Morgenlandes zur Zielscheibe einer mit List ausgeheckten Verschwörung gemacht, die an Wirkung und Dauer kaum ihresgleichen in der Geschichte früherer Religionen findet?

17»Die Grausamkeiten, die Mir Meine Unterdrücker zufügten«, so hat Er selbst in Seiner Qual ausgerufen, »haben Mich gebeugt und Mein Haar gebleicht. Solltest du vor Meinem Throne erscheinen, so würdest du die Urewige Schönheit nicht wiedererkennen, denn die Frische ihres Antlitzes ist verwandelt und ihr Glanz ist in der Bedrängnis durch die Ungläubigen erloschen. Ich schwöre bei Gott! Ihr Herz, ihre Seele und ihre Lebenskraft sind geschwunden.« »Könntest du mit Meinem Ohre hören«, so erklärt Er des Weiteren, »dann würdest du hören, wie ‘Alí Mich vor dem Allherrlichen Gefährten beklagt, wie Muḥammad um Mich am höchsten Horizont weint und wie der Geist sich im Himmel Meines Ratschlusses dessentwegen aufs Haupt schlägt, was diesem Misshandelten von Seiten eines jeden gottlosen Sünders zugestoßen ist.« »Vor Mir«, hat Er an anderer Stelle geschrieben, »reckt sich die Schlange der Wut mit aufgesperrten Kiefern, Mich zu verschlingen, hinter Mir schleicht der Löwe des Zorns, Mich zu zerreißen, und über Mir, o Mein Geliebter, ziehen die Wolken Deines Ratschlusses und regnen auf Mich die Schauer der Trübsale, während unter Mir die Speere des Unglücks starren, Meine Glieder und Meinen Leib zu durchbohren.« »Könnte man dir erzählen«, so bekräftigt Er weiterhin, »was die Urewige Schönheit befallen hat, so würdest du in die Wildnis fliehen und bitterlich weinen. In deinem Gram würdest du dich aufs Haupt schlagen und wie von der Natter gestochen aufschreien … Bei der Gerechtigkeit Gottes! Jeden Morgen, wenn Ich aufstand, sah Ich unzählige Trübsale hinter Meiner Tür lauern, und jeden Abend, wenn Ich Mich niederlegte, war, ach, Mein Herz von Qual zerrissen durch alles, was es von der türkischen Grausamkeit der Feinde zu erleiden hatte. Mit jedem Stück Brot, das die Urewige Schönheit bricht, ist der Ansturm einer neuen Trübsal gepaart, und jedem Tropfen, den sie trinkt, ist die Bitternis der schmerzlichsten Prüfungen beigemischt. Jedem Schritt, den sie tut, zieht ein Heer ungeahnten Elends woran, während Legionen quälender Sorgen ihr nach folgen.«

18Ist Er nicht schon im jugendlichen Alter von siebenundzwanzig Jahren aus freien Stücken aufgestanden, um als einfacher Anhänger die im Werden begriffene Sache des Báb zu verfechten? Hat Er nicht mit der Übernahme der tatsächlichen Führung einer geächteten, gehetzten Glaubensgemeinschaft sich selbst, Seine Familie, Seine Habe, Seinen Stand und Seinen Ruf schweren Gefahren, blutigen Angriffen, allgemeiner Plünderung und wütenden Schmähungen von Seiten der Regierung wie auch des Volkes ausgesetzt? Wurde nicht Er, ein Offenbarer, dessen Tag »jeder Prophet angekündigt hat«, nach dem »die Seele jedes Gottgesandten gedürstet hat« und in dem »Gott die Herzen der ganzen Schar Seiner Boten und Propheten geprüft hat«, auf Anstiften der shí‘itischen Geistlichkeit und auf Geheiß des Sháh selbst nicht weniger als vier Monate lang gezwungen, in gänzlicher Finsternis zu leben, in der Gesellschaft gemeinster Verbrecher, von wundreibenden Ketten niedergezogen, in der Pestluft des ungezieferverseuchten unterirdischen Kerkers in Ṭihrán, einem Orte, der, wie Er später erklärte, auf geheimnisvolle Weise gerade zum Schauplatz der Verkündigung wurde, die Gott Ihm über Sein Prophetenamt machte?

