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68Angesichts der Tatsache, dass heutzutage solch vollkommen entwickelte und umfassend gebildete Persönlichkeiten kaum zu finden sind und Regierung und Volk der Ordnung und Führung dringend bedürfen, ist es wichtig, ein Gremium von Gelehrten zu bilden, dessen verschiedene Mitgliedergruppen jeweils in einem der oben erwähnten Wissenszweige sachkundig sind. Diese Körperschaft sollte mit größtem Eifer und aller Tatkraft über gegenwärtige und künftige Erfordernisse beraten und Ruhe und Ordnung herbeiführen.69Bisher ist dem religiösen Gesetz noch keine entscheidende Rolle an unseren Gerichten eingeräumt worden, weil jeder ‘Ulamá diejenigen Urteile fällte, die er nach seiner eigenmächtigen Auslegung und nach seiner persönlichen Meinung für angebracht hielt. Es mag sein, dass zwei Männer vor Gericht gehen und einer der ‘Ulamá zu Gunsten des Klägers, ein anderer zu Gunsten des Beklagten entscheidet. Dann mag es sogar geschehen, dass in ein und demselben Fall zwei widersprüchliche Urteile von ein und demselben Mujtahid gefällt werden, weil er das erste Mal in die eine Richtung, das zweite Mal in die andere Richtung beeinflusst worden war. Zweifellos hat dieser Zustand alle wichtigen Belange durcheinandergebracht und muss die eigentlichen Grundlagen der Gesellschaft gefährden; denn Kläger wie Beklagter geben die Hoffnung nie auf, schließlich doch noch Erfolg zu haben, und jeder vergeudet sein Leben mit dem Versuch, ein später ergehendes Urteil zu erwirken, das das vorhergehende rückgängig macht. Ihre ganze Zeit vertun sie mit Rechtsstreitigkeiten, was dazu führt, dass ihr ganzes Leben in dem Streitfall verwickelt ist, statt gemeinnützigen Unternehmungen und angemessenen persönlichen Bedürfnissen gewidmet zu sein. Diese beiden Prozessgegner könnten in der Tat auch tot sein, denn sie können ihrer Regierung und der Gesellschaft nicht im Geringsten einen Dienst erweisen. Wenn jedoch ein endgültiges, unwiderrufliches Urteil erginge, müsste die ordnungsgemäß verurteilte Person notgedrungen alle Hoffnung auf eine Wiederaufnahme des Falles aufgeben, würde in dieser Hinsicht entlastet werden und könnte sich wieder um ihre eigenen Angelegenheiten und diejenigen anderer kümmern.70Da diese überaus wichtige Frage das vornehmste Mittel für die Sicherung des Friedens und der Ruhe des Volkes und die wirksamste Triebkraft für die Weiterentwicklung von Hoch und Niedrig ist, obliegt es denjenigen gelehrten Mitgliedern der großen beratenden Versammlung, die sich mit dem Göttlichen Gesetz genau auskennen, eine einheitliche, direkte und endgültige Verfahrensweise für die Beilegung von Rechtsstreitigkeiten zu entwickeln. Dieser Rechtsgang sollte dann im ganzen Land auf Befehl des Königs veröffentlicht werden, seine Vorkehrungen müssten genauestens einzuhalten sein. Diese so wichtige Frage bedarf dringendster Aufmerksamkeit.71Das zweite Attribut der Vollkommenheit ist Gerechtigkeit und Unparteilichkeit. Dies bedeutet, persönlichem Nutzen und eigensüchtigen Vorteilen keine Beachtung zu schenken, vielmehr die Gesetze Gottes ohne den leisesten Hintergedanken an irgendetwas anderes anzuwenden. Es bedeutet ferner, sich selbst nur als einen der Diener Gottes, des Allbesitzenden, anzusehen und nie danach zu trachten, andere zu übertreffen, es sei denn im Streben nach geistiger Vortrefflichkeit. Es bedeutet, das Wohl der Gemeinschaft als das eigene zu empfinden. Kurz gesagt heißt dies, die ganze Menschheit als ein einziges Lebewesen, sich selbst als ein Teil dieses großen Körpers anzusehen und genau zu wissen, dass jeder Schmerz, jede Wunde, die ein Körperteil trifft, unweigerlich alles übrige in Mitleidenschaft zieht.72Die dritte Voraussetzung für Vollkommenheit ist, sich aufrichtig und mit der lautersten Absicht aufzumachen, die Massen zu erziehen: sich bis zum äußersten anzustrengen, um sie in den verschiedenen Wissensgebieten und nutzbringenden Wissenschaften zu unterweisen, um eine fortschrittliche Entwicklung zu fördern, die Bereiche des Handels, der Industrie und der Künste zu erweitern und solche Maßnahmen zu unterstützen, die den Wohlstand des Volkes erhöhen. Die breiten Schichten der Bevölkerung sind nämlich in Unkenntnis über jene lebenspendenden Kräfte, die die chronischen Leiden der Gesellschaft umgehend heilen könnten.73Es ist unerlässlich, dass Gelehrte und geistig Gebildete aufrichtigen und reinen Herzens und nur aus Liebe zu Gott daran gehen, die Massen zu beraten, zu ermahnen