‘Abdu’l-Bahá | Geheimnis göttlicher Kultur
weiter nach oben ...
151
Diese Eigenschaften, die die Philosophen erlangten, wenn sie die wahren Höhen ihrer Weisheit erreicht hatten, diese edlen menschlichen Eigenschaften, wie sie jene Philosophen auf dem Gipfel ihrer Vollkommenheit auszeichneten, wurden von den Gläubigen verwirklicht, sobald sie den Glauben angenommen hatten. Seht, wie jene Seelen, die die lebenspendenden Wasser der Erlösung aus den huldvollen Händen Jesu, des Geistes Gottes, tranken und unter den schützenden Schatten des Evangeliums traten, eine solch hohe Stufe sittlicher Lebensführung erreichten, dass Galen, der berühmte Arzt, in seinem Abriss über Platos Republik ihre Taten pries, obwohl er selbst kein Christ war. Die wörtliche Übersetzung lautet wie folgt:
152
»Die Masse der Menschheit ist nicht fähig, eine Folge logischer Argumente aufzunehmen. Deshalb bedarf es der Symbole und Gleichnisse, die von Belohnung und Bestrafung in der nächsten Welt sprechen. Der Beweis für diese Einsicht ist, dass es heute Leute gibt, die ›Christen‹ genannt werden, und bei denen der Glaube an Lohn und Strafe in einem künftigen Leben tief verwurzelt ist. Diese Gruppe weist ein hervorragendes Verhalten auf, ähnlich demjenigen eines Menschen, der ein wahrer Philosoph ist. So sehen wir alle mit unseren eigenen Augen, dass sie keine Furcht vor dem Tode haben, und ihre leidenschaftliche Liebe zu Gerechtigkeit und Ehrlichkeit ist so groß, dass man sie als wahre Philosophen ansehen sollte.«Vgl. ‘Abdu’l-Bahá, Beantwortete Fragen, Kap. 84, sowie seine Ansprache vom 6.11.1912 in Washington, D. C., wiedergegeben in The Promulgation of Universal Peace 118:3, Chicago 1925, S. 385; ferner Richard Walzer, Galen on Jews and Christians, Oxford University Press, 1949, S. 15. Der Verfasser stellt fest, dass Galens Abriss, der hier angeführt wird, verschollen und nur in arabischen Zitaten erhalten geblieben ist.A
153
Zu jener Zeit und in den Augen Galens war die Stufe eines Philosophen allen anderen Stufen in der Welt übergeordnet. Bedenkt also, wie die erleuchtende und vergeistigende Kraft der göttlichen Religionen die Gläubigen zu solchen Höhen der Vollkommenheit emporführt, dass ein Philosoph wie Galen, der selbst kein Christ ist, ein derartiges Zeugnis ablegt.
154
Der hervorragende Charakter der Christen zeigte sich auch darin, dass sie sich wohltätigen und guten Werken widmeten und Krankenhäuser und gemeinnützige Einrichtungen schufen. So war der erste, der im ganzen römischen Reich öffentliche Krankenhäuser für die ärztliche Pflege der Armen, Verwundeten und Hilfsbedürftigen einrichtete, Kaiser Konstantin. Dieser große König war der erste römische Herrscher, der für die Sache Christi eintrat. Er scheute keine Mühe und weihte sein Leben der Verbreitung der Lehren des Evangeliums. Das römische Staatswesen, das in Wirklichkeit nur ein System uneingeschränkter Unterdrückung war, gründete er auf Mäßigung und Gerechtigkeit. Sein gesegneter Name erstrahlt aus dem Dunkel der Geschichte wie der Morgenstern, und sein Ansehen und Ruhm als einer der edelsten und kultiviertesten Persönlichkeiten ist heute noch im Munde von Christen aller Konfessionen.
155
Welch feste Grundlage für hervorragende Charaktereigenschaften wurde doch dank der Ausbildung hehrer Seelen, die sich aufmachten, die Lehren des Evangeliums zu verbreiten, in jenen Tagen gelegt! Wie viele Grundschulen, Hochschulen und Krankenhäuser wurden geschaffen wie auch Einrichtungen, in denen elternlose und bedürftige Kinder erzogen wurden! Wie zahlreich waren die Menschen, die ihren persönlichen Vorteil hintanstellten und »aus dem Verlangen, dem Herrn zu gefallen«Qur’án 4:114, 2:207 usw.Q die Tage ihres Lebens damit verbrachten, die Massen zu lehren!
156
Als nun die Zeit herannahte, in der die strahlende Schönheit Muḥammads über der Welt aufgehen sollte, fiel die Macht über die Christenheit unwissenden Priestern in die Hände. Der himmlische Hauch, der aus den Gefilden göttlicher Gnade strömte, verflog, und die Gesetze des erhabenen Evangeliums, der Felsgrund, auf dem die Kultur der Welt ruhte, zeitigten keine Erfolge mehr, weil sie missbraucht wurden und weil gewisse Menschen, äußerlich anständig, innerlich jedoch verdorben, gegen sie verstießen.
157
Europäische Geschichtsforscher von Rang und Namen berichten übereinstimmend, wenn sie die politischen und sittlichen Zustände, die Bildung und die Kultur des Altertums, des Mittelalters und der Neuzeit in allen ihren Aspekten schildern, dass während der zehn Jahrhunderte des Mittelalters, vom Beginn des sechsten Jahrhunderts christlicher Zeitrechnung bis zum Ende des fünfzehnten, Europa in jeder Hinsicht und in höchstem Maße finster und barbarisch war. Der wichtigste Grund ist folgender: Die Mönche, von den europäischen Völkern als geistige und religiöse Führer angesehen, hatten die ewige Ehre, die von der Befolgung der heiligen Gebote und der himmlischen Lehren des Evangeliums herrührt, aufgegeben und mit den vermessenen, tyrannischen Oberhäuptern der weltlichen Regierungen jener Zeit gemeinsame Sache gemacht. Ihre Augen hatten sie von der unvergänglichen Herrlichkeit abgewendet und all ihr Streben darauf gerichtet, ihren gemeinsamen weltlichen Interessen und vergänglichen, kurzlebigen Vorteilen nachzugehen. Schließlich kam es so weit, dass die Massen hilflose Gefangene in den Händen dieser beiden Gruppen waren und dadurch das ganze Gefüge der Religion, Kultur, Wohlfahrt und Zivilisation der Völker Europas zusammenbrach.
