weiter nach oben ...
7:3Ein griechischer Philosoph, der in der Jugendfrühe der Christenheit lebte und von der christlichen Art erfüllt war, ohne doch selber Christ zu sein, schrieb: »Ich glaube, dass die Religion die eigentliche Grundlage der wahren Zivilisation ist.« Denn erst, wenn die Sittlichkeit eines Volkes genauso ausgebildet ist wie sein Verstand und seine Begabung, wird auch die Zivilisation eine sichere Grundlage besitzen.7:4Da die Religion Gesittung einschärft, ist sie die wahrste Philosophie, und auf ihr baut sich die einzige ausdauernde Zivilisation auf. Als Beispiel dafür nennt er die damaligen Christen, deren Sittlichkeit auf einer sehr hohen Stufe stand. Der Glaube dieses Philosophen entspricht der Wahrheit, denn die Zivilisation der Christenheit war die beste und erleuchtetste der Welt. Die christliche Lehre war durchdrungen vom Lichte der göttlichen Sonne der Wahrheit, weshalb ihre Anhänger gelehrt wurden, alle Menschen als Brüder zu lieben, nichts, auch nicht den Tod, zu fürchten, den Nächsten wie sich selbst zu lieben und die eigenen selbstischen Belange im Bemühen um das höchste Wohlergehen der Menschheit zu vergessen. Es war das große Ziel der Religion Christi, die Herzen aller Menschen der strahlenden Wahrheit Gottes näher zu bringen.7:5Hätten die Anhänger des Herrn Christus diese Grundsätze auch weiterhin mit unerschütterlicher Treue befolgt, so wäre keine Erneuerung der christlichen Botschaft, keine Wiedererweckung Seines Volkes erforderlich gewesen, weil dann eine große und herrliche Zivilisation die Welt beherrschen würde und das Himmelreich auf Erden wäre.7:6Was aber ist stattdessen geschehen? Die Menschen haben sich von den göttlich erleuchteten Geboten ihres Meisters abgewandt, und über die Menschenherzen ist der Winter hereingebrochen. Denn wie das Leben des menschlichen Körpers von den Sonnenstrahlen abhängt, so können auch die himmlischen Tugenden in der Seele nicht ohne den Glanz der Sonne der Wahrheit wachsen.7:7Gott lässt Seine Kinder nicht ohne Tröstung. Wenn aber die Dunkelheit des Winters über sie kommt, sendet Er wieder Seine Boten, die Propheten, mit einer Erneuerung des gesegneten Frühlings. Die Sonne der Wahrheit erscheint aufs Neue am Horizont der Welt, scheint in die Augen derer, die schlafen, und erweckt sie, dass sie den Glanz eines neuen Tagesanbruchs schauen. Dann wird der Baum der Menschheit wieder blühen und zum Heil der Völker die Frucht der Rechtschaffenheit hervorbringen. Weil der Mensch unter Vernachlässigung des Gesetzes Gottes seine Ohren vor der Stimme der Wahrheit und seine Augen vor dem heiligen Licht verschlossen hat, darum hat das Dunkel des Krieges und des Aufruhrs, der Unruhe und der Not die Erde zur Öde werden lassen. Ich bete darum, dass ihr alle danach strebt, jedes der Kinder Gottes ins Licht der Sonne der Wahrheit zu geleiten, damit die Finsternis von den durchdringenden Strahlen ihrer Herrlichkeit aufgelöst und die Strenge und Kälte des Winters durch die barmherzige Wärme ihres Scheins hinweggeschmolzen werde.– 8 –
Das Licht der Wahrheit scheint jetzt auf Ost und West8:0_11Montag, 23. Oktober 19118:1Hat ein Mensch irgendwo die Freude des Lebens erfahren, so kehrt er dorthin zurück, um noch mehr Freude zu empfangen. Hat jemand eine Goldader entdeckt, so kehrt er zu ihr zurück, um noch mehr Gold zu graben.8:2Dies zeigt die inneren Kräfte und den natürlichen Trieb, die Gott dem Menschen gegeben hat, und die Macht des in ihn gelegten Lebenswillens.8:3Der Westen hat immer vom Osten geistiges Licht empfangen. Das Lied vom Himmelreich wurde zuerst im Osten laut, aber im Westen trifft es die lauschenden Ohren stärker.8:4Der Herr Christus ging als heller Stern am östlichen Himmel