Bahá’u’lláh | Edelsteine göttlicher Geheimnisse
weiter nach oben ...
61
Wer sich jedoch von Gott in Seiner Wahrheit abgewandt hat, Ihm den Rücken zukehrte, sich auflehnte, ungläubig war und frevelte, über den erging das Verdikt »gottlos«, »ungläubig«, »Tod« und »Feuer«. Denn welcher Götzendienst ist schlimmer, als sich den Manifestationen Satans zuzuwenden oder den Priestern des Vergessens und dem Volk der Auflehnung zu folgen? Welcher Unglaube ist größer, als sich von Gott abzuwenden an dem Tag, da der Glaube durch Ihn, den Allmächtigen, den Gütigen, erneuert wird? Welcher Tod ist elender, als vor der Quelle des Lebens zu fliehen? Welches Feuer brennt heißer, als fern zu sein von der göttlichen Schönheit und der himmlischen Majestät am »Tage des gegenseitigen Betrugs« und der Güte?
62
Dies waren die Worte, mit denen die heidnischen Araber über Muḥammad das Urteil sprachen: »Die an Muḥammad glauben, lebten mitten unter uns bei Tag und Nacht. Wann sollen sie gestorben sein, wann wurden sie wieder zum Leben erweckt?« Höre, was als Antwort offenbart wurde: »Wundere dich nicht, verwunderlich sind vielmehr ihre Worte: ›Wie, wenn wir zu Staub und Knochen wurden, sollen wir dann wieder auferstehen?‹«vgl. Qur’án 13:5.Q Und an anderer Stelle: »Und wenn du sagst: ›Ihr werdet nach dem Tod auferstehen‹, sprechen die Ungläubigen: ›Das ist nur offenkundiger Zauber.‹«Qur’án 11:7.Q So verhöhnten und verspotteten sie Ihn; denn sie hatten die Begriffe »Leben« und »Tod« in ihren Büchern gelesen und von ihren Gelehrten gehört und sie als das irdische Leben und den physischen Tod aufgefasst. Und als sie nicht das vorfanden, was sie sich in ihrem Wahn und mit ihrem verdrehten, böswilligen Verstand vorgestellt hatten, hissten sie die Banner der Zwietracht und die Standarten des Aufruhrs und entfachten das Feuer des Kriegs. Gott jedoch löschte es durch Seine Macht – so, wie du es mit den Gottlosen und Frevlern am heutigen Tage wieder siehst.
63
Zur Stunde wehen die süßen Düfte der Anziehung aus der Stadt der Ewigkeit über Mich, Verzückung hat Mich ergriffen, da die Sonne der Welten über dem ‘Iráq erstrahlte und die süßen Melodien des Ḥijáz Mir die Geheimnisse der Trennung zu Gehör brachten. Und so will Ich dir, werter Freund, von dem berichten, was die mystische Taube im innersten Herzen des verhüllten Paradieses über die wahre Bedeutung von »Leben« und »Tod« gurrt – selbst wenn dies unmöglich sein sollte. Denn wollte Ich dir diese Worte so auslegen, wie es auf den verwahrten Tafeln geschrieben steht, könnten alle Tafeln und Blätter der Welt es nicht fassen, und keine Seele könnte es ertragen. Dennoch werde Ich sagen, was an diesem Tag und zu dieser Zeit angemessen ist. Es soll denen zur Führung gereichen, die die Gefilde innerer Bedeutungen betreten und den Melodien des Geistes lauschen, die dieser mystische, göttliche Vogel angestimmt hat, so dass sie zu denen gehören, die sich von allem außer Gott losgelöst haben und an diesem Tag freudig die Begegnung mit Ihm erwarten.
