‘Abdu’l-Bahá | Ansprachen in Paris
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27:9
Gottes Liebe ist es, die den Báb getragen hat, die Ihn zu Seinem höchsten Opfer befähigte und Seine Brust zum bereiten Ziel für tausend Kugeln machte.
27:10
Schließlich war es die Liebe Gottes, die dem Osten Bahá’u’lláh schenkte und die nun das Licht seiner Lehre weit in den Westen und von Pol zu Pol ergießt.
27:11
Da ihr ihre Kraft und Schönheit wahrnehmt, ermahne ich euch, alle eure Gedanken, Worte und Taten zu opfern, um die Erkenntnis der Liebe Gottes in jedes Herz hineinzutragen.
– 28 –
Vortrag in der ›Alliance Spiritualiste‹
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Salle de l‘Athenée, St. Germain, Paris, 9. November 1911
28:1
Ich möchte meiner Dankbarkeit für eure Gastfreundschaft und meiner Freude darüber Ausdruck geben, dass ihr geistig gesonnen seid. Ich bin froh, einer Versammlung wie dieser beizuwohnen, die zusammenkam, um einer göttlichen Botschaft zuzuhören. Wenn ihr mit dem Auge der Wirklichkeit schauen könntet, so würdet ihr große geistige Wogen an diesem Orte sehen. Die Kraft des Heiligen Geistes ist hier für alle. Preis sei Gott, dass eure Herzen von göttlicher Glut entfacht sind! Eure Seelen sind wie Wogen auf dem Meer des Geistes. Obwohl jeder einzelne eine gesonderte Welle ist, so ist das Meer doch eines. Alle sind in Gott verbunden.
28:2
Aus jedem Herzen sollte Einigkeit hervorstrahlen, damit das Licht des einen göttlichen Ursprungs aller hell und glänzend scheine. Wir sollten nicht nur die einzelnen Wogen sehen, sondern das ganze Meer. Wir sollten uns vom Einzelnen zum Ganzen erheben. Der Geist ist wie ein großes Meer, und seine Wogen sind die Seelen der Menschen.
28:3
In der Heiligen Schrift wird uns gesagt, dass das Neue Jerusalem auf Erden erscheinen werde. Nun ist es klar, dass diese himmlische Stadt nicht aus materiellen Steinen und Mörtel erbaut ist, sondern dass sie eine nicht mit Händen gemachte ewige Stadt in den Himmeln ist.
28:4
Es ist dies ein prophetisches Sinnbild und bedeutet die Wiederkehr der göttlichen Lehre zur Erleuchtung der Menschenherzen. Es ist lange her, dass diese heilige Führung über das Leben der Menschheit herrschte. Aber nun ist die Heilige Stadt des Neuen Jerusalems endlich wieder in die Welt gekommen. Sie ist aufs Neue unter einem östlichen Himmel erschienen. Von Persiens Horizont hat sich ihr Glanz erhoben, um zu einem Licht zu werden, das die ganze Welt erleuchtet. Wir sehen in diesen Tagen die Erfüllung der göttlichen Prophezeiung. Jerusalem war verschwunden, die himmlische Stadt zerstört. Nun ist sie wieder aufgerichtet. Sie war dem Erdboden gleichgemacht, doch nun sind ihre Mauern und Zinnen wiederhergestellt und ragen in ihrer neuen und erhabenen Schönheit hoch empor.
28:5
In der westlichen Welt hat der materielle Erfolg gesiegt, während im Osten die geistige Sonne aufgegangen ist. Ich bin sehr glücklich, eine Versammlung wie diese in Paris zu sehen, in der geistiger und materieller Fortschritt in Einigkeit zusammentreffen.
28:6
Der Mensch – der wahre Mensch – ist Seele und nicht Körper. Obwohl der Mensch dem Körper nach zum Tierreich zählt, erhebt ihn seine Seele doch über die übrige Schöpfung. Sieh, wie die Welt des Stoffes durch das Sonnenlicht erleuchtet wird! In gleicher Weise ergießt das göttliche Licht seine Strahlen in das Reich der Seele. Es ist die Seele, die das menschliche Geschöpf zu einem himmlischen Wesen macht.
28:7
Durch die Macht des Heiligen Geistes, der durch die Seele wirkt, ist der Mensch imstande, die göttliche Wirklichkeit der Dinge wahrzunehmen. Alle großen Werke der Kunst und Wissenschaft sind Zeugen dieser Macht des Geistes.
28:8
Der gleiche Geist verleiht uns ewiges Leben.
28:9
Nur wer durch den göttlichen Geist getauft ist, wird imstande sein, alle Menschen durch die Bande der Einheit zu verbinden. Durch die Macht des Geistes vermag sich die geistige Gedankenwelt des Ostens derart mit der tatkräftigen Welt des Westens zu vermischen, dass die Welt des Stoffes göttlich werden kann.
28:10
Daraus folgt, dass jeder, der für den höchsten Plan wirkt, ein Soldat im Heer des Geistes ist.
