‘Abdu’l-Bahá | ‘Abdu’l-Bahá in London
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1.2:2
Draußen vor der Kirche hielten die Mitglieder der Heilsarmee ihre Versammlung ab. ‘Abdu’l-Bahá war tief beeindruckt und berührt, als Er die Männer, Frauen und Kinder sah, die da nachts an der Straßenecke zu Gebet und Gesang zusammenkamen.
Ansprache ‘Abdu’l-Bahás in der Kirche St. John’s, Westminster
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17. September 1911
1.2:3
»O edle Freunde! O ihr Sucher nach dem Königreich Gottes! Der Mensch sucht überall auf der Welt nach Gott. Nur Gott existiert wirklich; doch die Wirklichkeit des Göttlichen ist über alles Verstehen geheiligt.
1.2:4
Die Bilder des Göttlichen, die uns in den Sinn kommen, sind das Erzeugnis unserer Phantasie; sie existieren im Reich unserer Vorstellung. Sie werden der Wahrheit nicht gerecht. Das Wesen der Wahrheit lässt sich nicht in Worte fassen.
1.2:5
Das göttliche Wesen lässt sich nicht erfassen, da es umfassend ist.
1.2:6
Auch der Mensch existiert wirklich, wird aber von Gott umfasst. Daher ist das Göttliche, das der Mensch verstehen kann, nur ein Teil; es ist nicht das Ganze. Das Göttliche ist die eigentliche Wahrheit und das wirkliche Sein, nicht irgendeine Darstellung davon. Das Göttliche birgt das All; es ist selbst nicht Inhalt eines anderen.
1.2:7
Obwohl dem Mineral, der Pflanze, dem Tier und dem Menschen, jedem für sich, wirkliches Sein zukommt, hat das Mineral dennoch kein Wissen von der Pflanze. Es kann die Pflanze nicht wahrnehmen. Es kann sich weder ein Bild von ihr machen noch sie begreifen.
1.2:8
Dasselbe gilt für die Pflanze. Sie mag noch so weit fortschreiten und sich entwickeln, nie wird sie je einen Begriff vom Tier haben oder es verstehen. Sie hat von ihm sozusagen keine Ahnung. Sie hat keine Ohren, kein Seh- und kein Begriffsvermögen.
1.2:9
Ebenso verhält es sich mit dem Tier. Welch große Fortschritte es innerhalb seines Schöpfungsreiches auch machen mag, wie ausgeprägt seine Empfindungen auch werden mögen, es wird keinen wirklichen Begriff von der Welt des Menschen oder dessen besonderen intellektuellen Fähigkeiten haben.
1.2:10
Das Tier kann weder verstehen, dass die Erde rund ist, noch dass sie sich im All bewegt. Es begreift weder den zentralen Standort der Sonne, noch kann es sich etwas wie den alldurchdringenden Äther vorstellen.
1.2:11
Mineral, Pflanze, Tier und der Mensch selbst sind real existierende Wesen. Aber der Unterschied zwischen ihren Schöpfungsreichen hindert die der niedrigeren Stufe Angehörenden daran, Wesen und Seinsweise der auf der höheren Stufe Stehenden zu begreifen. Da dem so ist, wie kann dann das Zeitbedingte, Irdische den Herrn der Heerscharen erfassen?
1.2:12
Das ist offensichtlich unmöglich!
1.2:13
Aber das Wesen des Göttlichen, die Sonne der Wahrheit, scheint von allen Horizonten und ergießt ihre Strahlen über alle Dinge. Jedes Geschöpf ist Empfänger eines gewissen Anteils dieser Kraft, und der Mensch, der in sich die Vollkommenheiten des Minerals, der Pflanze und des Tieres zusammen mit den ihn allein auszeichnenden Merkmalen vereint, ist zum edelsten aller erschaffenen Wesen geworden. Es steht geschrieben, dass er nach dem Bilde Gottes geschaffen ist. Er entdeckt verborgene Mysterien und bringt versteckte Geheimnisse ans Licht. Durch Wissenschaft und Kunst lässt er verborgene Kräfte ins Reich der sichtbaren Welt treten. Der Mensch erkennt die in den erschaffenen Dingen verborgenen Gesetze und arbeitet mit ihnen.
