‘Abdu’l-Bahá | Ansprachen in Paris
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9:22
Ihr werdet die Diener Gottes sein, die in Seiner Nähe wohnen, Seine göttlichen Gehilfen im Dienste an der ganzen Menschheit. Der ganzen Menschheit! Jedes menschlichen Wesens! Vergesst dies nie!
9:23
Sagt nicht, dass jemand Italiener, Franzose oder Engländer ist, denkt nur daran, dass er ein Sohn Gottes, ein Diener des Allerhöchsten ist, ein Mensch! Alle sind Menschen! Vergesst die Landeszugehörigkeiten – alle sind gleich im Angesicht Gottes.
9:24
Denkt nicht an eure eigene Begrenztheit, denn Gottes Hilfe wird mit euch sein. Vergesst euch selbst, denn Gottes Hilfe wird gewisslich zu euch kommen.
9:25
Wenn ihr die Barmherzigkeit Gottes anruft und auf ihren Beistand wartet, wird eure Kraft verzehnfacht werden.
9:26
Schaut auf mich: Ich bin so schwach, und doch erhielt ich die Kraft, zu euch zu kommen, ein armer Diener Gottes, der befähigt wurde, euch diese Botschaft zu verkünden. Ich werde nicht lange bei euch sein. Man muss nicht auf seine eigene Schwachheit blicken, denn es ist die Kraft des Heiligen Geistes der Liebe, der die Macht zum Lehren gibt. Der Gedanke an unsere eigene Schwachheit könnte uns nur verzweifeln lassen. Wir müssen unser Auge über alle irdischen Gedanken erheben, uns von jedem materiellen Gedanken lösen, Geistiges erbitten und unseren Blick auf die ewige freigebige Gnade des Allmächtigen heften, der unsere Seelen erfüllen will mit der Freude eines fröhlichen Dienstes gemäß Seinem Gebote: »Liebet einander!«Vgl. Joh. 15:12 – Anm. d. Hrsg.Q
– 10 –
Die Gefangenschaft ‘Abdu’l-Bahás
10:0_15
Avenue de Camoëns 4, Mittwoch, den 25. Oktober 1911
10:1
Ich bedaure sehr, dass ich euch heute Morgen warten ließ, aber ich muss in kurzer Zeit so viel für die Sache der Liebe Gottes tun.
10:2
Es wird euch nichts ausgemacht haben, dass ihr ein wenig warten musstet, um mich zu sehen. Ich habe im Gefängnis Jahr um Jahr gewartet, dass ich euch besuchen könnte.
10:3
Vor allem aber sind unsere Herzen, Gott Lob, in ständiger Verbundenheit und mit gleichem Ziel durch die Liebe Gottes angezogen. Sind wir nicht durch die Segnungen des Himmelreiches mit unserer Sehnsucht, unserem Herzen und Geist in einem einzigen Band vereinigt? Beten wir nicht darum, dass alle Menschen einträchtig zusammenfinden möchten? Sind wir nicht darum jederzeit beisammen?
10:4
Als ich gestern Abend aus der Wohnung des Herrn Dreyfus heimkam, war ich sehr ermüdet, und doch habe ich nicht geschlafen. Sinnend lag ich wach.
10:5
Ich sagte: O Gott, hier bin ich in Paris. Was ist Paris, und wer bin ich? Nie habe ich geträumt, dass ich je aus der Nacht meines Gefängnisses zu euch kommen könnte, obgleich ich an meinen Urteilsspruch, als man ihn mir verlas, nicht glaubte.
10:6
Es wurde mir gesagt, dass ‘Abdu’l-Ḥamíd meine lebenslängliche Gefangenschaft befohlen hätte, und ich sagte: »Das ist unmöglich. Ich werde nicht immer ein Gefangener sein. Würde ‘Abdu’l-Ḥamíd Unsterblichkeit besitzen, so möchte ein solches Urteil durchführbar erscheinen. Sicher werde ich eines Tages frei sein. Man kann meinen Körper eine Zeitlang festhalten, doch hat ‘Abdu’l-Ḥamíd keine Macht über meinen Geist – er muss frei bestehen bleiben, ihn kann kein Mensch gefangen setzen.«
10:7
Durch Gottes Macht aus meiner Gefangenschaft entlassen, begegne ich hier den Freunden Gottes, und ich bin Ihm dankbar.