28:11
Das Licht der himmlischen Welt kämpft gegen die Welt des Schattens und der Sinnestäuschung. Die Strahlen der Sonne der Wahrheit zerstreuen das Dunkel des Aberglaubens und des Missverstehens.
28:12
Ihr seid aus dem Geiste! Zu euch, die ihr die Wahrheit sucht, wird die Offenbarung Bahá’u’lláhs wie eine große Freude kommen. Diese Lehre ist aus dem Geiste. In ihr ist kein Gebot, das nicht aus dem göttlichen Geiste wäre.
28:13
Der Geist kann nicht mit den stofflichen Sinnen des materiellen Körpers wahrgenommen werden, es sei denn, dass er in äußeren Zeichen und Werken zum Ausdruck kommt. Der menschliche Körper ist sichtbar, die Seele unsichtbar. Doch ist es die Seele, die die Fähigkeiten des Menschen steuert und seine menschliche Natur beherrscht.
28:14
Die Seele hat zwei Hauptfähigkeiten: Gleichwie die äußeren Umstände der Seele durch die Augen, die Ohren und das Gehirn des Menschen übermittelt werden, so teilt die Seele ihre Wünsche und Absichten durch das Gehirn den Händen und der Zunge des physischen Körpers mit und drückt sich dadurch aus. Der Geist in der Seele ist das wahre Wesen des Lebens. Die zweite Fähigkeit der Seele drückt sich in der Welt der Schau aus, wo die Seele, vom Geist bewohnt, ihr Dasein hat und ohne Hilfe der materiellen körperlichen Sinne wirkt. In diesem Reich des Schauens sieht die Seele ohne Hilfe des physischen Auges, hört sie ohne die Unterstützung des physischen Ohres und wandert sie unabhängig von physischer Bewegung. Es ist daher klar, dass der Geist in der Seele des Menschen durch den physischen Körper wirken kann, indem er sich der gewöhnlichen Sinnesorgane bedient, und dass er fähig ist, auch ohne ihre Hilfe in der Welt der Schau zu leben und zu handeln. Dies beweist zweifelsfrei die Überlegenheit der Seele des Menschen über seinen Körper, die Überlegenheit des Geistes über den Stoff.
28:15
Sieh beispielsweise diese Lampe an: Ist nicht das Licht in ihr der Lampe, die es in sich birgt, überlegen? Wie schön die Form der Lampe immer sein mag – wenn da kein Licht ist, wird ihr Zweck sich nicht erfüllen, wird sie ohne Leben, ein totes Ding sein. Die Lampe braucht das Licht, aber das Licht braucht nicht die Lampe.
28:16
Der Geist braucht keinen Körper, aber der Körper braucht den Geist, sonst kann er nicht leben. Die Seele kann ohne Körper leben, der Körper aber stirbt ohne die Seele.
28:17
Würde ein Mensch sein Auge, sein Gehör, die Hände oder Füße verlieren, doch seine Seele im Körper wohnen, so würde er leben und göttliche Tugenden offenbaren können. Dagegen wäre es für einen vollkommenen Körper unmöglich, ohne den Geist zu leben.
28:18
Die größte Macht des Heiligen Geistes ruht in den göttlichen Offenbarungen der Wahrheit. Durch die Macht des Geistes wurde die himmlische Lehre in die Menschenwelt gebracht. Durch die Macht des Geistes ist das ewige Leben zu den Menschenkindern gekommen. Durch die Macht des Geistes hat die göttliche Herrlichkeit von Ost nach West gestrahlt, und durch die Macht des gleichen Geistes werden sich die göttlichen Tugenden der Menschheit offenbaren.
28:19
Unser größtes Bemühen muss auf die Loslösung von den Dingen dieser Welt gerichtet sein. Wir müssen danach streben, geistiger und strahlender zu werden, den Rat der göttlichen Lehre zu befolgen, uns dem Dienste der Sache der Einigkeit und wahren Gleichheit zu ergeben, Barmherzigkeit zu üben und die Liebe des Höchsten auf alle Menschen auszustrahlen, auf dass das Licht des Geistes in allen unseren Taten sichtbar und die ganze Menschheit dadurch vereinigt werde, damit sich ihr stürmisches Meer beruhigt und alle rauen Wogen von der hinfort stillen und friedlichen Oberfläche der See des Lebens schwinden mögen. Dann wird die Menschheit das Neue Jerusalem erschauen, durch seine Pforten treten und die Gottesgabe empfangen.
28:20
Ich danke Gott, dass ich heute Nachmittag bei euch zugegen war, und ich danke euch für eure geistigen Gefühle.
28:21
Ich bete, dass ihr im göttlichen Eifer wachsen möget und dass die Einigkeit im Geist an Kraft gewinne, auf dass sich die Prophezeiungen erfüllen und in diesem großen Jahrhundert des Lichtes Gottes alle in den Heiligen Büchern aufgezeichneten frohen Botschaften eintreten. Dieses ist die herrliche Zeit, von welcher der Herr Jesus Christus sprach, als Er uns zu beten gebot: »Dein Reich komme, Dein Wille geschehe wie im Himmel also auch auf Erden.«Mt. 6:10 – Anm. d. Hrsg.Q Ich hoffe, dass dies auch eure Erwartung und eure große Sehnsucht ist.
