‘Abdu’l-Bahá | Ansprachen in Paris
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Zweites Prinzip: Die Einheit der Menschheit
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11. November 1911
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Gestern sprach ich über das erste Prinzip der Lehre Bahá’u’lláhs, »Die Suche nach Wahrheit«, und darüber, wie notwendig es für den Menschen ist, dass er alles beiseite legt, was im Grunde auf Aberglauben beruht, sowie auch jede Überlieferung, die seine Augen gegenüber der in allen Religionen vorhandenen Wahrheit blind zu machen vermöchte. Während er eine Religionsform liebt und an ihr hängt, darf er sich nicht gestatten, dass er alle übrigen verabscheut. Es ist erforderlich, dass er in allen Religionen nach Wahrheit sucht, und wenn sein Suchen ernst ist, wird er gewiss erfolgreich sein.
42:2
Die erste Entdeckung, die wir in unserer »Suche nach Wahrheit« machen, führt uns zum zweiten Prinzip, welches die »Einheit der Menschheit« ist. Alle Menschen sind Diener des einen Gottes. E i n Gott herrscht über alle Nationen der Welt und hat an all Seinen Kindern Freude. Alle Menschen gehören zu einer Familie. Die Krone der Menschheit ruht auf dem Haupte eines jeden Menschen.
42:3
In den Augen des Schöpfers sind alle Seine Kinder gleich. Seine Güte ergießt sich über alle. Er begünstigt weder das eine noch das andere Land. Sie alle sind in gleicher Weise Seine Geschöpfe. Da dies so ist, warum dann sollten wir Trennungslinien ziehen, die eine Rasse von der anderen scheiden? Warum dann sollten wir Schranken des Aberglaubens und der Überlieferung errichten, die Uneinigkeit und Hass unter die Menschen bringen?
42:4
Der einzige Unterschied zwischen den Gliedern der menschlichen Familie liegt in ihrer Stufe. Einige sind wie unwissende Kinder, die erzogen werden müssen, bis sie die Reife erlangen. Andere sind wie Kranke und müssen zart und sorgfältig behandelt werden. Keines von ihnen ist schlecht oder böse. Wir dürfen uns nicht von diesen armen Kindern abgestoßen fühlen. Wir müssen sie mit großer Güte behandeln, die Unwissenden belehren und die Kranken zärtlich hegen.
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Bedenkt: die Einheit ist nötig für das Dasein. Liebe ist die wahre Ursache des Lebens, während Trennung Tod bringt. In der Welt der materiellen Schöpfung z. B. verdanken alle Dinge ihr gegenwärtiges Leben der Einheit. Die Urstoffe, aus denen das Holz, das Mineral oder der Stein bestehen, werden durch das Gesetz der Anziehung zusammengehalten. Hörte dieses Gesetz nur einen Augenblick lang auf zu wirken, so würden diese Elemente ihren Zusammenhalt verlieren, sie würden auseinanderfallen, und der Gegenstand in dieser besonderen Form würde nicht mehr bestehen. Das Gesetz der Anziehung hat gewisse Urstoffe in der Form dieser schönen Blume zusammengebracht; wird aber jene Anziehung aus diesem Mittelpunkt zurückgezogen, so wird die Blume zerfallen und ihr Bestand als Blume enden.
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So ist es auch mit dem großen Körper der Menschheit. Das wunderbare Gesetz der Anziehung, des Einklangs und der Einheit hält diese wundersame Schöpfung zusammen.
42:7
Wie es mit dem Ganzen ist, so ist es auch mit den Teilen: Gleichviel ob Blume oder menschlicher Körper, wenn das Prinzip der Anziehung ihnen entzogen wird, so sterben Blume wie Mensch. Es ist darum klar, dass Anziehung, Einklang und Liebe Ursache des Lebens sind, wogegen Abstoßung, Zwietracht, Hass und Trennung Tod bewirken.
42:8
Wir haben gesehen, dass alles, was Spaltung in die Welt des Daseins bringt, den Tod verursacht. In gleicher Weise wirkt das nämliche Gesetz in der Welt des Geistes.
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Darum sollte jeder Diener des einen Gottes dem Gesetz der Liebe folgen und jederlei Hass, Uneinigkeit und Streit vermeiden. Wenn wir die Natur betrachten, so finden wir, dass sich die sanftmütigeren Tiere zu Rudeln und Herden zusammenschließen, während die wilden, reißenden Geschöpfe wie der Löwe, der Tiger und der Wolf ihr Leben im Dickicht der Wälder fern der Zivilisation verbringen. Zwei Wölfe oder zwei Löwen vermögen in Freundschaft miteinander zu leben, tausend Lämmer jedoch vermögen den gleichen Pferch zu teilen und Scharen von Rotwild eine Herde zu bilden. Zwei Adler können am gleichen Platze horsten, doch tausend Rehe sich in einem Raume sammeln.
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Der Mensch sollte zumindest zu den sanftmütigeren Tieren zählen; doch wenn er ergrimmt, wird er noch grausamer und heimtückischer als die wildesten Geschöpfe der Tierwelt!
