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6:30Eines Morgens traf ‘Abdu’l-Bahá mit der Gruppe von Suchern zusammen und begann unvermittelt mit einer Rede:6:31»Gelobt sei Gott! Dieses Jahrhundert ist ein wunderbares Jahrhundert! Möge die Liebe Tag für Tag zunehmen. Möge sie Funken schlagen, um die Kerze im Dunkeln anzuzünden – wie ein Geschenk und eine Gnade von Gott.
6:32Wisset, o ihr Einsichtigen, dass wahre Geistigkeit wie ein See voll klaren Wassers ist, der das Göttliche widerspiegelt. Die Geistigkeit Christi war von dieser Art. Es gibt noch eine andere Art, die einer Luftspiegelung gleicht und geistig zu sein scheint, es aber nicht ist. Das wahrhaft Geistige muss den Pfad zu Gott erhellen und sich in Taten äußern. Wir können der Aufforderung zur Geistigkeit nicht glauben, wenn keine Ergebnisse vorliegen. Der Geist ist eine Wirklichkeit, und wenn der Geist in jedem von uns sich mit der Erhabenen Wirklichkeit zu vereinen sucht, muss er seinerseits Leben spenden. Zur Zeit Christi waren die Juden tot, ohne wahres Leben, und Jesus blies in Wirklichkeit neuen Odem in ihre Leiber. Schaut, was seither vollbracht wurde!«
Wissen muss zu Taten führen6:33Der Vertreter einer bekannten Vereinigung sprach von deren Zusammenkünften, die das Erforschen des Wesens der Wahrheit zum Ziele hätten. ‘Abdu’l-Bahá sagte:6:34»Ich kenne Ihre Arbeit. Ich schätze sie sehr. Ich weiß, dass Sie den Menschen dienen und die Menschheit unter dem Banner der Einheit versammeln möchten. Aber Ihre Mitglieder müssen auf der Hut sein, dass sie es nicht bei Worten bewenden lassen. Schauen Sie sich um! Wie viele Komitees wurden schon gebildet, bestanden kurze Zeit und verschwanden wieder! Komitees und Gesellschaften können weder Lebenskraft schaffen noch spenden.
6:35Die Menschen kommen zusammen und reden, aber nur das Wort Gottes erzielt einflussreiche Ergebnisse. Denken Sie kurz nach: Sie würden keinen Handel treiben, wenn Sie davon kein Einkommen hätten und keinen Nutzen! Betrachten Sie die Anhänger Christi. Sie verdankten ihre Kraft ihrem Eifer und ihren Werken. Jede Leistung muss ein Ergebnis einbringen, sonst war sie keine wirkliche Leistung. Sie müssen zum Werkzeug für die Erleuchtung der Menschenwelt werden. Das ist der untrüglich sichtbare Beweis. Jeder Fortschritt hängt von zwei Faktoren ab: von Wissen und Handeln. Erwerben Sie zuerst Wissen, und wenn Sie Gewissheit erlangt haben, setzen Sie es in Taten um.
6:36Einmal kam ein Gelehrter angereist, um mich zu besuchen und meinen Segen zu empfangen. Er sagte, er kenne die Bahá’í-Lehren und habe sie völlig verstanden. Als ich ihm sagte, er könne die Segnungen des Heiligen Geistes jederzeit empfangen, wenn er sich in eine aufnahmebereite Haltung versetze, um sie entgegenzunehmen, meinte er, er sei immer aufnahmebereit.
6:37›Was würden Sie tun‹, fragte ich, ›wenn ich mich plötzlich umdrehen und Sie schlagen würde?‹ Er brauste augenblicklich empört auf und lief ärgerlich im Zimmer umher.
6:38Nach kurzer Zeit trat ich auf ihn zu, ergriff seinen Arm und sagte: ›Aber Sie müssen Böses mit Gutem vergelten. Ob von mir geehrt oder verachtet, sollten Sie die Lehren befolgen. Bis jetzt haben Sie sie nur gelesen. Denken Sie an die Worte Jesu, der gesagt hat: »Die ersten werden die letzten und die letzten werden die ersten sein!«vgl. Mt. 19:30, 20:16 – Anm. d. Hrsg.