28:22
Wir sind in dem einen Ziel und Hoffen vereint, dass alle eins sein mögen und ein jedes Herz durch die Liebe unseres himmlischen Vaters, Gott, erleuchtet werde.
28:23
Möchten alle unsere Taten geistig und alle unsere Interessen und Neigungen auf das Reich der Herrlichkeit gerichtet sein!
– 29 –
Die Entwicklung des Geistes
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Rue Greuze 15, Paris, 10. November 1911
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‘Abdu’l-Bahá sprach:
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Heute Abend will ich von der Entwicklung oder den Fortschritten des Geistes sprechen.
29:2
Vollkommene Ruhe existiert nicht in der Natur. Alles macht entweder Fortschritte oder es verliert sich. Alles bewegt sich vorwärts oder rückwärts. Nichts ist ohne Bewegung. Von seiner Geburt an entwickelt der Mensch sich körperlich, bis er die Reife erlangt. Wenn er dann die Blüte seiner Jahre erreicht hat, beginnt er abzunehmen, Stärke und Kraft des Körpers lassen nach, und allmählich nähert er sich der Todesstunde. Genauso schreitet eine Pflanze von der Saat zur Reife fort. Dann setzt ein Nachlassen des Lebens ein, sie geht dahin und stirbt zuletzt. Der Vogel steigt bis zu einer gewissen Höhe auf und lässt sich, wenn er den höchst möglichen Punkt des Fluges erreicht hat, wieder zur Erde nieder.
29:3
So zeigt sich, dass die Bewegung allem Dasein eigen ist. Alle materiellen Dinge entwickeln sich bis zu einem gewissen Punkte, dann beginnen sie abzunehmen. Das ist das Gesetz, das in der ganzen physischen Schöpfung herrscht.
29:4
Betrachten wir nun die Seele: wir sahen, dass die Bewegung ein Wesenszug des Daseins ist und dass nichts, was Leben hat, bewegungslos ist. Die ganze Schöpfung, ob Mineral-, ob Pflanzen- oder Tierreich ist gezwungen, dem Gesetz der Bewegung zu gehorchen, sie mussten entweder aufwärts oder abwärts steigen. Aber die menschliche Seele kennt keinen Abstieg. Ihre einzige Bewegung ist auf Vervollkommnung gerichtet. Nur Wachstum und Fortschritt machen die Bewegung der Seele aus.
29:5
Die göttliche Vollkommenheit ist unendlich, daher ist der Fortschritt der Seele auch unendlich. Bereits mit der Geburt des Menschenwesens schreitet die Seele vorwärts, die Verstandeskräfte wachsen und die Erkenntnis weitet sich. Wenn dann der Körper stirbt, lebt doch die Seele weiter. All die verschiedenen Stufen der erschaffenen physischen Wesen sind begrenzt, die Seele jedoch hat keine Grenzen.
29:6
In allen Religionen besteht der Glaube, dass die Seele den Tod des Körpers überdauert. Fürbitten werden für die geliebten Toten emporgesandt, Gebete für ihren Fortschritt und die Vergebung ihrer Sünden dargebracht. Ginge die Seele mit dem Körper unter, so wäre dies alles sinnlos, und wäre es für die Seele unmöglich, nach der Ablösung vom Körper zur Vollkommenheit fortzuschreiten, was nützte dann wohl alle diese liebevolle Hingebung des Betens?
29:7
Wir lesen in den heiligen Schriften, dass »alle guten Werke wiederkehren« d. h., alle guten Taten bergen ihren Lohn in sich.. A. Würde aber die Seele nicht weiterleben, so würde dies alles nichts bedeuten.
29:8
Wird nicht schon dadurch die Fortdauer des Daseins unserer aus der materiellen Welt geschiedenen Lieben dargetan, dass uns der sicher nicht umsonst verliehene geistige Instinkt antreibt, für ihr Wohlergehen zu bitten?
29:9
In der Welt des Geistes gibt es keinen Rückschritt. Die sterbliche Welt ist eine Welt der Widersprüche, der Gegensätze. Da Bewegung etwas Zwangsläufiges ist, muss alles entweder vorwärts oder rückwärts gehen. Im Reich des Geistes ist kein Rückgang möglich, alle Bewegung ist daran gebunden, einem vollkommenen Zustand zuzustreben. ›Fortschritt‹ ist der Ausdruck des Geistes in der Welt des Stoffes. Die Intelligenz des Menschen, seine Urteilskraft, seine Erkenntnis, seine wissenschaftlichen Errungenschaften, sie alle haben, da sie Offenbarungen des Geistes sind, am unausweichlichen Gesetz des geistigen Fortschritts teil und sind darum notwendigerweise unvergänglich.
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