64
So wisse denn, dass »Leben« zweierlei Bedeutung hat. Die erste bezieht sich auf den Leib des Menschen und ist dir, verehrter Freund, und allen auf Erden so offenkundig wie die Mittagssonne. Dieses Leben endet mit dem physischen Tod – eine von Gott bestimmte, unausweichliche Tatsache. Das Leben jedoch, von dem in den Büchern der Propheten und Auserwählten Gottes die Rede ist, ist nichts anderes als das Leben der Erkenntnis; es bedeutet, dass der Mensch das Licht jener Offenbarung erkennt, mit der der Quell allen Lichts sich ihm, in ihm und durch ihn selbst offenbart hat, und dass er dessen gewiss ist, Gott in den Manifestationen Seines Befehls zu begegnen. Dies ist das gute Leben, ein Leben, das nicht vergeht: wer dazu erweckt ist, wird niemals sterben, sondern so lange leben, wie sein Herr und Schöpfer besteht.
65
Das erste, leibliche Leben hat ein Ende, denn Gott spricht: »Jede Seele schmeckt den Tod.«Qur’án 3:185, 21:35, 29:57.Q Aber das zweite Leben, das aus der Erkenntnis Gottes entsteht, kennt keinen Tod, wie offenbart wurde: »Wir werden ihn wahrlich zu einem guten Leben erwecken.«Qur’án 16:97.Q Und in einem anderen Vers über die Märtyrer: »Nein, sie leben, umsorgt von ihrem Herrn.«Qur’án 3:169.Q Und aus der Überlieferung: »Der wahre Gläubige lebt in beiden Welten.«aus einem Ḥadíth.Q Ähnliche Aussagen finden sich in großer Zahl in den Büchern Gottes und den Worten der Manifestationen Seiner Gerechtigkeit. Um Uns kurz zu fassen, haben Wir Uns jedoch mit den angeführten Textstellen begnügt.
66
O Mein Bruder! Entsage deinen Begierden; wende dich sodann deinem Herrn zu, und folge nicht denen, die ihre verderbten Neigungen zum Götzen gemacht haben, so dass du vielleicht Schutz findest im Ursprung des Lebens unter dem schützenden Schatten dessen, der die Namen und Eigenschaften werden lässt. Denn wer sich an diesem Tag von seinem Herrn abwendet, gilt als tot, auch wenn er auf Erden wandelt, als taub, obwohl er hört, und als blind, wiewohl er sieht. So, wie der Herr des Jüngsten Gerichts deutlich sagte: »Herzen haben sie, mit denen sie nicht verstehen, und Augen haben sie, mit denen sie nicht sehen...«Qur’án 7:179.Q Sie bewegen sich am Rand eines gefährlichen Abhangs und stehen an der Kante des Höllenschlunds.vgl. Qur’án 9:109; 3:103.A Sie haben keinen Anteil an diesem wogenden, überschäumenden Meer, sondern ergötzen sich an ihren eigenen, eitlen Worten.
67
Und nun führen Wir dir an, was in der Vergangenheit über das »Leben« offenbart wurde, auf dass es dich vor den Einflüsterungen des Selbstes bewahre, dich aus der Enge deines Käfigs an diesem finsteren Ort befreie und im Dunkel der Welt rechtleite.
68
Er sagt, und wahrlich, Er spricht die Wahrheit: »Ist etwa einer, der tot war und den Wir lebendig machten und dem Wir ein Licht gaben, damit unter den Menschen zu wandeln, gleich einem, der im Dunkeln ist und es nicht verlassen kann?«Qur’án 6:122.Q Diese Verse wurden im Hinblick auf Ḥamzah und Abú-Jahl offenbart; der eine war gläubig, der andere ungläubig. Die meisten heidnischen Stammesführer machten sich darüber lustig und spotteten, sie erregten sich und riefen: »Wann soll Ḥamzah denn gestorben sein? Und wie soll er dann wieder zum Leben erweckt worden sein?« Wenn ihr die Verse Gottes aufmerksam studiert, werdet ihr viele solcher Berichte im Buche finden.
