‘Abdu’l-Bahá | Ansprachen in Paris
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45:12
Gott hat die Menschen nicht erschaffen, damit sie einander vernichten. Alle Völker, Stämme, Sekten und Klassen haben gleichen Anteil an der Güte ihres himmlischen Vaters.
45:13
Der einzige Unterschied liegt im Ausmaß ihrer Treue, ihres Gehorsams gegenüber den Gesetzen Gottes. Einige sind wie brennende Fackeln, andere wie Sterne, die am Himmel der Menschheit leuchten. Die Freunde der Menschheit sind die hochstehenden Menschen, gleichviel welcher Nation, welchem Bekenntnis und welcher Farbe sie angehören mögen, denn sie sind es, zu denen Gott die gesegneten Worte sprechen wird: »Wohlgetan, meine guten und getreuen Knechte!«Mt. 25:21 – Anm. d. Hrsg.Q An jenem Tage wird er nicht fragen: »Bist du Engländer, Franzose oder vielleicht Perser? Kommst du vom Osten oder vom Westen?«
45:14
Die einzige wirkliche Unterscheidung ist diese: Es gibt himmlische und irdische Menschen, aufopferungsvolle Diener der Menschheit in der Liebe des Höchsten, die Harmonie und Einigkeit bringen, indem sie die Menschen Frieden und guten Willen lehren. Auf der anderen Seite stehen jene selbstischen Menschen, Bruderhasser, in deren Herzen Vorurteil statt liebender Güte ist und deren Einfluss Uneinigkeit und Streit hervorruft.
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Welcher Rasse oder Farbe gehören diese beiden Teile der Menschheit an, der weißen, gelben, schwarzen, dem Osten oder dem Westen, dem Norden oder dem Süden? Wenn das die Unterscheidungen Gottes sind, warum dann sollten wir andere erfinden? Das politische Vorurteil ist ebenso verderblich. Es ist eine der größten Ursachen bitteren Streites unter den Menschenkindern. Es gibt Menschen, die sich freuen, wenn sie Zwietracht stiften, die sich dauernd bemühen, ihr Land in den Krieg mit anderen Nationen zu hetzen. Und warum? Sie vermeinen, ihrem eigenen Land zum Nachteil aller übrigen einen Vorteil zu verschaffen. Sie entsenden Heere, um das Land zu erschöpfen und zu zerstören, um in der Welt berühmt zu werden und aus Freude am Erobern, damit gesagt werden kann: »Solch ein Land hat ein anderes vernichtet und es seiner stärkeren, überlegeneren Herrschaft unterworfen.« Dieser Sieg, der um den Preis von vielem Blutvergießen errungen wurde, hat keine Dauer. Eines Tages wird der Sieger besiegt sein, und der Besiegte siegen. Erinnert euch der verflossenen Geschichte: War Frankreich nicht mehr als einmal über Deutschland siegreich, und hat die deutsche Nation nicht später Frankreich besiegt?
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Wir hören auch, dass Frankreich über England siegte, und die englische Nation dann siegreich über Frankreich war.
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Derartige glänzende Eroberungen sind so vergänglich. Warum misst man ihnen und ihrem Ruhm eine solche Bedeutung bei, dass man bereit ist, das Blut des Volkes dafür zu vergießen? Ist irgendein Sieg die unvermeidliche Kette an Trübsalen, die auf den Menschenmord folgen, wert oder den Kummer, die Sorge und Zerstörung, die über so viele Familien beider Nationen unvermeidlich hereinbrechen werden? Denn es ist nicht möglich, dass nur ein Land leide.
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Ach, warum will der Mensch, das ungehorsame Kind Gottes, das ein Beispiel für die Macht des geistigen Gesetzes sein soll, sein Angesicht hinwegwenden von der göttlichen Lehre und seine ganze Anstrengung der Vernichtung und dem Kriege widmen?
45:19
Meine Hoffnung ist, dass das göttliche Licht der Liebe seinen Glanz in diesem erleuchteten Jahrhundert über die ganze Welt verbreiten und bei jedem Menschen die Einsicht seines empfänglichen Herzens ansprechen möge, dass das Licht der Sonne der Wahrheit die Politiker dahin leite, alle Ansprüche auf Vorurteile und Aberglaube abzuschütteln, um mit freiem Verstand Gottes Politik zu befolgen: denn göttliche Politik ist mächtig, die Politik der Menschen hingegen schwächlich. Gott hat die ganze Welt erschaffen und verleiht einem jeden Geschöpf Seine göttliche Güte.
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Sind wir nicht Gottes Diener? Sollen wir versäumen, dem Beispiel unseres Meisters nachzufolgen, und Seine Gebote unbeachtet lassen?
45:21
Ich bete darum, dass das Reich auf die Erde komme und der Glanz der himmlischen Sonne alles Dunkel vertreibe.
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Sechstes Prinzip: Die Mittel für den Lebensunterhalt
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Paris, Avenue de Camoëns 4
46:1
Einer der wichtigsten Grundsätze der Lehre Bahá’u’lláhs ist:
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Das Recht eines jeden menschlichen Wesens auf das nötige tägliche Brot oder der Ausgleich der Mittel zum Lebensunterhalt.