10:8
Lasst uns die Gottessache verbreiten, für die ich Verfolgungen erlitt.
10:9
Wie groß ist unser Vorrecht, dass wir hier zusammenkommen können, welch ein Glück für uns, dass Gott es uns ermöglicht hat, gemeinsam für das Kommen des Himmelreiches zu wirken!
10:10
Seid ihr froh, einen solchen Gast zu empfangen, der aus seiner Gefangenschaft befreit wurde, um euch die herrliche Botschaft zu überbringen? Ihn, der nie eine solche Zusammenkunft für möglich hätte halten können! Nun bin ich, der ich zu lebenslänglicher Gefangenschaft in einer weit entlegenen Stadt des Ostens verurteilt war, durch Gottes Gnade, durch Seine wunderbare Macht hier in Paris und spreche mit euch!
10:11
Von nun ab werden wir immer beisammen sein, Herz und Seele und Geist, und die Arbeit vorwärtstreiben, bis alle Menschen unter dem Zelte des Gottesreiches vereinigt sind und die Lieder des Friedens singen.
– 11 –
Gottes größte Gabe für den Menschen
11:0_16
Donnerstag, den 26. Oktober 1911
11:1
Gottes größte Gabe für den Menschen ist der Intellekt, die Möglichkeit der Erkenntnis.
11:2
Erkenntnis ist die Fähigkeit, durch die der Mensch Kenntnis von den verschiedenen Schöpfungsreichen und mannigfachen Stufen der Erscheinungswelt, sowie von vielem aus dem Bereich des Unsichtbaren erlangt.
11:3
Indem er diese Gabe besitzt, ist er in sich die Summe vorausgegangener Reiche der Schöpfung, kann mit diesen Reichen in Verbindung treten und dank dieser Gabe durch seine wissenschaftliche Kenntnis prophetische Schau erlangen.
11:4
Die Erkenntnisfähigkeit ist in der Tat die köstlichste Veranlagung, die die göttliche Freigebigkeit dem Menschen zugedacht hat. Nur der Mensch besitzt unter den erschaffenen Wesen diese wunderbare Gabe.
11:5
Die ganze dem Menschen vorausgehende Schöpfung ist durch das strenge Naturgesetz gebunden. Die große Sonne, die mannigfachen Sterne, die Meere und Seen, die Berge, die Flüsse, die Pflanzen, die Tiere, große und kleine – niemand vermag dem Gesetz der Natur den Gehorsam zu versagen.
11:6
Nur der Mensch hat Freiheit, und durch seine Erkenntnisfähigkeit, seinen Intellekt, war er imstande, die Kontrolle über die Naturgesetze zu erlangen und einige von ihnen seinen eigenen Bedürfnissen anzupassen. Durch die Fähigkeit des Intellektes hat er Möglichkeiten entdeckt, durch die er nicht nur große Erdteile in Schnellzügen durchmisst und weite Meere mit Schiffen überquert, sondern sogar wie Fische in Tauchbooten unter Wasser reist und in Luftschiffen gleich Vögeln durch die Luft fliegt.
11:7
Es ist dem Menschen gelungen, auf verschiedene Art die elektrische Kraft zu nutzen, als Licht, als Antrieb, um Mitteilungen von einem Ende der Erde zum anderen zu senden, und auf elektrischem Wege kann er sogar Stimmen über viele Meilen hin vernehmen.
11:8
Durch diese Gabe der Erkenntnis, des Intellektes, war er auch in der Lage, die Sonnenstrahlen zu benutzen, um Menschen und Dinge abzubilden und sogar entfernte Himmelskörper in ihren Formen einzufangen.