und ihre Sicht mit jenem Heilmittel zu erhellen, das Wissen heißt. Denn in ihrem tief verwurzelten Aberglauben meinen viele Leute heutzutage, ein Mensch, der an Gott und Seine Zeichen, an die Propheten, ihre Offenbarungen und ihre Gesetze glaubt, der fromm und gottesfürchtig ist, müsse notwendigerweise müßig gehen und seine Tage mit Nichtstun verbringen, um in den Augen Gottes als jemand dazustehen , der der Welt und ihren Nichtigkeiten entsagt, sein Herz dem künftigen Leben zugewandt und sich von den anderen Menschen abgesondert hat, damit er dadurch Gott näher kommt. Da dieses Thema anderweitig in der vorliegenden Schrift behandelt wird, wollen wir es hier auf sich beruhen lassen.74Weitere Attribute der Vollkommenheit sind, Gott zu fürchten, Ihn zu lieben, indem man Seine Diener liebt, Sanftmut, Nachsicht und Besonnenheit zu üben, aufrichtig, zugänglich, gütig und mitleidsvoll, entschlossen und mutig, zuverlässig und tatkräftig zu sein, zu ringen und zu streben, edelmütig, treu und ohne Hintergedanken zu sein, Eifer und Ehrgefühl an den Tag zu legen, hochgesinnt und großmütig zu sein und die Rechte anderer zu achten. Wem es an diesen hervorragenden menschlichen Eigenschaften fehlt, der ist unvollkommen. Wollten wir die inneren Bedeutungen aller dieser Tugenden erklären, »das Gedicht würde siebzig ManEin altes orientalisches Gewicht, entspricht ca. 3,5 kg.A Papier füllen.«75Der zweite geistige Maßstab, der an den Gebildeten anzulegen ist, besteht darin, dass er seinen Glauben verteidigen sollte. Natürlich beziehen sich diese heiligen Worte nicht nur darauf, dass man nach dem tieferen Sinn des Gesetzes forscht, gottesdienstliche Vorschriften einhält, größere und kleinere Sünden vermeidet, die religiösen Vorschriften befolgt und mit allen diesen Mitteln den Glauben schützt. Weit eher bedeuten diese Worte, dass die ganze Bevölkerung in jeder Weise geschützt werden sollte, dass jegliche Anstrengung unternommen werden sollte, um eine Bündelung aller erdenklichen Maßnahmen zu ermöglichen und dadurch das Wort Gottes zu verkünden, die Zahl der Gläubigen zu vergrößern, den Glauben Gottes zu fördern, ihn zu erhöhen und zum Sieg über andere Glaubensformen zu führen.76Hätten sich die religiösen Autoritäten der Muslime wirklich so verhalten , wie sie es hätten tun sollen, wäre heutzutage jedes Volk auf Erden unter dem Schutzdach der Einheit Gottes versammelt, und das helle Feuer des »damit Er sie siegreich mache über jede andere Religion«Qur’án 9:33, 48:28, 61:9.
Q wäre wie die Sonne mitten im Herzen der Welt aufgeflammt.77Fünfzehn Jahrhunderte nach Christus wandte sich Luther, ursprünglich eines von zwölf Mitgliedern einer katholischen Religionskörperschaft im Zentrum der päpstlichen Verwaltung und später der Begründer des protestantischen Glaubens, gegen den Papst und zwar wegen gewisser Lehraussagen wie des Eheverbots für Mönche, des verehrungsvollen Niederkniens vor den Bildern von Aposteln und ehemaligen christlichen führenden Persönlichkeiten sowie wegen verschiedener anderer religiöser Praktiken und Zeremonien, die den Geboten des Evangeliums zugeschrieben worden waren. Obwohl zu jener Zeit die Macht des Papstes so groß war und er mit solcher Ehrfurcht behandelt wurde, dass die Könige Europas vor ihm zitterten und bebten, obwohl der Papst alle wichtigen Belange Europas kontrollierend im Griff seiner Macht hielt, haben doch in den letzten 400 Jahren die Mehrheit der Bevölkerung Amerikas, vier Fünftel von Deutschland und England und ein großer Prozentsatz von Österreichern, alles in allem etwa hundertfünfundzwanzig Millionen Menschen, andere christliche Konfessionen verlassen und sind in die protestantische Kirche eingetreten, weil Luthers Einstellung in Bezug auf die Freiheit von Priestern, heiraten zu dürfen, in seiner Abkehr von der Anbetung und dem Niederknien vor in den Kirchen aufgehängten Bildern und Darstellungen und in der Abschaffung von Zeremonien, die dem Evangelium beigefügt worden waren, nachweislich richtig war, und weil die geeigneten Mittel ergriffen wurden, seine Ansichten zu verbreiten. Die Anführer dieser Konfession geben sich nach wie vor jede Mühe, diese zu verbreiten, und haben heute an der Ostküste Afrikas – vordergründig zur Emanzipation der Sudanesen und verschiedener afrikanischer Völker – Schulen und Ausbildungsstätten eingerichtet, in denen völlig unzivilisierte afrikanische Stämme erzogen und ausgebildet werden, während ihre wahre und vorrangige Absicht darin liegt, einige der