‘Abdu’l-Bahá | Ansprachen in Paris
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3:1
Alle wahre Heilung kommt von Gott! Es gibt zwei Ursachen der Krankheit, die eine ist materiell, die andere geistig. Wenn die Krankheit aus dem Körper kommt, so bedarf sie zur Heilung eines materiellen Mittels, kommt sie aus der Seele, so erfordert sie ein geistiges Mittel.
3:2
Nur wenn der himmlische Segen während der Heilung auf uns ruht, kann unsere Wiederherstellung erfolgen, denn Arzneien sind lediglich das äußere und sichtbare Mittel, durch das wir himmlische Heilung finden. Ehe nicht der Geist geheilt wird, ist die Behandlung des Körpers völlig wertlos. Alles ist in Gottes Hand, und ohne Ihn ist keine Gesundheit in uns möglich.
3:3
Es hat zahlreiche Menschen gegeben, die schließlich gerade an dem Übel gestorben sind, das sie besonders untersucht haben. Aristoteles z. B., der sich des Näheren mit der Verdauung befasst hat, starb an einem Magenleiden. Avicenna war Herzspezialist und starb an einer Herzkrankheit. Gott ist der große barmherzige Arzt, der allein die Macht zur wahren Heilung hat.
3:4
Alle Geschöpfe hängen von Gott ab, wie groß auch ihr Wissen, ihre Macht und ihre Unabhängigkeit erscheinen mögen.
3:5
Betrachtet die mächtigen Könige auf Erden, besitzen sie doch alle Macht der Welt, die ihnen der Mensch zu geben vermag, und doch müssen sie, wenn sie vom Tod gerufen werden, ebenso gehorchen wie die Bauern vor ihren Türen.
3:6
Seht auch die Tiere, wie hilflos sie in ihrer offenbaren Stärke sind Denn der Elefant, das größte aller Tiere, wird durch die Fliege belästigt, und der Löwe kann sich nicht der Reizung durch den Wurm entziehen. Selbst der Mensch, die höchste Form der erschaffenen Wesen, braucht mancherlei für sein bloßes Dasein, vor allem Luft, und wenn er ihrer nur wenige Minuten lang beraubt ist, stirbt er. Ebenso hängt er von Wasser, Nahrung, Kleidung, Wärme und vielem anderem ab. Auf allen Seiten ist er von Gefahren und Schwierigkeiten umgeben, gegen die sein physischer Körper allein nicht aufzukommen vermag. Wenn der Mensch die Welt um sich betrachtet, wird er erkennen, wie alles Erschaffene den Naturgesetzen unterworfen ist und von ihnen abhängt.
3:7
Nur der Mensch war durch seine Geisteskraft in der Lage, sich zu befreien, sich über die Welt des Stoffes zu erheben und sie sich untertan zu machen.
3:8
Ohne die Hilfe Gottes ist der Mensch wie das Tier, das umkommt, aber Gott hat ihn mit so wunderbarer Kraft bedacht, dass er immer aufwärts schauen und außer anderen Gaben auch Heilung aus Seinem göttlichen Segensüberfluss empfangen mag.
3:9
Doch ach, der Mensch ist nicht für diese höchste Segnung dankbar, sondern er schläft den Schlaf der Nachlässigkeit und missachtet die große Gnade, die ihm Gott erzeigt hat, indem er sein Gesicht vom Lichte abkehrt und seinen Weg im Dunkel geht.
3:10
Es ist mein ernstes Gebet, dass ihr nicht wie sie sein mögt, sondern immer mit Festigkeit auf das Licht schaut, damit ihr wie leuchtende Fackeln in den dunklen Bereichen des Lebens werdet.
– 4 –
Die Notwendigkeit eines Zusammenschlusses der Völker des Ostens und des Westens
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Freitag, 20. Oktober 1911
4:1
‘Abdu’l-Bahá sprach:
4:2
In der Vergangenheit wie in der Gegenwart hat die geistige Sonne der Wahrheit stets vom Horizont des Ostens her geschienen.
4:3
Abraham erschien im Osten. Im Osten erhob sich Moses, um das Volk zu führen und zu lehren, am östlichen Horizont erhob sich der Herr Christus. Muḥammad wurde zu einem östlichen Volk gesandt. Der Báb erhob sich in dem östlichen Land Persien. Bahá’u’lláh lebte und lehrte im Osten. Alle großen geistigen Lehrer erschienen in der Welt des Ostens. Doch obgleich die Sonne Christi im Osten aufging, wurden ihre Strahlen im Westen sichtbar, wo man die Herrlichkeit ihres Glanzes klarer erkannte. Das göttliche Licht Seiner Lehren leuchtete kräftiger in der westlichen Welt, in der es einen rascheren Fortschritt als im Lande seines Ursprungs nahm.
