‘Abdu’l-Bahá | ‘Abdu’l-Bahá in London
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Dem Vorsitzenden folgten Sir Richard Stapley, Mr. Eric Hammond, Mr. Claude Montefiore, Mrs. Stannard aus Ägypten und einige andere. Als ‘Abdu’l-Bahá den Saal verließ, drängten sich auf dem Bürgersteig die Armen aus der Umgebung, um Ihn zu sehen. Ein lahmes Mädchen auf Krücken, das Ihn sehnsüchtig anschaute, wurde extra zu Ihm hingeführt.
Abschiedstreffen für ‘Abdu’l-Bahá
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29. September 1911
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Auf Einladung von Mrs. Thornburgh-Cropper fanden sich am letzten Freitagabend im großen Saal des Passmore Edwards’ Settlement, Tavistock Place, etwa vierhundertsechzig Damen und Herren der Gesellschaft ein, um ‘Abdu’l-Bahá ‘Abbás am Vorabend Seiner Abreise nach Paris Lebewohl zu sagen. Seit Seiner Ankunft in London am Abend des 4. September verbrachte Er vier glückliche, ereignisreiche Wochen in unserer Mitte. Abgesehen von einem Kurzbesuch in Bristol letzte Woche weilte Er in Cadogan Gardens 97. Seine Zeit wurde vorwiegend von Gesprächen mit Menschen in Anspruch genommen, die Ihn gerne treffen wollten. Darunter waren nicht wenige, deren Namen in diesem Land in aller Munde sind, und einige reisten von weit her an, um Ihm persönlich zu begegnen.
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Am Freitagabend herrschte ein wunderbarer Geist. Die Stimmung unterschied sich sehr von der einer gewöhnlichen Versammlung oder religiösen Zusammenkunft. Jeder Anwesende wurde durch die feine, geistige Atmosphäre der Veranstaltung bereichert. Die angesprochenen Themen kreisten alle um Brüderlichkeit, Einheit und Frieden. Ein Bericht über die Ansprachen kann höchstens eine unzureichende Ahnung von deren Wirkung vermitteln, aber sie waren alle so gut durchdacht, so aufrichtig und so vorzüglich in Worte gefasst, dass sie der Wiedergabe wert sind. Neben anderen Personen teilte Amír ‘Alí Siyyid schriftlich sein Bedauern mit, dass er nicht anwesend sein konnte, und Erzdiakon Wilberforce sandte eine herzliche Grußbotschaft.
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Nach dem Vaterunser und Gebeten für Einheit, verfasst von Bahá’u’lláh und Gelasius (fünftes Jahrhundert) sprach Professor Michael Sadler die folgenden Worte.
Ansprache von Professor Michael Sadler
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»Wir sind zusammengekommen, um ‘Abdu’l-Bahá Lebewohl zu sagen und um Gott zu danken für Sein Vorbild und die Lehren, die Er gegeben hat, sowie für die Macht Seines Gebets, Licht in verworrenes Denken zu bringen, Hoffnung an die Stelle von Furcht zu setzen, Glaube dorthin zu tragen, wo Zweifel herrschte, und in gequälte Herzen die Liebe zu senken, die Selbstsucht und Angst überwindet.
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Obwohl wir alle trotz gemeinsamer Glaubensbekenntnisse doch unterschiedliche persönliche Überzeugungen hegen, hat ‘Abdu’l-Bahá für uns alle eine Botschaft von Einheit, Mitmenschlichkeit und Frieden. Er fordert uns auf, aufrichtig und ehrlich zu sein in dem, was wir als Glauben bekennen, und vor allen Dingen den Geist zu ehren, der hinter der Form steht. Mit Ihm verbeugen wir uns vor dem verborgenen Namen, vor dem, was eines jeden Lebens innerster Kern ist. Er gebietet uns, in furchtloser Treue zu unserem eigenen Glauben Gott zu dienen, jedoch mit wachsendem Verlangen nach Einheit, Brüderlichkeit und Liebe, so dass wir uns mit der Kraft des Geistes und aus vollem Herzen aufmachen, die über Klasse und Rasse erhabene zeitlose Absicht Gottes besser zu begreifen.«
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Professor Sadler schloss mit einem wunderschönen Gebet von James Martineau.
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Mr. Eric Hammond sagte, die Bahá’í-Bewegung trete für die Einheit ein, das bedeute: ein Gott, eine Menschenfamilie. Ungezählt viele Seelen bekundeten die göttliche Einheit, eine so vollkommene Einheit, dass Unterschiede in Farbe oder Konfession keinen Raum lassen, zwischen den Manifestationen Gottes zu unterscheiden. Alle diese Seelen legten eine umfassende Menschenliebe an den Tag, die auch die sozial am tiefsten stehenden und die unbedeutendsten, heruntergekommensten Menschen mit einschloss. Einigkeit, Mitgefühl und Brüderlichkeit führten letztendlich zu universeller Eintracht. Er schloss mit einem Zitat von Bahá’u’lláh, wonach die Sache Gottes für das Wohl der Welt bestimmt sei und weder auf den Osten noch auf den Westen beschränkt werden könne.
