‘Abdu’l-Bahá | Ansprachen in Paris
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3:9
Doch ach, der Mensch ist nicht für diese höchste Segnung dankbar, sondern er schläft den Schlaf der Nachlässigkeit und missachtet die große Gnade, die ihm Gott erzeigt hat, indem er sein Gesicht vom Lichte abkehrt und seinen Weg im Dunkel geht.
3:10
Es ist mein ernstes Gebet, dass ihr nicht wie sie sein mögt, sondern immer mit Festigkeit auf das Licht schaut, damit ihr wie leuchtende Fackeln in den dunklen Bereichen des Lebens werdet.
– 4 –
Die Notwendigkeit eines Zusammenschlusses der Völker des Ostens und des Westens
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Freitag, 20. Oktober 1911
4:1
‘Abdu’l-Bahá sprach:
4:2
In der Vergangenheit wie in der Gegenwart hat die geistige Sonne der Wahrheit stets vom Horizont des Ostens her geschienen.
4:3
Abraham erschien im Osten. Im Osten erhob sich Moses, um das Volk zu führen und zu lehren, am östlichen Horizont erhob sich der Herr Christus. Muḥammad wurde zu einem östlichen Volk gesandt. Der Báb erhob sich in dem östlichen Land Persien. Bahá’u’lláh lebte und lehrte im Osten. Alle großen geistigen Lehrer erschienen in der Welt des Ostens. Doch obgleich die Sonne Christi im Osten aufging, wurden ihre Strahlen im Westen sichtbar, wo man die Herrlichkeit ihres Glanzes klarer erkannte. Das göttliche Licht Seiner Lehren leuchtete kräftiger in der westlichen Welt, in der es einen rascheren Fortschritt als im Lande seines Ursprungs nahm.
4:4
In diesen Tagen bedarf der Osten eines materiellen Fortschritts und der Westen eines geistigen Ideals. Es wäre für den Westen gut, sich um Erleuchtung an den Orient zu wenden und ihm dafür seine wissenschaftlichen Kenntnisse zu vermitteln. Dieser Gabenaustausch muss erfolgen.
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Osten und Westen müssen sich zusammenschließen, um einander das zu geben, was sie brauchen. Diese Vereinigung wird eine wahre Zivilisation hervorbringen, in der das Geistige im Materiellen Ausdruck und Verwirklichung findet.
4:6
Wenn so der eine vom anderen empfängt, wird größte Eintracht herrschen, die ganze Welt vereint und ein Zustand hoher Vervollkommnung erreicht sein. Es wird ein festgeknüpftes Band bestehen und diese Welt zu einem leuchtenden Spiegel für die Eigenschaften Gottes werden.
4:7
Wir alle, die Nationen des Ostens und die des Westens, müssen Tag und Nacht mit Herz und Seele danach streben, dieses hohe Ideal, den Zusammenschluss der Einheit aller Völker der Erde, zu vollenden. Jedes Herz wird dann erfrischt und jedes Auge aufgetan, die wundervollste Kraft gewonnen und das Glück der Menschenwelt gesichert sein.
4:8
Wir müssen darum beten, dass durch die Segensfülle Gottes Persien in den Stand versetzt wird, vom Westen materielle Zivilisation und Schulung zu empfangen und ihm durch die göttliche Gnade sein geistiges Licht dafür zu geben. Der ergebenen tatkräftigen Arbeit der vereinten Völker, Abendländer und Morgenländer, wird es gelingen, dies zuwege zu bringen, denn die Kraft des Heiligen Geistes wird ihnen helfen.
4:9
Die Prinzipien der Lehren Bahá’u’lláhs sollten, Grundsatz um Grundsatz, sorgfältig studiert werden, bis sie durch Verstand und Herz erfasst und begriffen sind – dann werdet ihr zu kraftvollen Anhängern des Lichtes und zu wahrhaft geistigen, himmlischen Soldaten Gottes werden, die in Persien, Europa und der ganzen Welt die wahre Zivilisation ergreifen und verbreiten.
4:10
Dies wird das Paradies auf Erden sein, das kommen wird, wenn das ganze Menschengeschlecht unter dem Zelte der Einigkeit im Reich der Herrlichkeit versammelt ist.