19»Wir wurden«, so schrieb Er in Seinem Brief an den Sohn des Wolfes, »vier Monate lang an einen unvorstellbar stinkenden Ort verwiesen. Dem Verlies, worin dieser Unterdrückte und andere ebenso Misshandelte festgehalten waren, wäre eine dunkle, enge Grube vorzuziehen … Das Verlies war in dichte Finsternis getaucht, und Unsere Mitgefangenen zählten nahezu hundertfünfzig Seelen: Diebe, Mörder und Straßenräuber. Obwohl überfüllt, hatte es keinen anderen Ausgang als den Durchlass, durch den Wir hereingekommen waren. Keine Feder kann jenen Ort beschreiben, keine Zunge seinen Gestank schildern. Die meisten dieser Männer hatten weder Kleider noch Bettzeug, darauf zu liegen. Gott allein weiß, was Wir an dem faulig stinkenden, finsteren Ort zu erdulden hatten!« »‘Abdu’l-Bahá«, schreibt Dr. J. E. Esslemont, »erzählt, wie Ihm eines Tages erlaubt wurde, den Gefängnishof zu betreten, um Seinen geliebten Vater zu sehen, wenn Er zu Seiner täglichen Bewegung herauskam. Bahá’u’lláh war schrecklich entstellt und so krank, dass Er kaum gehen konnte, Sein Haar und Bart waren ungekämmt, Sein Hals wund und geschwollen vom Druck eines schweren Eisenringes, Sein Leib gebeugt vom Gewicht der Ketten.« »Drei Tage und drei Nächte«, so hat Nabíl in seiner Chronik verzeichnet, »erhielt Bahá’u’lláh weder Speise noch Trank. Ruhe oder Schlaf waren Ihm unmöglich. Der Ort war voll Ungeziefer, und der Gestank dieser grauenhaften Behausung konnte wohl die Lebensgeister derer ersticken, die seine Schrecken zu erdulden hatten.« »So heftig waren Seine Leiden, dass die Spuren jener Grausamkeit Seinem Leib auf Lebzeiten eingekerbt blieben.«

20Welche anderen Trübsale trafen Ihn vor und unmittelbar nach diesem schrecklichen Geschehen? Wie war es mit Seiner Festsetzung im Hause eines Bezirksbürgermeisters von Ṭihrán? Und was war mit der ungezügelten Gewalttat, als Er von einer wütenden Volksmenge bei dem Dorfe Níyálá gesteinigt wurde? Und wie war es mit Seiner Einkerkerung durch die Schergen aus dem Heer des Sháh in Mázindarán und die Bastonade, die Er auf Befehl und in Gegenwart der versammelten Siyyids und höchsten Geistlichen erhielt, denen Er durch die Behörden von Ámul ausgeliefert worden war? Was war mit dem Hohn- und Spottgeheul, mit dem eine Menge roher Raufbolde Ihn weiterhin verfolgte? Und was war mit der ungeheuerlichen Anklage, die das Kaiserhaus, der Hof und das Volk gegen Ihn erhoben, als der Anschlag auf Náṣiri’d-Dín Sháh verübt worden war? Was war mit den schändlichen Beschimpfungen, der Schmach und dem Spott, mit denen Er überhäuft wurde, als Er von den Beamten der Regierung verhaftet und aus Níyávarán »zu Fuß und in Ketten, barhaupt, barfuß« und, der prallen Hochsommersonne schutzlos preisgegeben, nach dem Síyáh-Chál in Ṭihrán geführt wurde? Und was war mit der Habgier, womit bestechliche Beamte Sein Haus plünderten, Seinen ganzen Besitz wegschleppten und über Seine Habe verfügten? Und was war mit dem grausamen Erlass, durch den Er von der kleinen Schar der verwirrten, gehetzten, hirtenlosen Anhänger des Báb hinweggerissen, von Verwandten und Freunden getrennt und im tiefen Winter, beraubt und verleumdet, nach dem ‘Iráq verbannt wurde?

21So hart diese Trübsale waren, die mit verwirrender Schnelligkeit einander folgten als Ergebnis vorbedachter Angriffe und planmäßiger Machenschaften des Hofes, der Geistlichkeit, der Regierung und des Volkes, so waren sie doch nur das Vorspiel einer qualvollen, langwährenden Gefangenschaft, die jener Erlass der Form nach eingeleitet hatte. Diese lange Verbannung währte mehr als vierzig Jahre, führte Ihn nacheinander nach dem ‘Iráq, nach Sulaymáníyyih, Konstantinopel, Adrianopel und zuletzt in die Strafkolonie ‘Akká und endete erst bei Seinem Tode mit über siebzig Jahren. So kam eine Gefangenschaft zum Abschluss, die an Tragweite, Dauer, Vielfalt und Härte ihrer Leiden in der Geschichte früherer Gottesoffenbarungen kein Beispiel hat.