69
Fänden sich doch reine Seelen, über die Ich etwas aus den Meeren des Wissens sprengen könnte, das Mein Herr Mich gelehrt hat; dann schwängen sie sich in die Himmel auf, so leicht, als wandelten sie auf Erden, und sie bewegten sich über die Wasser wie auf dem Land. Sie brächten ihre Seelen auf dem Pfade ihres Schöpfers als Opfer dar. Doch die göttliche Bestimmung hat nicht erlaubt, dieses mächtigste Geheimnis zu lüften. Und so ist dieses Mysterium seit jeher in den Schatzkammern der Macht verwahrt und in den Truhen der Kraft verborgen, damit Seine treuen Diener nicht ihr Leben wegwerfen in der Hoffnung auf diese höchste Stufe in den Reichen der Ewigkeit. Wer aber in dieser bedrückend tiefen Dunkelheit wandelt, der wird sie niemals erreichen.
70
O Mein Bruder! Wo es angebracht war, haben Wir Uns wiederholt, damit dir mit Gottes Erlaubnis alles, was in diesen Zeilen dargelegt ward, klar werde, damit du unabhängig wirst von denen, die in die Dunkelheit des Selbstes gehüllt sind und im Tal des Hochmuts und des Stolzes umherwandern, und du so ins Paradies des ewigen Lebens gelangst.
71
Sprich: O Menschen! Wahrlich, der Baum des Lebens wurde inmitten von Gottes Paradies gepflanzt und spendet Leben nach allen Seiten. Wie kann es sein, dass ihr Ihn nicht seht und anerkennt? Er wird dir wahrlich helfen, alles zu erfassen, was diese zur Ruhe gekommene Seele dir vom Wesen der göttlichen Geheimnisse enthüllt hat. Die Taube der Heiligkeit gurrte im Paradies der Unsterblichkeit, und Ich rufe es dir ins Gedächtnis, damit du ein neues, stählernes Gewand anlegst, das dich vor den Pfeilen des Zweifels beschütze, die in den Anspielungen der Menschen verborgen liegen. Sie sprach: »Es sei denn, dass jemand geboren werde aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen. Was vom Fleisch geboren ist, das ist Fleisch; und was vom Geist geboren ist, das ist Geist. Wundere dich nicht, dass ich dir gesagt habe: Ihr müsst von neuem geboren werden.«Joh. 3:5–7.Q
72
Schwinge dich also auf zu diesem göttlichen Baume und koste von seinen Früchten. Dann sammle auf, was davon herabgefallen ist und bewahre es sorgfältig auf. Denke nach über die Worte eines der Propheten, als Er den Menschen durch verdeckte Hinweise und rätselhafte Gleichnisse die frohe Botschaft über den verkündete, der nach Ihm kommen werde, auf dass du mit Gewissheit erkennst, dass ihre Worte nur von jenen begriffen werden, die Einsicht besitzen. Er sagt: »Seine Augen waren wie eine Feuerflamme«, und »wie glänzendes Erz waren seine Füße«, und »aus seinem Munde kommt ein scharfes Schwert.«vgl. Offb. 1:14–16; 2:18; 19:15.Q Wie könnte man diese Worte wörtlich interpretieren? Würde jemand mit diesen Merkmalen erscheinen, so wäre er sicher kein Mensch. Und wer sollte seine Gegenwart suchen? Nein, käme er in eine Stadt, so würden sogar die Bewohner der Nachbarstadt vor ihm fliehen, und niemand wagte es, sich ihm zu nähern! Doch wenn du über diese Worte nachdenkst, so erkennst du, dass sie von unübertrefflicher Eloquenz und Klarheit sind, die erhabensten Höhen der Rede und der Inbegriff der Weisheit. Mich dünkt, aus ihnen strahlen die Sonnen der Beredsamkeit und die Sterne der Klarheit.
