‘Abdu’l-Bahá | Ansprachen in Paris
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46:4
Wir sehen unter uns einerseits Menschen, die mit Reichtümern überhäuft sind, und andererseits jene Unglücklichen, die mittellos verhungern, jene, die eine Anzahl stattlicher Schlösser besitzen, und jene anderen, die nicht wissen, wo sie ihr Haupt hinlegen sollen. Wir finden manche, die sich zahlreiche Gänge kostspieliger und leckerer Speisen leisten, während andere kaum genügend Brosamen finden, um sich am Leben zu erhalten. Während sich einige in Samt, Pelze und feines Leinen kleiden, haben andere nur unzureichende, ärmliche und dünne Kleidung gegen die Kälte.
46:5
Dieser Zustand ist falsch und muss behoben werden, doch muss die Heilung behutsam durchgeführt werden. Sie ist nicht dadurch zu erreichen, dass man völlige Gleichheit unter den Menschen herstellt.
46:6
Gleichheit ist ein Hirngespinst. Sie ist völlig undurchführbar. Selbst wenn sich Gleichheit schaffen ließe, vermöchte sie nicht zu bestehen, und wenn ihr Fortbestand möglich wäre, so würde dadurch die ganze Ordnung der Welt vernichtet werden. Das Gesetz der Ordnung muss immer in der Menschenwelt walten. So hat es der Himmel, als er den Menschen erschuf, verordnet.
46:7
Manche Menschen sind hochbegabt, die anderen mittelmäßig und wieder andere unbegabt. In diesen drei Menschenklassen besteht Ordnung, aber keine Gleichheit. Wie könnten wohl Weisheit und Dummheit gleich sein? Die Menschheit braucht, wie in einem großen Heer, einen General, Hauptleute, Unteroffiziere in verschiedenen Rängen und Soldaten, jeden mit seinem eigenen Pflichtenkreis. Ränge sind zur Sicherung einer geregelten Ordnung durchaus nötig. Ein Heer vermag nicht nur aus Generälen oder Hauptleuten oder nur aus Soldaten ohne Vorgesetzte zu bestehen. Sicher würde ein derartiger Plan dazu führen, dass das ganze Heer der Unordnung und der Zersetzung anheimfällt.
46:8
König Lykurg, der Philosoph, entwarf einen großen Plan, um die Untertanen von Sparta einander gleich zu machen. Mit Selbstaufopferung und Weisheit wurde der Versuch begonnen. Dann rief der König das Volk seines Reiches zusammen und ließ es einen bedeutenden Schwur tun, wonach es die Ordnung der Regierung unveränderlich wahren würde, falls er das Land verließe, und es sich bis zu seiner Rückkehr durch nichts zu Änderungen bestimmen ließe. Nachdem er sich dieses Schwurs versichert hatte, verließ er sein Königreich Sparta und kam nicht wieder. Lykurg gab seine Stellung preis, indem er seinem hohen Amt entsagte, weil er glaubte, durch die Gleichmachung des Besitzes und der Lebensbedingungen in seinem Reich das dauernde Wohlergehen des Landes zu erreichen. Alle Selbstaufopferung des Königs war jedoch vergebens. Der große Versuch misslang: nach einiger Zeit war alles vernichtet. Seine sorgsam erdachte Verfassung fand ein Ende.
46:9
Die Zwecklosigkeit eines solchen Plans und die Unmöglichkeit, gleiche Daseinsbedingungen zu erreichen, zeigten sich im alten Königreich Sparta. In unseren Tagen wären alle derartigen Versuche gleichfalls zum Versagen verurteilt.
46:10
Da nun aber manche Menschen außerordentlich reich und andere beklagenswert arm sind, so bedarf es einer Ordnung, die diesen Stand der Dinge überprüft und bessert. Es ist ebenso wichtig, den Reichtum zu beschränken, wie auch die Armut zu begrenzen. Keines der beiden Extreme ist gut, höchst wünschenswert ist der Mittelweg »Armut und Reichtum gib mir nicht;.« - Spr. 30:8. A. Wenn es recht ist, dass ein Kapitalinhaber großes Vermögen besitzt, so ist es auch gerecht, dass seine Arbeiter genügend Mittel zum Dasein haben.
46:11
Es sollte keinen Financier mit gewaltigem Reichtum geben, solange in seiner Nähe ein Armer in entsetzlicher Not ist. Wenn wir sehen, dass Armut einen Zustand des Hungerleidens erreicht, so ist dies ein sicheres Zeichen, dass irgendwo Unterdrückung herrscht. Die Menschen müssen sich in dieser Frage rühren und nicht länger versäumen, Zustände zu ändern, die einen sehr großen Teil des Volkes ins Elend drückender Armut stürzen. Die Reichen müssen von ihrem Überfluss abgeben, ihre Herzen erweichen und mitfühlendes Verständnis pflegen, indem sie sich um jene Beklagenswerten kümmern, denen es am Nötigsten mangelt.