1.2:14
Der vollkommene Mensch, der Prophet, ist am Ende jener, der verklärt wurde, der die Reinheit und Klarheit eines vollkommenen Spiegels besitzt und die Sonne der Wahrheit widerspiegelt. Von einem solchen vollkommenen Menschen, einem solchen Propheten oder Sendboten, können wir sagen, in ihm wohnt das Licht des göttlichen Wesens mit seinen himmlischen Vollkommenheiten.
1.2:15
Wenn wir behaupten, die Sonne sei im Spiegel sichtbar, dann meinen wir nicht, dass die Sonne selbst aus den heiligen Höhen ihres Himmels herabgestiegen und in den Spiegel eingetreten sei! Das ist unmöglich. Die Göttliche Natur wird in ihren Manifestationen sichtbar, und ihr Licht und Glanz zeigen sich in höchstem Ruhm.
1.2:16
Darum sind die Menschen zu allen Zeiten von den Propheten Gottes gelehrt und geführt worden. Die Propheten Gottes sind die Mittler Gottes. Alle Propheten und Boten sind von dem Einen Heiligen Geist gekommen und tragen die Botschaft Gottes, die jeweils dem Zeitalter angepasst ist, in dem sie erscheinen. Das Eine Licht ist in ihnen, und sie sind eins untereinander. Aber das Ewige wird nicht zur Erscheinung, noch kann die bloße Erscheinung zum Ewigen werden.
1.2:17
Der große Apostel Paulus hat gesagt: ›Wenn wir mit offenem Angesicht wie in einem Spiegel die Herrlichkeit Gottes schauen, werden wir alle in dieses selbe Bild verwandelt, von Herrlichkeit zu Herrlichkeit, durch den Geist des Herrn.‹vgl. 2 Kor. 3:18 – Anm. d. Hrsg.Q
1.2:18
O Gott, o Vergeber! O Himmlischer Erzieher! Diese Versammlung ist mit der Erwähnung Deines heiligen Namens geschmückt. Deine Kinder wenden ihr Antlitz Deinem Königreiche zu, die Herzen werden beglückt und die Seelen erquickt.
1.2:19
Gnädiger Gott! Gib, dass wir unsere Verfehlungen bereuen! Nimm uns an in Deinem himmlischen Königreich und weise uns eine Stätte zu, wo es kein Irren gibt. Gib uns Frieden, gib uns Wissen und öffne vor uns die Tore Deines Himmels.
1.2:20
Du bist der Geber aller Gaben! Du bist der Vergebende! Du bist der Gnädige. Amen.«
Theosophische Gesellschaft: Einführung
1.3:1
Auf ausdrücklichen Wunsch der Vorsitzenden, Mrs. Annie Besant, besuchte ‘Abdu’l-Bahá am 30. September die Theosophische Gesellschaft in ihrem neuen Zentrum. Nachdem Mr. A. P. Sinnett kurz die Geschichte der Gesellschaft vorgetragen und freundliche Willkommensworte gesprochen hatte, erhob sich ‘Abdu’l-Bahá und hielt vor der zahlreichen Zuhörerschaft eine Rede über die unterscheidenden Merkmale der Bahá’í-Lehren, wobei Er die eifrige Suche der Gesellschaft nach Wahrheit mit herzlichen Worten würdigte.
Rede ‘Abdu’l-Bahás im Theosophischen Zentrum
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30. September 1911
1.3:2
»Verehrte Versammlung, o Freunde der Wahrheit! Das natürliche Wesen des Feuers ist, zu brennen, das natürliche Wesen der Elektrizität, Licht zu spenden, das natürliche Wesen der Sonne, zu scheinen, und das natürliche Wesen der organischen Erde die Kraft, etwas wachsen zu lassen.
1.3:3
Eine Sache lässt sich nicht von ihren natürlichen, ihr Wesen ausmachenden Eigenschaften abtrennen.
