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6:13»Die Frau hat für die Menschheit tatsächlich die größere Bedeutung. Sie hat die größere Last zu tragen und schwerere Arbeit zu leisten. Betrachten wir die Pflanzen- und die Tierwelt. Die fruchttragende Palme ist der vom Züchter am meisten geschätzte Baum. Der Araber weiß, dass auf einer weiten Reise die Stute den längeren Atem hat. Wegen ihrer größeren Kraft und Wildheit fürchtet der Jäger die Löwin mehr als den Löwen.
6:14Die bloße Größe des Gehirns erwies sich in keinerlei Weise als Grund für eine Überlegenheit. Die Frau hat mehr Zivilcourage als der Mann; sie hat auch besondere Gaben, die sie in Gefahr und Krisenzeiten befähigen, den Überblick zu bewahren. Wenn nötig wird sie sogar zur Kämpferin.«
Zenobia6:15‘Abdu’l-Bahá fragte die Anwesenden, ob sie die Geschichte von Zenobia und dem Untergang Palmyras kennen. Also erzählte Er die folgende Geschichte, begleitet von den für Ihn so charakteristischen würdigen, einfachen Gesten Seiner Hände.6:16»Im Altertum lebte in Syrien ein Herrscher,Nach spätantiker Geschichtsschreibung Septimus Odaenathus, der 261 mit römischer Duldung als ›Aufrichter des ganzen Ostens‹ den Schutz des Ostens übernahm und sein Reich über Syrien, Mesopotanien und Kilikien ausdehnte und nach Feldzügen gegen den persischen König Schapur 267 einem Attentat zum Opfer fiel (bzw. nach anderer Quelle in einer Schlacht fiel). (Anm. d. Übers.).A der eine schöne und kluge Frau hatte. Sie war so tüchtig, dass man sie nach dem Tod des Herrschers zur Regentin an seiner statt machte.Zenobia (arabisch: Zinab, syrisch/aramäisch: Bathzabbai) war eine aus einer romanisierten Familie stammende Araberin, hieß romanisiert zunächst Aurelia, nannte sich nach ihrer Regierungsübernahme Septimia und nach der Eroberung Ägyptens 270 ›Königin der Könige‹. Sie wird als äußerst gebildet, schön und tatkräftig geschildert, richtete sich in Kleidung und beim Hofzeremoniell nach persischen Vorbildern und pflegte intensive Kontakte zum Bischof von Antiochia, dem neuplatonischen Philosophen Longinus und Manichäern. Als sie sich ca. 272 ›Augusta‹ (Kaiserin) nannte und die Autonomie Palmyras signalisierte, provozierte dies den Feldzug des römischen Kaisers gegen sie. (Anm. d. Übers.).A Unter ihrer Herrschaft kam das Land zu Wohlstand, und die Männer anerkannten dankbar, dass sie besser regierte als ihr Mann. Nach einiger Zeit fielen römische Legionen ins Land ein, aber sie jagte sie immer wieder in die Flucht. Sie ließ ihr schönes Haar offen wallen und ritt selbst an der Spitze ihres Heeres, trug einen scharlachroten Mantel, eine goldene Krone und führte ein zweischneidiges Schwert in der Hand. Da zog der römische KaiserAurelian (214–275) (Anm. d. Übers.).A seine Streitmacht aus fünf anderen Provinzen ab, um sie zu unterwerfen. Nach langem, tapferem Kampf zog sich Zenobia in die Stadt Palmyra zurück, deren Festungsanlagen sie bewundernswert verstärkte. Dort hielt sie einer viermonatigen Belagerung stand, und dem Kaiser gelang es nicht, sie zu vertreiben. Schließlich waren die in der Festung gelagerten Nahrungsmittel aufgebraucht und die Not ihres hungernden, von Seuchen geplagten Volkes zwang sie, sich zu ergeben.