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Miss Alice Buckton sagte, wir stünden am Beginn einer der Frühlingszeiten der Welt. Der Einfluss, der von dieser Zusammenkunft von Vertretern der Welt des Denkens, der Arbeit und der Liebe ausgehe, werde weltweit Einheit und Brüderlichkeit bewirken. Die völlige Gleichberechtigung von Mann und Frau sei eines der hervorstechendsten Merkmale der Bahá’í-Lehre.
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Sir Richard Stapley hob hervor, dass Einheit nicht in Bräuchen und formalen Nebensachen, sondern im inneren Geist der Religion gesucht werden muss. Persien habe einen solchen Impuls hin zu wirklicher Einheit erfahren; für dieses sogenannte christliche Land sei das wie eine Rüge.
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Mr. Claude Montefiore freute sich als Jude über den wachsenden Geist der Einheit und sah in diesem Treffen ein Vorzeichen für das Herannahen besserer Zeiten und in gewisser Hinsicht die Erfüllung der von einem römisch-katholischen Märtyrer, Sir Thomas More, ausgesprochenen und beschriebenen Idee von der großen Kirche der Utopier, in der alle verschiedenen Glaubensrichtungen sich versammeln und einen Gottesdienst mit einer Liturgie abhalten, die eine höhere Einheit bekundet und gleichzeitig besondere Treuebindungen zulässt.
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Mrs. Stannard ging näher darauf ein, was diese Versammlung und die hier ausgedrückten Gefühle für den Osten und dort besonders für die Frauen und deren im Westen schwer begreifbare Lage bedeuteten.
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Tammaddun’ul-Mulk bestätigte den einigenden Einfluss, den die Bahá’í-Bewegung in Persien gehabt habe, und auf welch erstaunliche Weise sie sich in Amerika und anderen Ländern verbreitet habe.
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Dann erhob sich ‘Abdu’l-Bahá, um Seine Abschiedsrede zu halten. Als eindrucksvolle Gestalt, die Gesichtszüge eher erschöpft, aber die Augen voller Leben, stand Er etwa fünfzehn Minuten da und sprach in sanft melodischem Persisch. Mit ausgebreiteten Armen, die Handflächen nach oben, schloss Er mit einem Gebet.
Abschiedsrede ‘Abdu’l-Bahás
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»O edle Freunde und Sucher nach dem Reich Gottes! Vor etwa sechzig Jahren, zu einer Zeit, als das Feuer des Krieges unter den Nationen der Welt loderte und die Menschheit Blutvergießen für ehrbar hielt, zu einer Zeit, als das Abschlachten Tausender die Erde mit Blut befleckte, Kinder ihrer Väter beraubt wurden, Väter keine Söhne mehr hatten und Mütter sich in Tränen verzehrten, als die Finsternis des Hasses und der Feindschaft zwischen den Rassen die Menschheit zu verschlingen und das göttliche Licht zu verhüllen drohte, als das Wehen des heiligen Hauches Gottes scheinbar erstickt wurde – in dieser Zeit erhob sich am Horizont Persiens Bahá’u’lláh gleich einem strahlenden Stern. Er war betraut mit der Botschaft von Frieden und Brüderlichkeit unter den Menschen.
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Er brachte der Welt das Licht der Führung; Er entzündete das Feuer der Liebe und offenbarte die erhabene Wirklichkeit des Wahren Geliebten. Vorurteilen der Rasse und der Religion und politischer Rivalität suchte Er den Boden zu entziehen.
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Er verglich die Menschenwelt mit einem Baum und alle Nationen mit dessen Zweigen und die Menschen mit seinen Blättern, Knospen und Früchten.
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Es war Sein Anliegen, unwissenden Fanatismus in allumfassende Liebe zu wandeln, im Denken und Fühlen Seiner Anhänger die Grundlage für die Einheit der Menschheit zu legen und die Gleichheit der Menschen praktisch herbeizuführen. Er sprach von der Gleichheit aller Menschen unter der Gnade und Barmherzigkeit Gottes.
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Alsdann wurde das Tor des Reiches Gottes weit geöffnet, und die Sonne eines neuen Himmels auf Erden offenbarte sich den wahrhaft sehenden Augen.
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Bahá’u’lláh war jedoch Zeit Seines Lebens von schweren Heimsuchungen betroffen und grausamer Unterdrückung ausgeliefert. In Persien wurde Er ins Gefängnis geworfen und in Ketten gelegt und lebte unter ständiger Bedrohung des Schwertes. Er wurde verhöhnt und ausgepeitscht.
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Als Er etwa dreißig Jahre alt war, verbannte man Ihn nach Baghdád, dann von Baghdád nach Konstantinopel, von dort nach Adrianopel und zuletzt in die Festung ‘Akká.