73
Sieh die Toren vergangener Zeiten und jene, die heute das Kommen eines solchen Menschen erwarten! Erscheint Er nicht in der eben beschriebenen Gestalt, so glauben sie nicht an Ihn. Da ein solches Wesen aber niemals kommen wird, werden sie auch nie zum Glauben finden. So ist es um dieses ungläubige, gottlose Volk bestellt! Wie sollten diejenigen, die nicht einmal verstehen, was offenkundig ist, je die Rätsel der göttlichen Prinzipien und die Edelsteine der Geheimnisse Seiner immerwährenden Weisheit erfassen?
74
Ich werde dir nun kurz die wahre Bedeutung dieser Verse erklären, damit du ihre verborgenen Geheimnisse verstehst. So prüfe alsdann und urteile gerecht über das, was Wir dir enthüllen, damit du vor Gott zu denen zählst, die in diesen Dingen gerecht urteilen.
75
Wisse, dass derjenige, der diese Worte in den Reichen der Majestät sprach, die Eigenschaften dessen, der kommen wird, in solch verschleierten, rätselhaften Worten beschrieb, damit das Volk des Irrtums sie nicht verstehe. Mit den Worten »seine Augen waren wie Feuer«vgl. Offb. 1:14–16 – Anm. d. Hrsg.Q spielte Er auf den alles durchdringenden Blick des Verheißenen an, der mit Seinen Augen alle Schleier und Hüllen verbrennt, die ewigen Geheimnisse in der bedingten Welt erkennt und die Angesichter derer, die vom Höllenstaub verdunkelt werden, von denen unterscheidet, die das Licht des Paradieses widerstrahlen.vgl. Qur’án 80:41; 83:24.A Wären Seine Augen nicht aus »Gottes loderndem Feuer«, wie könnte Er dann die Schleier und alle menschlichen Vorstellungen verbrennen? Wie könnte Er sonst die Zeichen Gottes im Reich Seiner Namen und im Himmel der Schöpfung erkennen? Wie könnte Er alle Dinge mit Gottes sehendem Auge schauen? So schärften Wir an diesem Tag Seinen Blick. Wolltet ihr doch Gottes Versen glauben! Und welches Feuer brennt heißer als das, welches im Sinai Seiner Augen lodert und alles verzehrt, was die Menschen verhüllt? Unermesslich erhaben bleibt Gott über alles, was auf den vortrefflichen Tafeln erschien über die Geheimnisse des Anfangs und des Endes bis zu dem Tag, an dem »der Rufer rufen wird«. Dann werden wir alle zu Ihm zurückkehren.
76
Die Worte »wie glänzendes Erz waren Seine Füße«vgl. Offb. 2:18 – Anm. d. Hrsg.Q zeugen für Seine Standhaftigkeit, denn Er hört auf Gottes Ruf: »Sei standhaft, wie dir befohlen ward!«Qur’án 11:112.Q Er wird so standhaft sein in der Sache Gottes und so sicher auf dem Pfad Seiner Macht schreiten, dass Er bei der Verkündung Seiner Sache nicht wankt noch Seinen Befehl flieht, Sein Gesetz zu verkünden, sollten Ihn auch alle auf Erden und in den Himmeln zurückweisen. Fest werden Seine Füße stehen wie die höchsten Berge und die erhabensten Gipfel. Unerschütterlich wird Er sein in Seinem Gehorsam vor Gott und standhaft Seine Sache offenbaren und Sein Wort verkünden. Keiner wird Ihn aufhalten; der Widerstand der Eigensinnigen wird Ihn nicht hindern und die Zurückweisung durch die Gottlosen Ihn nicht zaudern lassen. Alle Ablehnung, aller Hass, aller Unglaube und Frevel, die Ihm begegnen, mehren nur Seine Liebe zu Gott, die Sehnsucht Seines Herzens, die Verzückung Seiner Seele, und erfüllen Seine Brust mit brennender Liebe. Hast du je auf Erden ein Erz gesehen, das mächtiger, ein Schwert, das schärfer oder einen Berg, der fester wäre? Er trotzt allen Bewohnern der Erde und fürchtet keinen, ungeachtet der Gräuel, zu denen – wie du weißt – Menschen imstande sind. Verherrlicht sei Gott, der Ihn zurückhält und Ihn aussendet. Mächtig ist Er zu tun, was Ihm beliebt. Er ist wahrlich der Helfer in Gefahr, der Selbstbestehende.