158
Als dieses würdelose Tun und Denken und die unehrenhaften Vorhaben der Anführer die süßen Düfte des Geistes Gottes (Jesu) schwächten und diese nicht mehr über die Welt strömten, und als die Finsternis bigotter Unwissenheit und gottloser Taten die Erde umfangen hielt, da leuchtete das Morgenlicht der Hoffnung wieder auf, und der göttliche Frühling kehrte zurück; eine Wolke von Barmherzigkeit breitete sich über die Welt aus, und aus den Gefilden der Gnade wehten fruchtbare Winde. Im Zeichen Muḥammads erhob sich die Sonne der Wahrheit über Yathrib (Medina) und dem Ḥijáz; über das ganze Weltall ergoss sie das Licht ewiger Herrlichkeit. Dies verwandelte die Erde menschlicher Möglichkeiten, und die Worte: »Die Erde wird leuchten mit dem Lichte ihres Herrn«Qur’án 39:69.Q waren erfüllt. Die alte Welt wurde wieder neu, und ihr toter Körper erwachte zu reichem Leben. Tyrannei und Unwissenheit wurden überwunden, und hoch ragten die Paläste der Erkenntnis und Gerechtigkeit empor, die an ihrer statt errichtet wurden. Ein Meer von Erleuchtung brandete heran, und die Wissenschaft goss ihre Strahlen über alle Lande. Bevor die Flamme höchsten Prophetentums in der Lampe von Mekka entzündet wurde, waren die wilden Stämme des Ḥijáz das grausamste und gottloseste Volk auf Erden. In allen Geschichtswerken sind ihre entartete, lasterhafte Lebensführung, ihre Wildheit und ihre ständigen Fehden aufgezeichnet. Damals betrachteten die zivilisierten Völker der Welt die arabischen Stämme von Mekka und Medina nicht einmal als menschliche Wesen. Als aber das Licht der Welt über ihnen erstrahlte, wurden sie – durch die Erziehung, die ihnen aus dieser Schatzgrube an Vollkommenheiten, diesem Brennpunkt der Offenbarung, zuteilwurde, und durch die Segnungen des göttlichen Gesetzes – innerhalb kürzester Frist unter dem Schutze des Prinzips der Einheit Gottes vereinigt. Später erlangte dieses grausame Volk eine so hohe Stufe menschlicher Vollkommenheit und Zivilisation, dass alle Zeitgenossen darüber staunten. Dieselben Völker, die bisher die Araber als Brut ohne Urteilsvermögen verspottet hatten, suchten nun eifrig die Gesellschaft der Araber und bereisten ihre Länder, um Bildung und Kultur, technische Fertigkeiten und Staatsführung, Künste und Wissenschaften von ihnen zu übernehmen.
159
Seht, welcher Einfluss auf die materiellen Verhältnisse von der Bildung durch den wahren Erzieher ausgeht! Hier waren Stämme, so unwissend und wild, dass sie in der Zeit der Jáhilíyyih ihre siebenjährigen Töchter lebendig begruben – eine Tat, die selbst ein Tier, geschweige denn ein menschliches Wesen, verabscheut und vor der es zurückschrecken würde, die aber jene äußerst entarteten Stämme als den höchsten Ausdruck der Ehrbarkeit und Sittentreue ansahen. Dank der klaren Lehren jener großen Persönlichkeit entwickelte sich dieses barbarische Volk in solchem Maße, dass es zunächst Ägypten, Syrien und dessen Hauptstadt Damaskus, Chaldäa, das Zweistromland und Írán eroberte und dann so weit kam, dass es jedes wichtige Problem in vier Hauptregionen des Erdballs aus eigener Kraft lösen konnte.
160
Die Araber übertrafen damals alle Völker der Welt auf dem Gebiet der Kunst und Wissenschaft, Gewerbe und Erfindungen, der Philosophie, Staatsführung und Gesittung. Und wahrlich, der Aufstieg dieser grausamen, verachtenswerten Horden zur höchsten Stufe menschlicher Vollkommenheit in einer so kurzen Zeitspanne ist der größte Beweis für die Wahrheit der Offenbarung Muḥammads.
161
In der Frühzeit des Islám übernahmen die Völker Europas die Wissenschaften und Künste der Zivilisation vom Islám, so wie sie die Einwohner Andalusiens anwandten. Eine genaue, eingehende Untersuchung der geschichtlichen Aufzeichnungen wird die Tatsache bekräftigen, dass die Zivilisation Europas auf den Islám zurückgeht; denn alle Schriften der muslimischen Gelehrten, Theologen und Philosophen wurden nach und nach in Europa gesammelt, mit emsiger Sorgfalt geprüft, in akademischen Versammlungen und in Bildungszentren diskutiert, worauf das, was als wertvoll erachtet wurde, Verwendung fand. Heute sind zahlreiche Abschriften von Werken muslimischer Gelehrter, die in den islámischen Ländern nicht mehr zu finden sind, in den Bibliotheken Europas verfügbar. Auch die in allen europäischen Ländern geltenden Gesetze und Rechtsgrundsätze sind in beträchtlichem Maße, ja nahezu vollständig von den Werken der Rechtswissenschaft und von Gerichtsentscheidungen muslimischer Geistlicher hergeleitet. Wäre nicht zu befürchten, dass sich die vorliegende Abhandlung übermäßig in die Länge zieht, würden wir solche Entlehnungen eine nach der anderen aufführen.
