‘Abdu’l-Bahá | Ansprachen in Paris
weiter nach oben ...
34:5
In vergangenen Zeiten war der Fortschritt auf der materiellen Ebene weniger schnell, und auch das Blut floss in geringerem Maße. Die alte Kriegsführung kannte keine Geschütze, keine Feuerwaffen und keinen Sprengstoff, keine Granaten, Torpedoboote, Schlachtschiffe oder Unterseeboote. Doch durch die materielle Zivilisation besitzen wir nun alle diese Erfindungen, und der Krieg entwickelt sich vom Schlimmen zum noch Schlimmeren. Europa wurde zu einem riesigen Waffenarsenal voller Sprengstoff, und sofern Gott nicht dessen Entzündung verhindert, wird sie die ganze Welt erfassen.
34:6
Ich möchte euch klar machen, dass materieller und geistiger Fortschritt zwei sehr verschiedene Dinge sind, und dass nur dann, wenn der materielle Fortschritt mit Geistigkeit Hand in Hand geht, wirklicher Fortschritt kommen und der größte Friede in der Welt regieren kann. Würden alle Menschen den heiligen Ratschlägen und den Lehren der Propheten folgen, alle Herzen durch das göttliche Licht erleuchtet werden und die Menschen in Wirklichkeit religiös sein, so würden wir bald den Frieden auf Erden und das Reich Gottes unter den Menschen sehen. Wir mögen die Gesetze Gottes mit der Seele und den materiellen Fortschritt mit dem Körper vergleichen. Erführe der Körper keine Belehbung durch die Seele, so könnte er nicht länger bestehen. Es ist mein ernstes Gebet, dass die Geistigkeit fortgesetzt wachsen und immer mehr in der Welt zunehmen möge, damit die Sitten erleuchtet und Friede und Eintracht aufgerichtet werden.
34:7
Krieg und Gewalt und die damit verbundenen Grausamkeiten sind Gott ein Gräuel und tragen ihre Strafe in sich, denn der Gott der Liebe ist auch ein Gott der Gerechtigkeit, und jeder Mensch muss unvermeidlich ernten, was er gesät hat. Lasset uns trachten, die Gebote des Höchsten zu verstehen und unser Leben nach Seinem Geheiß zu ordnen. Wahre Glückseligkeit hängt von geistigem Wohl ab und davon, dass wir das Herz stets offen halten, um die göttliche Güte zu empfangen.
34:8
Wenn das Herz sich von den Segnungen abkehrt, die Gott uns darreicht, wie vermöchte es dann auf Glück zu hoffen? Wenn es seine Hoffnung und sein Vertrauen nicht in Gottes Erbarmen setzt, wo könnte es dann wohl Ruhe finden? O bauet auf Gott, denn Seine Güte ist ewig, und auf Seine Segnungen, denn sie sind herrlich! O setzet euren Glauben in den Allmächtigen, denn Er irrt nicht und Seine Gunst währt ewiglich! Seine Sonne gibt dauernd Licht, und die Wolken Seines Erbarmens sind erfüllt vom Wasser des Mitleids, mit dem Er die Herzen aller benetzt, die Ihm vertrauen. Die Schwingen Seines erfrischenden Windes tragen den verdorrten Seelen der Menschen ständig Heilung zu. Ist es wohl weise, sich von einem so liebreichen Vater, der Seine Segnungen über uns ausgießt, abzuwenden, um lieber Sklave des Stofflichen zu sein?
34:9
Gott hat uns in Seiner grenzenlosen Güte zu so viel Ehre erhoben und uns zu Meistern über die stoffliche Welt gemacht, sollten wir da zu ihrem Sklaven werden? Nein, lasst uns vielmehr unser Geburtsrecht geltend machen und uns bemühen, dass wir das Leben der geistigen Söhne Gottes leben. Die herrliche Sonne der Wahrheit hat sich wieder einmal im Osten erhoben. Vom fernen Horizonte Persiens her verbreitet sich ihr Glanz über nah und fern und zerstreut die dichten Wolken des Aberglaubens. Das Licht der Einheit der Menschheit hat begonnen, die Welt zu erleuchten, und bald wird das Banner der göttlichen Eintracht und der Übereinstimmung der Völker hoch am Himmel flattern. Ja, der Windhauch des Heiligen Geistes wird die gesamte Welt mit Leben erfüllen.
34:10
O Völker und Nationen! Erhebet euch, arbeitet und seid glücklich! Versammelt euch unter dem Zelt der Einheit der Menschheit!
– 35 –
Schmerz und Sorge
35:0_45
22. November 1911
35:1
In dieser Welt beeinflussen uns zwei Gefühle: Freude und Schmerz.
