‘Abdu’l-Bahá | Ansprachen in Paris
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Liebe ist die zugrunde liegende Absicht Gottes für den Menschen, und Er hat uns geboten, dass wir einander lieben sollen, wie Er uns liebt. All der Zwist und Streit, von dem wir ringsum hören, trägt nur dazu bei, die Menschen materieller zu machen.
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Die Welt ist größtenteils im Materialismus versunken, und der Segensfluss des Heiligen Geistes wird nicht beachtet. Es gibt so wenig wahres, geistiges Empfinden, und der Fortschritt der Welt ist größtenteils nur stofflich. Die Menschen werden wie das Vieh, das verendet, denn wir wissen, dass sie nichts Geistiges empfinden, sie wenden sich nicht Gott zu und sind ohne Religion. Geistiges Empfinden und Religion aber sind nur dem Menschen zu eigen, und wenn er sie nicht hat, so ist er ein Gefangener der Natur und um nichts besser als ein Tier.
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Wie kann sich der Mensch damit zufrieden geben, nur ein Dasein wie das Tier zu führen, wo Gott ihn zu einem so hohen Geschöpf gemacht hat? Die ganze Schöpfung wurde den Naturgesetzen unterworfen, der Mensch jedoch vermochte, diese Gesetze zu beugen. Die Sonne ist trotz ihrer Kraft und Herrlichkeit an die Naturgesetze gebunden und kann ihren Lauf nicht um Haaresbreite verändern. Das große und gewaltige Weltmeer hat nicht die Macht, die Ebbe und Flut seiner Gezeiten zu wandeln – nichts kann sich dem Gesetz der Natur widersetzen außer der Mensch.
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Aber dem Menschen hat Gott eine so wunderbare Macht zugemessen, dass er die Natur zu lenken, zu beherrschen und zu besiegen vermag.
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Das natürliche Gesetz für den Menschen ist, auf der Erde zu gehen, doch er baut Schiffe und fliegt durch die Lüfte. Er wurde erschaffen, um auf dem Trockenen zu leben, aber er bewegt sich auf dem Wasser und fährt sogar unter ihm.
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Er hat gelernt, die Kraft der Elektrizität zu beherrschen, und er bedient sich ihrer nach seinem Willen und sperrt sie in eine Lampe. Die menschliche Stimme wurde erschaffen, um über kurze Entfernungen hin zu sprechen, aber der Mensch ist so mächtig, dass er sich Mittel geschaffen hat und damit vom Osten zum Westen spricht. Alle diese Beispiele zeigen euch, wie der Mensch die Natur zu beherrschen vermag und wie er gleichsam der Natur ein Schwert aus den Händen reißt und es gegen sie selber richtet. Wie töricht ist es doch angesichts der Tatsache, dass der Mensch, der zum Herrn der Natur erschaffen wurde, ihr Sklave wird. Wie dumm und einfältig, die Natur zu verehren und anzubeten, wo Gott in Seiner Güte uns doch zu ihrem Herrn gemacht hat! Gottes Macht ist für alle sichtbar, und doch verschließen die Menschen ihre Augen und sehen sie nicht. Die Sonne der Wahrheit scheint in ihrem vollen Glanze; wer aber das Auge fest verschließt, kann ihre Herrlichkeit nicht erblicken. Es ist meine ernste Bitte zu Gott, dass ihr durch Seine Barmherzigkeit und liebevolle Güte alle vereint und mit äußerster Freude erfüllt werden möget.
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Ich bitte euch, einen und alle, dringend, eure Gebete mit den meinigen zu verbinden, auf dass Krieg und Blutvergießen ein Ende finden und Liebe, Freundschaft, Frieden und Eintracht die Welt beherrschen mögen!
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Durch alle Zeitalter hindurch sehen wir die Oberfläche der Erde von Blut befleckt. Doch nun ist ein Strahl eines größeren Lichtes erschienen, das menschliche Erkenntnisvermögen ist größer, die Geistigkeit hat zu wachsen begonnen, und es kommt gewiss eine Zeit, da die Religionen der Welt miteinander in Frieden sein werden. Lassen wir ab von dem misstönenden Streit um äußere Formen und schließen wir uns zusammen, um die göttliche Sache der Einheit voranzutreiben, bis die ganze Menschheit weiß, dass sie eine in Liebe vereinte Familie ist!