162
Die Anfänge der europäischen Zivilisation gehen auf das siebte Jahrhundert islámischer Zeitrechnung zurück. Die näheren Umstände waren folgende: Gegen Ende des fünften Jahrhunderts nach der Hijrah erhob der Papst, das Oberhaupt der Christenheit, ein großes Gezeter darüber, dass die heiligen Stätten der Christen wie Jerusalem, Bethlehem und Nazareth unter muslimische Herrschaft gefallen waren. Er stachelte die Könige und das Volk Europas zu einem Vorhaben an, das er als heiligen Krieg ansah. Sein leidenschaftlicher Schrei der Empörung schwoll so an, dass alle Länder Europas darauf reagierten, und an der Spitze zahlloser Heerscharen zogen kreuzfahrende Könige über das Marmarameer und bahnten sich ihren Weg in den asiatischen Kontinent. Damals herrschten die Khalífen aus dem Haus der Fáṭimiden über Ägypten und einige Länder im Westen der arabischen Welt, und sehr lange waren ihnen auch die Seldschuken, die Könige Syriens, untertan. Kurz, die Könige des Westens fielen mit ihren unzähligen Truppen in Syrien und Ägypten ein, und während einer Zeitspanne von 203 Jahren führten die Herrscher Syriens und Europas ununterbrochen gegeneinander Krieg. Fortgesetzt kam Verstärkung aus Europa herüber; immer wieder stürmten und bezwangen die westlichen Herrscher jede Burg in Syrien, aber ebenso oft warfen die islámischen Könige sie wieder hinaus. Schließlich vertrieb Saladin im Jahr 693 n.d.H. die europäischen Könige und ihre Heere aus Ägypten und von der syrischen Küste. Hoffnungslos geschlagen, kehrten sie nach Europa zurück. Millionen Menschen kamen im Verlauf dieser Kreuzzüge ums Leben. Zusammenfassend kann man sagen, dass zwischen 490 und 693 n.d.H. Könige, Feldherren und andere Führer Europas sich ständig zwischen Ägypten, Syrien und dem Westen hin und her bewegten, und als sie schließlich alle in ihre Heimat zurückkehrten, verbreiteten sie in Europa, was sie im Laufe von über 200 Jahren in den islámischen Ländern auf den Gebieten der Staatskunst, der sozialen Entwicklung und Bildung, des Schulwesens und der Verfeinerung des Lebens kennengelernt hatten. Die Zivilisation Europas geht auf diese Zeit zurück.
163
O Volk Persiens! Wie lange sollen eure Trägheit und Antriebslosigkeit noch fortdauern? Einst wart ihr die Herren der ganzen Erde; die Welt gehorchte auf euren Wink und Ruf. Wie kommt es, dass eure Herrlichkeit vergangen ist, dass ihr heute in Ungnade gefallen seid und euch in einem Winkel der Vergessenheit verkrochen habt? Ihr wart der Urquell der Bildung, die unerschöpfliche Lichtquelle für alle auf Erden; wie kommt es, dass ihr heute verwelkt, ausgelöscht, entmutigt seid? Ihr, die ihr einst die Welt entflammt habt, wie kommt es, dass ihr heute untätig und sorglos im Finstern weilt? Öffnet euer geistiges Auge, sehet eure große, greifbare Not! Erhebt euch und strengt euch an, suchet Bildung, suchet Erleuchtung! Ist es richtig, dass ein fremdes Volk die Kultur und das Wissen von euren Ahnen übernimmt und dass ihr, das eigene Fleisch und Blut, die rechtmäßigen Erben dieser Vorfahren, leer ausgeht? Wie kann es sein, dass eure Nachbarn Tag und Nacht mit ganzem Herzen sich anstrengen, um für ihren Fortschritt, ihre Ehre und ihren Wohlstand zu sorgen, während ihr in eurem dummen Fanatismus euch nur mit euren Streitigkeiten und Feindseligkeiten, euren Genüssen, Begierden und leeren Träumen beschäftigt? Ist es lobenswert, dass ihr die Genialität, die euer Geburtsrecht, eure ursprüngliche Fähigkeit, euer angeborenes Wissen ist, gedankenlos vergeudet und verschwendet? Aber wieder sind wir von unserem Thema abgewichen.