22Es ist nicht nötig, sich über die einzelnen Geschehnisse zu verbreiten, die ein düsteres Licht auf die erschütternde Geschichte jener Jahre werfen, oder bei Charakter und Taten der Völker, Herrscher und Geistlichen zu verweilen, die mitwirkten und dazu beitrugen, die Szenen dieses größten Dramas in der Geistesgeschichte der Welt noch bitterer zu machen.

Schlaglichter dieses ergreifenden Dramas

23Einige wenige Schlaglichter dieses ergreifenden Dramas sollen genügen, um den mit der Geschichte des Glaubens vertrauten Leser an die Wechselfälle zu erinnern, die diese Sache durchgemacht und die die Welt bisher mit so kalter Gleichgültigkeit betrachtet hat. Der erzwungene, jähe Rückzug Bahá’u’lláhs in die Berge von Sulaymáníyyih und die schmerzlichen Folgen, die Seine zweijährige völlige Zurückgezogenheit zeitigte; das unaufhörliche Ränkespiel, dem sich die Spitzen des shí‘itischen Islám in Najaf und Karbilá in ständiger enger Fühlung mit ihren Verbündeten in Persien hingaben; die Verschärfung der unterdrückenden Maßnahmen durch Sulṭán ‘Abdu’l-‘Azíz, die den Treubruch gewisser hervorragender Mitglieder der verbannten Gemeinde auslöste; die Durchführung einer weiteren Verbannung auf Befehl des Sulṭáns, dieses Mal nach einer entlegenen, sehr öden Stadt, was solche Verzweiflung hervorrief, dass zwei der Verbannten zum Selbstmordversuch getrieben wurden; die scharfe Überwachung, die sie bei der Ankunft in ‘Akká durch feindlich gesinnte Beamte erfuhren, und die unerträgliche zweijährige Gefangenschaft in der Kaserne der Stadt, das Verhör, dem hernach der türkische Páshá seinen Gefangenen im Amtsgebäude unterzog; Seine nicht weniger als acht Jahre währende Haft in einer bescheidenen Behausung, die von der verpesteten Luft dieser Stadt umgeben war, wobei Seine einzige Erholung darauf beschränkt war, den engen Raum Seines Zimmers abzuschreiten – diese und andere Trübsale künden von der Art der schweren Prüfungen und erlittenen Beleidigungen, weisen aber auch mit dem Finger der Anklage auf jene Mächtigen auf Erden hin, die Ihn entweder so schmerzlich misshandelt oder Ihm absichtlich ihre Hilfe vorenthalten haben.

24Kein Wunder, dass von der Feder Dessen, der diese Qual mit so erhabener Geduld trug, diese Worte geoffenbart wurden: »Er, der Herr des Sichtbaren und Unsichtbaren, ist nun allen offenbar. Sein gesegnetes Selbst ist mit solchem Leid gequält worden, dass, wenn alle Meere, die sichtbaren und die unsichtbaren, zu Tinte würden, alle Bewohner des Reiches zu Federn und alle im Himmel und auf Erden zu Schreibern, sie gewiß unfähig wären, dies aufzuzeichnen.« Und wiederum: »Die meisten Meiner Lebenstage bin Ich wie ein Sklave, der unter einem Schwerte sitzt, das an einem Faden hängt, und der nicht weiß, ob es früher oder später auf ihn herabfällt.« »Alles«, so bekräftigt Er, »was dieses Geschlecht Uns bieten konnte, waren Wunden von seinen Pfeilen, und der einzige Kelch, den es Unseren Lippen reichte, war der Kelch seines Giftes. Auf Unserem Hals tragen wir noch die Narben von Ketten, und Unserem Leib sind die Beweise unbarmherziger Grausamkeit aufgedrückt.« »Zwanzig Jahre sind verronnen, o Könige!« hat Er auf dem Höhepunkt Seiner Sendung an die Könige der Christenheit geschrieben, »in denen Wir jeden Tag die herben Qualen einer neuen Trübsal geschmeckt haben. Keiner vor Uns hat erduldet, was Wir erduldet haben. Könntet ihr dies doch fassen! Die, welche sich gegen Uns erhoben, haben Uns dem Tode ausgeliefert, Unser Blut vergossen, Unsere Habe geplündert und Unsere Ehre verletzt. Obwohl ihr um die meisten Unserer Leiden wusstet, habt ihr es doch unterlassen, dem Angreifer in den Arm zu fallen. Ist es nicht eure klare Pflicht, die Tyrannei des Unterdrückers zu verhindern und eure Untertanen unparteiisch zu behandeln, auf dass eure hohe Gerechtigkeit der ganzen Menschheit voll bewiesen werde?«