46:3
Die menschlichen Verhältnisse müssen so geordnet sein, dass die Armut verschwindet, dass jeder so weit wie möglich seinem Rang und seiner Stellung entsprechend an Behaglichkeit und Wohlergehen Teil hat.
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Wir sehen unter uns einerseits Menschen, die mit Reichtümern überhäuft sind, und andererseits jene Unglücklichen, die mittellos verhungern, jene, die eine Anzahl stattlicher Schlösser besitzen, und jene anderen, die nicht wissen, wo sie ihr Haupt hinlegen sollen. Wir finden manche, die sich zahlreiche Gänge kostspieliger und leckerer Speisen leisten, während andere kaum genügend Brosamen finden, um sich am Leben zu erhalten. Während sich einige in Samt, Pelze und feines Leinen kleiden, haben andere nur unzureichende, ärmliche und dünne Kleidung gegen die Kälte.
46:5
Dieser Zustand ist falsch und muss behoben werden, doch muss die Heilung behutsam durchgeführt werden. Sie ist nicht dadurch zu erreichen, dass man völlige Gleichheit unter den Menschen herstellt.
46:6
Gleichheit ist ein Hirngespinst. Sie ist völlig undurchführbar. Selbst wenn sich Gleichheit schaffen ließe, vermöchte sie nicht zu bestehen, und wenn ihr Fortbestand möglich wäre, so würde dadurch die ganze Ordnung der Welt vernichtet werden. Das Gesetz der Ordnung muss immer in der Menschenwelt walten. So hat es der Himmel, als er den Menschen erschuf, verordnet.
46:7
Manche Menschen sind hochbegabt, die anderen mittelmäßig und wieder andere unbegabt. In diesen drei Menschenklassen besteht Ordnung, aber keine Gleichheit. Wie könnten wohl Weisheit und Dummheit gleich sein? Die Menschheit braucht, wie in einem großen Heer, einen General, Hauptleute, Unteroffiziere in verschiedenen Rängen und Soldaten, jeden mit seinem eigenen Pflichtenkreis. Ränge sind zur Sicherung einer geregelten Ordnung durchaus nötig. Ein Heer vermag nicht nur aus Generälen oder Hauptleuten oder nur aus Soldaten ohne Vorgesetzte zu bestehen. Sicher würde ein derartiger Plan dazu führen, dass das ganze Heer der Unordnung und der Zersetzung anheimfällt.
46:8
König Lykurg, der Philosoph, entwarf einen großen Plan, um die Untertanen von Sparta einander gleich zu machen. Mit Selbstaufopferung und Weisheit wurde der Versuch begonnen. Dann rief der König das Volk seines Reiches zusammen und ließ es einen bedeutenden Schwur tun, wonach es die Ordnung der Regierung unveränderlich wahren würde, falls er das Land verließe, und es sich bis zu seiner Rückkehr durch nichts zu Änderungen bestimmen ließe. Nachdem er sich dieses Schwurs versichert hatte, verließ er sein Königreich Sparta und kam nicht wieder. Lykurg gab seine Stellung preis, indem er seinem hohen Amt entsagte, weil er glaubte, durch die Gleichmachung des Besitzes und der Lebensbedingungen in seinem Reich das dauernde Wohlergehen des Landes zu erreichen. Alle Selbstaufopferung des Königs war jedoch vergebens. Der große Versuch misslang: nach einiger Zeit war alles vernichtet. Seine sorgsam erdachte Verfassung fand ein Ende.
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Die Zwecklosigkeit eines solchen Plans und die Unmöglichkeit, gleiche Daseinsbedingungen zu erreichen, zeigten sich im alten Königreich Sparta. In unseren Tagen wären alle derartigen Versuche gleichfalls zum Versagen verurteilt.
46:10
Da nun aber manche Menschen außerordentlich reich und andere beklagenswert arm sind, so bedarf es einer Ordnung, die diesen Stand der Dinge überprüft und bessert. Es ist ebenso wichtig, den Reichtum zu beschränken, wie auch die Armut zu begrenzen. Keines der beiden Extreme ist gut, höchst wünschenswert ist der Mittelweg »Armut und Reichtum gib mir nicht;.« - Spr. 30:8. A. Wenn es recht ist, dass ein Kapitalinhaber großes Vermögen besitzt, so ist es auch gerecht, dass seine Arbeiter genügend Mittel zum Dasein haben.
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Es sollte keinen Financier mit gewaltigem Reichtum geben, solange in seiner Nähe ein Armer in entsetzlicher Not ist. Wenn wir sehen, dass Armut einen Zustand des Hungerleidens erreicht, so ist dies ein sicheres Zeichen, dass irgendwo Unterdrückung herrscht. Die Menschen müssen sich in dieser Frage rühren und nicht länger versäumen, Zustände zu ändern, die einen sehr großen Teil des Volkes ins Elend drückender Armut stürzen. Die Reichen müssen von ihrem Überfluss abgeben, ihre Herzen erweichen und mitfühlendes Verständnis pflegen, indem sie sich um jene Beklagenswerten kümmern, denen es am Nötigsten mangelt.