164
Jene Gebildeten Europas, die über die Geschichte des Abendlandes gut Bescheid wissen und sich durch Wahrheitsliebe und Gerechtigkeitssinn auszeichnen, stimmen darin überein, dass die tragenden Elemente ihrer Zivilisation in allen Einzelheiten vom Islám abgeleitet sind. So hat zum Beispiel DraperIm persischen Text wird der Name des Autors als ›Draybár‹ wiedergegeben und sein Werk mit Der Fortschritt der Völker bezeichnet. Offensichtlich bezieht sich hier ‘Abdu’l-Bahá auf John William Draper, 1811–1882, einen bekannten Chemiker und Geschichtsforscher, dessen Werke in viele Sprachen übersetzt wurden. Ausführliches Material über die Beiträge der Muslime zur Kultur des Westens und über Gerbert (Papst Sylvester II) finden sich im zweiten Band des zitierten Buches. Über einige der Entlehnungen des Wesens vom Islám, die systematisch verschwiegen werden, schreibt der Verfasser: »Ein Unrecht, das auf religiösem Hass und nationaler Eitelkeit beruht, kann nicht in alle Ewigkeit fortgesetzt werden« (Bd. II, S. 42 der revidierten Ausgabe). Dem Lexikon Amerikanischer Biographien entnehmen wir, dass Drapers Vater dem römisch-katholischen Glauben angehörte und den Namen John Christopher Draper annahm, als er von seiner Familie enterbt wurde, weil er Methodist geworden war, dass sein richtiger Name jedoch unbekannt ist. Der [engl.] Übersetzer ist Herrn Paul North Rice, dem Leiter des New York Public Library’s Reference Department zu Dank verpflichtet für die Information, dass die verfügbaren Daten über die Familiengeschichte Drapers und seine Nationalität einander widersprechen; The Drapers in America von Thomas Waln-Morgan (1892) gibt an, dass Drapers Vater in London geboren wurde, während Albert E. Henschel in Centenary of John William Draper (New York University Colonnade, June, 1911) folgendes anführt: »Sollte irgend jemand seine Abstammung bis hin zu den sonnigen Feldern Italiens zurückführen können, dürfte er zurecht auf John William Draper stolz sein, denn sein Vater, John C. Draper, war gebürtiger Italiener…« Der Dank des [engl.] Übersetzers gebührt auch Madame Laura Dreyfus-Barney für ihre Nachforschungen im Zusammenhang mit dieser Passage in der Library of Congress und der Bibliothèque Nationale.A, der bekannte französische Wissenschaftler, dessen Genauigkeit, Fähigkeit und umfassende Bildung von allen europäischen Gelehrten bezeugt wird, in einem seiner meistgelesenen Werke, Die geistige Entwicklung Europas, in diesem Zusammenhang einen ausführlichen Bericht niedergelegt, d.h. im Hinblick darauf, dass die Völker Europas die Grundlagen der Zivilisation, des Fortschritts und des Allgemeinwohls vom Islám hergeleitet haben. Seine Aufzählung ist erschöpfend; eine Übersetzung an dieser Stelle würde unsere Arbeit ungebührlich in die Länge ziehen, wäre aber unerheblich für die Absicht, die wir verfolgen. Wenn der Leser weitere Einzelheiten wünscht, mag er auf den Text jenes Buches zurückgreifen.
165
Im Wesentlichen zeigt jener Verfasser, wie die europäische Kultur in ihrer Gesamtheit – ihre Gesetze, Grundsätze, Institutionen, ihre Wissenschaften, Philosophien, ihre Gelehrsamkeit, ihre gehobenen Sitten und Gebräuche, ihre Literatur, ihre Kunst und ihr Gewerbe, ihre Organisation und Disziplin, ihr Verhalten, ihre lobenswerten Charaktereigenschaften und sogar viele Wörter, geläufig in der französischen Sprache – von den Arabern herrührt. Jedes dieser Elemente untersucht er bis ins Detail, zu jedem gibt er sogar den Zeitraum an, in welchem es vom Islám übernommen wurde. So beschreibt er auch, wie die Araber in den Westen, ins heutige Spanien kamen und wie sie dort innerhalb kürzester Zeit eine hochentwickelte Kultur aufbauten, welch hervorragende Stufe ihre Verwaltung und ihre Gelehrsamkeit erreichten und wie festgegründet und gut geleitet ihre Schulen und Universitäten waren, an denen Wissenschaften, Philosophie und Kunsthandwerk gelehrt wurden; ferner, wie führend sie damals das Kulturleben bestimmten und wie viele Jugendliche aus bedeutenden Familien Europas an die Schulen von Cordoba und Granada, Sevilla und Toledo geschickt wurden, um dort die Wissenschaften und Künste des gehobenen Lebens zu erlernen. Er schildert sogar, dass ein Europäer namens Gerbert sich an der Universität Cordoba auf arabischem Territorium immatrikulierte, um dort Künste und Wissenschaften zu studieren, und wie er nach seiner Rückkehr in Europa solche Bedeutung erlangte, dass man ihn schließlich an die Spitze der katholischen Kirche wählte und er Papst wurde.
166
Diese Hinweise sollen untermauern, dass die Religionen Gottes die wahre Quelle der geistigen wie der materiellen Vervollkommnung des Menschen sind, der Ausgangspunkt der Erleuchtung und des nutzbringenden Wissens für alle Welt. Wer dies mit gerechtem Sinn erwägt, wird feststellen, dass alle Gesetze des öffentlichen Lebens in diesen wenigen heiligen Worten beschlossen sind:
167
»Und sie gebieten das Rechte und verbieten das Unrecht und beeilen sich, gute Taten zu vollbringen. Dieses sind die Rechtschaffenen.«Qur’án 3:114.Q Und wiederum: »… auf dass unter euch ein Volk sei, das zum Guten auffordert, das Rechte befiehlt und das Unrecht verbietet. Dies sind diejenigen, um die es gut bestellt sein soll.«Qur’án 3:104.Q Und weiter: »Wahrlich, Gott gebietet Gerechtigkeit, rechtes Tun … und verbietet Schlechtigkeit und Unterdrückung. Er ermahnt euch, auf dass ihr eingedenk seid.«Qur’án 16:90.Q Ferner über die Verfeinerung menschlichen Verhaltens: »Lass Billigkeit walten und gebiete, was rechtens ist, und halte dich fern von den Toren.«Qur’án 7:199.Q Und gleicherweise: »… die ihren Zorn bezwingen und anderen verzeihen. Gott liebt jene, die Gutes tun.«Qur’án 3:134.Q Und wieder: »Nicht das ist Frömmigkeit, dass ihr (beim Beten) euer Gesicht nach Osten wendet oder nach Westen; fromm ist vielmehr, wer an Gott glaubt, an den Jüngsten Tag, an die Engel, an die Schrift und an die Propheten, wer aus Liebe zu Gott sein Vermögen hingibt an Anverwandte, Waisen, Arme, an Bittende und um Gefangene loszukaufen, wer das Gebet verrichtet, den Armenbeitrag zahlt, wer zu denen gehört, die ihre Verträge einhalten, und wer geduldig ist bei Krankheiten, im Unglück und in Zeiten der Not. Diese sind es, die rechtschaffen sind, diese sind die Gottesfürchtigen.«Qur’án 2:177.Q Und abermals: »Sie ziehen jene sich selber vor, auch wenn Armut ihr eigenes Los ist.«Qur’án 59:9.Q – Seht, wie diese wenigen heiligen Verse die höchsten Ebenen und den tiefsten Sinn der Kultur sowie alle vortrefflichen Eigenschaften des menschlichen Charakters beinhalten.