4:4
In diesen Tagen bedarf der Osten eines materiellen Fortschritts und der Westen eines geistigen Ideals. Es wäre für den Westen gut, sich um Erleuchtung an den Orient zu wenden und ihm dafür seine wissenschaftlichen Kenntnisse zu vermitteln. Dieser Gabenaustausch muss erfolgen.
4:5
Osten und Westen müssen sich zusammenschließen, um einander das zu geben, was sie brauchen. Diese Vereinigung wird eine wahre Zivilisation hervorbringen, in der das Geistige im Materiellen Ausdruck und Verwirklichung findet.
4:6
Wenn so der eine vom anderen empfängt, wird größte Eintracht herrschen, die ganze Welt vereint und ein Zustand hoher Vervollkommnung erreicht sein. Es wird ein festgeknüpftes Band bestehen und diese Welt zu einem leuchtenden Spiegel für die Eigenschaften Gottes werden.
4:7
Wir alle, die Nationen des Ostens und die des Westens, müssen Tag und Nacht mit Herz und Seele danach streben, dieses hohe Ideal, den Zusammenschluss der Einheit aller Völker der Erde, zu vollenden. Jedes Herz wird dann erfrischt und jedes Auge aufgetan, die wundervollste Kraft gewonnen und das Glück der Menschenwelt gesichert sein.
4:8
Wir müssen darum beten, dass durch die Segensfülle Gottes Persien in den Stand versetzt wird, vom Westen materielle Zivilisation und Schulung zu empfangen und ihm durch die göttliche Gnade sein geistiges Licht dafür zu geben. Der ergebenen tatkräftigen Arbeit der vereinten Völker, Abendländer und Morgenländer, wird es gelingen, dies zuwege zu bringen, denn die Kraft des Heiligen Geistes wird ihnen helfen.
4:9
Die Prinzipien der Lehren Bahá’u’lláhs sollten, Grundsatz um Grundsatz, sorgfältig studiert werden, bis sie durch Verstand und Herz erfasst und begriffen sind – dann werdet ihr zu kraftvollen Anhängern des Lichtes und zu wahrhaft geistigen, himmlischen Soldaten Gottes werden, die in Persien, Europa und der ganzen Welt die wahre Zivilisation ergreifen und verbreiten.
4:10
Dies wird das Paradies auf Erden sein, das kommen wird, wenn das ganze Menschengeschlecht unter dem Zelte der Einigkeit im Reich der Herrlichkeit versammelt ist.
– 5 –
Gott begreift alles in sich, Er selbst kann nicht begriffen werden
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Freitagabend, 20. Oktober 1911
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‘Abdu’l-Bahá sprach:
5:1
Zahlreiche Zusammenkünfte finden täglich in Paris zu verschiedenen Zwecken statt, um Fragen der Politik, der Wirtschaft, der Erziehung, der Kunst, der Wissenschaft und manches andere zu erörtern.
5:2
Alle diese Zusammenkünfte sind gut, doch diese Versammlung hier hat sich zusammengefunden, um das Angesicht Gott zuzuwenden, zu lernen, wie man am besten das Wohl der Menschheit fördert, zu prüfen, wie sich Vorurteile überwinden lassen und wie man in die Menschenherzen den Samen der Liebe und der allgemeinen Bruderschaft zu säen vermag.
5:3
Gott billigt den Beweggrund unseres Zusammenkommens und gibt uns Seinen Segen.
5:4
Wir lesen im Alten Testament, dass Gott sprach: »Lasset Uns Menschen machen nach Unserem Bilde.«Gen. 1:26 – Anm. d. Hrsg.Q In den Evangelien sagt Christus: »Ich bin im Vater und der Vater ist in Mir«Joh. 14:11.Q. Im Qur’án spricht Muḥammad: »Der Mensch ist Mein Geheimnis und Ich bin seines.«Ḥadíth Qudsí, auch zitiert in: Kitáb-i-Íqán 107 – Anm. d. Hrsg.Q Bahá’u’lláh schreibt, dass Gott gesagt hat: »Dein Herz ist Meine Wohnstatt. Heilige es für Mein Kommen. Dein Geist ist der Ort Meines Erscheinens. Läutere ihn für Meine Offenbarung.«Bahá’u’lláh, Verborgene Worte arab. 59 – Anm. d. Hrsg.Q
5:5
Alle diese heiligen Worte zeigen uns, dass der Mensch nach Gottes Ebenbild erschaffen ist, und doch ist das Wesen Gottes für den menschlichen Geist unfassbar, denn das endliche Begreifen lässt sich nicht auf das unendliche Geheimnis übertragen. Gott begreift alles in Sich, Er Selbst kann nicht begriffen werden. Das Umfassende ist größer als das Umfasste. Das Ganze ist größer als seine Teile.