46:12
Besondere Gesetze müssen erlassen werden, die sich mit diesen Gegensätzen des Reichtums und des Mangels befassen. Die Regierungsmitglieder sollten Gottes Gesetze beachten, wenn sie Pläne entwerfen, um das Volk zu regieren. Die allgemeinen Menschenrechte müssen behütet und erhalten bleiben.
46:13
Die Länderregierungen sollten mit dem göttlichen Gesetz übereinstimmen, das allen gleiches Recht gibt. Das ist der einzige Weg, auf dem der beklagenswerte Überfluss großen Reichtums und die elende, zersetzende und entwürdigende Armut zu beseitigen sind. Nicht eher, als bis dies geschehen ist, wird Gottes Gebot befolgt sein.
– 47 –
Siebentes Prinzip: Die Gleichstellung der Menschen
47:1
»Die Gesetze Gottes sind keine Auflagen des Willens noch der Macht oder des Beliebens, sondern Ergebnisse der Wahrheit, der Vernunft und der Gerechtigkeit!«.
47:2
Alle Menschen sind gleich vor dem Gesetz, das ohne Einschränkungen gelten muss.
47:3
Das Ziel der Strafe ist nicht Rache, sondern die Verhütung des Verbrechens.
47:4
Die Könige müssen mit Weisheit und Gerechtigkeit herrschen. Der Fürst, der Edelmann und der Bauer haben gleichermaßen Anspruch auf gerechte Behandlung. Der Einzelne darf keine Begünstigung erfahren. Richter dürfen nicht die ›Person ansehen‹, sondern müssen in jedem vorgebrachten Fall mit strenger Unparteilichkeit nach dem Gesetz verfahren.
47:5
Wenn jemand ein Verbrechen an dir begeht, so hast du nicht das Recht, ihm zu vergeben, sondern das Gesetz muss ihn bestrafen, um eine Wiederholung des gleichen Verbrechens durch andere zu verhüten; denn das Leiden des einzelnen ist unwesentlich gegenüber dem allgemeinen Wohlergehen des Volkes.
47:6
Wenn in jedem Land der östlichen und der westlichen Welt vollkommene Gerechtigkeit herrscht, dann wird die Erde zu einer Stätte der Schönheit werden. Die Würde und Gleichheit eines jeden Dieners Gottes wird anerkannt werden. Das hohe Ziel der Verbundenheit des Menschengeschlechts, der wahren menschlichen Bruderschaft, wird verwirklicht werden und das herrliche Licht der Sonne der Wahrheit die Seelen aller Menschen erleuchten.
– 48 –
Achtes Prinzip: Universaler Friede – Esperanto
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Paris, Avenue de Camoëns 4
48:1
Ein höchster Gerichtshof muss durch die Völker und Regierungen aller Staaten errichtet werden und aus gewählten Mitgliedern aller Länder und Regierungen bestehen. Die Mitglieder dieses großen Rates müssen in Einigkeit tagen. Alle Streitigkeiten internationalen Charakters sind diesem Gerichtshof zu unterbreiten, dessen Sache es ist, durch Schiedsspruch alles zu schlichten, was sonst zur Ursache des Krieges würde. Die Aufgabe dieses Gerichtshofes wäre, den Krieg zu verhindern.
48:2
Einer der großen Schritte zum Universalen Frieden wäre auch die Einführung einer universalen Sprache. Bahá’u’lláh gebietet, dass die Diener der Menschheit zusammenkommen, um entweder eine bereits bestehende Sprache auszuwählen oder eine neue zu bilden. Dies wurde im Kitáb-i-Aqdas vor vierzig Jahren geoffenbart. Darin wird darauf verwiesen, dass die Frage der mannigfachen Sprachen eine sehr schwierige ist. Es gibt mehr als achthundert Sprachen in der Welt, und niemand könnte sie alle erlernen.
48:3
Die Menschenrassen leben nicht mehr wie früher voneinander getrennt. Heute muss man, um mit allen Ländern in enger Verbindung zu stehen, ihre Sprachen sprechen können.
48:4
Eine universale Sprache würde den Verkehr mit allen Nationen möglich machen. Man müsste dann lediglich zwei Sprachen kennen, die Muttersprache und die universale Sprache. Die letzte würde dem Menschen ermöglichen, mit jedem und allen Menschen Umgang zu pflegen.
48:5
Eine dritte Sprache wäre dann nicht mehr nötig. Wie nützlich und beruhigend wäre es doch für alle, wenn man sich mit jedem Menschen, egal aus welchem Land er stammt, unterhalten könnte, ohne einen Dolmetscher zu brauchen!
48:6
Esperanto wurde im Hinblick auf dieses Ziel geschaffen. Es ist eine feine Erfindung und ein ausgezeichnetes Stück Arbeit, aber es muss vervollkommnet werden. Esperanto ist so, wie es ist, für manche Menschen sehr schwierig.