1.3:4
Es liegt im natürlichen Wesen der Dinge auf dieser Erde, sich zu verändern. Deshalb beobachten wir um uns herum den Wechsel der Jahreszeiten. Jedem Frühling folgt ein Sommer und jedem Herbst ein Winter, jedem Tag eine Nacht und jedem Abend ein Morgen. Alle Ereignisse geschehen folgerichtig der Reihe nach.
1.3:5
So kam es, dass, als Hass und Feindschaft, Kampf, Gemetzel und große Herzenskälte diese Welt regierten und Finsternis über die Nationen hereinbrach, am Horizont Persiens Bahá’u’lláh wie ein heller Stern erschien und mit dem machtvollen Licht der Führung leuchtete, himmlischen Strahlenglanz spendete und die neue Lehre stiftete.
1.3:6
Er sprach von den höchsten Tugenden des Menschen. Er machte die Kräfte des Geistes offenbar und zeigte, wie sie sich in der Welt, die Er vorfand, in die Praxis umsetzen lassen.
1.3:7
Erstens: Er legt großen Nachdruck auf das Suchen nach Wahrheit. Dies ist von höchster Bedeutung, denn die Menschen lassen sich nur zu leicht von Traditionen leiten. Allein aus diesem Grund entstehen oft Feindschaft und Streit.
1.3:8
Das Offenbarwerden der Wahrheit jedoch macht das zuvor Dunkle plötzlich erkennbar und wird zur Ursache der Harmonie zwischen Glaubensrichtungen und Bekenntnissen, denn die Wahrheit kann nicht zweigeteilt sein! Das ist nicht möglich.
1.3:9
Zweitens: Bahá’u’lláh lehrte die Einheit der Menschheit, das bedeutet, dass alle Menschenkinder unter der Barmherzigkeit Gottes, des Herrn, stehen. Sie sind die Söhne eines Gottes, sie werden von Gott erzogen. Er setzt jedem einzelnen Gottesdiener die Krone des Menschseins aufs Haupt. Deshalb müssen alle Nationen und Völker einander als Brüder betrachten. Sie sind die Zweige, Blätter, Blüten und Früchte eines Baumes. Sie sind Perlen aus einer Muschel. Jedoch brauchen die Menschenkinder Erziehung und Kultur, und sie müssen poliert werden, bis sie strahlen und glänzen.
1.3:10
Beide, Männer und Frauen, sollten die gleiche Erziehung erhalten und als gleichwertig betrachtet werden.
1.3:11
Rassische, vaterländische, religiöse und Klassenvorurteile waren und sind die Ursache für den Niedergang der Menschheit.
1.3:12
Drittens: Nach der Lehre Bahá’u’lláhs ist Religion das wichtigste Fundament für Liebe und Einheit und die Ursache für Harmonie. Wird eine Religion zum Anlass für Hass und Missklang, wäre es besser, es gäbe sie gar nicht. Ohne eine solche Religion zu sein, wäre besser, als mit ihr zu leben.
1.3:13
Viertens: Religion und Wissenschaft sind eng miteinander verflochten und können nicht getrennt werden. Sie sind die beiden Flügel, mit denen die Menschheit fliegen muss. Ein Flügel genügt nicht. Jede Religion, die sich nicht mit Wissenschaft befasst, ist bloße Tradition und geht am Wesentlichen vorbei. Deshalb sind für ein erfülltes religiöses Leben Wissenschaft, Bildung und Kultur absolute Notwendigkeiten.
1.3:14
Fünftens: Die Wirklichkeit der Religionen Gottes ist eine gemeinsame, denn es gibt nur eine einzige Wirklichkeit; es kann nicht zwei Wirklichkeiten geben. Alle Propheten stimmen in ihrer Botschaft felsenfest überein. Sie sind wie die Sonne: Sie gehen zu den verschiedenen Jahreszeiten an unterschiedlichen Punkten des Horizontes auf. Darum verkündete jeder Prophet früherer Zeitalter die Frohbotschaft einer kommenden Zeit, und jede neue Zeit hat die Vergangenheit anerkannt.
1.3:15
Sechstens: Gleichheit und Brüderlichkeit müssen unter allen Gliedern der menschlichen Gemeinschaft herrschen. Das entspricht der Gerechtigkeit. Die allgemeinen Menschenrechte müssen geschützt und festgeschrieben werden.
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