muslimischen indigenen Völker zum Protestantismus zu bekehren. Jede Gemeinschaft müht sich um den Fortschritt ihrer Anhänger, und wir (d. h. die Muslime) schlafen weiter!78Obwohl es unklar war, welche Zielvorstellung jenen Mann antrieb oder was er vorhatte, seht nur den Eifer und die Mühe, mit der die protestantischen Führer seine Lehren weit und breit verkündet haben!79Es ist sicher, dass das Licht Gottes die ganze Erde umhüllen würde, wollte nur das erlauchte Volk des einen wahren Gottes als Empfänger Seiner Bestätigungen und Seiner göttlichen Hilfe mit aller Kraft und mit völliger Hingabe, ganz im Vertrauen auf Gott und losgelöst von allem außer Ihm, entsprechende Maßnahmen ergreifen, um den Glauben zu verbreiten, und alle Mühe auf dieses Ziel ausrichten.80Einzelne Menschen, denen die Wirklichkeit unter der Oberfläche der Ereignisse verborgen bleibt, die den Pulsschlag der Welt nicht fühlen können, die nicht wissen, welch große Dosis Wahrheit verabreicht werden muss, um dieses chronische alte Leiden der Lüge zu heilen, sind der Ansicht, dass der Glaube nur durch das Schwert verbreitet werden kann; sie unterbauen ihre Meinung mit der Überlieferung: »Ich bin ein Prophet durch das Schwert.«
Wenn sie diese Frage jedoch sorgfältig prüfen würden, müssten sie erkennen, dass das Schwert heutzutage, in diesem Zeitalter, kein passendes Mittel ist, um den Glauben zu verbreiten, denn es erfüllt die Herzen der Menschen nur mit Abscheu und Schrecken. Nach dem göttlichen Gesetz Muḥammads geht es nicht an, dass das »Volk des Buches« gezwungen wird, den Glauben anzuerkennen und anzunehmen. Während es eine heilige Pflicht für jeden ist, der mit Überzeugung an die Einheit Gottes glaubt, die Menschen zur Wahrheit zu führen, beziehen sich die Überlieferungen »Ich bin ein Prophet durch das Schwert«
und »Mir ist befohlen, den Leuten nach dem Leben zu trachten, bis sie sagen: ›Es gibt keinen Gott außer Gott‹vgl. Qur’án 59:22, 59:2 – Anm. d. Hrsg.«
Q auf die Götzendiener aus den Tagen der Unwissenheit, die in ihrer Blindheit und Grausamkeit tief unter die menschliche Stufe gesunken waren. Auf einen Glauben, der durch Schwerthiebe entstanden ist, wäre schwerlich Verlass; durch den geringsten Anlass würde er in Irrtum und Unglauben zurückfallen. So fielen z. B. auch die Stämme in der Umgebung Medinas nach dem Heimgang Muḥammads, nach Seinem Aufstieg auf »den Sitz der Wahrheit in der Gegenwart des allmächtigen Königs«Qur’án 54:55.
Q, von ihrem Glauben ab und wandten sich wieder dem Götzendienst aus heidnischen Zeiten zu.81Erinnert euch an die Zeit, als die heiligen Düfte des Geistes Gottes (Jesus) ihre Süße über Palästina und Galiläa, über die Ufer des Jordan und die Gefilde um Jerusalem ergossen, als die wundersamen Melodien des Evangeliums in den Ohren der geistig Erleuchteten erklangen: Alle Völker Asiens und Europas, Afrikas und Amerikas als auch von Ozeanien, das die Inseln und Inselgruppen des Pazifischen und des Indischen Ozeans umfasst, waren Feueranbeter und Heiden, in Unkenntnisder Göttlichen Stimme, die am Tage des BundesQur’án 7:172: Yawm-i-Alast, der Tag, an dem sich Gott an die künftige Nachkommenschaft Adams wandte mit den Worten »Bin Ich nicht euer Herr?« (Aalastu-bi-Rabbikum), und sie antworteten: »Ja, wir bezeugen es.«.A sprach. Allein die Juden glaubten an den EINEN wahren Gott Göttlichkeit und Einheit Gottes. Nach der Erklärung Jesu verlieh der reine, belebende Odem Seines Mundes drei Jahre lang den Bewohnern jener Landstriche ewiges Leben, und durch Göttliche Offenbarung trat das Gesetz Christi, zur damaligen Zeit das lebenswichtige Heilmittel für den siechen Körper der Welt, in Kraft. In den Tagen Jesu wandten nur wenige Menschen ihr Angesicht Gott zu. Tatsächlich wurden nur die zwölf Jünger und ein paar Frauen wahre Gläubige, und einer der Jünger, Judas Ischariot, verriet seinen Glauben, so dass nur elf übrigblieben. Nach dem Aufstieg Jesu ins Reich der Herrlichkeit erhoben sich diese wenigen Seelen mit ihren geistigen Tugenden und mit Taten, die rein und heilig waren, und machten sich durch die Allmacht Gottes und den lebenspendenden Odem des Messias auf, alle Völker der Erde zu erretten. Da standen alle götzendienerischen Nationen sowie die Juden in ihrer Gesamtheit auf, das Göttliche Feuer zu löschen, das in der Lampe von Jerusalem entzündet war. »Gern hätten sie Gottes Licht mit ihren Mäulern ausgeblasen; aber Gott will Sein Licht vervollkommnen, wiewohl die Ungläubigen es verabscheuen.«Qur’án 9:32.