48:7
Man sollte einen internationalen Kongress einberufen, bestehend aus Abgeordneten aller Länder der Welt, des Ostens wie des Westens. Dieser Kongress müsste eine Sprache schaffen, die alle erlernen könnten, und alle Länder würden daraus großen Nutzen ziehen.
48:8
Bis eine solche Sprache angewandt wird, wird die Welt weiterhin die dringende Notwendigkeit eines solchen Verständigungsmittels spüren. Die Verschiedenheit der Sprache ist eine der folgenreichsten Ursachen, die Abneigung und Misstrauen unter den Völkern hervorruft, da diese durch die Unfähigkeit einer sprachlichen Verständigung mehr als durch alles andere voneinander getrennt bleiben.
48:9
Wenn alle eine Sprache sprächen, wie viel leichter ließe sich dann der Menschheit dienen!
48:10
Darum schätzet ›Esperanto‹, denn es ist die beginnende Durchführung eines der wichtigsten Gebote Bahá’u’lláhs, und es muss weiterhin verbessert und vervollkommnet werden.
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Neuntes Prinzip: Die Religion soll sich nicht mit Politik befassen
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Paris, Avenue de Camoëns 4, 17. November 1911
49:1
Der Mensch wird in seiner Lebensführung durch zwei Hauptbeweggründe geleitet: die »Hoffnung auf Belohnung« und die »Furcht vor Strafe«. Vgl. Bahá’u’lláh, Bishárát, Kalimát-i-Firdawsíyyih, Ishráqát, Lawḥ-i-Maqṣúd, in: Botschaften aus ‘Akká 3:23, 6:24, 8:53, 11:5, Tabernakel der Einheit, 2:37, Lawḥ-i-Haft Pursish, in: Tabernakel der Einheit 3:12 – Anm. d. Hrsg. Q
49:2
Darum sollten die Obrigkeiten, die wichtige Regierungsämter bekleiden, diese Hoffnung und diese Furcht mit in Betracht ziehen. Ihre Aufgabe ist es, miteinander über die Schaffung von Gesetzen zu beraten und für ihre gerechte Anwendung zu sorgen.
49:3
Das Zelt der Ordnung der Welt ist auf den beiden Pfeilern der »Belohnung und Vergeltung«Bahá’u’lláh, Ishráqát in: Tablets of Bahá’u’lláh 8:53 – Anm. d. Hrsg.Q aufgerichtet und begründet.
49:4
In despotischen Staaten, die unter der Führung von Menschen ohne göttlichen Glauben stehen, in denen es keine Furcht vor geistiger Vergeltung gibt, ist die Durchführung der Gesetze willkürlich und ungerecht.
49:5
Nichts kann Unterdrückung besser verhindern als diese beiden Empfindungen: Hoffnung und Furcht. Sie haben sowohl politische als auch geistige Folgen.
49:6
Würden die Handhaber des Gesetzes die geistigen Folgen ihrer Entscheidungen erwägen und der Führung durch den Glauben gehorchen, so würden sie göttliche Mittler in der Welt des Handelns sein, »die Stellvertreter Gottes für jene, die auf Erden sind, und um der Liebe Gottes willen die Belange Seiner Diener wie ihre eigenen verfechten« Vgl. ‘Abdu’l-Bahá, Geheimnis göttlicher Kultur Abs. 39 – Anm. d. Hrsg. Q. Wenn sich ein Herrscher seiner Verantwortung bewusst ist und sich fürchtet, dem göttlichen Gesetz zuwider zu handeln, werden seine Urteile gerecht sein. Vor allem, wenn er glaubt, dass ihn die Folgen seines Handelns über sein Erdenleben hinaus begleiten und »dass er ernten muss, was er gesät hat«Gal. 6:7 – Anm. d. Hrsg.Q, wird solch ein Mann ganz sicher Ungerechtigkeit und Unterdrückung meiden.
49:7
Wenn umgekehrt ein Beamter denkt, dass alle Verantwortung für sein Handeln mit seinem Erdenleben zu Ende geht, und er nichts von göttlicher Gunst und einem geistigen Reich der Freude weiß noch daran glaubt, so wird ihm der Antrieb zu gerechtem Handeln und der Impuls, Unterdrückung und Ungerechtigkeit auszumerzen, fehlen.
49:8
Wenn ein Herrscher weiß, dass der göttliche Richter seine Urteile auf die Waage legt und dass er, wenn er ohne Mangel befunden wurde, in das himmlische Reich tritt und dass dann das Licht der himmlischen Güte über ihm scheinen wird, so wird er sicher gerecht und unparteiisch handeln. Sieh, wie wichtig es ist, dass die Minister durch die Religion erleuchtet werden!
49:9
Die Geistlichkeit indessen befasse sich nicht mit politischen Fragen! Religiöse Angelegenheiten sollten im gegenwärtigen Zustand der Welt nicht mit Politik vermischt werden (denn ihre Belange sind nicht die gleichen).
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