‘Abdu’l-Bahá | Ansprachen in Paris
weiter nach oben ...
1:16
Ich hoffe für euch, dass ihr immer Gewalt und Unterdrückung meiden und unablässig arbeiten werdet, bis Gerechtigkeit in jedem Lande herrscht, und dass ihr eure Herzen rein und eure Hände frei von Unrecht haltet.
1:17
Dies ist es, was ihr tun müsst, um Gott nahe zu kommen, dies ist, was ich von euch erwarte.
– 2 –
Die Macht und der Wert des wahren Denkens hängen von dessen Äußerung in Taten ab
2:0_2
18. Oktober 1911
2:1
Die Wirklichkeit des Menschen ist sein Denken, nicht sein stofflicher Körper. Die Kraft des Denkens und die tierischen Kräfte sind Partner. Obwohl der Mensch an der Tierwelt teilhat, so besitzt er doch eine Gedankenmacht, die allen übrigen Geschöpfen überlegen ist.
2:2
Wenn ein Mensch in seinen Gedanken fortgesetzt den himmlischen Dingen zustrebt, wird er wie ein Heiliger, wenn sich seine Gedanken hingegen nicht erheben, sondern abwärts trachten, um sich in den Mittelpunkt der Dinge dieser Welt zu stellen, wird er fortwährend materieller, bis er einen Zustand erreicht, der wenig besser als der des bloßen Tieres ist.
2:3
Wir können zwei Klassen von Gedanken unterscheiden:
2:4
1. Gedanken, die nur der Welt des Denkens angehören,
2:5
2. Gedanken, die sich in Taten äußern.
2:6
Manche Männer und Frauen freuen sich über ihre erhabenen Gedanken, doch wenn diese Gedanken nie in die Ebene der Taten kommen, bleiben sie zwecklos: die Macht des Denkens hängt von dessen Äußerung in Taten ab. Die Gedanken eines Philosophen mögen sich zwar in der Welt des Fortschritts und der Entwicklung in Handlungen anderer Menschen auswirken, auch wenn die Philosophen selber unfähig oder nicht bereit sind, ihre großen Ideale im eigenen Leben zu bekunden. Zu dieser Klasse gehört die Mehrzahl der Philosophen, da ihre Lehren hoch über ihren Taten stehen. Dies ist der Unterschied zwischen den Philosophen, die geistige Lehrer, und denen, die nur Philosophen sind: der geistige Lehrer ist der erste, der die eigenen Lehren befolgt; er bringt seine geistigen Begriffe und Ideale herab in die Welt des Handelns. Seine göttlichen Gedanken werden der Welt kund gemacht. Er selber ist sein Denken, von dem er nicht zu trennen ist. Wenn wir einen Philosophen finden, der die Bedeutung und Größe der Gerechtigkeit hervorhebt und dann einen raubgierigen Herrscher in seiner Unterdrückung und Gewalttätigkeit ermuntert, werden wir rasch erkennen, dass er zur ersten Klasse zählt, denn er denkt himmlische Gedanken und übt nicht die entsprechenden himmlischen Tugenden.
2:7
Dieser Zustand ist bei den geistigen Philosophen unmöglich, weil sie stets ihre hohen und edlen Gedanken in Taten äußern.
– 3 –
Gott ist der große barmherzige Arzt, Der allein die wahre Heilung bringt
3:0_3
19. Oktober 1911
3:1
Alle wahre Heilung kommt von Gott! Es gibt zwei Ursachen der Krankheit, die eine ist materiell, die andere geistig. Wenn die Krankheit aus dem Körper kommt, so bedarf sie zur Heilung eines materiellen Mittels, kommt sie aus der Seele, so erfordert sie ein geistiges Mittel.
3:2
Nur wenn der himmlische Segen während der Heilung auf uns ruht, kann unsere Wiederherstellung erfolgen, denn Arzneien sind lediglich das äußere und sichtbare Mittel, durch das wir himmlische Heilung finden. Ehe nicht der Geist geheilt wird, ist die Behandlung des Körpers völlig wertlos. Alles ist in Gottes Hand, und ohne Ihn ist keine Gesundheit in uns möglich.
3:3
Es hat zahlreiche Menschen gegeben, die schließlich gerade an dem Übel gestorben sind, das sie besonders untersucht haben. Aristoteles z. B., der sich des Näheren mit der Verdauung befasst hat, starb an einem Magenleiden. Avicenna war Herzspezialist und starb an einer Herzkrankheit. Gott ist der große barmherzige Arzt, der allein die Macht zur wahren Heilung hat.
3:4
Alle Geschöpfe hängen von Gott ab, wie groß auch ihr Wissen, ihre Macht und ihre Unabhängigkeit erscheinen mögen.
3:5
Betrachtet die mächtigen Könige auf Erden, besitzen sie doch alle Macht der Welt, die ihnen der Mensch zu geben vermag, und doch müssen sie, wenn sie vom Tod gerufen werden, ebenso gehorchen wie die Bauern vor ihren Türen.
3:6
Seht auch die Tiere, wie hilflos sie in ihrer offenbaren Stärke sind Denn der Elefant, das größte aller Tiere, wird durch die Fliege belästigt, und der Löwe kann sich nicht der Reizung durch den Wurm entziehen. Selbst der Mensch, die höchste Form der erschaffenen Wesen, braucht mancherlei für sein bloßes Dasein, vor allem Luft, und wenn er ihrer nur wenige Minuten lang beraubt ist, stirbt er. Ebenso hängt er von Wasser, Nahrung, Kleidung, Wärme und vielem anderem ab. Auf allen Seiten ist er von Gefahren und Schwierigkeiten umgeben, gegen die sein physischer Körper allein nicht aufzukommen vermag. Wenn der Mensch die Welt um sich betrachtet, wird er erkennen, wie alles Erschaffene den Naturgesetzen unterworfen ist und von ihnen abhängt.