Q Unter den schlimmsten Folterungen brachten sie jede dieser heiligen Seelen zu Tode; mit Schlachtermessern hackten sie die reinen, unbefleckten Leiber von einigen unter ihnen in Stücke und verbrannten sie in Feueröfen; andere Gläubige streckte man auf der Folter und begrub sie dann bei lebendigem Leibe. Obwohl solche Todesqualen ihr Lohn waren, fuhren die Christen fort, die Sache Gottes zu lehren; nie zogen sie ein Schwert aus der Scheide oder streiften auch nur eine Wange. Am Ende umfing der Glaube Christi die ganze Erde, so dass in Europa und Amerika keine Spuren von anderen Religionen übrig blieben und heute in Asien, Afrika und Ozeanien große Volksmassen im Heiligtum der vier Evangelien leben.82Es ist nun durch die oben angeführten unwiderlegbaren Beweise untermauert worden, dass der Glaube Gottes durch menschliche Vollkommenheiten, durch hervorragende und anziehende Tugenden und ein durchgeistigtes Verhalten verkündet werden muss. Wenn sich eine Seele aus eigenem Antrieb Gott zuwendet, wird sie an der Schwelle der Einheit aufgenommen; denn ein solcher Mensch ist frei von persönlichen Beweggründen, von Habgier und selbstischer Gewinnsucht. Er hat unter dem Schutz und Schirm seines Herrn Zuflucht gefunden. Unter seinen Mitmenschen wird er auf Grund seiner Vertrauenswürdigkeit und Wahrheitsliebe, Mäßigung und Gewissenhaftigkeit, Großherzigkeit und Treue, Unbestechlichkeit und Gottesfurcht bekannt werden. So wird das höchste Ziel bei der Verkündigung des göttlichen Gesetzes – nämlich Glück im kommenden Leben, eine hochentwickelte Kultur und edle Charaktereigenschaften auf dieser Welt zu schaffen – verwirklicht. Das Schwert hingegen wird nur Menschen hervorbringen, die äußerlich Gläubige, in ihrem Herzen aber Verräter und Abtrünnige sind.83Wir wollen hier eine Geschichte erzählen, die allen als Beispiel dienen mag. Die arabischen Chroniken berichten, wie in der Zeit vor dem Kommen Muḥammads Nu‘mán, der Sohn Mundhirs des Lakhmiden – ein arabischer König aus den Tagen der Unwissenheit, dessen Residenz die Stadt Ḥírih war – dem Wein einmal so sehr zugesprochen hatte, dass sich seine Sinne verfinsterten und der Verstand ihn verließ. In diesem volltrunkenen, gefühllosen Zustand befahl er, seine beiden Zechbrüder und vertrauten, vielgeliebten Freunde, Khálid, den Sohn des Mudallil, und ‘Amr, den Sohn des Mas‘úd-Kaldih, hinzurichten. Als der König am anderen Morgen nach seinem Zechgelage erwachte und nach seinen beiden Freunden fragte, wurde ihm die schmerzhafte Nachricht mitgeteilt. Kummer befiel sein Herz; in seiner aufrichtigen Liebe und Sehnsucht nach ihnen ließ er über den beiden Gräbern zwei herrliche Denkmäler erbauen, denen er die Bezeichnung ›die Blutbeschmierten‹ gab. 84Daraufhin bestimmte er zwei Tage des Jahres zum Gedächtnis an die beiden Gefährten. Den einen nannte er den ›Tag des Übels‹, den anderen den ›Tag der Gnade‹. Jedes Jahr pflegte er an diesen bestimmten Tagen mit Prunk und Pracht hinauszuziehen und sich zwischen den beiden Grabmälern niederzulassen. Wenn an dem ›Tag des Übels‹ sein Auge auf irgendjemanden fiel, wurde dieser hingerichtet; wer jedoch am ›Tag der Gnade‹ vorüberging, wurde mit Geschenken und Gunstbeweisen überschüttet. Solches war sein königliches Gebot, das, mit einem mächtigen Eid besiegelt, immer streng eingehalten wurde.85Eines Tages bestieg der König sein Ross, Maḥmúd genannt, und ritt hinaus in die Steppe, um zu jagen. Plötzlich erblickte er in der Ferne ein Wildpferd, gab seinem Ross die Sporen, um das Wild einzuholen, und hetzte mit solcher Geschwindigkeit davon, dass er von seinem Gefolge abgeschnitten wurde. Die Nacht brach herein, und der König war hoffnungslos verloren. Da entdeckte er fern in der Wüste ein Zelt; er wandte sein Pferd und ritt drauf zu. Als er den Eingang des Zeltes erreicht hatte, fragte er den Besitzer, Ḥanzalá, den Sohn des Abí-Ghafráy-i-Ṭá’í: »Nimmst du einen Gast auf?« Ḥanzalá antwortete: »Ja«, trat heraus und half Nu‘mán beim Absteigen. Dann ging er zu seiner Frau und sagte zu ihr: »Im Verhalten dieses Mannes sind deutliche Anzeichen hohen Ranges zu erkennen. Tue dein Bestes, um ihm Gastfreundschaft zu erweisen, und bereite ein Festmahl vor.