6:17Der Caesar bewunderte den Mut und die Ausdauer dieser großartigen Frau unendlich und bat sie, seine Frau zu werden. Sie aber lehnte ab und sagte, sie werde nie nachgeben und den Feind ihres Volkes zum Manne nehmen. Der Kaiser raste vor Wut und beschloss, sie zu demütigen. Auf der Rückfahrt nahm er sie auf seinen Schiffen mit nach Rom. Für seinen triumphalen Einzug wurde eine große Prozession zusammengestellt, und in den Straßen drängten sich die Menschen. In der Prozession kamen zuerst die Elefanten, nach den Elefanten kamen die Kamele, nach den Kamelen kamen die Tiger und Leoparden, nach den Leoparden kamen die Affen und ganz am Ende nach den Affen schritt Zenobia mit einer goldenen Kette um ihren Hals. Ruhig und hoch erhobenen Hauptes blieb sie fest in ihrer entschlossenen Haltung. Nichts konnte ihren Mut brechen! Sie weigerte sich, des Caesars Kaiserin zu werden. Also wurde sie in einen Kerker geworfen, wo sie schließlich starb.«
6:18‘Abdu’l-Bahá verstummte. Der Raum versank in tiefes Schweigen, das erst nach geraumer Zeit gebrochen wurde.6:19Bei einer anderen Gelegenheit sagte ‘Abdu’l-Bahá zu einem Ihn umgebenden Kreis von Freunden:6:20»Im Großen und Ganzen haben die Frauen heute einen stärkeren Sinn für Religion als die Männer. Die Intuition der Frau ist treffsicherer, sie ist aufnahmefähiger und ihre Intelligenz erfasst die Dinge rascher. Die Zeit wird kommen, in der die Frau geltend macht, dass sie dem Mann überlegen ist.
6:21Die Frau wurde allenthalben wegen ihrer Treue gelobt. Nachdem der Herr Christus den Märtyrertod erlitten hatte, weinten die Jünger und gaben sich ihrem Kummer hin. Sie meinten, ihre Hoffnungen seien zerstört und die Sache gänzlich verloren, bis Maria Magdalena zu ihnen kam und sie aufrichtete mit den Worten: ‚Trauert ihr um den Körper unseres Herrn oder um Seinen Geist? Wenn ihr um Seinen Geist trauert, seid ihr im Irrtum, denn Jesus lebt! Sein Geist wird uns niemals verlassen!’ So wurde durch ihre Weisheit und Ermutigung die Sache Christi für alle Zeiten am Leben erhalten. Ihre Intuition befähigte sie, die geistige Bedeutung zu erfassen.«
6:22‘Abdu’l-Bahá fügte dann hinzu: »Aber vor Gottes Antlitz ist das Geschlecht nicht von Bedeutung. Wer Gott am nächsten ist, der oder die ist am größten.«
6:23Als ‘Abdu’l-Bahá eines Morgens den Raum betrat, schaute Er sich um und sagte: »Unser Beisammensein ist wie ein Wunder. Nichts Rassisches, Politisches oder Patriotisches verbindet uns. Die Worte Bahá’u’lláhs führen uns zusammen, und genau so werden alle Rassen auf Erden vereint werden. Seid dessen sicher!«
Ein wahrer Bahá’í (2)6:24»Ich habe vorher noch nie von Bahá’u’lláh gehört«, sagte ein junger Mann. »Erst vor kurzem habe ich etwas über diese Bewegung gelesen. Ich halte das Anliegen ‘Abdu’l-Bahás jedoch für richtig und möchte gerne zu seinen Anhängern gehören. Ich habe immer daran geglaubt, dass Brüderlichkeit unter den Menschen die beste Lösung ist für alle unsere nationalen und internationalen Probleme.«6:25»Ob Sie jemals von Bahá’u’lláh gehört haben, ist nicht entscheidend«
, war die Antwort. »Der Mensch, der nach den Lehren Bahá’u’lláhs lebt, ist schon ein Bahá’í. Andererseits kann jemand sich fünfzig Jahre lang Bahá’í nennen; wenn er aber nicht das Leben eines Bahá’í führt, dann ist er kein Bahá’í. Ein hässlicher Mensch mag sich selbst schön nennen, aber er täuscht niemanden, und ein Schwarzer mag sich selbst weiß nennen, doch auch er vermag niemanden zu täuschen, nicht einmal sich selbst.«
Der künftige Friede6:26»Durch welche Schritte«, fuhr der Fragende fort, »wird dieser Friede auf Erden errichtet? Wird er plötzlich nach einer weltweiten Verkündung der Wahrheit kommen?«6:27»Nein, er wird schrittweise erreicht,«