35:2
Die Freude verleiht uns Schwingen. In Zeiten der Freude ist unsere Kraft belebter, unser Intellekt geschärfter und unser Begriffsvermögen weniger getrübt. Es fällt uns offenbar leichter, uns mit der Welt zu messen und unser Eignungsgebiet herauszufinden. Wenn aber Traurigkeit bei uns einkehrt, werden wir schwach, die Kraft verlässt uns, unser Fassungsvermögen wird trüb und unsere Intelligenz umschleiert. Die Gegebenheiten des Lebens scheinen sich unserem Griff zu entziehen, die Augen des Geistes können die geistigen Geheimnisse nicht mehr entdecken, und selbst das Leben scheint uns zu verlassen.
35:3
Kein menschliches Wesen bleibt von diesen beiden Einflüssen unberührt, doch alle Sorge und aller Kummer, denen wir begegnen, kommen aus der Welt des Stoffes, die geistige Welt hingegen schenkt nur Freude.
35:4
Leiden wir, so ist es das Ergebnis stofflicher Dinge, und alle Heimsuchungen und Störungen kommen aus dieser Welt der Täuschung.
35:5
So mag zum Beispiel ein Kaufmann sein Geschäft verlieren und Niedergeschlagenheit daraus folgen. Ein Arbeiter wird entlassen und sieht dem Hunger entgegen. Ein Bauer hat eine schlechte Ernte, und sein Gemüt wird angstvoll. Ein Mann baut sich ein Haus, das völlig niederbrennt, er ist ganz plötzlich obdachlos, zugrunde gerichtet und verzweifelt.
35:6
Diese Beispiele alle sollen euch zeigen, dass die Prüfungen, die jeden unserer Schritte umlagern, alle unsere Sorgen, Leiden, Schmach und Kummer aus der Welt des Stoffes kommen, wogegen das geistige Reich nie Traurigkeit verursacht. Ein Mensch, der mit seinen Gedanken in diesem Reiche lebt, kennt dauernde Freude. Die Übel, die das Erbe alles Fleisches sind, berühren ihn nicht, sie streifen sein Leben nur an der Oberfläche, während die Tiefen ruhig und gelassen sind.
35:7
Die Menschheit ist heute niedergedrückt von Mühsal, Sorge und Kummer. Niemand kann sich ihnen entziehen. Die Welt ist nass von Tränen, doch steht das Heilmittel, Gott Lob, vor der Türe. Lasset uns unsere Herzen abwenden von der Welt des Stoffes und in der Welt des Geistes leben. Sie allein kann Freiheit geben. Sind wir von Schwierigkeiten umringt, so brauchen wir nur Gott zu rufen, und Seine große Barmherzigkeit wird uns helfen.
35:8
Wenn Sorgen und Missgeschick zu uns kommen, so lasst uns unser Angesicht zum Königreich wenden, und himmlischer Trost wird fließen.
35:9
Wenn wir krank und in Not sind, lasst uns um Gottes Heilung flehen, und Er wird unser Beten erhören.
35:10
Wenn unsere Gedanken mit der Bitternis dieser Welt erfüllt sind, lasst uns unsere Augen auf die Süße von Gottes Mitleid richten, und Er wird himmlische Ruhe senden. Wenn wir auch in der stofflichen Welt gefangen sind, so kann sich doch unser Geist in die Himmel erheben, und wir werden tatsächlich frei sein.
35:11
Wenn sich unsere Tage dem Ende nähern, lasst uns der ewigen Welten gedenken, und wir werden voller Freude sein.
35:12
Überall um euch seht ihr die Beweise für die Unzulänglichkeit der stofflichen Dinge und dass Freude, Labsal, Friede und Trost nicht in den vergänglichen Dingen der Welt zu finden sind. Ist es daher nicht töricht, uns zu weigern, diese Schätze dort zu suchen, wo wir sie finden können? Die Tore des geistigen Königreiches sind für alle offen, und außerhalb derselben ist völliges Dunkel.
35:13
Danket Gott, dass ihr, die ihr hier versammelt seid, davon wisst, denn in allen Sorgen des Lebens vermögt ihr höchsten Trost zu erhalten. Wenn eure Erdentage gezählt sind, so wisst ihr, dass euch ewiges Leben erwartet. Wenn euch materielle Angst in eine dunkle Wolke hüllt, wird geistiger Glanz euren Weg erhellen. Wahrlich, wessen Sinn vom Geist des Höchsten erleuchtet ist, der hat die erhabenste Tröstung.
35:14
Ich war vierzig Jahre lang im Gefängnis – ein bloßes Jahr schon wäre unmöglich zu ertragen gewesen – niemand hat jene Gefangenschaft länger als ein Jahr überlebt. Aber Gott sei Dank, während jener ganzen vierzig Jahre war ich überaus glücklich. Jeden Tag, wenn ich erwachte, war es, als ob ich gute Botschaften hörte, und jede Nacht erfüllte mich mit unendlicher Freude. Geistigkeit war mein Trost und Hinwendung zu Gott meine größte Freude. Glaubt ihr wohl, ich hätte anders vermocht, jene vierzig Jahre in Gefangenschaft zu leben?