3:7
Nur der Mensch war durch seine Geisteskraft in der Lage, sich zu befreien, sich über die Welt des Stoffes zu erheben und sie sich untertan zu machen.
3:8
Ohne die Hilfe Gottes ist der Mensch wie das Tier, das umkommt, aber Gott hat ihn mit so wunderbarer Kraft bedacht, dass er immer aufwärts schauen und außer anderen Gaben auch Heilung aus Seinem göttlichen Segensüberfluss empfangen mag.
3:9
Doch ach, der Mensch ist nicht für diese höchste Segnung dankbar, sondern er schläft den Schlaf der Nachlässigkeit und missachtet die große Gnade, die ihm Gott erzeigt hat, indem er sein Gesicht vom Lichte abkehrt und seinen Weg im Dunkel geht.
3:10
Es ist mein ernstes Gebet, dass ihr nicht wie sie sein mögt, sondern immer mit Festigkeit auf das Licht schaut, damit ihr wie leuchtende Fackeln in den dunklen Bereichen des Lebens werdet.
– 4 –
Die Notwendigkeit eines Zusammenschlusses der Völker des Ostens und des Westens
4:0_4
Freitag, 20. Oktober 1911
4:1
‘Abdu’l-Bahá sprach:
4:2
In der Vergangenheit wie in der Gegenwart hat die geistige Sonne der Wahrheit stets vom Horizont des Ostens her geschienen.
4:3
Abraham erschien im Osten. Im Osten erhob sich Moses, um das Volk zu führen und zu lehren, am östlichen Horizont erhob sich der Herr Christus. Muḥammad wurde zu einem östlichen Volk gesandt. Der Báb erhob sich in dem östlichen Land Persien. Bahá’u’lláh lebte und lehrte im Osten. Alle großen geistigen Lehrer erschienen in der Welt des Ostens. Doch obgleich die Sonne Christi im Osten aufging, wurden ihre Strahlen im Westen sichtbar, wo man die Herrlichkeit ihres Glanzes klarer erkannte. Das göttliche Licht Seiner Lehren leuchtete kräftiger in der westlichen Welt, in der es einen rascheren Fortschritt als im Lande seines Ursprungs nahm.
4:4
In diesen Tagen bedarf der Osten eines materiellen Fortschritts und der Westen eines geistigen Ideals. Es wäre für den Westen gut, sich um Erleuchtung an den Orient zu wenden und ihm dafür seine wissenschaftlichen Kenntnisse zu vermitteln. Dieser Gabenaustausch muss erfolgen.
4:5
Osten und Westen müssen sich zusammenschließen, um einander das zu geben, was sie brauchen. Diese Vereinigung wird eine wahre Zivilisation hervorbringen, in der das Geistige im Materiellen Ausdruck und Verwirklichung findet.
4:6
Wenn so der eine vom anderen empfängt, wird größte Eintracht herrschen, die ganze Welt vereint und ein Zustand hoher Vervollkommnung erreicht sein. Es wird ein festgeknüpftes Band bestehen und diese Welt zu einem leuchtenden Spiegel für die Eigenschaften Gottes werden.
4:7
Wir alle, die Nationen des Ostens und die des Westens, müssen Tag und Nacht mit Herz und Seele danach streben, dieses hohe Ideal, den Zusammenschluss der Einheit aller Völker der Erde, zu vollenden. Jedes Herz wird dann erfrischt und jedes Auge aufgetan, die wundervollste Kraft gewonnen und das Glück der Menschenwelt gesichert sein.
4:8
Wir müssen darum beten, dass durch die Segensfülle Gottes Persien in den Stand versetzt wird, vom Westen materielle Zivilisation und Schulung zu empfangen und ihm durch die göttliche Gnade sein geistiges Licht dafür zu geben. Der ergebenen tatkräftigen Arbeit der vereinten Völker, Abendländer und Morgenländer, wird es gelingen, dies zuwege zu bringen, denn die Kraft des Heiligen Geistes wird ihnen helfen.
4:9
Die Prinzipien der Lehren Bahá’u’lláhs sollten, Grundsatz um Grundsatz, sorgfältig studiert werden, bis sie durch Verstand und Herz erfasst und begriffen sind – dann werdet ihr zu kraftvollen Anhängern des Lichtes und zu wahrhaft geistigen, himmlischen Soldaten Gottes werden, die in Persien, Europa und der ganzen Welt die wahre Zivilisation ergreifen und verbreiten.
4:10
Dies wird das Paradies auf Erden sein, das kommen wird, wenn das ganze Menschengeschlecht unter dem Zelte der Einigkeit im Reich der Herrlichkeit versammelt ist.
– 5 –
Gott begreift alles in sich, Er selbst kann nicht begriffen werden
5:0_5
Freitagabend, 20. Oktober 1911
5:0_6
‘Abdu’l-Bahá sprach:
5:1
Zahlreiche Zusammenkünfte finden täglich in Paris zu verschiedenen Zwecken statt, um Fragen der Politik, der Wirtschaft, der Erziehung, der Kunst, der Wissenschaft und manches andere zu erörtern.
5:2
Alle diese Zusammenkünfte sind gut, doch diese Versammlung hier hat sich zusammengefunden, um das Angesicht Gott zuzuwenden, zu lernen, wie man am besten das Wohl der Menschheit fördert, zu prüfen, wie sich Vorurteile überwinden lassen und wie man in die Menschenherzen den Samen der Liebe und der allgemeinen Bruderschaft zu säen vermag.
weiter nach unten ...