‘Abdu’l-Bahá | Ansprachen in Paris
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48:9
Wenn alle eine Sprache sprächen, wie viel leichter ließe sich dann der Menschheit dienen!
48:10
Darum schätzet ›Esperanto‹, denn es ist die beginnende Durchführung eines der wichtigsten Gebote Bahá’u’lláhs, und es muss weiterhin verbessert und vervollkommnet werden.
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Neuntes Prinzip: Die Religion soll sich nicht mit Politik befassen
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Paris, Avenue de Camoëns 4, 17. November 1911
49:1
Der Mensch wird in seiner Lebensführung durch zwei Hauptbeweggründe geleitet: die »Hoffnung auf Belohnung« und die »Furcht vor Strafe«. Vgl. Bahá’u’lláh, Bishárát, Kalimát-i-Firdawsíyyih, Ishráqát, Lawḥ-i-Maqṣúd, in: Botschaften aus ‘Akká 3:23, 6:24, 8:53, 11:5, Tabernakel der Einheit, 2:37, Lawḥ-i-Haft Pursish, in: Tabernakel der Einheit 3:12 – Anm. d. Hrsg. Q
49:2
Darum sollten die Obrigkeiten, die wichtige Regierungsämter bekleiden, diese Hoffnung und diese Furcht mit in Betracht ziehen. Ihre Aufgabe ist es, miteinander über die Schaffung von Gesetzen zu beraten und für ihre gerechte Anwendung zu sorgen.
49:3
Das Zelt der Ordnung der Welt ist auf den beiden Pfeilern der »Belohnung und Vergeltung«Bahá’u’lláh, Ishráqát in: Tablets of Bahá’u’lláh 8:53 – Anm. d. Hrsg.Q aufgerichtet und begründet.
49:4
In despotischen Staaten, die unter der Führung von Menschen ohne göttlichen Glauben stehen, in denen es keine Furcht vor geistiger Vergeltung gibt, ist die Durchführung der Gesetze willkürlich und ungerecht.
49:5
Nichts kann Unterdrückung besser verhindern als diese beiden Empfindungen: Hoffnung und Furcht. Sie haben sowohl politische als auch geistige Folgen.
49:6
Würden die Handhaber des Gesetzes die geistigen Folgen ihrer Entscheidungen erwägen und der Führung durch den Glauben gehorchen, so würden sie göttliche Mittler in der Welt des Handelns sein, »die Stellvertreter Gottes für jene, die auf Erden sind, und um der Liebe Gottes willen die Belange Seiner Diener wie ihre eigenen verfechten« Vgl. ‘Abdu’l-Bahá, Geheimnis göttlicher Kultur Abs. 39 – Anm. d. Hrsg. Q. Wenn sich ein Herrscher seiner Verantwortung bewusst ist und sich fürchtet, dem göttlichen Gesetz zuwider zu handeln, werden seine Urteile gerecht sein. Vor allem, wenn er glaubt, dass ihn die Folgen seines Handelns über sein Erdenleben hinaus begleiten und »dass er ernten muss, was er gesät hat«Gal. 6:7 – Anm. d. Hrsg.Q, wird solch ein Mann ganz sicher Ungerechtigkeit und Unterdrückung meiden.
49:7
Wenn umgekehrt ein Beamter denkt, dass alle Verantwortung für sein Handeln mit seinem Erdenleben zu Ende geht, und er nichts von göttlicher Gunst und einem geistigen Reich der Freude weiß noch daran glaubt, so wird ihm der Antrieb zu gerechtem Handeln und der Impuls, Unterdrückung und Ungerechtigkeit auszumerzen, fehlen.
49:8
Wenn ein Herrscher weiß, dass der göttliche Richter seine Urteile auf die Waage legt und dass er, wenn er ohne Mangel befunden wurde, in das himmlische Reich tritt und dass dann das Licht der himmlischen Güte über ihm scheinen wird, so wird er sicher gerecht und unparteiisch handeln. Sieh, wie wichtig es ist, dass die Minister durch die Religion erleuchtet werden!
49:9
Die Geistlichkeit indessen befasse sich nicht mit politischen Fragen! Religiöse Angelegenheiten sollten im gegenwärtigen Zustand der Welt nicht mit Politik vermischt werden (denn ihre Belange sind nicht die gleichen).
49:10
Die Religion ist eine Sache des Herzens, des Geistes und der Gesittung.
