‘Abdu’l-Bahá | Ansprachen in Paris
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30:6
Möchten sich eure Augen öffnen, um die Zeichen des Reiches Gottes zu erblicken, und eure Ohren offen sein, damit ihr mit vollkommenem Verständnis die himmlische Verkündigung hört, die mitten unter euch laut ist.
30:7
Möchten eure Seelen Hilfe und Trost empfangen und, so gestärkt, befähigt werden, im Einklang mit den Lehren Bahá’u’lláhs zu leben.
30:8
Ich bitte flehentlich für jeden und alle, dass ihr wie Flammen der Liebe in der Welt sein möget und dass die Helligkeit eures Lichts und die Wärme eurer Zuneigung zum Herzen eines jeden traurigen und bekümmerten Gotteskindes finden.
30:9
Möchtet ihr wie glänzende Sterne sein, die für immer im Königreiche leuchten und strahlen.
30:10
Ich rate euch, mit Ernst die Lehren Bahá’u’lláhs zu studieren, damit ihr mit Gottes Hilfe wirklich und wahrhaftig zu Bahá’í werdet.
– 31 –
Über Körper, Seele und Geist
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Avenue de Camoëns 4, Paris Freitagmorgen, den 17. November 1911
31:1
In der Menschenwelt gibt es drei Stufen: Die des Körpers, die der Seele und die des Geistes.
31:2
Der Körper ist die physische oder tierische Stufe des Menschen. Vom Gesichtspunkt des Körpers aus betrachtet, hat der Mensch am Tierreich teil. Die Körper der Menschen und der Tiere bestehen gleichermaßen aus Grundstoffen, die durch das Gesetz der Anziehung zusammengehalten werden.
31:3
Gleich dem Tier besitzt der Mensch die Fähigkeit der Sinne. Er ist Hitze, Kälte, Hunger, Durst und so weiter unterworfen. Ungleich dem Tier jedoch hat der Mensch eine mit Vernunft begabte Seele, die menschliche Intelligenz.
31:4
Diese Intelligenz des Menschen ist der Mittler zwischen seinem Körper und seinem Geiste.
31:5
Wenn der Mensch durch seine Seele dem Geist gestattet, seinen Verstand zu erleuchten, dann umfasst er die ganze Schöpfung. Da der Mensch der Gipfelpunkt all dessen ist, was voranging, und deshalb allen vorhergehenden Entwicklungen überlegen ist, schließt er in sich die ganze niedere Welt ein. Wenn der Mensch vom Geiste durch die Seele erleuchtet ist, so macht ihn seine strahlende Intelligenz zur Krone der Schöpfung.
31:6
Wenn der Mensch jedoch nicht Sinn und Herz den Segnungen des Geistes öffnet, sondern seine Seele der materiellen Seite, dem leiblichen Teil seines Wesens, zukehrt, dann ist er von seinem hohen Platz herabgesunken und wird er geringer als die Bewohner des niedrigeren Tierreiches. In diesem Falle ist der Mensch in einem traurigen Zustand. Denn, wenn wir die geistigen Eigenschaften der Seele, die dem Odem des göttlichen Geistes offen sind, nie benutzen, schwinden sie, werden kraftlos und schließlich unbrauchbar, während die materiellen Eigenschaften der Seele, allein geübt, in furchtbarer Weise mächtig werden, und der unglückliche, missgeleitete Mensch wird roher, ungerechter, gemeiner, grausamer, böswilliger als die niedrigeren Tiere. Wenn all sein Trachten und Begehren durch die niedere Seite seiner Seele Stärkung findet, wird er immer tierischer werden, bis nichts mehr in seinem Wesen dem des vergänglichen Tieres überlegen ist. Solche Menschen sinnen, Böses zu tun, zu schaden und zu zerstören. Sie ermangeln völlig des Geistes göttlichen Erbarmens, denn die himmlische Beschaffenheit der Seele ist dann unter die Herrschaft des Materiellen gekommen. Wenn dagegen die geistige Natur der Seele so gestärkt worden ist, dass sie die materielle bezwingt, dann nähert sich der Mensch dem Göttlichen. Sein Menschentum wird so veredelt, dass sich die Tugenden der himmlischen Gemeinschaft in ihm offenbaren. Er strahlt die Barmherzigkeit Gottes aus, er regt den geistigen Fortschritt der Menschheit an, denn er wird zu einer Lampe, die Licht auf ihren Weg ergießt.