– 5 –
Gott begreift alles in sich, Er selbst kann nicht begriffen werden
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Freitagabend, 20. Oktober 1911
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‘Abdu’l-Bahá sprach:
5:1
Zahlreiche Zusammenkünfte finden täglich in Paris zu verschiedenen Zwecken statt, um Fragen der Politik, der Wirtschaft, der Erziehung, der Kunst, der Wissenschaft und manches andere zu erörtern.
5:2
Alle diese Zusammenkünfte sind gut, doch diese Versammlung hier hat sich zusammengefunden, um das Angesicht Gott zuzuwenden, zu lernen, wie man am besten das Wohl der Menschheit fördert, zu prüfen, wie sich Vorurteile überwinden lassen und wie man in die Menschenherzen den Samen der Liebe und der allgemeinen Bruderschaft zu säen vermag.
5:3
Gott billigt den Beweggrund unseres Zusammenkommens und gibt uns Seinen Segen.
5:4
Wir lesen im Alten Testament, dass Gott sprach: »Lasset Uns Menschen machen nach Unserem Bilde.«Gen. 1:26 – Anm. d. Hrsg.Q In den Evangelien sagt Christus: »Ich bin im Vater und der Vater ist in Mir«Joh. 14:11.Q. Im Qur’án spricht Muḥammad: »Der Mensch ist Mein Geheimnis und Ich bin seines.«Ḥadíth Qudsí, auch zitiert in: Kitáb-i-Íqán 107 – Anm. d. Hrsg.Q Bahá’u’lláh schreibt, dass Gott gesagt hat: »Dein Herz ist Meine Wohnstatt. Heilige es für Mein Kommen. Dein Geist ist der Ort Meines Erscheinens. Läutere ihn für Meine Offenbarung.«Bahá’u’lláh, Verborgene Worte arab. 59 – Anm. d. Hrsg.Q
5:5
Alle diese heiligen Worte zeigen uns, dass der Mensch nach Gottes Ebenbild erschaffen ist, und doch ist das Wesen Gottes für den menschlichen Geist unfassbar, denn das endliche Begreifen lässt sich nicht auf das unendliche Geheimnis übertragen. Gott begreift alles in Sich, Er Selbst kann nicht begriffen werden. Das Umfassende ist größer als das Umfasste. Das Ganze ist größer als seine Teile.
5:6
Was vom Menschen begriffen wird, kann nicht außerhalb seines Begriffsvermögens liegen, und so ist es für das menschliche Herz unmöglich, das Wesen der Erhabenheit Gottes zu begreifen. Unsere Vorstellung kann sich nur das vergegenwärtigen, was sie hervorzubringen vermag.
5:7
Das Fassungsvermögen ist in den verschiedenen Reichen der Schöpfung gradweise verschieden. Die Reiche des Minerals, der Pflanze und des Tieres sind unfähig, irgendeine Schöpfung, die die eigene übersteigt, zu fassen. Das Mineral kann sich nicht in die Wachstumskraft der Pflanze hineindenken, der Baum weder die Bewegungskraft im Tier verstehen noch begreifen, was es bedeutet, sehen, hören oder riechen zu können. Das alles gehört der physischen Schöpfung an.
5:8
Auch der Mensch hat Teil an ihr, aber keines der niederen Reiche vermag zu fassen, was im Verstand des Menschen vorgeht. Das Tier kann sich das Begriffsvermögen eines menschlichen Wesens nicht vergegenwärtigen, es weiß nur um das, was es mit seinen tierischen Sinnen wahrnimmt, und kann sich nichts Abstraktes vorstellen. Ein Tier könnte nicht begreifen, dass die Erde rund ist, dass sie sich um die Sonne bewegt, oder wie der elektrische Telegraph gebaut ist. Derartiges ist nur dem Menschen möglich. Der Mensch ist das höchste Werk der Schöpfung, dasjenige Geschöpf, das Gott am nächsten kommt.
5:9
Alle höheren Reiche sind für die niederen unfassbar. Wie könnte dann wohl der Mensch den allmächtigen Schöpfer aller Dinge fassen?
5:10
Das, was wir uns vorstellen, ist nicht die Wirklichkeit Gottes. Er, der Unerkennbare, der Unausdenkbare geht weit über jegliche Vorstellungskraft des Menschen hinaus.
5:11
Alle bestehenden Geschöpfe hängen von der göttlichen Großmut ab. Die göttliche Gnade spendet selber Leben. Wie das Licht der Sonne die ganze Welt erleuchtet, so ist die Gnade des unendlichen Gottes über alle Geschöpfe ausgegossen. Wie die Sonne die Früchte auf der Erde reifen lässt und allen Lebewesen Leben und Wärme gibt, so scheint die Sonne der Wahrheit auf alle Seelen, die sie mit dem Feuer göttlicher Liebe und Erkenntniskraft erfüllt.