168
Bei Gott, dem Herrn – und es gibt keinen Gott außer Ihm- selbst das kleinste Detail des zivilisierten Lebens rührt von der Gnade der Offenbarer Gottes her. Nichts, was für die Menschheit von Wert war, ist jemals zustande gekommen, ohne zuvor ausdrücklich in den Heiligen Schriften dargelegt worden oder als Schlussfolgerung daraus hervorgegangen zu sein?
169
Aber ach, was hilft dies alles! Sind die Waffen in den Händen von Feiglingen, dann ist keines Menschen Leben und Eigentum sicher, und die Diebe werden nur noch verwegener. Ebenso steht eine Geistlichkeit, die alles andere als vollkommen ist, wenn sie die Macht an sich reißt, wie ein eiserner Vorhang zwischen dem Volk und dem Licht des Glaubens.
170
Aufrichtigkeit ist der Grundstein des Glaubens. Das heißt, ein religiöser Mensch muss seine persönlichen Wünsche vergessen und danach streben, auf jede ihm mögliche Weise und von ganzem Herzen dem öffentlichen Wohl zu dienen. Andererseits ist es einem menschlichen Wesen nicht möglich, sich von seinem eigenen, selbstsüchtigen Nutzen abzuwenden und sein Wohl dem Wohl der Allgemeinheit zu opfern, es sei denn durch wahren religiösen Glauben. Denn Eigenliebe ist in den Lehm, aus dem der Mensch gemacht ist, hineingeknetet, und ohne Hoffnung auf eine angemessene Belohnung wird keiner seine eigenen bestehenden materiellen Interessen hintanstellen. Ein Mensch aber, der an Gott und Sein Wort glaubt, wird um Gottes willen seinen eigenen Vorteil und seine Behaglichkeit aufgeben und sich mit Herz und Seele aus freien Stücken dem Allgemeinwohl widmen, weil er die Verheißung und die Gewissheit hat, dass ihn im nächsten Leben reicher Lohn erwartet und weil ihm alle weltlichen Vergünstigungen im Vergleich zu der immerwährenden Freude und Herrlichkeit künftiger Seins ebenen nichts bedeuten. »Ein anderer aber ist unter den Menschen, der sein eigenes Selbst verkauft aus Verlangen nach dem Wohlgefallen Gottes.«Qur’án 2:207.Q
171
Manche glauben, ein angeborener Sinn für menschliche Würde bewahre den Menschen davor, Böses zu tun, und biete Gewähr für seine geistige wie materielle Vervollkommnung. Dies soll besagen, dass ein Mensch, den natürliche Intelligenz, hohe Entschlusskraft und edler Eifer auszeichnen, nicht wegen zu erwartender schwerer Bestrafung für ein Verbrechen oder reicher Belohnung für rechtschaffenes Verhalten, sondern instinktiv davor zurückschrecken wird, seinen Mitmenschen Leid zuzufügen, und danach hungern und dürsten wird, Gutes zu tun. Aber wenn wir über die Beispiele der Geschichte nachdenken, wird uns klar, dass dieser eigentliche Sinn für Ehrbarkeit und Würde nichts anderes als eine der Wohltaten ist, die von den Geboten der Propheten Gottes herrühren. Auch nehmen wir bei kleinen Kindern Anzeichen von Angriffslust und Ungehorsam wahr; wenn ein Kind keine Anweisungen durch einen Lehrer empfängt, vermehren sich seine unerwünschten Eigenschaften von einer Stunde zur andern. Es ist also klar, dass dieser natürliche Sinn für Menschenwürde und Anstand die Folge von Erziehung ist. Zweitens: Selbst wenn wir um der Beweisführung willen annehmen, dass angeborene Intelligenz und angeborene Sittlichkeit Übeltaten verhindern könnten, ist es offensichtlich, dass derart beschriebene Menschen so selten wie der Stein der Weisen sind. Eine Annahme dieser Art lässt sich nicht durch bloße Worte bekräftigen; sie muss durch Tatsachen untermauert sein. Prüfen wir deshalb, welche Wirkkraft in der Schöpfung die breiten Massen zu guten Vorsätzen und guten Taten antreibt!
172
Übrigens wäre das Streben nach Rechtschaffenheit, das solch ein seltener Mensch mit diesen Anlagen an den Tag legt, sicherlich noch weit intensiver, wenn er darüber hinaus noch Gottesfurcht in sich verkörperte.
173
Allumfassende Wohltaten strömen aus der Gnadenfülle der göttlichen Religionen, denn sie führen die wahren Gläubigen zu aufrichtigen Absichten, edlen Zielen, Reinheit und makelloser Ehrbarkeit, umfassender Herzensgüte, Mitgefühl, Vertragstreue, Rücksichtnahme auf die Rechte anderer, Großzügigkeit, Gerechtigkeit in allen Lebenslagen, Menschlichkeit und Menschenliebe, Tapferkeit und unermüdlichem Eifer im Dienst an der Menschheit. Mit einem Wort, es ist die Religion, die alle menschlichen Tugenden hervorbringt, und diese Tugenden sind das strahlende Licht der Kultur. Wenn ein Mensch diese hervorragenden Eigenschaften nicht aufweist, hat er sicherlich nie einen Tropfen aus dem unergründlichen Strom der Lebenswasser gekostet, die aus den Lehren der heiligen Bücher fluten, noch hat er den leisesten Hauch von den duftenden Brisen, die aus den Gärten Gottes wehen, verspürt; denn nichts auf Erden kann allein durch Worte bewiesen werden, und jede Daseinsebene ist an ihren Zeichen und Symbolen erkennbar, jede Stufe menschlicher Entwicklung hat ihr besonderes Merkmal.