31:7
Ihr seht, wie die Seele Mittler zwischen Körper und Geist ist. Ebenso ist dieser Baum Ein Orangenbäumchen auf einem nahen Tisch. A der Mittler zwischen Saat und Früchten. Wenn die Frucht des Baumes zum Vorschein kommt und reif wird, wissen wir, dass der Baum vollkommen ist. Wenn der Baum nicht Früchte trüge, wäre er nur ein nutzloses Gewächs, das keinen Zweck hat!
31:8
Wenn eine Seele das geistige Leben in sich trägt, dann bringt sie gute Früchte hervor und wird zu einem göttlichen Baume. Ich wollte, ihr versuchtet, dieses Beispiel zu verstehen. Ich hoffe, dass die unaussprechliche Güte Gottes euch so stärken wird, dass die himmlische Eigenschaft eurer Seele, die sie mit dem Geist verknüpft, für immer über die materielle Seite herrschen und die Sinne in solchem Maße beeinflussen wird, dass eure Seele sich den Vollkommenheiten des himmlischen Reiches nähert. Möchte euer Angesicht in unverwandtem Blick auf das göttliche Licht so strahlend werden, dass alle eure Gedanken, Worte und Handlungen in dem beherrschenden geistigen Glanze eurer Seelen leuchten, auf dass euer Leben in den Versammlungen der Welt Vollkommenheit erkennen lasse.
31:9
Das Leben mancher Menschen befasst sich lediglich mit den Dingen dieser Welt. Ihr Sinn bewegt sich derart in äußeren Sitten und überkommenen Neigungen, dass sie für alle anderen Daseinsbereiche und die geistigen Bedeutungen der Dinge blind sind. Ihre Gedanken und Träume gelten irdischem Ruhm und materiellem Fortschritt. Sinnesfreuden und Behaglichkeit begrenzen ihren Blick. Ihr höchster Ehrgeiz kreist um weltlich gegebene und geartete Erfolge. Sie halten ihre niederen Neigungen nicht im Zaume, essen, trinken und schlafen. Gleich dem Tier beschränken sich ihre Gedanken auf das eigene körperliche Wohlergehen. Sicher müssen diese Bedürfnisse befriedigt werden. Das Leben ist eine Last, die wir tragen müssen, solange wir auf Erden sind, doch sollten wir den Sorgen um die niederen Lebensdinge nicht gestatten, dass sie allein über das menschliche Denken und Streben herrschen. Des Herzens Streben sollte sich zu einem herrlicheren Ziel erheben, die geistige Regsamkeit auf eine höhere Ebene steigen. Die Menschen sollten in ihrer Seele das Abbild himmlischer Vollkommenheit tragen und dort den unerschöpflichen Segnungen des göttlichen Geistes einen Ort bereiten.
31:10
Setzt euren Ehrgeiz auf die Vollendung einer himmlischen Zivilisation auf Erden! Ich bitte für euch um den höchsten Segen, damit euch die Lebenskraft des himmlischen Geistes so erfülle, dass ihr für die Welt zur Ursache des Lebens werdet.
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Die Bahá’í müssen mit Herz und Seele wirken, um bessere Zustände in der Welt zu schaffen
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19. November 1911
32:1
Wie erfreulich ist es, eine Versammlung wie diese hier zu sehen, ist sie doch wirklich eine Zusammenkunft von ›himmlischen Menschen‹.
32:2
Wir alle sind vereint in einer göttlichen Absicht. Wir haben keinen materiellen Beweggrund, und es ist unser Herzenswunsch, die Liebe Gottes über die Welt zu tragen.
32:3
Wir arbeiten und beten für die Einheit der Menschheit, damit die Völker der Erde zu einem Volk und alle Länder zu einem Lande werden, damit alle Herzen wie ein einziges schlagen und für vollkommene Einheit und Brüderlichkeit zusammenwirken.
32:4
Preis sei Gott, dass unser Bemühen echt und unser Herz dem Königreiche zugekehrt ist. Unser sehnlichster Wunsch gilt der Begründung der Wahrheit in der Welt, und in dieser Hoffnung kommen wir einander in Liebe und Zuneigung näher. Jeder von uns ist großherzig und selbstlos und bereit, seinen persönlichen Ehrgeiz ganz dem großen Ideal zu opfern, das wir alle erstreben: brüderliche Liebe, Frieden und Einigkeit unter den Menschen.