Q‹. Der Mann wandte sich um, schüttelte mir die Hand und ging, und ich habe seither von vielen guten Taten gehört, die er vollbracht hat.«
6:39Wenn ‘Abdu’l-Bahá mit dem Titel Prophet angesprochen wurde, antwortete Er: »Mein Name ist ‘Abdu’l-Bahá, der Diener Gottes (wörtlich der SklaveVergleiche aus einem Brief an die Freunde in New York vom 1. Januar 1907: »Mein Name ist ‘Abdu’l-Bahá. Mein Wesen ist ‘Abdu’l-Bahá, und der Dienst an der Menschheit ist meine immerwährende Religion… ‘Abdu’l-Bahá ist das Banner des Größten Friedens… Der Herold des Reiches Gottes ist er, auf dass er die Menschen in Ost und West wachrüttele. Die Stimme der Freundschaft, der Wahrheit und der Versöhnung ist er, der alle Regionen belebt. Keinen Namen, keinen Titel will er jemals tragen außer ‘Abdu’l-Bahá. Das ist mein sehnlichster Wunsch. Das ist mein größter Stolz. O ihr Freunde Gottes! ‘Abdu’l-Bahá ist die Verkörperung des Dienens und nicht Christus. Der Diener der Menschheit ist er, nicht ihr Oberhaupt. Ruft die Menschen zur Stufe der Dienstbarkeit ‘Abdu’l-Bahás und nicht ihn in das Amt des Messias.« [Vgl. auch: Shoghi Effendi, Die Weltordnung Bahá’u’lláhs 6:90].
A der Herrlichkeit).«
Besuch beim Bürgermeister6:40Auf ausdrücklichen Wunsch des Bürgermeisters ging ‘Abdu’l-Bahá ihn eines frühen Morgens im Rathaus besuchen. Die Unterredung drehte sich hauptsächlich um die soziale Lage in den großen Städten. ‘Abdu’l-Bahá sagte ihm, dass von allen Städten, in denen Er sich aufgehalten habe, London die beste Ordnung aufweise.6:41Er sagte: »Jeder Mensch auf der Straße bewegt sich so frei, als ob er in seinem eigenen Königreich lebe. In London gibt es ein starkes geistiges Licht. Der Einsatz für die Gerechtigkeit ist aufrichtig, und in diesem Land gilt für die Armen das gleiche Recht wie für die Reichen.«
6:42Mit großem Interesse hörte Er von der Fürsorge, mit der Gefangene nach ihrer Entlassung betreut werden und meinte, gut sei es um ein Land bestellt, wenn die hohen Beamten für das Volk wie Väter seien.6:43Ehe ‘Abdu’l-Bahá London verließ, ging Er in ein Krankenhaus im East-end und besuchte einen jungen Schriftsteller, der ernstlich erkrankt war, ‘Abdu’l-Bahá aber sehnlichst sehen wollte.Persönliche Charakterzüge6:44Wir finden bei ‘Abdu’l-Bahá einen Charakterzug, der bisher nicht hervorgehoben wurde und ohne den jedes Bild von Ihm unvollständig bleibt. Die Seine Erscheinung und Haltung auszeichnende eindrucksvolle Würde wird hie und da von einem feinen, taktvollen Humor aufgelockert, der gleichermaßen unbefangen, ansteckend und köstlich ist.6:45Am letzten Nachmittag Seines Londoner Aufenthalts kam ein Reporter, der Ihn nach Seinen Zukunftsplänen fragen wollte. Er traf Ihn inmitten einer Schar von Freunden an, die zum Abschiednehmen gekommen waren. Als ‘Abdu’l-Bahá in perfektem Englisch auf seine Fragen mitteilte, Er habe vor, Paris zu besuchen und von dort nach Alexandria weiterzureisen, bekundete der Reporter sein Erstaunen über ‘Abdu’l-Bahás fehlerfreie Aussprache. Da fing ‘Abdu’l-Bahá an, im von Blumenduft erfüllten Empfangszimmer mit großen Schritten auf und ab zu schreiten, wobei Sein orientalisches Gewand in eigenartigem Kontrast zu Seiner modernen Umgebung stand, und rezitierte zur Erheiterung der ganzen Gesellschaft eine Reihe komplizierter englischer Ausdrücke. »Sehr schwierige englische Wörter spreche ich da!«
endete Er lachend. Im nächsten Augenblick war Er wieder ganz ernst und zeigte, dass Er den behutsamen Übergang von der Ernsthaftigkeit zur Fröhlichkeit und umgekehrt vorzüglich beherrschte.6:46Er hatte Vorkehrungen getroffen, damit niemand abgewiesen werde. Und doch hatte ein Mann zweimal erfolglos versucht, in Seine Gegenwart zu gelangen. Er war durch irgendwelche Versehen daran gehindert worden und hatte daraufhin einen herzzerreißenden Brief geschrieben, der ausdrückte, dass er sich zurückgewiesen fühle und den der persische Dolmetscher nun übersetzte. ‘Abdu’l-Bahá warf sogleich Seinen Umhang über und sagte, zur Tür gewandt, mit unbeschreiblicher Traurigkeit: »Einer meiner Freunde wurde gepeinigt und ich bin tief betrübt. Ich gehe alleine aus«