77
Weiter sagt Er: »Aus seinem Munde kommt ein scharfes Schwert«vgl. Offb. 19:15 – Anm. d. Hrsg.Q. Wisse, dass das Schwert ein Werkzeug ist, das zerteilt und zertrennt. Und aus dem Munde der Propheten und Auserwählten Gottes entspringt, was die Gläubigen von den Ungläubigen, den Liebenden vom Geliebten scheidet. Mit alledem ist nichts anderes gemeint als dieses ›Zertrennen‹ und ›Zerteilen‹. So wird der Erste Punkt, die ewige Sonne, wenn Er mit Gottes Erlaubnis alle Geschöpfe vorlädt und sie aus den Gräbern ihres Selbstes erweckt, sie – mit einem einzigen Wort von Gott – voneinander trennen: Dieses Wort scheidet Wahrheit von Irrtum, von jenem Tag bis zum Tage der Auferstehung. Welches Schwert ist schärfer als dieses himmlische Schwert, welche Klinge härter als dieser unzerstörbare Stahl, der jedes Band zerschneidet und so den Gläubigen vom Ungläubigen, den Vater vom Sohn, den Bruder von der Schwester und den Liebenden von der Geliebten trennt?vgl. Lk. 12:53.A Denn wer glaubt, was Ihm offenbart wurde, ist ein wahrhaft Gläubiger, und wer sich davon abkehrt, ein Ungläubiger. So sehr sind sie voneinander geschieden, dass sie in dieser Welt nicht länger miteinander verkehren. Dies gilt selbst für Vater und Sohn; denn wenn der Sohn glaubt und der Vater ungläubig bleibt, so sind sie auf ewig voneinander getrennt. Ja, du siehst, wie der Sohn den Vater und der Vater den Sohn tötet. Bedenke in diesem Lichte alles, was Wir dir berichtet und erklärt haben.
78
Wenn du alles mit dem »Auge der Gewissheit« siehst, erkennst du, wie dieses göttliche Schwert die Generationen spaltet. O dass ihr es doch verstündet! All dies geschieht durch das trennende Wort, das am Tage des Gerichts und der Trennung offenbar wird – ach, wären doch die Menschen achtsam am Tage ihres Herrn! Wolltest du deinen Blick schärfen und dein Herz empfindsamer machen, so würdest du bezeugen, dass alle irdischen Schwerter, die seit ehedem die Ungläubigen getötet und Krieg gegen die Frevler geführt haben, letztlich auf dieses göttliche, unsichtbare Schwert zurückzuführen sind. So öffne deine Augen, auf dass du alles siehst, was Wir dir offenbart haben, und erlangst, was kein anderer erlangt hat. So sprechen Wir: »Preis sei Ihm, denn Er ist der König am Tage des Gerichts.«vgl. Qur’án 1:4.Q
79
Da diese Menschen versäumt haben, wahres Wissen aus seiner Quelle zu schöpfen, aus dem Meer der frischen, sanft fließenden Wasser, die mit Gottes Erlaubnis durch makellos reine Herzen strömen, bleibt ihnen verborgen, was Gott mit diesen Worten und Hinweisen beabsichtigte. So bleiben sie gefangen im Gefängnis ihres Selbstes.
80
Wir danken Gott für das, was Er uns in Seiner Gnade gewährt hat. Er hat uns Gewissheit geschenkt über Seinen Glauben, dem niemand auf Erden und in den Himmeln widerstehen kann. Er hat uns befähigt, uns am Tage der Begegnung mit Ihm zu Ihm zu bekennen und zu dem, den Gott bei der künftigen Auferstehung offenbaren wird. Und Er hat uns schon vor dessen Erscheinen Gewissheit über Ihn geschenkt, auf dass Seine Gunst an uns und der ganzen Menschheit vollendet werde.