32:5
Zweifelt nicht, dass Gott mit uns zur Rechten und zur Linken ist, dass Er tagtäglich unsere Zahl vergrößern wird und dass unsere Versammlungen an Kraft und Dienlichkeit gewinnen werden.
32:6
Es ist meine liebste Hoffnung, dass ihr alle zum Segen anderer werdet, dass ihr den geistig Blinden Augen, den geistig Tauben Ohren und allen denen, die in Sünde tot sind, Leben gebet.
32:7
Möchtet ihr den im Materialismus Versunkenen helfen, ihre Gottessohnschaft zu verwirklichen, und sie ermutigen, sich zu erheben und sich ihrer Erstgeburt würdig zu erweisen, damit durch eure Bemühungen die Menschenwelt zum Reiche Gottes und Seiner Auserwählten werde.
32:8
Ich danke Gott, dass wir in diesem großen Ideal vereint sind, dass meine Sehnsucht auch die eure ist und dass wir in vollkommener Einigkeit zusammenwirken.
32:9
Wir sehen heute auf Erden das traurige Schauspiel eines grausamen Krieges. Der Mensch erschlägt seinen Bruder Mensch, um selbstischen Gewinn zu erzielen und sein Gebiet zu erweitern. Um dieses unwürdigen Ehrgeizes willen ist sein Herz dem Hass verfallen und wird noch immer weiteres Blut vergossen.
32:10
Neue Schlachten werden geschlagen, die Armeen vergrößert, mehr Geschütze, mehr Gewehre und mehr Sprengstoffe aller Art hinausgeschickt. So wachsen Bitternis und Hass mit jedem Tage.
32:11
Diese Versammlung jedoch ersehnt, Gott Lob, nur Frieden und Eintracht, und sie muss mit Herz und Seele wirken, um bessere Zustände in der Welt zu schaffen.
32:12
Ihr, die ihr die Diener Gottes seid, kämpft gegen Unterdrückung, Hass und Zwietracht, auf dass die Kriege ein Ende finden und sich Gottes Gesetz des Friedens und der Liebe unter den Menschen durchsetze.
32:13
Arbeitet! Wirket mit aller Kraft! Verbreitet die Sache des Königreiches unter den Menschen! Lehret die Selbstgerechten, sich demütig zu Gott zu wenden, die Sünder, dass sie nicht mehr sündigen und mit freudiger Erwartung auf das Kommen des Reiches harren!
32:14
Liebet euren himmlischen Vater, gehorcht Ihm und seid versichert, dass die göttliche Hilfe euch gehört. Fürwahr, ich sage euch, dass ihr in der Tat die Welt erobern werdet.
32:15
Habet Glauben, Geduld und Mut – dies ist erst der Anfang, aber ihr werdet sicherlich zum Ziel gelangen, denn Gott ist mit euch.
– 33 –
Über Verleumdung
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Montag, den 20. November 1911
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Seit Anbeginn der Welt bis heute wurde jede gottgesandte Manifestation d. h. göttliche Manifestation. A durch die verkörperten »Mächte der Finsternis« bekämpft.
33:2
Diese dunkle Macht hat stets versucht, das Licht zu löschen, die Unterdrückung hat immer danach getrachtet, die Gerechtigkeit zu überwinden. Unwissenheit hat hartnäckig das Wissen mit Füßen treten wollen. Dies ist seit frühester Zeit die Art der materiellen Welt gewesen.
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Zu Mose Zeit versuchte Pharao zu verhindern, dass das mosaische Licht verbreitet werde.
33:4
Im Zeitalter Christi hetzten Hannas und Kaiphas das jüdische Volk gegen Ihn auf, und die Gelehrten Israels vereinten sich, um sich Seiner Macht zu widersetzen. Alle erdenklichen Verleumdungen wurden gegen Ihn verbreitet! Die Schriftgelehrten und Pharisäer wirkten zusammen, um die Menge glauben zu machen, dass Er ein Lügner, ein Abtrünniger und Gotteslästerer sei. Sie streuten diese üble Nachrede gegen Christus in der ganzen Welt des Ostens aus und bewirkten, dass Er zu einem schmachvollen Tod verurteilt wurde.
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