, und stürmte die Treppe hinunter. Hier konnte man erkennen, wie gut der Titel ›Meister‹ zu Ihm passte.6:47Ein anderer Seiner Charakterzüge, den niemand vergessen konnte, der Ihn je sah, war Sein Umgang mit Kindern, die man zu Ihm brachte. Er hielt viele Seiner Ansprachen, während Er seinen Arm um eines der Kinder gelegt hatte.6:48Ständig ermahnte Er die Eltern: »Lassen Sie dieses Kind eine gute Erziehung genießen. Bemühen Sie sich bis zum Äußersten, ihm das Beste zuteilwerden zu lassen, das Sie sich leisten können, damit es sich der Vorteile dieses ruhmreichen Zeitalters erfreuen kann. Tun Sie alles Ihnen Mögliche, um die ihm innewohnende Geistigkeit zu fördern.«
6:49Ein junger Mann, der die Gegenwart ‘Abdu’l-Bahás aufsuchte, spürte das Ihm eigene väterliche Mitgefühl. Als er die Liebe zu ‘Abdu’l-Bahá, die er und alle hegten, zur Sprache brachte, war die Antwort: »Ich weiß, dass Du mich liebst, ich sehe es Dir an. Ich werde für Dich beten, damit Du standhaft bleiben, der Sache dienen und ein wahrer Diener Bahá’u’lláhs werden mögest. Obwohl ich abreise, werde ich immer bei euch allen sein.«
Er sprach diese Worte mit tiefem, liebevollem Mitgefühl und Verständnis für Schwierigkeiten. Während der kurzen Augenblicke dieses kleinen Gesprächs hielt ‘Abdu’l-Bahá die Hände Seines Gesprächspartners und streichelte sie, und am Ende nahm Er dessen Kopf, drehte ihn mit sanfter Gebärde zu sich und küsste den jungen Mann, der spürte, dass er einen Vater und Freund gefunden hatte, auf die Stirn.Der Abschied7:1An ‘Abdu’l-Bahás letztem Morgen in London versammelten sich viele Freunde in Cadogan Gardens und am Bahnhof, um Ihm Lebewohl zu sagen. Noch im Haus führte ein Zoroastrier (ein Arzt) eine eindrucksvolle, interessante Zeremonie durch. Er sandte ein sorgsam formuliertes Telegramm an einige Pársí in Bombay, das lautete: »Die Fackel der Wahrheit wurde von ‘Abdu’l-Bahá erneut im Osten wie im Westen entzündet.« Im Auftrag seiner Brüder hatte dieser Anhänger einer der ältesten Religionen der Welt das geweihte Öl aus einem seltenen Duftstoff mitgebracht. Damit salbte er ‘Abdu’l-Bahá Stirn und Brust und strich sodann den Anwesenden über die Hände. Danach legte er ‘Abdu’l-Bahá einen erlesenen Kranz aus Rosenknospen und Lilien um Hals und Schultern.7:2Ein letztes kurzes Mal noch sahen die Freunde auf dem Victoria-Bahnhof das Antlitz jener ehrwürdigen Gestalt am Abteilfenster, die mit gütigem Blick voll wunderbarer Zärtlichkeit auf all jene schaute, die sie nun verließ, ehe sie langsam ihrem Blick entschwand.Auszüge aus einem Interview ‘Abdu’l-Bahás, das Er dem Weekly Budget am 23. September 1911 gabErlebnisse aus vierzig Jahren Gefangenschaft8:1In einer Wohnung in Cadogan Gardens sitzt uns ein geistig erleuchteter Orientale gegenüber, dessen kürzliches Eintreffen in London als die jüngste Verbindung von Ost und West zu bewerten ist.8:2Die Lehre ‘Abdu’l-Bahás hat bereits tausende Engländer und Engländerinnen mit Orientalen aus allen Teilen des Ostens zusammengeführt. Ohne Rücksicht auf Glaube oder Herkunft, nein, vielmehr durch Grundsätze wie gegenseitige Hilfeleistung, Freundschaft und die Verehrung Gottes taten sie sich mit einer Ernsthaftigkeit und brüderlichen Liebe zusammen, die in denkbarem Gegensatz zu den Theorien gewisser zynischer Poeten und Philosophen steht.8:3‘Abdu’l-Bahá verbrachte den größten Teil seines Lebens im Osten in Haft, die er frohen Mutes erduldete, statt seinem Glauben abzuschwören. Ein Grundsatz dieses Glaubens ist, dass die Seelen absolut gleichwertig sind und körperliche Verschiedenheiten wie Geschlecht oder Farbe nicht zählen. Er lehnt jede Art von