35:15
Darum ist Geistigkeit die größte unter den Gaben Gottes, und »ewiges Leben« heißt, ›sich zu Gott zu wenden‹. Möchtet ihr, einzeln und insgesamt, mit jedem Tag an Geistigkeit gewinnen, möchtet ihr in allem Guten Stärkung finden, möchte der göttliche Trost euch immer mehr helfen, euch Gottes Heiliger Geist erlösen und die Kraft des himmlischen Königreiches unter euch leben und wirken.
35:16
Das ist mein ernstlicher Wunsch, und ich flehe zu Gott, euch diese Gunst zu gewähren.
– 36 –
Die vollkommenen menschlichen Empfindungen und Tugenden
36:0_46
23. November 1911
36:0_47
‘Abdu’l-Bahá sprach:
36:1
Ihr solltet alle sehr glücklich und Gott für das große Vorrecht dankbar sein, das euch zuteil ward.
36:2
Dies ist eine rein geistige Versammlung. Preis sei Gott, eure Herzen sind Ihm zugekehrt, eure Seelen vom Königreich angezogen, ihr habt geistiges Streben, und eure Gedanken erheben sich über die Welt des Staubes.
36:3
Ihr gehöret der Welt der Reinheit an und gebt euch nicht damit zufrieden, das Leben eines Tieres zu leben und eure Tage mit Essen, Trinken und Schlafen zu verbringen. Ihr seid tatsächlich Menschen. Eure Gedanken und euer Streben sind darauf gerichtet, menschliche Vollkommenheit zu erreichen. Ihr lebt, um Gutes zu tun und anderen Freude zu bereiten. Eure größte Sehnsucht ist es, dass ihr die Trauernden trösten, die Schwachen stärken und den verzweifelten Seelen zur Ursache der Hoffnung werden könnt. Bei Tag und Nacht sind eure Gedanken dem Königreich zugekehrt und eure Herzen erfüllt von der Liebe Gottes.
36:4
Daher kennt ihr weder Widerstand noch Abneigung noch Hass, denn alle lebenden Geschöpfe sind euch lieb, und ihr suchet das Gute in jedem.
36:5
Dies sind vollkommene menschliche Empfindungen und Tugenden. Wenn ein Mensch keine von diesen Tugenden besitzt, so wäre es besser für ihn, er hörte auf zu bestehen. Wenn eine Lampe kein Licht mehr gibt, so wäre es besser für sie, sie würde vernichtet. Wenn ein Baum keine Früchte trägt, so wäre es besser für ihn, man würde ihn fällen, denn er beschwert nur den Boden.
36:6
Wahrlich, es ist für einen Menschen tausendmal besser, zu sterben als ohne Tugend weiterzuleben.
36:7
Wir haben Augen, um damit zu sehen; doch wenn wir sie nicht benutzen, wie vermöchten sie uns dann zu nützen? Wir haben Ohren, um damit zu hören; doch wenn wir taub sind, was vermöchten sie uns dann zu helfen?
36:8
Wir haben eine Zunge, um Gott zu preisen und die guten Botschaften zu verkünden; doch wie nutzlos ist sie, wenn wir stumm sind!
36:9
Der alliebende Gott erschuf den Menschen, damit er das göttliche Licht verbreite und die Welt durch seine Worte, seine Handlungen und sein Leben erleuchte. Wenn er ohne Tugend ist, wird er nicht besser als ein gewöhnliches Tier sein; und ein unverständiges Tier ist nur ein niedriges Etwas.
36:10
Der himmlische Vater gab dem Menschen die unschätzbare Gabe des Verstandes, damit er zu einem geistigen Lichte werde, das die Dunkelheit des Materialismus durchdringt und Güte und Wahrheit in die Welt bringt. Wenn ihr mit Ernst den Lehren Bahá’u’lláh folgt, werdet ihr wirklich zum Lichte der Welt, zur Seele für den Körper der Welt, zum Trost und zur Hilfe für die Menschheit und zur Quelle der Erlösung für das ganze Weltall werden. Bemüht euch darum mit Herz und Seele, die Gebote der Gesegneten Schönheit zu befolgen, und seid versichert, dass, sofern es euch gelingt, das Leben so, wie Er es euch vorgezeichnet hat, zu leben, euch ewiges Leben und immerwährende Freude im himmlischen Reich erwarten und göttliche Unterstützung zukommen wird, um euch mit jedem Tag zu stärken.
36:11
Es ist mein inniges Gebet, dass jeder von euch diese vollkommene Freude erreiche.
– 37 –
Die grausame Gleichgültigkeit der Menschen gegenüber dem Leiden fremder Völker
37:0_48
24. November 1911
weiter nach unten ...