5:6
Was vom Menschen begriffen wird, kann nicht außerhalb seines Begriffsvermögens liegen, und so ist es für das menschliche Herz unmöglich, das Wesen der Erhabenheit Gottes zu begreifen. Unsere Vorstellung kann sich nur das vergegenwärtigen, was sie hervorzubringen vermag.
5:7
Das Fassungsvermögen ist in den verschiedenen Reichen der Schöpfung gradweise verschieden. Die Reiche des Minerals, der Pflanze und des Tieres sind unfähig, irgendeine Schöpfung, die die eigene übersteigt, zu fassen. Das Mineral kann sich nicht in die Wachstumskraft der Pflanze hineindenken, der Baum weder die Bewegungskraft im Tier verstehen noch begreifen, was es bedeutet, sehen, hören oder riechen zu können. Das alles gehört der physischen Schöpfung an.
5:8
Auch der Mensch hat Teil an ihr, aber keines der niederen Reiche vermag zu fassen, was im Verstand des Menschen vorgeht. Das Tier kann sich das Begriffsvermögen eines menschlichen Wesens nicht vergegenwärtigen, es weiß nur um das, was es mit seinen tierischen Sinnen wahrnimmt, und kann sich nichts Abstraktes vorstellen. Ein Tier könnte nicht begreifen, dass die Erde rund ist, dass sie sich um die Sonne bewegt, oder wie der elektrische Telegraph gebaut ist. Derartiges ist nur dem Menschen möglich. Der Mensch ist das höchste Werk der Schöpfung, dasjenige Geschöpf, das Gott am nächsten kommt.
5:9
Alle höheren Reiche sind für die niederen unfassbar. Wie könnte dann wohl der Mensch den allmächtigen Schöpfer aller Dinge fassen?
5:10
Das, was wir uns vorstellen, ist nicht die Wirklichkeit Gottes. Er, der Unerkennbare, der Unausdenkbare geht weit über jegliche Vorstellungskraft des Menschen hinaus.
5:11
Alle bestehenden Geschöpfe hängen von der göttlichen Großmut ab. Die göttliche Gnade spendet selber Leben. Wie das Licht der Sonne die ganze Welt erleuchtet, so ist die Gnade des unendlichen Gottes über alle Geschöpfe ausgegossen. Wie die Sonne die Früchte auf der Erde reifen lässt und allen Lebewesen Leben und Wärme gibt, so scheint die Sonne der Wahrheit auf alle Seelen, die sie mit dem Feuer göttlicher Liebe und Erkenntniskraft erfüllt.
5:12
Die Überlegenheit des Menschen über die übrige erschaffene Welt zeigt sich auch darin, dass der Mensch eine Seele hat, in der der göttliche Geist wohnt. Die Seelen der niederen Geschöpfe stehen ihrem Wesen nach tiefer.
5:13
Demnach ist zweifellos der Mensch unter allen Geschöpfen dem Wesen Gottes am nächsten, und darum fließt ihm auch die göttliche Gnadenfülle reicher zu.
5:14
Das Mineralreich hat die Kraft des Bestandes. Die Pflanze hat die Kraft des Bestandes und des Wachstums. Das Tier hat außer Bestand und Wachstum die Möglichkeit der freien Bewegung und die Wahrnehmungsfähigkeit der Sinne. Im Menschenreich finden wir alle Eigenschaften der niederen Welten und viele andere, die noch hinzukommen. Der Mensch ist die Summe alles Erschaffenen vor ihm, weil er all das in sich schließt.
5:15
Dem Menschen ist die besondere Gabe der geistigen Fähigkeiten verliehen, durch die er einen größeren Anteil des göttlichen Lichtes zu empfangen vermag. Der Vollkommene Mensch ist ein klargeschliffener Spiegel, der die Sonne der Wahrheit und die in ihr offenbarten Eigenschaften Gottes widerstrahlt.
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