auf, aber das Licht Seiner Lehre schien vollkommener im Westen, wo Sein Einfluss festere Wurzeln schlug und sich Seine Sache in größerem Ausmaß ausgebreitet hat als in Seinem Geburtsland.8:5Der Klang des Liedes Christi ging hallend über alle Länder des Westens und drang in die Herzen seiner Bewohner ein.8:6Die Menschen des Westens sind fest, und der Grund auf den sie bauen, ist Felsen. Sie stehen fest und pflegen nicht leicht zu vergessen.8:7Der Westen ist gleich einer kräftigen, wettererprobten Pflanze: wenn der nährende Regen mild auf sie herabfällt und die Sonne herniederscheint, dann blüht sie zu ihrer Zeit und bringt gute Früchte. Es ist lange her, seit die Sonne der Wahrheit ihren Glanz durch den Spiegel des Herrn Christus auf den Westen ausgestrahlt hat, ist doch das Antlitz Gottes durch die Sünde und Vergesslichkeit des Menschen umschleiert worden. Jetzt aber spricht der Heilige Geist, Gott Lob, erneut zur Welt! Das Dreigestirn der Liebe, Weisheit und Kraft scheint wieder einmal am göttlichen Horizont, um all denen Freude zu geben, die ihr Angesicht zum Lichte Gottes wenden. Bahá’u’lláh hat den Schleier des Vorurteils und des Aberglaubens zerrissen, der die Menschenseelen erstickt hat. Lasst uns Gott darum bitten, dass der Hauch des Heiligen Geistes den Menschen wieder Hoffnung und Erquickung bringe und in ihnen den Wunsch erwecke, den Willen Gottes zu tun. Möchten in jedem Menschen Herz und Seele Belebung finden und sich alle dadurch einer Neugeburt erfreuen!8:8Dann wird die Menschheit ein neues Kleid im Glanz der Liebe Gottes anlegen und der Morgen einer neuen Schöpfung dämmern. Dann wird die Barmherzigkeit des Barmherzigsten auf das ganze Menschengeschlecht herniederregnen und ein jeder sich zu neuem Leben erheben.8:9Es ist meine tiefe Sehnsucht, dass ihr alle um dieses herrlichen Zieles willen streben und wirken mögt, dass ihr getreue und liebevolle Arbeiter am Bau der neuen geistigen Gesittung werdet, Erwählte Gottes, die in bereitem freudigem Gehorsam Seinen höchsten Plan erfüllen! Der Erfolg ist sicherlich nahe, denn die Flagge der Göttlichkeit weht hoch am Mast, und die Sonne der Gerechtigkeit Gottes erscheint vor aller Augen am Horizonte.– 9 –
Die allumfassende Liebe9:0_1224. Oktober 19119:0_13Ein Inder sagte zu ‘Abdu’l-Bahá:9:0_14»Mein Lebensziel ist, so weit wie möglich die Botschaft Krishnas über die Welt zu tragen.«9:1‘Abdu’l-Bahá sagte: Die Botschaft Krishnas ist die Botschaft der Liebe. Alle Propheten Gottes haben die Botschaft der Liebe überbracht. Keiner von ihnen hat je die Auffassung vertreten, dass Krieg und Hass gut sei. Alle bezeichnen gleichermaßen Liebe und Güte als das Beste.9:2Die Liebe äußert ihre Wirklichkeit in Taten, nicht in bloßen Worten. Worte allein besitzen keine Wirkung. Um ihre Kraft zu zeigen, muss Liebe einen Gegenstand, ein Werkzeug, einen Anlass haben.9:3Es gibt vielerlei Möglichkeiten, Liebe zu erzeigen: Da ist die Liebe zur Familie, zum Vaterland, zu Menschen gleicher Hautfarbe, die politische Begeisterung und auch die Liebe gleichgerichteter Interessen. Dies alles sind Mittel und Wege, um die Macht der Liebe zu erweisen. Ohne solche Mittel würden wir die Liebe weder sehen, noch hören oder fühlen, all dies würde nicht zum Ausdruck kommen. Wasser zeigt seine Möglichkeit auf mancherlei Weise, dadurch, dass es den Durst löscht oder die Saat zum Wachsen bringt und so weiter. Kohle äußert ihre Eigentümlichkeiten unter anderem im Gaslicht, während sich die Wirkung der Elektrizität zum Beispiel im elektrischen Licht zeigt. Gäbe es kein Gas und keine Elektrizität, so würden die Nächte der Welt dunkel sein. So bedarf es auch zur Äußerung der Liebe eines Werkzeuges, einer Ursache, eines Gegenstandes, einer