174
Der Sinn dieser Ausführungen besteht darin, ausgiebig klar zu machen, dass die göttlichen Religionen, die heiligen Gebote und die himmlischen Lehren die unanfechtbare Grundlage menschlichen Glücks sind und dass die Völker der Welt ohne dieses sichere Heilmittel auf keine wirkliche Linderung oder Erlösung von ihren Leiden hoffen können. Dieses Allheilmittel muss jedoch von einem weisen, erfahrenen Arzt angewandt werden, denn in den Händen eines Unbefugten könnten alle Heilmittel, die der Herr der Menschen jemals erschaffen hat, um die Krankheiten der Menschen zu heilen, keine Gesundung bringen, sondern würden im Gegenteil die hilflosen Opfer nur zugrunde richten und denen, die bereits krank sind, das Herz noch mehr belasten.
175
Als die Quelle göttlicher Weisheit, die Offenbarung umfassenden Prophetentums (Muḥammad), die Menschheit aufforderte, Künste, Wissenschaften und ähnliche positive Dinge zu erwerben, befahl Er ihnen, nach diesen sogar in den entlegensten Winkeln Chinas zu suchen. Aber die unfähigen, nörgelnden Gelehrten verbieten dies und rechtfertigen sich mit dem Spruch: »Wer ein Volk nachahmt, ist einer davon.« Sie haben nicht begriffen, was mit ›Nachahmung‹ in diesem Zitat gemeint ist, geschweige denn, dass sie wüssten, wie die göttlichen Religionen alle Gläubigen auffordern und ermutigen, sich Lebensgrundsätze anzueignen, die zu ständigen Verbesserungen führen, und von anderen Völkern Künste und Wissenschaften zu übernehmen. Wer sich für das Gegenteil ausspricht, hat nie vom Nektar der Erkenntnis getrunken, hat sich in seiner eigenen Unwissenheit verirrt und tappt den Trugbildern seiner Begierden nach.
176
Urteilt gerecht: Welche der modernen Errungenschaften an sich, welche ihrer Anwendungsmöglichkeiten steht im Gegensatz zu den göttlichen Geboten? Denkt man an die Errichtung von Parlamenten, wird dies im Text des folgenden heiligen Verses ausdrücklich vorgeschrieben: »… die ihre Angelegenheiten durch Beratung regeln …«Qur’án 42:38.Q Und an anderer Stelle werden die folgenden Worte an das Morgenlicht alles Wissens, die Quelle der Vollkommenheit selbst (Muḥammad), gerichtet, obwohl Er doch allumfassende Weisheit besaß: »… und berate dich mit ihnen in dieser Angelegenheit!«Qur’án 3:159.Q Wie könnte also die Frage wechselseitiger Beratung im Widerspruch zum religiösen Gesetz stehen? Die großen Vorteile der Beratung können auch durch logische Beweisführung belegt werden.
177
Können sie sagen, es widerspreche den Gesetzen Gottes, ein Todesurteil von äußerst gründlichen Untersuchungen abhängig zu machen, von der Bestätigung durch mehrere Körperschaften, von rechtskräftigem Beweis und königlicher Verfügung? Können sie behaupten, dass das, was unter der früheren Regierung geschehen war, mit dem Qur’án übereingestimmt habe? In den Tagen, da Ḥájí Mírzá Áqásí Ministerpräsident war, hörte man zum Beispiel aus vielen Quellen, der Gouverneur von Gulpáygán habe dreizehn wehrlose Amtspersonen jener Gegend festgenommen – alle dreizehn Nachkommen des Propheten, alle unschuldig – und habe sie ohne Gerichtsverfahren, ohne Billigung einer vorgesetzten Behörde in einer einzigen Stunde enthaupten lassen.
178
Einst hatte Persien mehr als fünfzig Millionen Einwohner. Sie wurden teilweise durch Bürgerkriege vertrieben, hauptsächlich aber durch das Fehlen eines geeigneten Staatssystems, durch die Gewaltherrschaft und die uneingeschränkten Befugnisse der regionalen und lokalen Gouverneure. Im Laufe der Zeit überlebte nicht einmal ein Fünftel dieser Bevölkerung; denn die Gouverneure suchten sich jedes Opfer, das ihnen wichtig war, wie unschuldig es sein mochte, aus, um ihren Zorn an ihm auszulassen und es zu töten. Aus Lust und Laune pflegten sie erwiesene Massenmörder zu ihren Günstlingen zu machen. Keine Menschenseele konnte frei ihre Meinung äußern; denn der Gouverneur hatte die absolute Kontrolle. Können wir sagen, solche Zustände hätten mit dem Gebot der Gerechtigkeit oder mit den Gesetzen Gottes übereingestimmt?
179
Können wir behaupten, es widerspreche den Grundsätzen des Glaubens, den Erwerb nutzbringender Künste und allgemeiner Bildung zu fördern, sich über die Wahrheiten solcher Naturwissenschaften, die dem Menschen dienlich sind, zu informieren, den Umfang der Industrie und die gewerbliche Produktion auszuweiten und die Wege zum Wohlstand der Nation zu vermehren? Würde es gegen die Anbetung Gottes verstoßen, Gesetz und Ordnung in den Städten zu schaffen, ländliche Gebiete zu strukturieren, Straßen auszubessern, Eisenbahnen zu bauen, Reisen und Warentransporte zu erleichtern und so das Wohlergehen des Volkes zu steigern? Wäre es unvereinbar mit den göttlichen Geboten und Verboten, wollten wir die verlassenen Bergwerke, die größte Einnahmequelle für den Reichtum der Nation, wieder in Betrieb nehmen und Fabriken bauen, was zum Wohlergehen, zur Sicherheit und zum Reichtum des ganzen Volkes beitragen würde? Oder die Schaffung neuer Industrien ankurbeln und Verbesserungen an unseren heimischen Produkten herbeiführen?