81
Doch höre, o Mein Bruder, Meine Klage über die, die behaupten, Gott und den Manifestationen Seines Wissens zuzugehören, und die doch nur ihren verderbten Begierden folgen, sich das Gut ihres Nächsten aneignen, sich dem Wein ergeben, morden, sich bestehlen und betrügen, die Gott lästern und aus Gewohnheit lügen. All dies schreiben die Menschen Uns zu, während die Täter sich nicht vor Gott schämen. Sie verwerfen, was Er ihnen auferlegt, und tun, was Er verboten. Dabei sollte das Antlitz des Volkes Gottes mit den Zeichen der Demut und dem Licht der Heiligkeit erstrahlen. Auf Erden sollen sie wandeln, als seien sie in der Gegenwart Gottes, und durch ihre Werke sollen sie sich von allen unterscheiden, die auf Erden wohnen. Ihre Augen sollen die Beweise Seiner Macht schauen, ihre Zungen und Herzen Seines Namens gedenken, ihre Schritte sollen sie zum Land Seiner Nähe lenken, und mit ihren Händen sollen sie sich fest an Sein Gebot halten. Und schritten sie gleich durch ein Tal aus Gold und kostbarem Silber, so sollen sie dessen nicht achten und es keines Blickes würdigen.
82
Doch sie haben sich von alledem abgewandt und ihr Herz darauf gerichtet, was ihre verderbten Neigungen befriedigt. So wandern sie durch das Tal des Stolzes und des Hochmuts. Ich bezeuge in diesem Augenblick, dass Gott sich von ihnen lossagt, wie auch Wir Uns von ihnen lossagen. Wir flehen zu Gott, dass Wir mit ihnen nicht länger verkehren müssen, weder in diesem noch im zukünftigen Leben. Er ist wahrlich die Wahrheit. Kein Gott ist außer Ihm, und Seine Macht ist allem gewachsen.
83
Trinke nun, o Mein Bruder, von dem Wasser, das Wir in die Meere dieser Worte fließen ließen. Mich dünkt, die Seen der Größe wogen in ihnen und die Edelsteine der Einzigkeit leuchten für sie, durch sie und auf sie. Lege ab, was dich davon abhält, in dieses unergründliche, karminrote Meer einzutauchen und sprich: »Im Namen Gottes!« Dann tauche ein und fürchte keinen! Vertraue auf Gott, deinen Herrn. Wer auf Ihn vertraut, dem genügt Er. Er wird dich wahrlich beschützen, und bei Ihm wirst du sicher wohnen.
84
Wisse ferner, dass der Wanderer, den du in dieser reinen, herrlichen Stadt antreffen wirst, bescheiden ist gegenüber allen Menschen und demütig vor allen Dingen. Denn in allem, was er sieht, erkennt er Gott. Er sieht Sein Licht in den Lichtern der Offenbarungen, die den Sinai des Erschaffenen umfassen. Auf dieser Stufe darf der Wanderer in keiner Versammlung den Ehrenplatz einnehmen, um sich selbst zu rühmen, oder anderen voranschreiten, um sich selbst zu erhöhen. Er sollte sich bewusst sein, dass er ständig in der Gegenwart seines Herrn ist. Er darf nicht anderen wünschen, was er nicht für sich selbst wünscht, noch sagen, was er selbst nicht erträgt, wenn er es von anderen hört. Er muss sich vielmehr auf Erden geraden Schritts im Himmelreich der neuen Schöpfung bewegen.