5:12
Die Überlegenheit des Menschen über die übrige erschaffene Welt zeigt sich auch darin, dass der Mensch eine Seele hat, in der der göttliche Geist wohnt. Die Seelen der niederen Geschöpfe stehen ihrem Wesen nach tiefer.
5:13
Demnach ist zweifellos der Mensch unter allen Geschöpfen dem Wesen Gottes am nächsten, und darum fließt ihm auch die göttliche Gnadenfülle reicher zu.
5:14
Das Mineralreich hat die Kraft des Bestandes. Die Pflanze hat die Kraft des Bestandes und des Wachstums. Das Tier hat außer Bestand und Wachstum die Möglichkeit der freien Bewegung und die Wahrnehmungsfähigkeit der Sinne. Im Menschenreich finden wir alle Eigenschaften der niederen Welten und viele andere, die noch hinzukommen. Der Mensch ist die Summe alles Erschaffenen vor ihm, weil er all das in sich schließt.
5:15
Dem Menschen ist die besondere Gabe der geistigen Fähigkeiten verliehen, durch die er einen größeren Anteil des göttlichen Lichtes zu empfangen vermag. Der Vollkommene Mensch ist ein klargeschliffener Spiegel, der die Sonne der Wahrheit und die in ihr offenbarten Eigenschaften Gottes widerstrahlt.
5:16
Der Herr Christus sagte: »Wer Mich gesehen hat, der hat den Vater gesehen«Joh. 14:9 – Anm. d. Hrsg.Q – Gott, geoffenbart im Menschen.
5:17
Die Sonne verlässt ihren Platz am Himmel nicht und steigt auch nicht in den Spiegel hernieder, denn Auf- und Abstieg, Kommen und Gehen entsprechen nicht dem Unendlichen, sondern der Eigenart der endlichen Wesen. In der Manifestation Gottes, dem vollkommen geschliffenen Spiegel, erscheinen die Eigenschaften des Göttlichen in einer Form, die der Mensch begreifen kann.
5:18
Dies ist so einfach, dass es alle verstehen können, und was wir verstehen können, müssen wir notwendigerweise auch annehmen.
5:19
Unser Vater wird uns nicht für die Ablehnung von Dogmen verantwortlich machen, die wir weder zu glauben noch zu begreifen imstande sind, denn Er ist unendlich gerecht zu Seinen Kindern.
5:20
Dieses Beispiel ist jedenfalls so logisch, dass es leicht von jedem Verstand begriffen werden kann, der ihm seine Aufmerksamkeit zu schenken bereit ist.
5:21
Möge jeder von euch zu einer strahlenden Lampe werden, deren Flamme die Liebe Gottes ist! Mögen eure Herzen mit dem Glanz der Einigkeit brennen und eure Augen mit dem Strahl der Sonne der Wahrheit leuchten!
5:22
Paris ist eine sehr schöne Stadt. In der gegenwärtigen Welt kann keine zivilisiertere und mit allen materiellen Errungenschaften besser ausgestattete Stadt gefunden werden. Aber das geistige Licht hat schon lange nicht mehr auf sie herabgeschienen: ihr geistiger Fortschritt ist weit hinter dem ihrer materiellen Zivilisation zurückgeblieben. Eine höchste Macht ist nötig, um sie zur Wirklichkeit geistiger Wahrheit zu erwecken, um den Hauch des Lebens in ihre schlafende Seele einzublasen. Ihr müsst euch alle zusammenschließen, um sie aufzuwecken, um die Menschen darin durch den Beistand jener höchsten Kraft ins Leben zurückzurufen.
5:23
Wenn es sich um eine leichte Erkrankung handelt, genügt eine schwache Arznei, um sie zu heilen, doch wenn die leichte Krankheit zu einer schrecklichen Not wird, dann muss der göttliche Heiler ein sehr starkes Heilmittel verwenden. Manche Bäume bringen Blüten und Früchte in kühlem Klima, andere benötigen die heißesten Sonnenstrahlen, um voll auszureifen. Paris ist einer von den Bäumen, die zur geistigen Entfaltung eine große flammende Sonne himmlischer Macht Gottes brauchen.
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