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Doch selbst in Ketten und aus Seiner Gefängniszelle heraus gelang es Ihm, Seine Sache zu verbreiten und das Banner der Einheit der Menschheit aufzupflanzen.
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Gelobt sei Gott! Jetzt sehen wir das Licht der Liebe im Osten wie im Westen leuchten, und das Zelt der Brüderlichkeit ist inmitten aller Völker errichtet worden, auf dass alle Herzen und Seelen sich darin versammeln mögen.
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Der Ruf des Gottesreiches ist erschallt, und die Kunde, dass die Welt den universalen Frieden dringend nötig hat, brachte das Weltgewissen zur Einsicht.
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Ich hoffe, dass durch die inbrünstige Hingabe derer, die reinen Herzens sind, die Finsternis aus Hass und Streit gänzlich getilgt und der Liebe und Einheit Licht leuchten werde. Diese Welt soll eine neue Welt werden. Materielles soll zum Spiegel des Göttlichen werden. Menschenherzen sollen einander begegnen und einander bereitwillig annehmen. Die ganze Welt soll zum Heimatland des Menschen werden und die verschiedenen Rassen als eine einzige gelten.
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Wortstreit und Uneinigkeit werden dann dahinschwinden und der göttliche Geliebte wird auf dieser Erde offenbar werden.
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Wie Ost und West von einer Sonne erleuchtet werden, so wird man alle Rassen, Nationen und Glaubensbekenntnisse als die Diener des einen Gottes ansehen. Die ganze Erde ist eine Heimat, und alle Völker sind in die Einheit der Gnade Gottes eingetaucht – würden sie es nur erkennen. Gott hat sie alle erschaffen. Er sorgt für alle. Er leitet und erzieht alle unter der Obhut Seiner Gnadenfülle. Wir müssen dem Beispiel folgen, das Gott selbst uns gibt, und allen Hader und Wortstreit aus der Welt schaffen.
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Gelobt sei Gott! Die Zeichen der Freundschaft mehren sich, und als Beweis dafür habe ich heute, vom Osten kommend, in diesem westlichen London in höchstem Maße Wohlwollen, Achtung und Liebe erfahren. Ich bin zutiefst dankbar und glücklich. Die mit Ihnen gemeinsam verbrachten Stunden werde ich niemals vergessen.
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Vierzig Jahre habe ich in einem türkischen Gefängnis verbracht. Dann rüttelte 1908 das Komitee für Einheit und Fortschritt der Jungtürken an den Toren der Tyrannei und ließ alle Gefangenen frei, auch mich. Gott möge alle segnen, die für Einheit und Fortschritt arbeiten. Darum bete ich.
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In Zukunft wird man unwahre Berichte über Bahá’u’lláh ausstreuen, um die Verbreitung der Wahrheit zu verhindern. Ich sage Ihnen das, damit Sie wachsam und vorbereitet sind.
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Ich nehme von Ihnen Abschied mit dem Gebet, dass Sie die Schönheit des Gottesreichs in ihrer ganzen Fülle empfangen mögen. In tiefem Bedauern darüber, dass wir uns trennen müssen, sage ich Ihnen Lebewohl.«
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Nachdem Professor Sadler die Übersetzung der Abschiedsrede verlesen hatte, spendete ‘Abdu’l-Bahá zum Abschluss der Zusammenkunft mit melodischer und rhythmisch bewegter Stimme allen Seinen Segen.
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Wenn diese Zeilen erscheinen, wird ‘Abdu’l-Bahá unsere Küsten bereits verlassen haben. Die Erinnerung an Seine gütige Persönlichkeit ist jedoch ein bleibender Schatz. Sein Einfluss wird noch in künftigen Zeiten zu spüren sein. Bereits jetzt hat Er sehr viel dazu beigetragen, die von vielen seit langem ersehnte Einigung von Ost und West voranzubringen.
London W., 10 Cheniston Gardens
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Die nachfolgenden Aufzeichnungen wurden The Quarterly Record of ›Higher Thought‹ Work (Zentrum für Höheres Denken) vom November 1911 entnommen.
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Eine der interessantesten und bedeutendsten Veranstaltungen, die stattfanden, war der Besuch ‘Abdu’l-Bahás in London. Der persische Weise hat Sein im Gefängnis verbrachtes Leben in den Dienst der Förderung von Frieden und Einheit gestellt und verfolgt dabei die einzig zielführende Methode, nämlich die Förderung der geistigen Entwicklung des Einzelmenschen. Er muss im wahrsten Sinne des Wortes »viel ertragen«, und »das Licht geschaut«vgl. Jes. 53:11; siehe besonders die Luther-Übersetzung (Anm. d. Übers.).Q haben. Er wurde nicht nur privat von fast jedem ernsthaften Wahrheitssucher und wegweisenden Denker in London besucht. Seine Botschaft wurde auch Tausenden vermittelt, die Seinen Namen zuvor kaum je gehört hatten.
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