85
Wisse jedoch, dass der Sucher, wie bereits gesagt, zu Beginn seiner Reise eine tiefgreifende Wandlung erfährt. Dies ist unzweifelhaft wahr, so wie über diese Tage offenbart wurde: »Der Tag, an dem die Erde in eine andere Erde verwandelt wird.«Qur’án 14:48.Q Dies sind Tage, wie sie noch kein Auge gesehen. Selig, wer sie erreicht und ihren Wert erkennt. »Und Wir hatten Moses gesandt mit Unseren Versen: ›Führe das Volk aus der Finsternis ans Licht und warne sie vor den Tagen Gottes!‹«Qur’án 14:5.Q Dies ist wahrlich einer der Tage Gottes, würdet ihr es nur begreifen.
86
Auf dieser Stufe ist alles, was sich verändert und wandelt, vor dir offenbar. Wer dies leugnet, ist wahrlich von der Sache Gottes abgefallen, hat Seine Souveränität bestritten und sich gegen Seine Herrschaft aufgelehnt. Denn wer die Erde verwandeln und sie zu einer anderen Erde machen kann, der ist auch imstande, all ihre Bewohner zu verwandeln. So wundere dich nicht darüber. Auch wandelt Er Finsternis in Licht, Licht in Finsternis, Unwissenheit in Wissen, Irrtum in Rechtleitung, Tod in Leben und Leben in Tod. Auf dieser Ebene kann man von Verwandlung sprechen. Denke darüber nach, wenn du diesen Pfad beschreiten willst, auf dass dir alles, was du diesen Diener gefragt hast, klar werde und du unter dem Tabernakel dieser Führung wohnest. Denn Er tut, was Er will und bestimmt, was Ihm gefällt. Er soll nicht befragt werden über Sein Tun; doch die Menschen werden nach jeder ihrer Taten befragt.vgl. Qur’án 21:23.A
87
O Mein Bruder! Auf dieser Stufe, dem Beginn der Reise, wirst du verschiedene Stadien und Zeichen sehen. Dies erwähnten Wir bereits, als Wir über die Stadt der Suche sprachen. Diese sind auf ihrer jeweiligen Ebene wahr. Auf dieser Stufe solltest du, geschätzter Freund, alles Erschaffene seiner Stufe entsprechend betrachten und seinen Rang weder zu hoch noch zu niedrig einschätzen. Wolltest du etwa behaupten, die Stufe der Gottheit inkarniere sich auf der Stufe des Menschen, so wäre dies schiere Blasphemie. Und es wäre ebenso reiner Unglaube, wolltest du die Stufe des Menschen vergöttlichen. Nennst du dagegen die Welt Gottes ›Gotteswelt‹ und die Welt des Menschen ›Menschenwelt‹, dann ist dies unzweifelhaft wahr. Das heißt: In der gesamten Schöpfung ist keine größere Sünde denkbar als die Behauptung, im Reiche der göttlichen Einheit gebe es einen Wandel. Betrachtest und verstehst du jedoch den Wandel auf der ihm eigenen Stufe und damit in angemessener Weise, so ist dir nichts vorzuwerfen.
88
Bei Meinem Herrn! Trotz allem, was Wir dir von den Geheimnissen des Wortes und den Stufen der Erklärung dargelegt haben, scheint es Mir, als hätte Ich noch keinen einzigen Buchstaben vom Meere des verborgenen, göttlichen Wissens und dem Wesen Seiner unergründlichen Weisheit gesprochen. So Gott will, werden Wir dies zu gegebener Zeit tun. Er gedenkt aller Dinge zur angemessenen Zeit, und Wir gedenken Seiner.
89
Wisse, dass der Vogel, der in der Sphäre des Reiches göttlicher Herrschaft fliegt, niemals fähig sein wird, sich in den heiligen Himmel Gottes aufzuschwingen oder die Früchte zu schmecken, die Gott dort erschaffen hat oder von den Strömen zu trinken, die Er dort fließen lässt. Kostete er auch nur einen Tropfen davon, er würde augenblicklich sterben; so wie du es dieser Tage bei denen siehst, die sich zu Uns bekennen, aber tun, was sie tun, sprechen, was sie sprechen, und beanspruchen, was sie beanspruchen. Sie sind wie Tote, in Tücher gehüllt.