180
Bei dem Allherrlichen! Es erstaunt mich zu sehen, welch ein Schleier sich über die Augen der Menschen gelegt hat und wie dieser Schleier sie selbst für so offensichtliche Notwendigkeiten blind macht. Und wenn triftige Gründe und derartige Beweise angeführt werden, antworten sie ohne jeden Zweifel aus tausend tief verborgenen Spitzfindigkeiten und Vorurteilen heraus: »Wenn am Tag des Gerichts die Menschen vor ihrem Herrn stehen, werden sie nicht nach ihrer Bildung und dem Grad ihrer Kultur gefragt; vielmehr werden sie auf ihre guten Taten hin geprüft.« Lassen sie uns dem zustimmen und davon ausgehen, dass der Mensch nicht nach seiner Kultur und Erziehung gefragt wird; werden an diesem ›Tag des Gerichts‹ nicht dennoch die Anführer zur Verantwortung gezogen? Wird ihnen nicht gesagt werden: »O ihr Oberhäupter und Anführer! Warum habt ihr diese mächtige Nation dazu gebracht, von den Ruhmeshöhen ihrer Vergangenheit herabzustürzen und ihren Platz im Herzen und Mittelpunkt der zivilisierten Welt aufzugeben? Ihr wäret sehr wohl imstande gewesen, Maßnahmen zu ergreifen, die diesem Volk zu höchster Ehre gereicht hätten. Das habt ihr versäumt, ja ihr habt sogar das Volk jener allgemeinen Wohltaten beraubt, die alle Völker genießen. Hat nicht dieses Volk einst wie die Sterne an einem glückverheißenden Himmel gestrahlt? Wie konntet ihr es wagen, sein Licht in der Finsternis zu ersticken? Ihr hättet die Lampe irdischer und ewiger Herrlichkeit für dieses Volk entzünden können; warum habt ihr es versäumt, aus ganzem Herzen danach zu streben? Und wenn durch Gottes Gnade ein helles Licht aufloderte, warum habt ihr es dann nicht hinter dem Glas eures Heldenmutes vor den Winden behütet, die ihm entgegenschlugen? Warum habt ihr euch mit aller Macht erhoben, um es auszulöschen?«
181
»Und jedem Menschen haben Wir sein Schicksal um den Hals geschlungen. Und am Tag der Auferstehung werden Wir ein Buch hervorbringen und ihm weit geöffnet vorlegen.«Qur’án 17:13.Q
182
Noch einmal: Gibt es eine edlere Tat als den Dienst am Allgemeinwohl? Gibt es etwas Segensreicheres für einen Menschen, als dass er zur Quelle der Erziehung, des Fortschritts, des Wohlergehens und der Ehre für seine Mitmenschen wird? Nein, bei Gott dem Herrn! Es ist die höchste Tugend für begnadete Seelen, die Hilflosen bei der Hand zu nehmen und sie von ihrer Unwissenheit, Erniedrigung und Armut zu befreien, sich aus lauteren Beweggründen und reiner Liebe zu Gott aufzumachen und zielstrebig dem Dienst an den Massen zu widmen, dabei den eigenen weltlichen Vorteil zu vergessen und nur dem Allgemeinwohl zu dienen. »Sie ziehen jene sich selber vor, auch wenn Armut ihr eigenes Los ist.«Qur’án 59:9.Q »Die Besten sind jene, die dem Volke dienen; die Schlimmsten sind jene, die dem Volke schaden.«
183
Ruhm sei Gott! Was für seltsame Zustände herrschen heutzutage, wenn sich keiner von allen Zuhörern fragt, welche Beweggründe der Redner, der eine Forderung vorbringt, in Wirklichkeit wohl hat und welche selbstsüchtigen Absichten er hinter der Maske seiner Worte verborgen halten mag. Beispielsweise kann es sein, dass ein Mensch, der seine kleinlichen, persönlichen Interessen durchzusetzen sucht, den Fortschritt eines ganzen Volkes aufhält. Um seine eigene Wassermühle zu betreiben, lässt er die Höfe und Felder aller anderen verdorren und vertrocknen. Um sich an der Macht zu halten, wird er immerfort die Massen auf diese Art von Vorurteilen und Fanatismus ausrichten, die die Grundfeste der Kultur untergraben.
184
Wenn ein solcher Mensch Taten vollbringt, die vor den Augen Gottes eine Verfehlung sind und von allen Propheten und Heiligen verabscheut werden, und im selben Augenblick einen anderen sieht, der nach dem Essen seine Hände mit Seife wäscht – einem Produkt, dessen Erfinder ‘Abdu’lláh Búní, ein Muslim, war – erhebt er ein Zetergeschrei, das religiöse Gesetz sei umgestoßen und die Sitten und Gebräuche heidnischer Völker würden bei uns Einzug halten, nur weil jener Unglückliche nicht die Hände vorn an seinem Rock und an seinem Bart abwischt. Ohne jedes Empfinden für seinen eigenen schlechten Wandel betrachtet er das, was wahrhaftig zu Sauberkeit und Verfeinerung führt, als gottlos und töricht.
185
O Volk Persiens! Öffnet eure Augen! Gebet Acht! Befreit euch davon, blindgläubig den Fanatikern zu folgen und sie sinnlos nachzuahmen, denn das ist der Hauptgrund, warum die Menschen auf den Weg der Unwissenheit und Erniedrigung geraten. Sehet den wahren Sachverhalt. Erhebet euch! Ergreifet solche Maßnahmen, die euch Leben und Glück und Größe und Ansehen unter allen Nationen der Welt einbringen!