11:9
Wir sehen, in wie mannigfacher Weise der Mensch vermocht hat, die Naturkräfte seinem Willen zu unterwerfen.
11:10
Wie bedrückend ist es doch zu sehen, dass der Mensch seine von Gott verliehenen Gaben missbraucht, um Gottes Gebot »Du sollst nicht töten«Ex. 20:13 – Anm. d. Hrsg.Q zu verletzen und Christi Vorschrift »Liebet einander«Vgl. Mt. 22:39 – Anm. d. Hrsg.Q Trutz zu bieten!
11:11
Gott gab dem Menschen diese Macht, damit er sie zum Fortschritt der Zivilisation, zum Heil der Menschheit und zur Förderung der Liebe, der Eintracht und des Friedens nutze. Der Mensch aber zieht vor, diese Gabe zur Vernichtung statt zum Aufbau zu verwenden, zu Ungerechtigkeit und Unterdrückung, zu Hass und Missklang, zur Verwüstung und zur Ausrottung seiner Nächsten, denen Christus befohlen hat, einander wie sich selbst zu lieben!
11:12
Ich hoffe, dass ihr eure Erkenntnisfähigkeit benutzen werdet, um die Einheit und Ruhe des Menschengeschlechtes zu fördern, dem Volk Belebung und Zivilisation zu geben, Liebe überall um euch zu wecken und den allgemeinen Frieden herbeizuführen.
11:13
Studiert die Wissenschaften, eignet euch mehr und mehr Wissen an. Man kann gewiss bis an sein Lebensende lernen. Nutzt euer Wissen stets zum Wohle anderer, dann mag der Krieg von dieser schönen Erde ablassen und ein herrliches Gebäude des Friedens und der Eintracht errichtet werden. Bemüht euch darum, dass eure hohen Ideale im Reiche Gottes auf der Erde wie im Himmel verwirklicht werden mögen.
– 12 –
Die Wolken, die die Sonne der Wahrheit trüben
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Avenue de Camoëns 4, Freitagmorgen, den 27. Oktober 1911
12:1
Der Tag ist schön und die Luft rein, die Sonne scheint, kein Dunst und keine Wolke trüben ihr Leuchten.
12:2
Diese glänzenden Strahlen dringen in alle Teile der Stadt hinein. So möge die Sonne der Wahrheit den Geist der Menschen erleuchten!
12:3
Christus sagte: »Sie werden des Menschen Sohn in den Wolken des Himmels kommen sehen«Mt. 24:30; Joh. 3:13.Q. Bahá’u’lláh sagt: »Als Christus zum ersten Male kam, kam Er auf den Wolken« Vgl. Bahá’u’lláh, Kitáb-i-Íqán 79. Q. Christus sagte, dass Er vom Himmel gekommen – aus Gott hervorgegangen – sei, während Er durch Maria, Seine Mutter, geboren worden war. Wenn Er erklärte, dass Er vom Himmel kam, so meinte Er damit selbstverständlich nicht das blaue Firmament, sondern Er sprach vom Himmel des Reiches Gottes und davon, dass Er aus diesem Himmel auf den Wolken herabgekommen sei. So, wie die Wolken ein Hindernis für den Sonnenschein bedeuten, so verbergen auch die Wolken der Menschenwelt den Glanz der Göttlichkeit Christi vor den Augen der Menschen.
12:4
Die Menschen sagten: »Er ist aus Nazareth, von Maria geboren, wir kennen Ihn und kennen Seine Brüder. Was kann Er meinen? Was sagt Er da? Dass Er aus Gott kam?« Vgl. Mt. 13:55, Joh. 6:42 – Anm. d. Hrsg. Q
12:5
Der Körper Christi wurde durch Maria von Nazareth geboren, der Geist aber war von Gott. Die Möglichkeit Seines menschlichen Körpers war begrenzt, die Macht Seines Geistes aber groß, unendlich und unermesslich.
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