42:11
Heute hat Bahá’u’lláh die »Einheit der Menschheit« verkündet. Alle Völker und Nationen gehören einer Familie an, sind Kinder eines Vaters und sollten zueinander wie Brüder und Schwestern sein. Ich hoffe, dass ihr euch bemühen werdet, diese Lehren zu leben und zu verbreiten.
42:12
Bahá’u’lláh hat uns gelehrt, auch unsere Feinde zu lieben und zu ihnen wie Freunde zu sein. Wenn alle Menschen diesem Prinzip gehorchten, so würde dadurch die größte Einigkeit und Einsicht in den Menschenherzen begründet werden.
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Drittes Prinzip: Religion sollte Liebe und Zuneigung hervorrufen
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(»Dass Religion zu Liebe und Zuneigung führen sollte« S. 40:13–14 – Anm. d. Hrsg. Q, wurde bereits in vielen der in diesem Buche aufgezeichneten Reden sowie bei der Erklärung verschiedener anderer Prinzipien stark betont.)
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Viertes Prinzip: Die Anerkennung der Beziehung zwischen Religion und Wissenschaft
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Paris, Avenue de Camoëns 4, 12. November 1911
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‘Abdu’l-Bahá sprach:
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Ich habe zu euch über einige Prinzipien Bahá’u’lláhs und zwar über die Suche nach Wahrheit und die Einheit des Menschengeschlechtes gesprochen. Ich will nun das vierte Prinzip, die Anerkennung der Beziehung zwischen Religion und Wissenschaft, erklären.
44:2
Es gibt keinen Widerspruch zwischen wahrer Religion und Wissenschaft. Wenn eine Religion im Gegensatz zur Wissenschaft steht, wird sie zu reinem Aberglauben; das Gegenteil vom Wissen ist die Unwissenheit.
44:3
Wie kann ein Mensch etwas für eine Tatsache halten, das die Wissenschaft als unmöglich bewiesen hat? Glaubt er entgegen Seiner Vernunft, so ist dies eher unwissender Aberglaube als Glaube. Die wahren Prinzipien aller Religionen stimmen mit den Lehren der Wissenschaft überein.
44:4
Die Einheit Gottes ist logisch, und dieser Gedanke steht nicht im Widerspruch zu den Forschungsergebnissen der Wissenschaft.
44:5
Alle Religionen lehren uns, das Gute zu tun, großmütig, aufrichtig, wahrhaftig, gesetzestreu und ehrlich zu sein. Dies alles ist vernünftig und logischerweise der einzige Weg, auf dem die Menschheit vorwärts kommen kann.
44:6
Alle religiösen Gesetze entsprechen der Vernunft und sind den Menschen angemessen, für welche sie geschaffen wurden, sowie dem Zeitalter, in dem ihnen gehorcht werden muss.
44:7
Die Religion umfasst zwei Hauptteile:
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(1) den geistigen Teil,
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(2) den praktischen Teil.
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Der geistige Teil bleibt immer unverändert. Alle Manifestationen Gottes und Seine Propheten lehrten die gleichen Wahrheiten und gaben das gleiche geistige Gesetz. Sie alle lehren das eine Buch der Gesittung. In der Wahrheit gibt es keine Spaltung. Die Sonne hat viele Strahlen ausgesandt, um den menschlichen Verstand zu erleuchten; das Licht ist immer das gleiche.
44:11
Der praktische Teil der Religion hat es mit äußeren Formen und Gebräuchen zu tun und mit der Art, gewisse Vergehen zu bestrafen. Dies ist die materielle Seite des Gesetzes, und sie leitet die Gewohnheiten und Sitten der Menschen.
44:12
Zu Zeiten Mose wurden zehn Verbrechen mit dem Tod bestraft. Dies änderte sich, als Christus kam. Der alte Grundsatz »Auge um Auge, Zahn um Zahn«Ex. 21:24, Lev. 24:20 – Anm. d. Hrsg.Q wurde zu »Liebet eure Feinde, tut Gutes denen, die euch hassen«Lk. 6:27 – Anm. d. Hrsg.Q, und das starre, alte Gesetz wurde in Liebe, Erbarmen und Duldsamkeit umgewandelt.