sagte ‘Abdu’l-Bahá. »Eine Pflanze, die zu schnell wächst, lebt nur kurze Zeit. Ihr seid meine Familie«
, und Er sah mit einem Lächeln um sich, »meine neuen Kinder! Wenn eine Familie in Einklang lebt, werden große Ergebnisse erzielt. Zieht einen größeren Kreis: Wenn eine Stadt in inniger Eintracht lebt, werden größere Ergebnisse die Folge sein, und ein völlig geeinter Erdteil wird ebenso alle anderen Erdteile einen. Dann ist die Zeit der größten Ergebnisse gekommen, denn alle Bewohner der Erde gehören zu einem Heimatland.«
Das reine Herz6:28Als ‘Abdu’l-Bahá gefragt wurde, was unter einem reinen Herzen zu verstehen sei, sagte Er:6:29»Das ist ein reines Herz, das sich vom Selbst gänzlich getrennt hat. Selbstlos sein bedeutet rein sein.«
Wahre Geistigkeit6:30Eines Morgens traf ‘Abdu’l-Bahá mit der Gruppe von Suchern zusammen und begann unvermittelt mit einer Rede:6:31»Gelobt sei Gott! Dieses Jahrhundert ist ein wunderbares Jahrhundert! Möge die Liebe Tag für Tag zunehmen. Möge sie Funken schlagen, um die Kerze im Dunkeln anzuzünden – wie ein Geschenk und eine Gnade von Gott.
6:32Wisset, o ihr Einsichtigen, dass wahre Geistigkeit wie ein See voll klaren Wassers ist, der das Göttliche widerspiegelt. Die Geistigkeit Christi war von dieser Art. Es gibt noch eine andere Art, die einer Luftspiegelung gleicht und geistig zu sein scheint, es aber nicht ist. Das wahrhaft Geistige muss den Pfad zu Gott erhellen und sich in Taten äußern. Wir können der Aufforderung zur Geistigkeit nicht glauben, wenn keine Ergebnisse vorliegen. Der Geist ist eine Wirklichkeit, und wenn der Geist in jedem von uns sich mit der Erhabenen Wirklichkeit zu vereinen sucht, muss er seinerseits Leben spenden. Zur Zeit Christi waren die Juden tot, ohne wahres Leben, und Jesus blies in Wirklichkeit neuen Odem in ihre Leiber. Schaut, was seither vollbracht wurde!«
Wissen muss zu Taten führen6:33Der Vertreter einer bekannten Vereinigung sprach von deren Zusammenkünften, die das Erforschen des Wesens der Wahrheit zum Ziele hätten. ‘Abdu’l-Bahá sagte:6:34»Ich kenne Ihre Arbeit. Ich schätze sie sehr. Ich weiß, dass Sie den Menschen dienen und die Menschheit unter dem Banner der Einheit versammeln möchten. Aber Ihre Mitglieder müssen auf der Hut sein, dass sie es nicht bei Worten bewenden lassen. Schauen Sie sich um! Wie viele Komitees wurden schon gebildet, bestanden kurze Zeit und verschwanden wieder! Komitees und Gesellschaften können weder Lebenskraft schaffen noch spenden.
6:35Die Menschen kommen zusammen und reden, aber nur das Wort Gottes erzielt einflussreiche Ergebnisse. Denken Sie kurz nach: Sie würden keinen Handel treiben, wenn Sie davon kein Einkommen hätten und keinen Nutzen! Betrachten Sie die Anhänger Christi. Sie verdankten ihre Kraft ihrem Eifer und ihren Werken. Jede Leistung muss ein Ergebnis einbringen, sonst war sie keine wirkliche Leistung. Sie müssen zum Werkzeug für die Erleuchtung der Menschenwelt werden. Das ist der untrüglich sichtbare Beweis. Jeder Fortschritt hängt von zwei Faktoren ab: von Wissen und Handeln. Erwerben Sie zuerst Wissen, und wenn Sie Gewissheit erlangt haben, setzen Sie es in Taten um.
6:36Einmal kam ein Gelehrter angereist, um mich zu besuchen und meinen Segen zu empfangen. Er sagte, er kenne die Bahá’í-Lehren und habe sie völlig verstanden. Als ich ihm sagte, er könne die Segnungen des Heiligen Geistes jederzeit empfangen, wenn er sich in eine aufnahmebereite Haltung versetze, um sie entgegenzunehmen, meinte er, er sei immer aufnahmebereit.