25Wo ist der Herrscher im Osten oder Westen – so darf man vertrauensvoll fragen –, der irgendwann seit dem Heraufdämmern einer so überragenden Offenbarung sich entschlossen hätte, seine Stimme zu ihrem Ruhme oder gegen ihre Verfolger zu erheben? Welche Menschen haben im Laufe einer so langen Gefangenschaft den Drang verspürt, aufzustehen und die Flut solcher Trübsale einzudämmen? Eine einzige Frau ausgenommen, die in einsamer Glorie leuchtet –, wo ist der Herrscher, der sich in noch so bescheidenem Maße zu einer Antwort auf den durchdringenden Ruf Bahá’u’lláhs getrieben gefühlt hätte? Wer unter den Großen der Erde war geneigt, diesem jungen Gottesglauben die Wohltat seiner Anerkennung oder Unterstützung zu gewähren? Welche der vielen Bekenntnisse, Sekten, Rassen, Parteien und Klassen und der so mannigfaltigen Schulen des menschlichen Denkens hielt es für nötig, den Blick auf das aufsteigende Licht dieses Glaubens zu richten, seine sich entfaltende Ordnung zu betrachten, sein unauffälliges Wachstum zu bedenken, seine gewichtige Botschaft zu würdigen, seine lebenerneuernde Kraft anzuerkennen, seine heilbringende Wahrheit anzunehmen oder seine ewigen Wahrheiten zu verkünden? Wer unter den Weisen der Welt und den sogenannten Männern der Einsicht und der Weisheit kann, nahezu ein Jahrhundert danach, mit Recht behaupten, er habe den Kerngedanken dieses Glaubens selbstlos gutgeheißen, seine Ansprüche unparteiisch erwogen, sich genügend mit seinen Schriften beschäftigt, beharrlich die Trennung von Wahrheit und Dichtung betrieben oder seiner Sache die geziemende Behandlung gewährt? Wo sind, wenige Einzelfälle ausgenommen, die hervorragenden Vertreter der Künste oder Wissenschaften, die einen Finger gerührt oder ein Wort der Empfehlung gemurmelt hätten, um Seinen Glauben zu verteidigen oder zu preisen, der der Welt eine so unschätzbare Wohltat beschert, der so lange und schmerzlich gelitten hat und der in sich eine so begeisternde Verheißung für eine so zerschlagene, so augenfällig bankrotte Welt bewahrt?

26Zu der Flut der Prüfungen, die den Báb niederwarfen, den langwährenden Trübsalen, die über Bahá’u’lláh hereinbrachen, den Warnungen, die vom Herold wie vom Stifter der Bahá’í-Religion erschollen, kommen die nicht weniger als siebzig Jahre lang von ‘Abdu’l-Bahá erduldeten Leiden, Seine Beschwörungen und dringenden Bitten, die Er an Seinem Lebensabend in Bezug auf die in wachsendem Maße die ganze Menschheit bedrohenden Gefahren aussprach. In dem Jahre geboren, das Zeuge des Anfangs der Bábí-Religion war, mit den ersten Feuern der Verfolgung getauft, die um diese keimende Sache wüteten; als achtjähriger Knabe Augenzeuge der gewaltsamen Umwälzungen, die den Glauben, dessen Sein Vater sich angenommen hatte, erschütterten; Sein Gefährte bei den Schmähungen, in den Gefahren und Unbilden, die die mehrfachen Verbannungen aus der Heimat in weit entfernte Länder nach sich zogen; verhaftet und gezwungen, bald nach Seiner Ankunft in ‘Akká den Schimpf der Gefangenschaft in dunkler Zelle zu ertragen; Gegenstand wiederholter Untersuchungen und Zielscheibe dauernder Angriffe und Beleidigungen unter der gewalttätigen Herrschaft des Sulṭáns ‘Abdu’l-Ḥamíd und später unter der unbarmherzigen Militärdiktatur des argwöhnischen, grausamen Jamál Páshá – hatte auch Er, der Mittelpunkt und die Achse des unvergleichlichen Bündnisses von Bahá’u’lláh und vollkommenes Vorbild Seiner Lehren, aus den Händen von Machthabern, Geistlichen, Regierungen und Untertanen den Schmerzenskelch zu kosten, den der Báb, Bahá’u’lláh und so viele Ihrer Anhänger geleert hatten.