« Die Frau erwiderte: »Wir haben ein Mutterschaf, das du opfern könntest, und ich habe noch ein bisschen Mehl für solche Gelegenheiten aufgespart.« Ḥanzalá molk zunächst das Schaf und bot Nu‘mán eine Schale zum Trunk an, dann schlachtete er das Tier und bereitete ein Mahl zu, und dank seiner gütigen Gastfreundschaft verbrachte Nu‘mán die Nacht in Frieden und Behagen. Als die Dämmerung heraufzog, machte sich Nu‘mán für die Abreise fertig und sagte zu Ḥanzalá: »Du hast mir größte Freigebigkeit erwiesen, indem du mich aufgenommen und festlich bewirtet hast. Ich bin Nu‘mán, der Sohn des Mundhir, und warte sehnlichst darauf, dich an meinem Hofe begrüßen zu können.«86Die Zeit ging dahin, Hungersnot zog ein im Lande Ṭayy. Ḥanzalá geriet in äußerste Not, und darum suchte er den König auf. Ein seltsamer Zufall fügte es, dass er am ›Tag des Übels‹ eintraf. Nu‘mán zeigte sich höchst beunruhigt. Er machte seinem Freund Vorwürfe: »Warum bist du gerade heute zu mir gekommen? Denn dies ist der ›Tag des Übels‹, das heißt der Tag des Zornes und der Pein. Selbst wenn mir heute Qábús, mein einziger Sohn, unter die Augen träte, käme er nicht mit dem Leben davon. Nun bitte mich um irgendeine Gunst, die du willst.«87Ḥanzalá erwiderte: »Ich wusste nichts von eurem ›Tag des Übels‹. Die Gaben dieser Welt sind für die Lebenden da. Da ich jetzt den Tod erleiden muss, was nützen mir alle Vorräte dieser Welt?« 88»Daran ist nichts zu ändern«, sagte Nu‘mán.89Ḥanzalá sprach: »So gewähre mir denn Aufschub, dass ich zu meinem Weib heimkehren und mein Testament machen kann. Im nächsten Jahr werde ich am ›Tag des Übels‹ wiederkommen.« 90Nu‘mán verlangte sodann einen Bürgen, der an Ḥanzalás statt hingerichtet werden sollte, falls dieser nicht zurückkehrte. Bestürzt und hilflos sah sich Ḥanzalá um. Da fiel sein Blick auf einen aus Nu‘máns Gefolge, Sharík, den Sohn des Qays aus Shaybán, und an ihn wandte er sich mit den Worten: »O Sohn des ‘Amr, mein Gefährte! Gibt es irgendein Entkommen vor dem Tode? O du Bruder jedes Bedrängten, du Bruder des Bruderlosen, du Bruder Nu‘máns! Du könntest dem Shaykh Bürgschaft leisten. Wo ist Shaybán, der Edelmütige – möge der Allbarmherzige ihm Gunst bezeigen!« Aber Sharík erwiderte nur: »O mein Bruder, ein Mann darf nicht sein Leben aufs Spiel setzen.« Da wusste das Opfer nicht mehr, wohin es sich wenden sollte. Doch ein Mann namens Qarád, Sohn Ajda‘s des Kalbiten, stand auf und bot sich als Bürge an; er willigte ein, dass der König mit ihm, Qarád, tun könne, was er wolle, wenn er zum nächsten ›Tag des Zornes‹ das Opfer nicht auslieferte. Nu‘mán schenkte daraufhin Ḥanzalá fünfhundert Kamele und ließ ihn ziehen.91Im folgenden Jahr zog Nu‘mán am ›Tag des Übels‹ wie gewohnt mit Prunk und Pracht hinaus zu den beiden Grabmälern, die ›die Blutbeschmierten‹ hießen. Er führte Qarád mit sich, um seinen königlichen Zorn an ihm auszulassen. Die Pfeiler des Staates lösten ihre Zunge und baten um Gnade; sie flehten den König an, er möge Qarád bis zum Sonnenuntergang Aufschub gewähren, denn sie hofften, Ḥanzalá käme noch zurück. Aber des Königs Absicht war, Ḥanzalás Leben zu schonen und ihm die Gastfreundschaft zu vergelten, indem er Qarád an seiner Stelle hinrichtete. Als sich die Sonne zum Abend hin neigte, zog man Qarád die Kleider vom Leibe und schickte sich an, ihm den Kopf abzuschlagen. Da wurde in der Ferne ein Reiter sichtbar, der in gestrecktem Galopp näherkam. »Warum zögerst du?« wandte sich Nu‘mán an den Henker, der ihm daraufhin antwortete: »Vielleicht ist es Ḥanzalá, der da kommt.« Bald sah man, dass es kein anderer war als er.92Nu‘mán war höchst ungehalten. »Du Dummkopf!«, sagte er. »Einmal bist du den Klauen des Todes entronnen. Musst du ihn nun zum zweiten Male herausfordern?« 93Aber Ḥanzalá erwiderte: »Süß ist in meinem Munde und angenehm auf meiner Zunge das Gift des Todes bei dem Gedanken, dass ich damit mein Unterpfand auslöse.«94Da fragte Nu‘mán: »Was ist der Grund für solche Zuverlässigkeit? Weshalb hältst du dich so genau an deine Verpflichtungen, so streng an deinen Eid?« – »Das liegt daran, dass ich an den einen Gott und an die Bücher, die vom Himmel kamen, glaube«, gab Ḥanzalá zur Antwort. Nu‘mán fragte: »Zu welchem Glauben bekennst du dich?«, und Ḥanzalá sagte: »Es war der heilige Odem Jesu, der mir das Leben gab. Ich folge dem geraden Pfad Christi, der der Geist Gottes ist.« Nu‘mán bat: »Lass auch mich diesen süßen Hauch des Geistes atmen!«95So kam es, dass Ḥanzalá die weiße Hand der Führung aus dem Busen der Liebe Gottes zog
