‘Abdu’l-Bahá | Ansprachen in Paris
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29:21
Der Mensch verbringt günstigenfalls viermal zwanzig und zehn Jahre in dieser Welt – fürwahr eine kurze Spanne!
29:22
Hört der Mensch zu bestehen auf, wenn er aus dem Körper scheidet? Wenn sein Leben ein Ende hat, ist alle vorangegangene Entwicklung nutzlos, alles umsonst gewesen. Können wir uns vorstellen, dass die Schöpfung kein höheres Ziel als dieses hat?
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Die Seele ist ewig, unvergänglich.
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Die Materialisten sagen: »Wo ist die Seele? Was ist sie? Wir können sie nicht sehen und nicht fühlen.«
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Wir müssen ihnen folgendermaßen erwidern: Wie große Fortschritte das Mineral auch machen mag, es kann die Pflanzenwelt nicht verstehen. Aber dieser Mangel an Verständnis beweist nicht etwa, dass die Pflanze nicht besteht.
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Zu einem wie hohen Grade sich die Pflanze auch entfaltet haben mag, sie bleibt doch unfähig, die Tierwelt zu begreifen. Dieses Nichtwissen ist kein Beweis dafür, dass es kein Tier gibt.
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Wie hoch sich das Tier auch entwickelt haben mag, es kann sich weder den Verstand des Menschen vorstellen, noch die Natur seiner Seele erfassen. Doch beweist das wiederum nicht, dass der Mensch keinen Verstand oder keine Seele hätte. Es beweist nur, dass jede Daseinsform außerstande ist, eine höhere Form als die eigene zu begreifen.
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Diese Blume mag sich eines Wesens von der Art des Menschen nicht bewusst werden, aber die Tatsache ihrer Unwissenheit ist kein Hemmnis für das Vorhandensein der Menschheit.
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Wenn nun in gleicher Weise die Materialisten nicht an ein Vorhandensein der Seele glauben, so beweist ihr Unglaube dennoch nicht, dass es kein Reich wie die Welt des Geistes gibt. Der Umstand, dass der Mensch Verstand besitzt, beweist seine Unsterblichkeit. Auch die Dunkelheit beweist die Anwesenheit des Lichtes, denn ohne Licht würde kein Schatten sein. Armut beweist das Vorhandensein von Reichtum; wie vermöchten wir sonst, die Armut zu ermessen? Unwissenheit beweist, dass Wissen vorhanden ist; denn wie könnte es Unwissenheit ohne Wissen geben?
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Der Gedanke der Sterblichkeit setzt daher voraus, dass es eine Unsterblichkeit gibt; denn, wenn es kein ewiges Leben gäbe, würde es auch keine Möglichkeit geben, das Leben dieser Welt zu ermessen.
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Wenn der Geist nicht unsterblich wäre, wie könnten dann wohl die Manifestationen Gottes so furchtbare Prüfungen erdulden?
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Warum hat Christus Jesus den furchtbaren Kreuzestod erlitten?
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Warum hat Muḥammad die Verfolgung ertragen?
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Warum hat der Báb das höchste Opfer dargebracht, und warum verbrachte Bahá’u’lláh die Jahre Seines Lebens im Gefängnis?
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Warum sollte sich all dies Leiden zugetragen haben, wenn nicht, um das ewige Leben des Geistes zu beweisen?
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Christus litt. Er nahm alle Seine Prüfungen um der Unsterblichkeit Seines Geistes willen hin. Ein Mensch, der nachdenkt, wird die geistige Bedeutung des Gesetzes der Fortentwickelung verstehen, wie alles sich von der niederen Stufe zur höheren bewegt.
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Nur ein Mensch, der kein Verständnis hat, kann bei Betrachtung dieser Dinge meinen, der große Schöpfungsplan könnte sich plötzlich nicht weiter entfalten, die Entwicklung zu einem so unangemessenen Ende kommen.