27Die Warnungen, die Seine Feder und Seine Stimme in zahllosen Tablets und Reden während einer fast lebenslangen Haft und auf Seinen ausgedehnten Reisen in Europa und Amerika gegeben haben, sind allen, die sich um die Verbreitung des Glaubens Seines Vaters in der westlichen Welt mühen, genügend bekannt. Wie oft und wie leidenschaftlich mahnte Er Menschen von Einfluss und die breite Öffentlichkeit, die von Seinem Vater verkündeten Lehren unbefangen zu prüfen! Wie eingehend, wie nachdrücklich entwickelte Er die Lehren des von Ihm ausgelegten Glaubens, erläuterte Er dessen Grundwahrheiten, betonte Er dessen Merkmale und verkündete Er die erlösende Kraft seiner Grundsätze! Wie eindringlich deutete Er das drohende Chaos an, die nahenden Umwälzungen, den Weltbrand, der in Seinen letzten Lebensjahren das Ausmaß seiner Gewalt und die Stärke seines Einbruchs in die menschliche Gesellschaft erst ahnen ließ!

28Von den schmerzlichen Prüfungen und plötzlichen Enttäuschungen mitbetroffen, die den Báb und Bahá’u’lláh heimsuchten; zu Lebzeiten mit einem Erfolg bedacht, der zu Seinen überragenden, unaufhörlichen, regen Bemühungen in gar keinem Verhältnis stand; noch Augenzeuge der ersten Verwirrungen der welterschütternden Katastrophe, die einer ungläubigen Menschheit wartete; vom Alter gebeugt, das Auge verdüstert von dem heraufziehenden Gewitter, das eine glaubenslose Generation durch den Empfang der Sache Seines Vaters heraufbeschwor; blutenden Herzens über das den eigensinnigen Kindern Gottes drohende Verhängnis – so erlag Er zuletzt dem Gewicht von Mühsalen, für die jene, die sie Ihm und denen vor Ihm auferlegt hatten, bald zu einer schrecklichen Abrechnung geladen werden sollten.

29»Beschleunige, o mein Gott«, so rief Er aus, als das Unglück Ihn schmerzlich überfallen hatte, »die Tage meines Aufstiegs zu Dir, meiner Ankunft bei Dir und meines Zutritts zu Dir, auf dass ich von der finsteren Grausamkeit befreit werde, die sie mir zugefügt haben, in das Lichtmeer Deiner Nähe eingehe und im Schatten Deines größten Erbarmens raste, o mein Herr, Du Allherrlicher.« »Yá Bahá’u’l-Abhá«, schrieb Er in einem Tablet in der letzten Woche Seines Lebens, »ich habe der Welt und ihren Menschen entsagt, mein Herz ist gebrochen und bedrückt wegen der Ungläubigen. Im Käfig dieser Welt flattere ich wie ein geängstigter Vogel umher und sehne mich jeden Tag, zu Deinem Reich aufzufliegen. Yá Bahá’u’l-Abhá! Lasse mich vom Kelche des Opfers trinken und mache mich frei! Erlöse mich von diesen Leiden und Prüfungen, diesen Mühen und Trübsalen!«

30Liebe Freunde! Wehe, tausendmal wehe, dass eine so unvergleichlich große, so unendlich kostbare, so urgewaltige, so offensichtlich lautere Offenbarung von einem so blinden, verdorbenen Geschlecht eine so schändliche Behandlung erfahren hat! »O Meine Diener!« bezeugt Bahá’u’lláh selbst. »Der eine wahre Gott ist Mein Zeuge! Dieser größte, unergründliche, wogende Ozean ist euch nahe, wunderbar nahe. Seht, er ist euch näher als eure Halsschlagader! Schnell, wie ein Augenaufschlag, könnt ihr, wenn ihr nur wollt, diese unvergängliche Gunst, diese Gottesgnade, dieses dauerhafte Geschenk, diese stärkste und unaussprechlich herrliche Güte erlangen und an ihr teilhaben.«

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