vgl. Qur’án 27:12, Bezugnahme auf Moses: »Und stecke deine Hand in deine Achsel. Du wirst sie weiss herausziehen, unbeschädigt: Eines von neun Zeichen für Pharao und sein Volk…«. Vgl. auch Qur’án 7:108, 20:22, 26:33 und 28:32, sowie Ex. 4:6. ‘Umar Khayyám dichtet in den Rubá‘íyyát darüber: »Wenn nun das Neue Jahr die alten Wünsche weckt, gedankenschwer die Seele sich in Einsamkeit versteckt, wo Jesus aus dem Grund empor sich sehnt und Moses’ weiße Hand am Zweig sich streckt.« Die Metaphern dieses Verses beziehen sich neben ihrem transzendenten Gehalt auf den Blumenduft und die Baumblüten des Frühlings.A und das äußere wie innere Auge derer, die um ihn standen, mit dem Lichte des Evangeliums erleuchtete. Dem klaren Klang einer Glocke gleich trug er einige der göttlichen Verse aus der Bibel vor. Da wurden Nu‘mán und alle seine Diener ihrer Götzen und ihrer Götzenverehrung überdrüssig, bekräftigten ihren Glauben an Gott und riefen aus: »Wehe uns, tausendmal wehe uns, dass wir bis heute achtlos gegenüber dieser grenzenlosen Gnade waren und uns von ihr abgewandt hatten, so dass wir dieser Segensströme aus den Wolken der Gunst Gottes beraubt waren!« Sofort riss der König die beiden Denkmäler ab, die ›die Blutbeschmierten‹ hießen. Er bereute seine Gewaltherrschaft und ließ fortan Gerechtigkeit walten in seinem Land.96Bedenket, wie hier ein einfacher Mann aus der Wüste, dem äußeren Anschein nach ohne Rang und Namen, imstande war, diesen stolzen Herrscher und eine große Schar anderer aus der dunklen Nacht des Unglaubens zu befreien und in das Morgenlicht des Heils zu führen, wie er sie aus dem Verderben der Götzendienerei an das rettende Gestade der Einheit Gottes brachte und Verhaltensweisen ein Ende setzte, die so geartet waren, dass sie ganze Gesellschaften verderben und ganze Völker zur Barbarei herabwürdigen – nur weil er eine der Eigenschaften der Menschen aufwies, die reinen Herzens sind. Man muss tief über dies alles nachdenken, um seine volle Bedeutung zu erfassen.97Mein Herz tut weh, weil ich mit tiefem Bedauern wahrnehmen muss, dass das Volk sein Augenmerk nirgendwo auf das lenkt, was dieses Tages und dieser Zeit würdig ist. Die Sonne der Wahrheit ist über der Welt aufgegangen, doch wir sind verfangen im Dunkel unserer Einbildungen. Die Wellen des Größten Meeres wogen um uns herum, während wir verdursten. Das göttliche Brot kommt vom Himmel hernieder, wir aber tappen und taumeln in einem hungergepeinigten Land umher. »Zwischen Weinen und Erzählen vertreibe ich meine Tage.«98Einer der Hauptgründe, warum Menschen aus anderen Religionen vermieden und versäumt haben, zu dem Glauben Gottes überzutreten, sind Fanatismus und übertriebener religiöser Eifer. Beachtet zum Beispiel die göttlichen Worte, die an Muḥammad, die Arche des Heils, das leuchtende Antlitz und den Herrn der Menschheit, gerichtet wurden und ihm geboten, liebevoll und geduldig mit dem Volk umzugehen: »Streite mit ihnen auf die freundlichste Weise.«Qur’án 16:125.
Q Jener Gesegnete Baum, dessen Licht »weder vom Osten noch vom Westen«Qur’án 24:35.
Q war, der über alle Völker der Erde den schützenden Schatten unermesslicher Gnade ausbreitete, zeigte in Seinem Umgang mit jedem Menschen unendliche Güte und Nachsicht. Moses und Aaron erhielten mit denselben Worten den Befehl, Pharao, den Herrn der Pfähle›Dhu’l-Awtád‹ wird von Qur’án-Übersetzern verschieden wiedergegeben als der Durchbohrende, der Erfindungsreiche hinter den Pfählen, der Herr einer starken Herrschaft, der von Ministern Umgebene usw. ›Awtád‹ heißt Pfähle oder Zeltstangen. Vgl. Qur’án 38:12 und 89:10.A, zu überzeugen: »Sprecht zu ihm mit sanfter Rede!«Qur’án 20:44.
