‘Abdu’l-Bahá | ‘Abdu’l-Bahá in London
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1.4:12
Miss Alice Buckton sagte, wir stünden am Beginn einer der Frühlingszeiten der Welt. Der Einfluss, der von dieser Zusammenkunft von Vertretern der Welt des Denkens, der Arbeit und der Liebe ausgehe, werde weltweit Einheit und Brüderlichkeit bewirken. Die völlige Gleichberechtigung von Mann und Frau sei eines der hervorstechendsten Merkmale der Bahá’í-Lehre.
1.4:13
Sir Richard Stapley hob hervor, dass Einheit nicht in Bräuchen und formalen Nebensachen, sondern im inneren Geist der Religion gesucht werden muss. Persien habe einen solchen Impuls hin zu wirklicher Einheit erfahren; für dieses sogenannte christliche Land sei das wie eine Rüge.
1.4:14
Mr. Claude Montefiore freute sich als Jude über den wachsenden Geist der Einheit und sah in diesem Treffen ein Vorzeichen für das Herannahen besserer Zeiten und in gewisser Hinsicht die Erfüllung der von einem römisch-katholischen Märtyrer, Sir Thomas More, ausgesprochenen und beschriebenen Idee von der großen Kirche der Utopier, in der alle verschiedenen Glaubensrichtungen sich versammeln und einen Gottesdienst mit einer Liturgie abhalten, die eine höhere Einheit bekundet und gleichzeitig besondere Treuebindungen zulässt.
1.4:15
Mrs. Stannard ging näher darauf ein, was diese Versammlung und die hier ausgedrückten Gefühle für den Osten und dort besonders für die Frauen und deren im Westen schwer begreifbare Lage bedeuteten.
1.4:16
Tammaddun’ul-Mulk bestätigte den einigenden Einfluss, den die Bahá’í-Bewegung in Persien gehabt habe, und auf welch erstaunliche Weise sie sich in Amerika und anderen Ländern verbreitet habe.
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Dann erhob sich ‘Abdu’l-Bahá, um Seine Abschiedsrede zu halten. Als eindrucksvolle Gestalt, die Gesichtszüge eher erschöpft, aber die Augen voller Leben, stand Er etwa fünfzehn Minuten da und sprach in sanft melodischem Persisch. Mit ausgebreiteten Armen, die Handflächen nach oben, schloss Er mit einem Gebet.
Abschiedsrede ‘Abdu’l-Bahás
1.4:18
»O edle Freunde und Sucher nach dem Reich Gottes! Vor etwa sechzig Jahren, zu einer Zeit, als das Feuer des Krieges unter den Nationen der Welt loderte und die Menschheit Blutvergießen für ehrbar hielt, zu einer Zeit, als das Abschlachten Tausender die Erde mit Blut befleckte, Kinder ihrer Väter beraubt wurden, Väter keine Söhne mehr hatten und Mütter sich in Tränen verzehrten, als die Finsternis des Hasses und der Feindschaft zwischen den Rassen die Menschheit zu verschlingen und das göttliche Licht zu verhüllen drohte, als das Wehen des heiligen Hauches Gottes scheinbar erstickt wurde – in dieser Zeit erhob sich am Horizont Persiens Bahá’u’lláh gleich einem strahlenden Stern. Er war betraut mit der Botschaft von Frieden und Brüderlichkeit unter den Menschen.
1.4:19
Er brachte der Welt das Licht der Führung; Er entzündete das Feuer der Liebe und offenbarte die erhabene Wirklichkeit des Wahren Geliebten. Vorurteilen der Rasse und der Religion und politischer Rivalität suchte Er den Boden zu entziehen.
1.4:20
Er verglich die Menschenwelt mit einem Baum und alle Nationen mit dessen Zweigen und die Menschen mit seinen Blättern, Knospen und Früchten.
1.4:21
Es war Sein Anliegen, unwissenden Fanatismus in allumfassende Liebe zu wandeln, im Denken und Fühlen Seiner Anhänger die Grundlage für die Einheit der Menschheit zu legen und die Gleichheit der Menschen praktisch herbeizuführen. Er sprach von der Gleichheit aller Menschen unter der Gnade und Barmherzigkeit Gottes.
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Alsdann wurde das Tor des Reiches Gottes weit geöffnet, und die Sonne eines neuen Himmels auf Erden offenbarte sich den wahrhaft sehenden Augen.
1.4:23
Bahá’u’lláh war jedoch Zeit Seines Lebens von schweren Heimsuchungen betroffen und grausamer Unterdrückung ausgeliefert. In Persien wurde Er ins Gefängnis geworfen und in Ketten gelegt und lebte unter ständiger Bedrohung des Schwertes. Er wurde verhöhnt und ausgepeitscht.