Teil 2Die von ‘Abdu’l-Bahá in Paris erklärten elf Prinzipien der Lehre Bahá’u’lláhs
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I. Suche nach Wahrheit
II. Einheit der Menschheit
III. Religion sollte Liebe und Zuneigung hervorrufen (Nicht gesondert behandelt)
IV. Einheit von Religion und Wissenschaft
V. Überwindung von Vorurteilen
VI. Gleiche Daseinsmöglichkeiten
VII. Gleichheit der Menschen vor dem Gesetz
VIII. Universaler Friede – Esperanto
IX. Religion soll sich nicht mit Politik befassen
X. Gleichstellung der Geschlechter – Bildung der Frauen
XI. Die Kraft des Heiligen Geistes
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In der Theosophischen Gesellschaft in Paris
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Seit meiner Ankunft in Paris habe ich viel von der Theosophischen Gesellschaft sprechen hören, und ich weiß, dass ihre Mitglieder hochgeachtete und angesehene Menschen sind. Ihr besitzt Verstand und Überlegung, hegt geistige Ideale, und es ist für mich eine große Freude, unter euch zu sein.
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Lasst uns Gott danken, der uns am heutigen Abend hier versammelt hat. Es ist mir eine große Freude, denn ich sehe, dass ihr alle Wahrheitssucher seid. Ihr seid nicht durch die Bande des Vorurteils gefesselt, und eure größte Sehnsucht gilt der Wahrheit. Die Wahrheit lässt sich mit der Sonne vergleichen. Die Sonne ist der leuchtende Körper, der alle Schatten auflöst, und so löst auch die Wahrheit die Schatten unserer Einbildungen auf. Gleichwie die Sonne dem Körper der Menschheit Leben gibt, so gibt die Wahrheit ihren Seelen Leben. Die Wahrheit ist eine Sonne, die an verschiedenen Punkten des Horizontes aufgeht.
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Manchmal erhebt sich die Sonne inmitten des Horizontes, dann wieder im Sommer weiter nach Norden und im Winter gegen Süden, doch immer ist es die gleiche Sonne, wie verschieden auch ihre Aufgangspunkte seien.
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In gleicher Weise gibt es nur eine Wahrheit, obgleich sie in der Erscheinung sehr verschieden sein mag. Manche Menschen haben Augen und sehen. Sie verehren die Sonne, gleichviel, von welchem Punkt des Horizontes sie heraufsteigt, und wenn die Sonne den Winterhimmel verlassen hat, um am sommerlichen Himmel zu erscheinen, so wissen sie, wo sie sie wiederfinden. Dann wieder gibt es Menschen, die nur den Ort, an dem die Sonne aufgegangen ist, verehren, und geht sie in ihrer Pracht an einem anderen Orte auf, so verharren sie in Betrachtung vor dem Orte ihres früheren Aufgangs. Ach, diesen Menschen bleiben die Segnungen der Sonne vorenthalten! Wer in Wahrheit die Sonne selbst verehrt, wird sie erkennen, an welchem Aufgangsort sie auch erscheinen mag, und er wird sein Angesicht ihrem Glanz geradewegs entgegenheben.
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Wir müssen die Sonne selbst und nicht nur ihren Erscheinungsort verehren. So verehren auch die Menschen, deren Herz erleuchtet ist, die Wahrheit, wo immer sie am Horizonte aufgeht. Sie sind durch keine Persönlichkeit gebunden, sondern folgen der Wahrheit und sind fähig, sie zu erkennen, gleichviel, woher sie kommen mag. Es ist die gleiche Wahrheit, die der Menschheit vorwärts hilft und allen Geschöpfen Leben gibt, denn sie ist der Baum des Lebens.
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In Seinen Lehren erklärt uns Bahá’u’lláh die Wahrheit, und ich möchte kurz zu euch darüber sprechen, denn ich sehe, dass ihr Verständnis habt.
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Das erste Prinzip Bahá’u’lláhs lautet:
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Die Suche nach Wahrheit.
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Der Mensch muss sich von allen Vorurteilen und von den Ergebnissen seiner eigenen Einbildung trennen, so dass er zum ungehinderten Suchen nach Wahrheit fähig werde. Die Wahrheit ist eine in allen Religionen, und durch sie vermag die Einigkeit der Welt zur Tat zu werden.
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Alle Völker haben die gleiche Glaubensgrundlage. Die Wahrheit ist nur eine und kann nicht geteilt werden, die offensichtlichen Unterschiede zwischen den Nationen existieren, weil sie sich an Vorurteile klammern. Suchten die Menschen die Wahrheit, dann wären sie sich einig.
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Das zweite Prinzip Bahá’u’lláhs lautet:
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Die Einheit der Menschheit.