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Materialisten, die so urteilen und bestreiten, dass wir fähig sind, die Welt des Geistes zu sehen oder die Segnungen Gottes wahrzunehmen, sind sicher wie Tiere, die keinen Verstand besitzen. Sie haben Augen und sehen nicht. Sie haben Ohren und hören nicht. Und dieser Mangel an Sehen und Hören ist für nichts sonst ein Beweis als für ihre eigene Minderwertigkeit, von der wir im Qur’án lesen: »Sie sind Menschen, die blind und taub für den Geist sind.« Vgl. Qur’án 2:171, 5:70–71, 11:24, u. a. – Anm. d. Hrsg. Q Sie bedienen sich nicht der großen Gabe Gottes, der Kraft des Verstandes, durch die sie mit den Augen des Geistes sehen, mit geistigen Ohren hören und mit göttlich erleuchteten Herzen verstehen könnten.
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Die Unfähigkeit des materialistischen Geistes, den Gedanken des ewigen Lebens zu erfassen, ist kein Beweis für das Nichtvorhandensein jenes Lebens.
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Das Begreifen jenes anderen Lebens hängt von unserer geistigen Geburt ab.
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Es ist mein Gebet für euch, dass eure geistigen Fähigkeiten und euer geistiges Trachten täglich zunehmen mögen und dass ihr den materiellen Sinnen nie erlaubt, die Herrlichkeit der himmlischen Erleuchtung vor euren Augen zu verhüllen.
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Sehnsucht und Gebete ‘Abdu’l-Bahás
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15. November 1911
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‘Abdu’l-Bahá sprach:
30:1
Ihr seid alle sehr willkommen und ich liebe euch alle innig.
30:2
Tag und Nacht bete ich für euch zum Himmel, dass ihr Kraft besitzen, dass ihr allesamt an den Segnungen Bahá’u’lláhs teilhaben und in das Himmelreich gelangen möget.
30:3
Ich flehe, dass ihr wie neue, vom göttlichen Licht erleuchtete Wesen und wie strahlende Lampen werdet und dass sich von einem Ende Europas bis zum anderen die Erkenntnis der Liebe Gottes verbreite.
30:4
Möge diese grenzenlose Liebe eure Herzen und Sinne so erfüllen, dass in ihnen keine Traurigkeit mehr Raum hat und ihr euch wie Vögel mit freudigem Herzen zu dem göttlichen Strahlenglanz erhebet.
30:5
Möchten eure Herzen hell und rein wie glänzende Spiegel werden, aus denen die volle Herrlichkeit der Sonne der Wahrheit widerstrahlt.
30:6
Möchten sich eure Augen öffnen, um die Zeichen des Reiches Gottes zu erblicken, und eure Ohren offen sein, damit ihr mit vollkommenem Verständnis die himmlische Verkündigung hört, die mitten unter euch laut ist.
30:7
Möchten eure Seelen Hilfe und Trost empfangen und, so gestärkt, befähigt werden, im Einklang mit den Lehren Bahá’u’lláhs zu leben.
30:8
Ich bitte flehentlich für jeden und alle, dass ihr wie Flammen der Liebe in der Welt sein möget und dass die Helligkeit eures Lichts und die Wärme eurer Zuneigung zum Herzen eines jeden traurigen und bekümmerten Gotteskindes finden.
30:9
Möchtet ihr wie glänzende Sterne sein, die für immer im Königreiche leuchten und strahlen.
30:10
Ich rate euch, mit Ernst die Lehren Bahá’u’lláhs zu studieren, damit ihr mit Gottes Hilfe wirklich und wahrhaftig zu Bahá’í werdet.
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Über Körper, Seele und Geist
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Avenue de Camoëns 4, Paris Freitagmorgen, den 17. November 1911
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In der Menschenwelt gibt es drei Stufen: Die des Körpers, die der Seele und die des Geistes.
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Der Körper ist die physische oder tierische Stufe des Menschen. Vom Gesichtspunkt des Körpers aus betrachtet, hat der Mensch am Tierreich teil. Die Körper der Menschen und der Tiere bestehen gleichermaßen aus Grundstoffen, die durch das Gesetz der Anziehung zusammengehalten werden.
31:3
Gleich dem Tier besitzt der Mensch die Fähigkeit der Sinne. Er ist Hitze, Kälte, Hunger, Durst und so weiter unterworfen. Ungleich dem Tier jedoch hat der Mensch eine mit Vernunft begabte Seele, die menschliche Intelligenz.
31:4
Diese Intelligenz des Menschen ist der Mittler zwischen seinem Körper und seinem Geiste.
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