1.4:24
Als Er etwa dreißig Jahre alt war, verbannte man Ihn nach Baghdád, dann von Baghdád nach Konstantinopel, von dort nach Adrianopel und zuletzt in die Festung ‘Akká.
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Doch selbst in Ketten und aus Seiner Gefängniszelle heraus gelang es Ihm, Seine Sache zu verbreiten und das Banner der Einheit der Menschheit aufzupflanzen.
1.4:26
Gelobt sei Gott! Jetzt sehen wir das Licht der Liebe im Osten wie im Westen leuchten, und das Zelt der Brüderlichkeit ist inmitten aller Völker errichtet worden, auf dass alle Herzen und Seelen sich darin versammeln mögen.
1.4:27
Der Ruf des Gottesreiches ist erschallt, und die Kunde, dass die Welt den universalen Frieden dringend nötig hat, brachte das Weltgewissen zur Einsicht.
1.4:28
Ich hoffe, dass durch die inbrünstige Hingabe derer, die reinen Herzens sind, die Finsternis aus Hass und Streit gänzlich getilgt und der Liebe und Einheit Licht leuchten werde. Diese Welt soll eine neue Welt werden. Materielles soll zum Spiegel des Göttlichen werden. Menschenherzen sollen einander begegnen und einander bereitwillig annehmen. Die ganze Welt soll zum Heimatland des Menschen werden und die verschiedenen Rassen als eine einzige gelten.
1.4:29
Wortstreit und Uneinigkeit werden dann dahinschwinden und der göttliche Geliebte wird auf dieser Erde offenbar werden.
1.4:30
Wie Ost und West von einer Sonne erleuchtet werden, so wird man alle Rassen, Nationen und Glaubensbekenntnisse als die Diener des einen Gottes ansehen. Die ganze Erde ist eine Heimat, und alle Völker sind in die Einheit der Gnade Gottes eingetaucht – würden sie es nur erkennen. Gott hat sie alle erschaffen. Er sorgt für alle. Er leitet und erzieht alle unter der Obhut Seiner Gnadenfülle. Wir müssen dem Beispiel folgen, das Gott selbst uns gibt, und allen Hader und Wortstreit aus der Welt schaffen.
1.4:31
Gelobt sei Gott! Die Zeichen der Freundschaft mehren sich, und als Beweis dafür habe ich heute, vom Osten kommend, in diesem westlichen London in höchstem Maße Wohlwollen, Achtung und Liebe erfahren. Ich bin zutiefst dankbar und glücklich. Die mit Ihnen gemeinsam verbrachten Stunden werde ich niemals vergessen.
1.4:32
Vierzig Jahre habe ich in einem türkischen Gefängnis verbracht. Dann rüttelte 1908 das Komitee für Einheit und Fortschritt der Jungtürken an den Toren der Tyrannei und ließ alle Gefangenen frei, auch mich. Gott möge alle segnen, die für Einheit und Fortschritt arbeiten. Darum bete ich.
1.4:33
In Zukunft wird man unwahre Berichte über Bahá’u’lláh ausstreuen, um die Verbreitung der Wahrheit zu verhindern. Ich sage Ihnen das, damit Sie wachsam und vorbereitet sind.
1.4:34
Ich nehme von Ihnen Abschied mit dem Gebet, dass Sie die Schönheit des Gottesreichs in ihrer ganzen Fülle empfangen mögen. In tiefem Bedauern darüber, dass wir uns trennen müssen, sage ich Ihnen Lebewohl.«
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Nachdem Professor Sadler die Übersetzung der Abschiedsrede verlesen hatte, spendete ‘Abdu’l-Bahá zum Abschluss der Zusammenkunft mit melodischer und rhythmisch bewegter Stimme allen Seinen Segen.
1.4:36
Wenn diese Zeilen erscheinen, wird ‘Abdu’l-Bahá unsere Küsten bereits verlassen haben. Die Erinnerung an Seine gütige Persönlichkeit ist jedoch ein bleibender Schatz. Sein Einfluss wird noch in künftigen Zeiten zu spüren sein. Bereits jetzt hat Er sehr viel dazu beigetragen, die von vielen seit langem ersehnte Einigung von Ost und West voranzubringen.
London W., 10 Cheniston Gardens
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Die nachfolgenden Aufzeichnungen wurden The Quarterly Record of ›Higher Thought‹ Work (Zentrum für Höheres Denken) vom November 1911 entnommen.
1.5:1
Eine der interessantesten und bedeutendsten Veranstaltungen, die stattfanden, war der Besuch ‘Abdu’l-Bahás in London. Der persische Weise hat Sein im Gefängnis verbrachtes Leben in den Dienst der Förderung von Frieden und Einheit gestellt und verfolgt dabei die einzig zielführende Methode, nämlich die Förderung der geistigen Entwicklung des Einzelmenschen. Er muss im wahrsten Sinne des Wortes »viel ertragen«, und »das Licht geschaut«vgl. Jes. 53:11; siehe besonders die Luther-Übersetzung (Anm. d. Übers.).Q haben. Er wurde nicht nur privat von fast jedem ernsthaften Wahrheitssucher und wegweisenden Denker in London besucht. Seine Botschaft wurde auch Tausenden vermittelt, die Seinen Namen zuvor kaum je gehört hatten.