49:11
Die Politik befasst sich mit den materiellen Dingen des Lebens. Religiöse Lehrer sollten sich nicht in den Bereich der Politik begeben. Sie sollten sich mit der geistigen Erziehung des Volkes befassen. Sie sollten den Menschen stets guten Rat erteilen und versuchen, Gott und der Menschheit zu dienen. Sie sollten sich bemühen, geistiges Streben zu wecken, und danach trachten, das Verständnis und die Erkenntnis der Menschheit zu erweitern, die Sitten zu verbessern und die Liebe zur Gerechtigkeit zu verstärken.
49:12
Dies entspricht der Lehre Bahá’u’lláhs. Auch im Evangelium heißt es: »Gebt dem Kaiser, was des Kaisers, und Gott, was Gottes ist.«Mt. 22:21 – Anm. d. Hrsg.Q
49:13
In Persien finden wir unter den bedeutenden Staatsministern einige, die religiös sind, die vorbildlich sind und Gott verehren, die sich fürchten, Seine Gesetze zu verletzen, gerecht im Urteil sind und unparteiisch regieren. Doch gibt es in dem Land auch Statthalter, die keine Gottesfurcht haben, nicht an die Folgen ihrer Handlungen denken und nach eigenen Wünschen handeln, und sie haben Persien große Probleme und Schwierigkeiten bereitet.
49:14
O Freunde Gottes, seid lebende Beispiele der Gerechtigkeit, damit die Welt durch Gottes Barmherzigkeit an euren Handlungen sehen möge, wie ihr die Eigenschaften der Gerechtigkeit und der Barmherzigkeit enthüllt!
49:15
Die Gerechtigkeit ist nicht begrenzt, sie ist eine universale Tugend. Alle Klassen, von der höchsten bis zu der niedrigsten, müssen sie üben. Die Gerechtigkeit muss heilig sein, und die Rechte aller Menschen müssen berücksichtigt werden. Wünscht für andere nur, was ihr euch selbst wünscht. Dann werden wir uns der Sonne der Gerechtigkeit erfreuen, die von Gottes Horizont scheint.
49:16
Jeder Mensch wurde auf einen Ehrenposten gestellt, den er nicht aufgeben darf. Ein bescheidener Arbeiter, der eine Ungerechtigkeit begeht, ist genauso tadelnswert wie ein berühmter Gewaltherr. So können wir alle zwischen Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit wählen.
49:17
Ich hoffe, dass jeder von euch gerecht werden wird und seine Gedanken auf die Einheit der Menschheit richtet, dass ihr eurem Nächsten nie schadet, noch von irgendjemandem schlecht sprecht, dass ihr die Rechte aller Menschen achtet und euch mehr den Belangen anderer als euren eigenen widmet. So werdet ihr zu Fackeln der göttlichen Gerechtigkeit werden und gemäß der Lehre Bahá’u’lláhs handeln, der in Seinem Leben zahllose Heimsuchungen und Verfolgungen ertrug, um der Menschenwelt die Tugenden der göttlichen Welt zu verkünden und euch die Möglichkeit zu geben, die höchste Herrschaft des Geistes zu erkennen und euch der Gerechtigkeit Gottes zu erfreuen.
49:18
Durch Seine Barmherzigkeit wird die göttliche Güte über euch kommen, und darum bete ich.
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Zehntes Prinzip: Die Gleichstellung der Geschlechter
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Paris, Avenue de Camoëns 4, 14. November 1911
50:1
Das zehnte Prinzip der Lehre Bahá’u’lláhs ist die Gleichstellung der Geschlechter.
50:2
Gott hat alle Geschöpfe in Paaren erschaffen. Der Mensch, das Tier, die Pflanze, alles in diesen drei Reichen ist zweierlei Geschlechtes, und unter ihnen herrscht völlige Gleichheit.
50:3
In der Pflanzenwelt gibt es männliche und weibliche Pflanzen. Sie haben gleiche Rechte und besitzen einen gleichen Anteil an der Schönheit ihrer Gattung, wenn man auch in der Tat sagen könnte, dass der Baum, der Früchte trägt, demjenigen, der keine trägt, überlegen ist.
50:4
Im Tierreich sehen wir, dass Männchen und Weibchen gleiche Rechte besitzen und dass jedes von ihnen an den Vorzügen seiner Gattung teilhat.