Q99Obwohl das vornehme Verhalten der Propheten und Heiligen Gottes weit bekannt und in der Tat bis zum Kommen der Stunde Qur’án 33:63: »Die Menschen werden dich nach der ›Stunde‹ befragen. Sprich: ›Das Wissen von ihr ist allein bei Gott‹.« Vgl. auch Qur’án 22:1, »das Erdbeben der Stunde«, usw., ferner Mt. 24:36, 24:42 usw. Für die Bahá’í bezieht sich dies auf das Kommen des Báb und Bahá’u’lláhs.A in jeder Lebenslage ein ausgezeichnetes Vorbild ist, dem die ganze Menschheit folgen sollte, haben doch einige Menschen in ihrer Achtlosigkeit versäumt, diese Werte - nämlich außergewöhnliches Mitgefühl und liebende Güte- sich anzueignen, so dass sie dadurch gehindert wurden, zu den inneren Bedeutungen der Heiligen Bücher vorzudringen. Sie meiden nicht nur ängstlich die Anhänger anderer Religionen, sondern gestatten sich nicht einmal, jenen die allgemein übliche Höflichkeit zu erweisen. Wenn es jemandem nicht erlaubt ist, mit einem anderen zu verkehren, wie kann er diesen je aus der dunklen, leeren Nacht des Leugnens und des »Es gibt keinen Gott«
heraus in den strahlenden Morgen des Glaubens und der Bestätigung »außer Gott«
Vgl. das islámische Glaubensbekenntnis, das manchmal ›die zwei Zeugnisse‹ genannt wird: »Ich bezeuge, dass es keinen Gott außer Gott gibt und dass Muḥammad der Prophet Gottes ist« [vgl. Qur’án 4:8, 9:31, 13:30, etc. – Anm. d. Hrsg].A führen? Und wie kann man ihn anspornen und dazu ermutigen, sich aus dem Abgrund des Verderbens und der Unwissenheit herauszuarbeiten und die Höhen des Heils und der Erkenntnis zu erklimmen? Erwäget gerecht: Hätte Ḥanzalá Nu‘mán nicht mit wahrer Freundschaft behandelt, hätte er ihm nicht Güte und Gastfreundschaft erwiesen, wie hätte er dann diesen König und eine große Schar anderer Götzendiener dazu bringen können, die Einheit Gottes anzuerkennen? Sich von den Menschen fernzuhalten, sie zu meiden, unfreundlich zu ihnen zu sein, das alles schreckt sie ab, während Zuneigung und Rücksicht, Milde und Nachsicht ihre Herzen zu Gott hinzieht. Wollte ein wahrer Gläubiger beim Anblick eines Menschen aus fremdem Land Abscheu ausdrücken, wollte er die schrecklichen Worte äußern, die den Umgang mit Fremden verbieten und sie als »unrein« bezeichnen, so wäre der Fremde gekränkt und so sehr verletzt, dass er niemals den Glauben annehmen würde, selbst wenn er sähe, wie vor seinen eigenen Augen ein Wunder geschähe und der Mond sich spaltete. Ihn zu meiden hätte zur Folge, dass er die geringste Neigung zu Gott in seinem Herzen wieder bereuen und vom Meer des Glaubens hinweg in die Wüste des Vergessens und des Unglaubens fliehen würde. Und in sein Vaterland zurückgekehrt, würde er in der Presse entsprechende Erklärungen abgeben, dass es der und der Nation völlig an Eigenschaften eines zivilisierten Volkes fehle.100Wenn wir über die Verse und Beweise des Qur’án und die überlieferten Berichte, die von diesen Sternen am Himmel göttlicher Einheit, den heiligen Imámen, zu uns gelangt sind, ein wenig nachdenken, werden wir von der Tatsache überzeugt sein, dass eine Seele, wenn sie mit den Eigenschaften wahren Glaubens ausgestattet und mit geistigen Tugenden ausgezeichnet ist, zu einem Wahrzeichen der unermesslichen Gnadengaben Gottes für die ganze Menschheit wird. Denn die Eigenschaften der Gläubigen sind Gerechtigkeit und Aufrichtigkeit; Nachsicht, Mitleid und Großzügigkeit; Rücksichtnahme auf andere; Offenheit, Zuverlässigkeit und Treue; Liebe und Güte; Ergebenheit, Entschlossenheit und Menschlichkeit. Wenn demnach ein Mensch wahrhaft rechtschaffen ist, wird er sich aller Mittel bedienen, die die Menschenherzen anziehen; er wird sie durch die Eigenschaften Gottes zum geraden Pfad des Glaubens hinführen und sie dazu bewegen, aus dem Strom ewigen Lebens zu trinken. 101Heutzutage haben wir vor jedem rechtschaffenen Tun unsere Augen verschlossen; das dauerhafte Glück der Gesellschaft haben wir unserem eigenen, vergänglichen Profit geopfert. Wir meinen, Fanatismus und blinder Eifer gereichen uns zu Nutz und Ehr, und nicht damit zufrieden, verleumden wir uns gegenseitig und planen den Ruin des anderen. Wann immer wir Weisheit und Gelehrsamkeit, Tugend und Frömmigkeit zur Schau stellen wollen, beginnen wir damit, dass wir diesen oder jenen verspotten und verunglimpfen. »So einer«, sagen wir, »hat Vorstellungen, die weit von der Wirklichkeit abweichen und das Verhalten von dem-und-dem lässt gleichfalls viel zu wünschen übrig. Zayd kommt nur selten den religiösen Bräuchen nach, und ‘Amr ist nicht fest im Glauben. Die Ansichten von diesem und jenem schmecken nach Europa. Im Grunde denkt Weiß an nichts als an den eigenen Rang und Namen. Gestern Abend, als sich die Versammlung zum Gebet erhob, war die Reihe nicht richtig ausgerichtet, und es ist nicht