46:12
Besondere Gesetze müssen erlassen werden, die sich mit diesen Gegensätzen des Reichtums und des Mangels befassen. Die Regierungsmitglieder sollten Gottes Gesetze beachten, wenn sie Pläne entwerfen, um das Volk zu regieren. Die allgemeinen Menschenrechte müssen behütet und erhalten bleiben.
46:13
Die Länderregierungen sollten mit dem göttlichen Gesetz übereinstimmen, das allen gleiches Recht gibt. Das ist der einzige Weg, auf dem der beklagenswerte Überfluss großen Reichtums und die elende, zersetzende und entwürdigende Armut zu beseitigen sind. Nicht eher, als bis dies geschehen ist, wird Gottes Gebot befolgt sein.
– 47 –
Siebentes Prinzip: Die Gleichstellung der Menschen
47:1
»Die Gesetze Gottes sind keine Auflagen des Willens noch der Macht oder des Beliebens, sondern Ergebnisse der Wahrheit, der Vernunft und der Gerechtigkeit!«.
47:2
Alle Menschen sind gleich vor dem Gesetz, das ohne Einschränkungen gelten muss.
47:3
Das Ziel der Strafe ist nicht Rache, sondern die Verhütung des Verbrechens.
47:4
Die Könige müssen mit Weisheit und Gerechtigkeit herrschen. Der Fürst, der Edelmann und der Bauer haben gleichermaßen Anspruch auf gerechte Behandlung. Der Einzelne darf keine Begünstigung erfahren. Richter dürfen nicht die ›Person ansehen‹, sondern müssen in jedem vorgebrachten Fall mit strenger Unparteilichkeit nach dem Gesetz verfahren.
47:5
Wenn jemand ein Verbrechen an dir begeht, so hast du nicht das Recht, ihm zu vergeben, sondern das Gesetz muss ihn bestrafen, um eine Wiederholung des gleichen Verbrechens durch andere zu verhüten; denn das Leiden des einzelnen ist unwesentlich gegenüber dem allgemeinen Wohlergehen des Volkes.
47:6
Wenn in jedem Land der östlichen und der westlichen Welt vollkommene Gerechtigkeit herrscht, dann wird die Erde zu einer Stätte der Schönheit werden. Die Würde und Gleichheit eines jeden Dieners Gottes wird anerkannt werden. Das hohe Ziel der Verbundenheit des Menschengeschlechts, der wahren menschlichen Bruderschaft, wird verwirklicht werden und das herrliche Licht der Sonne der Wahrheit die Seelen aller Menschen erleuchten.
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Achtes Prinzip: Universaler Friede – Esperanto
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Paris, Avenue de Camoëns 4
48:1
Ein höchster Gerichtshof muss durch die Völker und Regierungen aller Staaten errichtet werden und aus gewählten Mitgliedern aller Länder und Regierungen bestehen. Die Mitglieder dieses großen Rates müssen in Einigkeit tagen. Alle Streitigkeiten internationalen Charakters sind diesem Gerichtshof zu unterbreiten, dessen Sache es ist, durch Schiedsspruch alles zu schlichten, was sonst zur Ursache des Krieges würde. Die Aufgabe dieses Gerichtshofes wäre, den Krieg zu verhindern.
48:2
Einer der großen Schritte zum Universalen Frieden wäre auch die Einführung einer universalen Sprache. Bahá’u’lláh gebietet, dass die Diener der Menschheit zusammenkommen, um entweder eine bereits bestehende Sprache auszuwählen oder eine neue zu bilden. Dies wurde im Kitáb-i-Aqdas vor vierzig Jahren geoffenbart. Darin wird darauf verwiesen, dass die Frage der mannigfachen Sprachen eine sehr schwierige ist. Es gibt mehr als achthundert Sprachen in der Welt, und niemand könnte sie alle erlernen.
48:3
Die Menschenrassen leben nicht mehr wie früher voneinander getrennt. Heute muss man, um mit allen Ländern in enger Verbindung zu stehen, ihre Sprachen sprechen können.
48:4
Eine universale Sprache würde den Verkehr mit allen Nationen möglich machen. Man müsste dann lediglich zwei Sprachen kennen, die Muttersprache und die universale Sprache. Die letzte würde dem Menschen ermöglichen, mit jedem und allen Menschen Umgang zu pflegen.
48:5
Eine dritte Sprache wäre dann nicht mehr nötig. Wie nützlich und beruhigend wäre es doch für alle, wenn man sich mit jedem Menschen, egal aus welchem Land er stammt, unterhalten könnte, ohne einen Dolmetscher zu brauchen!
48:6
Esperanto wurde im Hinblick auf dieses Ziel geschaffen. Es ist eine feine Erfindung und ein ausgezeichnetes Stück Arbeit, aber es muss vervollkommnet werden. Esperanto ist so, wie es ist, für manche Menschen sehr schwierig.
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