1.5:2
‘Abdu’l-Bahá kannte das Higher Thought Centre gut als den Ort, an dem die Bahá’í ihre wöchentlichen Versammlungen unter der Leitung von Miss Rosenberg abhielten, und erst zwei Tage vor Seiner Abreise nahm Er eine Einladung in das Zentrum an. ‘Abdu’l-Bahá ließ durch Seinen Übersetzer Grußworte übermitteln und hielt eine kurze, eindrucksvolle Ansprache, in der Er hervorhob, welch ein Segen auf einer solchen Versammlung ruhe, die in einer Atmosphäre von Einheit und geistigem Streben zusammenkam. Er schloss mit einem demütig gesprochenen Gebet in Seiner Muttersprache und einem Segenswunsch, den alle Anwesenden als sehr aufrichtig empfanden.
1.5:3
Am nächsten Tag traf im Zentrum eine Botschaft ‘Abdu’l-Bahás ein, in der Er Seine große Dankbarkeit für all das Wohlwollen ausdrückt, das den Bahá’í erwiesen wird, und die mit den Worten endet: »Es kommt nicht darauf an, wie sich jemand nennt – es gibt nur eine große Aufgabe!«
1.5:4
»Christus ist stets gegenwärtig in der Welt des Seins. Er hat sie nie verlassen … Seid gewiss, dass Christus anwesend ist. Die geistige Schönheit, die wir heute um uns wahrnehmen, entstammt dem Lebenshauch Christi.«
Botschaft von ‘Abdu’l-Bahá, verfasst für The Christian Commonwealth
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veröffentlicht am 29. September 1911
1.6:1
»Gott sendet Propheten, damit sie die Menschen erziehen und die Menschheit Fortschritte macht. Jede dieser Manifestationen Gottes hat die Menschheit vorangebracht. Durch Gottes Gnade dienen sie der ganzen Welt. Den sicheren Beweis, dass sie Offenbarer Gottes sind, erbringt die Erziehung und Weiterentwicklung der Menschen. Die Juden waren in einem Zustand tiefster Unwissenheit und Gefangene des Pharao, als Moses erschien und sie auf eine hohe Kulturstufe führte. So kam das Reich Salomos zustande und die Menschheit lernte Wissenschaft und Kunst kennen. Selbst griechische Philosophen studierten die Lehren Salomos. Damit wurde die Prophetenschaft Mose unter Beweis gestellt.
1.6:2
Im Laufe der Zeit sind die Israeliten moralisch verkommen und wurden von den Römern und den Griechen unterworfen. Da erhob sich am Horizont über den Israeliten der strahlende Stern Jesu und erleuchtete die Welt, bis allen Sekten, Bekenntnissen und Völkern das an der Einheit so Wunderbare kundgetan war. Es gibt keinen besseren Beweis als diesen für die Tatsache, dass Jesus das Wort Gottes war.
1.6:3
Ebenso verhielt es sich mit den Völkern Arabiens, die als unzivilisiert galten und von den Persern und Griechen unterdrückt wurden. Als das Licht Muḥammads zu leuchten begann, erstrahlte ganz Arabien. Diese unterdrückten und gering geschätzten Völker wurden aufgeklärt und kultiviert und zwar in solchem Maße, dass andere Völker die arabische Zivilisation übernahmen. Das war der Beweis für Muḥammads göttliche Sendung.
1.6:4
Alle Lehren der Propheten sind wesenseins. So gibt es nur eine Religion, ein die Welt erleuchtendes göttliches Licht. Unter dem Banner der Einheit der Menschheit sollten nun alle Menschen jedweden Bekenntnisses ihre Vorurteile ablegen, Freunde werden und an alle Propheten glauben. Wie die Christen an Moses, so sollten die Juden an Christus glauben. Wie die Muslime an Christus und Moses, so sollten die Juden und Christen gleichfalls an Muḥammad glauben. Dann gäbe es keinen Streit mehr, so wären alle vereint. Genau zu diesem Zweck erschien Bahá’u’lláh. Er machte aus den drei Religionen eine. Er hob inmitten der Welt das Banner der Glaubenseinheit und der Ehre der Menschheit empor. Um dieses müssen wir uns heute scharen und mit Herz und Seele versuchen, die Einigung der Menschheit zuwege zu bringen.«
Ansprache, gehalten beim Einigkeitstreffen im Heim von Miss E. J. Rosenberg
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am 8. September 1911
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