6:37›Was würden Sie tun‹, fragte ich, ›wenn ich mich plötzlich umdrehen und Sie schlagen würde?‹ Er brauste augenblicklich empört auf und lief ärgerlich im Zimmer umher.
6:38Nach kurzer Zeit trat ich auf ihn zu, ergriff seinen Arm und sagte: ›Aber Sie müssen Böses mit Gutem vergelten. Ob von mir geehrt oder verachtet, sollten Sie die Lehren befolgen. Bis jetzt haben Sie sie nur gelesen. Denken Sie an die Worte Jesu, der gesagt hat: »Die ersten werden die letzten und die letzten werden die ersten sein!«vgl. Mt. 19:30, 20:16 – Anm. d. Hrsg.
Q‹. Der Mann wandte sich um, schüttelte mir die Hand und ging, und ich habe seither von vielen guten Taten gehört, die er vollbracht hat.«
6:39Wenn ‘Abdu’l-Bahá mit dem Titel Prophet angesprochen wurde, antwortete Er: »Mein Name ist ‘Abdu’l-Bahá, der Diener Gottes (wörtlich der SklaveVergleiche aus einem Brief an die Freunde in New York vom 1. Januar 1907: »Mein Name ist ‘Abdu’l-Bahá. Mein Wesen ist ‘Abdu’l-Bahá, und der Dienst an der Menschheit ist meine immerwährende Religion… ‘Abdu’l-Bahá ist das Banner des Größten Friedens… Der Herold des Reiches Gottes ist er, auf dass er die Menschen in Ost und West wachrüttele. Die Stimme der Freundschaft, der Wahrheit und der Versöhnung ist er, der alle Regionen belebt. Keinen Namen, keinen Titel will er jemals tragen außer ‘Abdu’l-Bahá. Das ist mein sehnlichster Wunsch. Das ist mein größter Stolz. O ihr Freunde Gottes! ‘Abdu’l-Bahá ist die Verkörperung des Dienens und nicht Christus. Der Diener der Menschheit ist er, nicht ihr Oberhaupt. Ruft die Menschen zur Stufe der Dienstbarkeit ‘Abdu’l-Bahás und nicht ihn in das Amt des Messias.« [Vgl. auch: Shoghi Effendi, Die Weltordnung Bahá’u’lláhs 6:90].
A der Herrlichkeit).«
Besuch beim Bürgermeister6:40Auf ausdrücklichen Wunsch des Bürgermeisters ging ‘Abdu’l-Bahá ihn eines frühen Morgens im Rathaus besuchen. Die Unterredung drehte sich hauptsächlich um die soziale Lage in den großen Städten. ‘Abdu’l-Bahá sagte ihm, dass von allen Städten, in denen Er sich aufgehalten habe, London die beste Ordnung aufweise.6:41Er sagte: »Jeder Mensch auf der Straße bewegt sich so frei, als ob er in seinem eigenen Königreich lebe. In London gibt es ein starkes geistiges Licht. Der Einsatz für die Gerechtigkeit ist aufrichtig, und in diesem Land gilt für die Armen das gleiche Recht wie für die Reichen.«
6:42Mit großem Interesse hörte Er von der Fürsorge, mit der Gefangene nach ihrer Entlassung betreut werden und meinte, gut sei es um ein Land bestellt, wenn die hohen Beamten für das Volk wie Väter seien.6:43Ehe ‘Abdu’l-Bahá London verließ, ging Er in ein Krankenhaus im East-end und besuchte einen jungen Schriftsteller, der ernstlich erkrankt war, ‘Abdu’l-Bahá aber sehnlichst sehen wollte.Persönliche Charakterzüge6:44Wir finden bei ‘Abdu’l-Bahá einen Charakterzug, der bisher nicht hervorgehoben wurde und ohne den jedes Bild von Ihm unvollständig bleibt. Die Seine Erscheinung und Haltung auszeichnende eindrucksvolle Würde wird hie und da von einem feinen, taktvollen Humor aufgelockert, der gleichermaßen unbefangen, ansteckend und köstlich ist.
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