50:5
So sehen wir, dass in keinem der beiden niederen Reiche der Natur die Frage einer Überlegenheit des einen Geschlechtes über das andere besteht. In der Menschenwelt ist es wesentlich anders. Das weibliche Geschlecht wird als niedriger stehend betrachtet, und es werden ihm keine gleichen Rechte und Vorrechte gestattet. Dieser Zustand ist keine Folge der Natur, sondern der Erziehung. In der göttlichen Schöpfung gibt es keine derartige Unterscheidung. Vor dem Angesicht Gottes ist kein Geschlecht dem anderen überlegen. Warum sollte dann ein Geschlecht das andere als untergeordnet erklären und ihm wohlbegründete Rechte und Vorrechte vorenthalten, als hätte Gott seine Ermächtigung zu einem solchen Verhalten gegeben? Wenn die Frauen die gleichen Vorzüge der Erziehung genießen wie die Männer, so wird das Ergebnis zeigen, dass sich beide gleicherweise zur Bildung eignen.
50:6
In mancher Beziehung ist die Frau dem Manne überlegen. Sie ist weichherziger, empfänglicher und mit stärkerer Intuition begabt.
50:7
Es lässt sich nicht leugnen, dass die Frau zurzeit in vielerlei Hinsicht hinter dem Mann zurückbleibt, dass aber diese vorübergehende Unterlegenheit auf den Mangel an Erziehungsmöglichkeiten zurückgeht. Im Lebenskampf ist die Frau instinktbegabter als der Mann, dankt er ihr doch bereits sein bloßes Dasein.
50:8
Ist die Mutter gebildet, so werden auch ihre Kinder gut unterrichtet werden. Ist die Mutter weise, so wird sie auch die Kinder auf den Weg der Weisheit leiten. Ist die Mutter religiös, so wird sie auch ihren Kindern zeigen, wie sie Gott lieben müssen. Ist die Mutter sittenrein, so wird sie auch ihre Kleinen auf den Pfad der Rechtlichkeit führen.
50:9
Es ist daher klar, dass die zukünftige Generation von den Müttern von heute abhängt. Ist das nicht eine wesentliche Verantwortung für die Frau? Bedarf sie da nicht jeder nur möglichen Förderung, um für eine solche Aufgabe gerüstet zu sein?
50:10
Darum gefällt es Gott sicher nicht, wenn ein so wichtiges Werkzeug der Schöpfung wie die Frau nicht die entsprechende Erziehung erhält, um die gewünschten und nötigen Vollkommenheiten für ihre große Lebensaufgabe zu erlangen. Die göttliche Gerechtigkeit verlangt, dass die Rechte beider Geschlechter gleicherweise geachtet werden, da in den Augen des Himmels keines dem anderen überlegen ist. Die Würde vor Gott hängt nicht vom Geschlecht, sondern von der Reinheit und Leuchtkraft des Herzens ab. Menschliche Tugenden sind im gleichen Maße Eigentum aller.
50:11
Die Frau muss sich daher um größere Vervollkommnung bemühen, um dem Mann in jeder Beziehung gleich zu werden und in allem, worin sie zurückgeblieben war, fortzuschreiten, so dass der Mann gezwungen wird, ihre gleichen Möglichkeiten und Leistungen anzuerkennen.
50:12
In Europa haben die Frauen größere Fortschritte gemacht als im Osten, aber es bleibt noch viel zu tun. Wenn Schüler am Ende ihrer Schulzeit stehen, werden sie geprüft, und das Ergebnis der Prüfung entscheidet über das Wissen und die Fähigkeit jedes Schülers. So wird es auch mit der Frau sein. Ihre Taten werden ihre Stärke beweisen. Es wird nicht mehr nötig sein, sie durch Worte zu verkünden.
50:13
Ich hoffe, dass sowohl die Frauen des Ostens als auch ihre westlichen Schwestern rasche Fortschritte machen, bis die Menschheit vervollkommnet ist.
50:14
Gottes Güte ist für alle da und gibt die Kraft zu jedem Fortschritt. Besitzen die Menschen erst einmal die Gleichstellung der Frau, so werden die Frauen nicht mehr für ihre Rechte zu kämpfen brauchen. Daher ist einer der Grundsätze Bahá’u’lláhs die Gleichstellung der Geschlechter.
50:15
Die Frauen müssen größte Anstrengungen machen, um geistige Kraft zu erwerben und die Tugenden der Weisheit und Heiligkeit zu vermehren, bis es ihrer Erleuchtung und ihrem Streben gelingt, die Einheit der Menschheit zu verwirklichen. Sie müssen mit glühender Begeisterung arbeiten, um die Lehre Bahá’u’lláhs unter die Völker zu tragen, damit das strahlende Licht göttlicher Güte die Seelen aller Nationen der Erde umgebe.
– 51 –
Elftes Prinzip: Die Kraft des Heiligen Geistes
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