erlaubt, einem anderen Führer zu folgen. In diesem Monat ist noch kein Reicher gestorben, noch nichts ist im Gedenken an den Propheten für wohltätige Zwecke gespendet worden. Das Haus der Religion ist zerfallen, die Grundlagen der Bekenntnisse sind in alle Winde zerstreut. Der Teppich des Glaubens ist zusammengerollt, die Zeichen der Gewissheit sind ausgelöscht; die ganze Welt ist in Irrtum verfallen; wenn es darauf ankommt, der Gewaltherrschaft zu widerstehen, sind alle sanftmütig und nachlässig. Tage und Monde sind vergangen, und diese Dörfer und Landgüter gehören immer noch denselben Eigentümern wie letztes Jahr. In unserer kleinen Stadt gab es früher siebzig verschiedene Behörden, die gut und ordentlich arbeiteten, aber ihre Zahl hat ständig abgenommen; jetzt sind zum Andenken nur noch fünfundzwanzig übrig. Früher ließ derselbe Muftí jeden Tag zweihundert gegenteilige Urteile ergehen, heute bekommen wir kaum fünfzig. Damals waren Massen von Leuten verrückt nach Prozessen; jetzt halten sie alle Frieden. Damals unterlag am einen Tag der Kläger, und der Beklagte trug den Sieg davon; tags darauf gewann der Kläger den Prozess und der Beklagte verlor ihn – aber jetzt ist auch diese vorzügliche Praxis aufgegeben worden. Was für eine heidnische Religion ist das, was für ein götzendienerischer Irrtum! Wehe um das Gesetz, wehe um den Glauben, wehe um all dieses Unheil! O ihr Brüder im Glauben! Dies ist fürwahr das Ende der Welt! Das Jüngste Gericht ist im Kommen!«102Mit solchen Worten bestürmen sie die Gemüter der hilflosen Massen und bringen die Herzen der ohnehin verwirrten Armen durcheinander, die den wahren Sachverhalt und die tatsächliche Grundlage des ganzen Geredes nicht kennen und nicht wissen, dass tausend eigensüchtige Zwecke hinter der vermeintlich gläubigen Beredsamkeit gewisser Individuen verborgen liegen. Die Armen glauben, Redner dieser Art seien von tugendhaftem Eifer getrieben. In Wahrheit erheben solche Leute ein großes Zetergeschrei, weil sie in der Wohlfahrt der Massen ihren persönlichen Ruin sehen und wähnen, ihr eigenes Licht ginge aus, wenn dem Volk die Augen geöffnet würden. Nur besonderer Scharfsinn wird dessen gewahr, dass der Duft der Herzen dieser Menschen, wenn sie wirklich von Rechtschaffenheit und Gottesfurcht angetrieben wären, dem Moschus gleich sich überallhin verbreiten würde. Nichts in der Welt lässt sich jemals allein durch Worte bestätigen.103»Doch diese Unglücksvögel taten Böses nur
und lernten singen, wie der weiße Falke singt.
Was bleibt vom Botenlied des Wiedehopfs aus Ṣabá,
wenn selbst im Rohr die Dommel seine Töne schlägt?«vgl, Qur’án 27:20 ff.A104Die geistig Gebildeten, jene, die unendliche Bedeutung und Weisheit aus dem Buch Göttlicher Offenbarung herleiten und deren erleuchtete Herzen aus der unsichtbaren Welt Gottes Eingebung empfangen, geben sich gewisslich alle Mühe, um die Überlegenheit der wahren Anhänger Gottes in jeder Hinsicht und über alle Völker herbeizuführen; sie mühen sich und kämpfen dafür, dass all die Mittel eingesetzt werden, die Fortschritt bewirken. Wenn jemand diese hohen Ziele vernachlässigt, kann er sich niemals vor dem Antlitz Gottes als annehmbar erweisen: Er sticht hervor durch alle seine Fehler und beansprucht dennoch Vollkommenheit; armselig steht er da und täuscht Reichtum vor.105»Ein blinder Faulpelz ist ein armer Mann,
›Ein Klumpen Fleisch, kein Fuß noch Flügel dran‹.
Wie fern ist er, der Affenpossen reißt,
von dem Erleuchteten, der wirklich weiß!
Der eine Echo nur, und seiʼs auch klar und scharf,
der andere David gleich, Psalmist mit seiner Harfʼ.«106Erkenntnis, Reinheit, Hingabe, Disziplin und Unabhängigkeit haben mit äußerer Erscheinung und Kleidung nichts zu tun. Im Verlauf meiner Reisen hörte ich eine bekannte Persönlichkeit die folgende bedeutsame Bemerkung machen, an deren Witz und Anmut ich mich noch erinnere: »Nicht jeder Túrbán eines Mullás ist Beweis für Keuschheit und Erkenntnis; nicht jeder Hut eines Laien ist ein Zeichen für Unwissenheit und Unmoral. So mancher Hut hat schon stolz das Banner der Erkenntnis gehisst, und so mancher Túrbán hat das Gesetz Gottes in den Staub gezerrt!«107Die dritte Forderung des heiligen Textes, den wir hier besprechen, ist, »seinen Leidenschaften zu widerstehen«. Wie wunderbar sind die Folgerungen, die sich aus diesem scheinbar einfachen, doch umfassenden Satz ergeben. Er enthält die wirkliche Grundlage jeder lobenswerten menschlichen Tugend; in der Tat verkörpern diese wenigen Worte das Licht der Welt, den unumstößlichen Grundstein aller geistigen Eigenschaften des Menschen. Er ist die Unruh im Uhrwerk guten Betragens, das Mittel, alle edlen Eigenschaften eines Menschen im Gleichgewicht zu halten.
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