Klasseneinstufungen ab außer der nach Dienstbarkeit und geisterfüllter brüderlicher Liebe. Aufgrund dessen und ähnlicher Lehren wurde er vierzig Jahre lang in der Gefängnisstadt ‘Akká in Palästina gefangen gehalten. Als ich darum bat, mit ihm sprechen zu dürfen, sagte man mir, ich solle früh am Morgen kommen. Also war ich um neun Uhr hier für ein Interview. Für ‘Abdu’l-Bahá war es bereits die Tagesmitte, denn er steht um vier Uhr auf. Er hatte vor seinem Frühstück um halb sieben bereits achtzehn Besucher empfangen.8:4Im Wohnzimmer warteten Vertreter vieler Sprachen und Nationalitäten auf ihn.8:5Wir saßen im Kreis mit Blick auf ‘Abdu’l-Bahá. Er erkundigte sich, ob wir ihm Fragen stellen möchten. Ich sagte, mein Herausgeber habe mich geschickt, um etwas über sein Leben als Gefangener zu erfahren. Auf einfache, sachliche Art erzählte ‘Abdu’l-Bahá daraufhin eine der bemerkenswertesten Geschichten, die man sich vorstellen kann.8:6»Im Alter von neun Jahren begleitete ich meinen Vater, Bahá’u’lláh, auf Seiner Reise ins Exil nach Baghdád, zusammen mit siebzig weiteren Gläubigen. Nach ständiger Verfolgung hatte dieses Verbannungsurteil zum Ziel, in Persien das völlig auszumerzen, was die Regierung für eine höchst gefährliche Religion hielt. Bahá’u’lláh wurde mit Familie und Gefolge verbannt und von Ort zu Ort geschickt. Als ich etwa fünfundzwanzig Jahre alt war, verlegte man uns von Konstantinopel nach Adrianopel und von dort verbrachten sie uns unter militärischer Bewachung in die Festungsstadt ‘Akká, wo wir eingekerkert und streng bewacht wurden.«
Der erste Sommer8:7»Wir hatten keinerlei Kontakt mit der Außenwelt. Jeder Brotlaib wurde von den Wachen durchgeschnitten, um sicherzustellen, dass keine Nachricht darin steckte. Alle Männer, Frauen und Kinder, die an die Bahá’í-Offenbarung glaubten, wurden mit uns eingekerkert. Wir waren insgesamt einhundertfünfzig Personen in zwei Räumen und niemand durfte diesen Ort verlassen, mit Ausnahme von vieren, die jeden Morgen unter Bewachung zum Bázár einkaufen gingen. Der erste Sommer war schrecklich. ‘Akká ist eine fieberverseuchte Stadt. Man erzählte, dass ein Vogel, der es zu überfliegen versuche, tot herunterfallen würde. Das Essen war erbärmlich und unzureichend, das Wasser kam von einer fieberverseuchten Quelle. Klima und Lebensbedingungen waren so, dass sogar die Einwohner der Stadt erkrankten. Viele Soldaten brachen zusammen und von zehn unserer Wärter starben acht. Während der größten Hitze befiel die Gefangenen Malaria, Typhus und Ruhr, so dass alle, Männer, Frauen und Kinder, gleichzeitig krank waren. Es gab keine Ärzte, keine Arznei, kein geeignetes Essen und keinerlei Behandlung.
8:8Ich kochte immer für alle Suppe, und weil ich viel Übung gewonnen habe, koche ich gut Suppe!«
sagte ‘Abdu’l-Bahá lachend.8:9Bei dieser Gelegenheit erklärte mir einer der Perser, dass ‘Abdu’l-Bahá wegen seiner wunderbaren Geduld, Hilfsbereitschaft und Ausdauer stets ›der Meister‹ genannt wurde. Seine vollkommene Meisterschaft konnte man leicht an seiner völligen Loslösung von Zeit und Raum und sogar von dem, was ein türkisches Gefängnis einem antun konnte, ablesen.Verbesserte Bedingungen8:10»Nach zwei Jahren strengster Haft erhielt ich die Erlaubnis, ein Haus zu suchen, so dass wir außerhalb der Gefängnismauern, aber noch innerhalb der Festungswälle wohnen konnten. Viele Gläubige kamen aus Persien, um uns nahe zu sein, aber sie durften es nicht. So vergingen neun Jahre. Mal ging es uns besser, mal schlechter. War der Gouverneur, von dem alles abhing, gerade ein freundlicher, milder Herrscher, gewährte er uns die Erlaubnis zum Verlassen der Festung und den Gläubigen freien Zugang für Besuche in unserem Haus. War der Gouverneur jedoch strenger, wurden wir von Wachen umstellt und die von weit her angereisten Pilger meistens abgewiesen.«
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