186
Die Winde der wahren Frühlingszeit wehen über euch dahin. Schmücket euch mit Blüten, so wie die Bäume im duftenden Garten! Die Frühlingswolken ergießen sich. Werdet frisch und grünend wie die süßen Gefilde der Ewigkeit! Der Morgenstern erstrahlt. Setzet euren Fuß auf den wahren Pfad! Das Meer der Allmacht wogt. Eilet zu den Ufern der Entschlossenheit und des Reichtums! Das reine Wasser des Lebens quillt hervor. Warum vergeudet ihr eure Tage dürstend in der Wüste? Steckt euch hohe und edle Ziele! Wie lange wollt ihr in eurer Trägheit, wie lange in eurer Achtlosigkeit noch verharren? Verzweiflung ist alles, was ihr in dieser und der nächsten Welt von eurer Selbstgefälligkeit davontragen könnt. Abscheulichkeit und Elend sind es, die euch der Fanatismus, der Glaube an die Dummen und Verblendeten einbringen. Die Bestätigungen Gottes unterstützen euch, die Hilfe Gottes ist nahe. Warum rufet und frohlocket ihr nicht aus ganzem Herzen, warum strebet ihr nicht mit ganzer Seele?
187
Zu den Angelegenheiten, die sorgfältiger Überprüfung und Reform bedürfen, zählen die Methode zur Erforschung der verschiedenen Wissensgebiete und die Erstellung eines akademischen Studienplans. Ein Mangel an Klarheit hat dazu geführt, dass die Bildung planlos und unüberlegt vor sich geht. Unwesentliches, das gründlichen Studiums nicht wert ist, erfährt dermaßen ungebührliche Aufmerksamkeit, dass die Studenten über einen langen Zeitraum ihre Gedanken und Kräfte auf einen Stoff verschwenden, der auf bloßer Annahme beruht und keineswegs nachweisbar ist. Solche Studien bestehen darin, dass man sich in Behauptungen und Ideen vertieft, die eine sorgfältige Prüfung nicht nur als unwahrscheinlich, sondern sogar als reinen Aberglauben festmacht; diese Studien stellen nichts als eine Erforschung nutzloser Gedankenspiele, eine Jagd nach Sinnwidrigkeiten dar. Zweifellos ist die Beschäftigung mit solchen Illusionen, das Prüfen und ermüdende Debattieren von solchen leeren Behauptungen nichts als Zeitvergeudung, nichts als Verschwendung der eigenen Lebenstage. Und nicht nur das: Diese Beschäftigung hindert den Menschen auch daran, solche Künste und Wissenschaften zu studieren, deren die Gesellschaft dringend bedarf. Der Mensch sollte deshalb, ehe er sich mit einem Studienobjekt befasst, der Frage nachgehen, wozu das Studium dient und welche Frucht, welches Ergebnis daraus abgeleitet werden kann. Wenn es sich um einen nützlichen Wissenszweig handelt, das heißt, wenn die Gesellschaft wesentliche Vorteile daraus gewinnen kann, dann sollte er sein Studium sicherlich mit ganzem Herzen verfolgen. Wenn es sich dagegen um leere, sinnlose Wortstreitereien, um die unnütze Verkettung von Vorstellungen handelt, die zu nichts anderem führen als zu Bissigkeit, warum sollte man dann sein Leben solchen sinnlosen Haarspaltereien und Disputen widmen?
188
Da dieser Themenkreis weiterer Aufklärung und gründlicher Beratung bedarf, damit klar bewiesen werden kann, wie wertvoll manche Themen sind, die heute vernachlässigt werden, während die Nation keinerlei Bedarf an verschiedenen anderen, überflüssigen Studien hat, wird dieser Gesichtspunkt, so Gott will, in einem zweiten Band weiterentwickelt werden. Wir hoffen, dass die Lektüre dieses ersten Bandes die Denkweise und das Verhalten der Gesellschaft grundlegend ändern wird; denn wir haben diese Arbeit in aufrichtiger Absicht und nur um Gottes willen in Angriff genommen. Obgleich in dieser Welt Menschen, die zwischen aufrichtigen Absichten und falschen Worten unterscheiden können, so selten wie der Stein der Weisen sind, richten wir doch unsere Hoffnung auf die unerschöpflichen Gnadengaben des Herrn.
189
Fassen wir zusammen: Was jene betrifft, die der Ansicht sind, wir müssten bei der Durchführung dieser notwendigen Reformen mit Überlegung vorgehen, wir müssten Geduld haben und die Ziele nacheinander erreichen, so sei gefragt: Was meinen sie damit? Wenn sie sich mit ›Überlegung‹ auf die Umsicht beziehen, die in der Staatskunst erforderlich ist, hat ihr Gedanke Hand und Fuß und ist zeitgemäß. Sicherlich können gewichtige Vorhaben nicht in Eile zu einem erfolgreichen Abschluss gebracht werden; Übereilung würde in solchen Fällen nur schaden.
190
Die politische Welt ist wie die des Menschen: Dieser ist am Anfang nur Same und entwickelt sich dann stufenweise zum Embryo und Fötus, erhält ein mit Fleisch überzogenes Knochenskelett und nimmt seine eigentliche Gestalt an, bis er schließlich die Stufe erreicht, auf der sich an ihm gebührend das Wort bewahrheitet: »… der Erhabenste der Schöpfer«Qur’án 23:14: »Verherrlicht sei deshalb Gott, der Erhabenste der Schöpfer!«.Q. Ebenso wie dies ein Gebot der Schöpfung ist und auf der allumfassenden göttlichen Weisheit beruht, kann sich auch die politische Welt nicht plötzlich vom Nádir der Zerrüttung zum Zenit der Rechtlichkeit und Vollkommenheit entwickeln. Vielmehr müssen sich fähige Menschen Tag und Nacht anstrengen und alle Mittel, die zum Fortschritt führen, anwenden, damit sich Regierung und Volk auf allen Ebenen entwickeln, Tag für Tag, ja Stunde für Stunde.
weiter nach unten ...