44:13
In früheren Zeiten wurde Diebstahl mit dem Verlust der rechten Hand bestraft. In unserer Zeit wäre dieses Gesetz nicht anwendbar. In diesem Zeitalter darf ein Mensch, der seinen Vater verflucht, noch weiterleben, während man ihn früher zum Tod verurteilt hätte. Darum ist es klar, dass sich das geistige Gesetz niemals wandelt, während die praktischen Vorschriften ihre Anwendung entsprechend den Erfordernissen der Zeit verändern müssen. Die geistige Seite der Religion ist die größere, die bedeutsamere von beiden, und sie ändert sich niemals. Sie bleibt die gleiche gestern, heute und immer! »Wie im Anfang, so auch heute und immerdar.«Vgl. Ps. 119:160, Spr. 8:22–23 – Anm. d. Hrsg.Q
44:14
Nun sind alle im geistigen, unveränderlichen Gesetz jeder Religion enthaltenen sittlichen Fragen logisch richtig. Stünde die Religion im Gegensatz zur logischen Vernunft, so würde sie aufhören, Religion zu sein und wäre lediglich Überlieferung. Religion und Wissenschaft sind die beiden Flügel, auf denen sich die menschliche Geisteskraft zur Höhe erheben und mit denen die menschliche Seele Fortschritte machen kann. Mit einem Flügel allein kann man unmöglich fliegen: Wenn jemand, versuchen wollte, nur mit dem Flügel der Religion zu fliegen, so würde er rasch in den Sumpf des Aberglaubens stürzen, während er andererseits nur mit dem Flügel der Wissenschaft auch keinen Fortschritt machen, sondern in den hoffnungslosen Morast des Materialismus fallen würde. Alle gegenwärtigen Religionen sind zu abergläubischen Bräuchen herabgesunken und stimmen nicht mehr mit den wahren Grundsätzen der von ihnen vertretenen Lehre und auch nicht mit den wissenschaftlichen Entdeckungen unserer Zeit überein. Viele religiöse Führer sind zu der Auffassung gekommen, dass die Bedeutung der Religion hauptsächlich darin besteht, an einer Sammlung von bestimmten Dogmen und an der Ausübung von Riten und Zeremonien festzuhalten. Sie lehren diejenigen, für deren Seelenheil zu sorgen sie behaupten, in gleicher Art zu glauben wie sie selbst, und diese halten sich hartnäckig an die äußeren Formen und verwechseln diese mit der inneren Wahrheit.
44:15
Diese Formen und Riten weichen nun in den verschiedenen Kirchen und bei den verschiedenen Sekten voneinander ab und widersprechen sogar einander, wodurch sie Anlass zu Uneinigkeit, Hass und Spaltung geben. Die Folge aller dieser Zwietracht ist die Meinung vieler gebildeter Menschen, dass Religion und Wissenschaft einander widersprechende Begriffe seien, dass die Religion keiner Überlegungskraft bedürfe und in keiner Weise durch die Wissenschaft gelenkt werden sollte, sondern dass beide notwendigerweise im Gegensatz zueinander stehen müssten. Die unglückliche Folge davon ist, dass die Wissenschaft abseits von der Religion dahintreibt und die Religion nichts als ein blindes und mehr oder minder gleichgültiges Befolgen der Vorschriften gewisser Religionslehrer ist, die auf Annahme ihrer eigenen Lieblingsdogmen dringen, selbst wenn sie der Wissenschaft widersprechen. Das ist eine Torheit, denn es ist völlig klar, dass Wissenschaft Licht ist, und daher steht Religion, die zu Recht so genannt wird, nicht in Widerspruch zur Wissenschaft.
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Wir sind vertraut mit den Ausdrücken »Licht und Finsternis«, »Religion und Wissenschaft«. Religion jedoch, die nicht mit der Wissenschaft Hand in Hand geht, befindet sich selbst in der Dunkelheit des Aberglaubens und der Unwissenheit.
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Viel an Zwietracht und Uneinigkeit in der Welt wird durch diese menschengemachten Gegensätzlichkeiten und Widersprüche hervorgerufen. Stünde die Religion im Einklang mit der Wissenschaft und würden sie miteinander gehen, so würde viel von dem Hass und der Bitternis vergehen, die die Menschenwelt jetzt ins Elend stürzen.
44:18
Bedenket, was den Menschen von den übrigen erschaffenen Wesen unterscheidet und ihn zu einem besonderen Geschöpf macht. Ist es nicht seine Urteilsfähigkeit, seine Intelligenz, und sollte er sich nicht in seinem religiösen Forschen ihrer bedienen? Ich sage euch: wäget alles, was euch als Religion geboten wird, sorgfältig auf der Waage der Vernunft und Wissenschaft. Wenn es die Probe besteht, so nehmt es an, denn es ist die Wahrheit. Stimmt es hingegen nicht damit überein, so weist es zurück, denn es ist dann Unwissenheit.
44:19
Blicket um euch und erkennet, wie die heutige Welt in Aberglauben und äußeren Formen untergeht!
44:20
Manche beten das Werk ihrer eigenen Einbildung an; sie machen sich einen selbsterdichteten Gott und verehren ihn, obwohl das Erzeugnis ihres endlichen Verstandes nicht der unendliche, mächtige Schöpfer alles Sichtbaren und Unsichtbaren sein kann. Andere beten die Sonne oder Bäume und Steine an. In früheren Zeiten gab es Menschen, die das Meer, die Wolken und selbst den Staub verehrten.
44:21
Heute sind die Menschen in ihrer Verehrung derartig von äußeren Formen und Zeremonien abhängig geworden, dass sie so lange über einzelne kirchliche Bräuche oder besondere Übungen streiten, bis man allerseits über ermüdende Streitgespräche und Spannungen klagen hört. Es gibt Menschen, die einen schwachen Intellekt besitzen, und ihre Verstandeskräfte sind nicht entwickelt; aber man darf nicht etwa die Kraft und Macht der Religion wegen der Begriffsunfähigkeit dieser Menschen in Zweifel ziehen.
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