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Der eine alliebende Gott schenkt Seine göttliche Gnade und Gunst der ganzen Menschheit. Einer und alle sind Diener des Höchsten, und Seine Güte, Barmherzigkeit und Gnade ergießen sich über alle Seine Geschöpfe. Der Ruhm des Menschseins ist eines jeden Erbteil.
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Alle Menschen sind die Blätter und Früchte des gleichen Baumes, sie alle sind Zweige des Baumes Adams und haben alle gleichen Ursprung. Der gleiche Regen ist auf alle herniedergegangen, die gleiche warme Sonne lässt sie wachsen, sie alle werden durch den gleichen Wind erfrischt Der einzige Unterschied, der in der Tat besteht und Trennung bringt, ist der, dass es Kinder gibt, die einer Führung bedürfen, Unwissende, die Belehrung und Kranke, die Pflege und Heilung brauchen. Darum sage ich, dass die ganze Menschheit in die Barmherzigkeit und Gnade Gottes eingetaucht ist, wie uns die Heiligen Schriften sagen: alle Menschen sind gleich vor Gott. Er sieht nicht die Person an.
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Das dritte Prinzip Bahá’u’lláhs lautet:
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Religion sollte Liebe und Zuneigung hervorrufen.
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Die Religion sollte alle Herzen vereinen und Krieg und Streitigkeiten auf der Erde vergehen lassen, Geistigkeit hervorrufen und jedem Herzen Licht und Leben bringen. Wenn die Religion zur Ursache von Abneigung, Hass und Spaltung wird, so wäre es besser, ohne sie zu sein, und sich von einer solchen Religion zurückzuziehen, wäre ein wahrhaft religiöser Schritt. Denn es ist klar, dass der Zweck des Heilmittels die Heilung ist, wenn aber das Heilmittel die Beschwerden nur verschlimmert, so sollte man es lieber lassen. Jede Religion, die nicht zu Liebe und Einigkeit führt, ist keine Religion. Die heiligen Propheten waren alle gleichsam Seelenärzte, sie gaben Rezepte, um die Menschheit zu heilen. Darum stammen alle Heilmittel, die zur Erkrankung führen, nicht vom großen und überragenden Arzte.
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Das vierte Prinzip Bahá’u’lláhs lautet:
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Einheit von Religion und Wissenschaft.
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Wir mögen die Wissenschaft als einen Flügel und die Religion als einen anderen Flügel betrachten. Der Vogel braucht zwei Flügel, um fliegen zu können, einer allein wäre zwecklos. Jede Form von Religion, die der Wissenschaft nicht entspricht oder sich zu ihr im Gegensatz befindet, ist gleichbedeutend mit Unwissenheit, denn Unwissenheit ist der Gegensatz von Wissen.
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Eine Religion, die nur aus vorurteilsvollen Riten und Bräuchen besteht, ist nicht die Wahrheit. Lasst uns ernsthaft danach streben, zu Werkzeugen der Vereinigung von Religion und Wissenschaft zu werden.
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‘Alí, der Schwiegersohn Muḥammads, sagte: »Was mit der Wissenschaft übereinstimmt, ist auch mit der Religion in Einklang.« Was immer die Intelligenz des Menschen nicht zu begreifen vermag, sollte auch von der Religion nicht angenommen werden. Die Religion geht mit der Wissenschaft Hand in Hand, und jede Religion, die der Wissenschaft widerspricht, ist nicht die Wahrheit.
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Das fünfte Prinzip Bahá’u’lláhs lautet:
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Vorurteile in Bezug auf Religion, Rasse oder Bekenntnis zerstören die Grundlagen der Menschheit.
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Alle Spaltungen in der Welt, Hass, Krieg und Blutvergießen werden durch das eine oder andere dieser Vorurteile hervorgerufen.
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Die ganze Welt muss als ein einziges Land betrachtet werden, alle Völker als ein Volk und alle Menschen als eine Gattung Mensch. Religionen, Rassen und Nationen sind alle nur Trennungen, die der Mensch gemacht hat, und nur in seinem Denken nötig. Vor Gott gibt es weder Perser, noch Araber, Franzosen oder Engländer, denn Gott ist ihrer aller Gott, und für Ihn gibt es nur eine Schöpfung. Wir müssen Gott gehorchen und danach streben, Ihm zu folgen, indem wir alle unsere Vorurteile hinwegtun und der Erde Frieden bringen.
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Das sechste Prinzip Bahá’u’lláhs lautet:
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Gleiche Daseinsmöglichkeiten.
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