Ausdrucksmöglichkeit.9:4Wir müssen einen Weg herausfinden, auf dem wir Liebe unter die Menschensöhne tragen können.9:5Liebe ist ohne Grenzen, Schranken und Ende. Materielle Dinge sind begrenzt, beschränkt und endlich. Mit begrenzten Mitteln könnt ihr unendliche Liebe nicht angemessen zum Ausdruck bringen.9:6Die vollkommene Liebe braucht ein selbstloses Werkzeug, das von jeder Art von Fessel völlig frei ist. Die Liebe zur Familie ist begrenzt, das Band der Blutsverwandtschaft nicht das stärkste. Oft sind Mitglieder der gleichen Familie uneins, ja, hassen sie einander.9:7Vaterlandsliebe ist endlich. Liebe zum eigenen Lande, die zum Hass gegen alle übrigen führt, ist keine vollkommene Liebe. Auch Landsleute sind nicht frei von Streitigkeiten.9:8Die Liebe zu
einer Volksgruppe ist begrenzt. Wohl herrscht hier eine gewisse Einheit, doch sie genügt nicht. Liebe darf keine Grenzen haben.9:9Liebe zur eigenen Volksgruppe kann gleichzeitig Hass gegen alle anderen bedeuten, und selbst Menschen, die diese Volkszugehörigkeit teilen, werden einander oft nicht lieben.9:10Politische Liebe ist gleichfalls stark mit Hass gegen andere Parteien verbunden. Derartige Liebe ist sehr begrenzt und schwankend.9:11Die aus gleichgerichteten Interessen fließende Liebe ist unbeständig. Vielfach ergeben sich dabei Abgrenzungen, die Eifersucht hervorrufen, und schließlich verdrängt der Hass die Liebe.9:12Vor einigen Jahren standen die Türkei und Italien in einem freundlichen politischen Verhältnis zueinander, und jetzt liegen sie miteinander im Kriege!9:13Alle diese Bande der Liebe sind unvollkommen. Es ist klar, dass begrenzte materielle Bindungen nicht genügen, um allumfassende Liebe angemessen auszudrücken.9:14Die große selbstlose Liebe zur Menschheit ist durch keine dieser unvollkommenen, halb selbstsüchtigen Bindungen gefesselt. Sie ist die einzige vollkommene Liebe, die allen Menschen möglich und nur durch die Macht des göttlichen Geistes zu erreichen ist. Keine weltliche Macht kann die allumfassende Liebe je zustande bringen.9:15Lasst alle in dieser göttlichen Macht der Liebe eins sein! Lasst alle danach streben, dass sie im Lichte der Sonne der Wahrheit wachsen und diese strahlende Liebe auf alle Menschen widerspiegeln, damit ihre Herzen geeinigt werden und sie immerdar im Glanze dieser grenzenlosen Liebe bleiben.9:16Behaltet diese Worte, die ich in der kurzen Zeit, da ich in Paris in eurer Mitte weile, zu euch spreche. Ich ermahne euch ernstlich: Lasst eure Herzen nicht durch die materiellen Dinge dieser Welt in Fesseln schlagen. Ich heiße euch, nicht als Hörige der Materie selbstzufrieden auf dem Bette der Nachlässigkeit zu liegen, sondern euch zu erheben und euch von ihren Banden frei zu machen!9:17Das Tierreich ist im Stoff gefangen, den Menschen aber hat Gott mit Freiheit ausgestattet. Das Tier kann den Naturgesetzen nicht entrinnen, wogegen der Mensch sie zu beherrschen vermag, weil er die Natur begreifen und sich dadurch über sie erheben kann.9:18Die Macht des Heiligen Geistes, der den Verstand des Menschen erleuchtet hat, hat ihn befähigt, Mittel zu entdecken, die die Naturgesetze seinem Willen beugen. Er durchfliegt die Luft, durchkreuzt die Meere und bewegt sich sogar in ihren Tiefen.9:19Dies alles zeigt, wie der Verstand des Menschen befähigt wurde, ihn von den Begrenzungen der Natur zu lösen und viele ihrer Geheimnisse zu enträtseln. Der Mensch hat die Fesseln des Stoffes bis zu einem gewissen Grad zerbrochen.9:20Der Heilige Geist will dem Menschen noch größere Kräfte als diese geben, wenn er nur nach den Dingen des Geistes streben und sich bemühen möchte, sein Herz mit der göttlichen unendlichen Liebe in Harmonie zu bringen.
weiter nach unten ...