90
Verstehe ebenso jede andere Stufe, jedes Zeichen und jeden Hinweis, damit du alle Dinge an ihrem jeweiligen Ort und auf ihrer eigenen Stufe siehst. Denn auf dieser Stufe, der ›Stadt göttlicher Einzigkeit‹, finden sich Menschen, die die Arche der Führung betreten haben und durch die Höhen göttlicher Einzigkeit wandern. In ihren Gesichtern erblickst du das Licht der Schönheit und in ihren Leibern die Geheimnisse der Erhabenheit. Du wirst Moschusduft aus ihren Worten atmen und in allem, was sie tun, die Zeichen Seiner Souveränität erkennen. Dort wirst du nicht durch die Taten derer abgehalten, die es versäumt haben, von den klaren Quellen zu trinken oder die Städte der Heiligkeit zu erreichen, derer, die ihren selbstischen Begierden folgen und im Glauben, sie seien rechtgeleitet, Verderben auf Erden stiften. Über sie wurde gesagt: »Gesindel und Toren, die jedem Schreihals folgen und sich mit jedem Wind beugen.«Imám ‘Alí, ein ihm zugeschriebener Ausspruch.Q Die Stadien dieser Reise, diese Stufe und diese Heimstatt sind dir, werter Freund, bekannt und bedürfen keiner langen Erklärung.
91
Wisse ferner, dass sich, wie du vernommen hast, die Sonne der Wahrheit, der Erste Punkt, Titel zugeschrieben hat, die der Tradition entstammen, geschah allein wegen der Schwäche der Menschen und der Begrenztheit der erschaffenen Welten. Denn in Wahrheit kreisen alle Namen und Eigenschaften um Sein Wesen und um den Hof Seines Heiligtums. Nein, vielmehr prägt Er alle Namen, offenbart sämtliche Eigenschaften, verleiht allen Dingen ihr Wesen, verkündet die Verse Gottes und schmückt die offenbaren Zeichen. Ja, mehr noch: Schautest du mit deinem inneren Auge, so würdest du erkennen, dass sich vor Ihm alles in nichts auflöst und völligem Vergessen anheimfällt. Gott war allein; nichts war außer Ihm. Und Er ist, wie Er immer war. Geht man davon aus, dass Gott – geheiligt und verherrlicht sei Er! – allein war und es nichts außer Ihm gab, wie kann da von Veränderung und Verwandlung gesprochen werden? So denke nach über das, was Wir dir enthüllt haben, damit dir die Sonne der Führung an diesem ewigen Morgen hell leuchte und du zu den Frommen gezählt wirst.
92
Wisse ferner, dass alles, was Wir über diese Reisen gesagt haben, nur für die Auserwählten unter den Gerechten bestimmt ist. Und wenn du dich auf das mystische Pferd schwingst und die göttlichen Auen durchquerst, so vollendest du diese Reise in weniger als einem Augenblick und begreifst alle Geheimnisse.
93
O Mein Bruder! Willst du dich auf diesem Felde bewähren, so durcheile die Gefilde der Gewissheit, auf dass deine Seele an diesem Tage aus dem Gefängnis des Unglaubens befreit werde und du die Moschusdüfte wahrnimmst, die aus diesem Garten wehen. Die wohlriechenden Brisen dieser Stadt verströmen ihren Duft in alle Welt. Verscherze nicht deinen Anteil, und sei nicht achtlos! Wie zutreffend wurde es gesagt:
94
»Wehte ihres Duftes Hauch im Osten, so manch Verschnupfter im Westen würde geheilt.«Ibn-i-Fáriḍ, Díván.Q
95
Nach dieser himmlischen Reise, diesem mystischen Aufstieg, betritt der Wanderer den Garten des Staunens. Wollte Ich dir die Wirklichkeit dieser Stufe enthüllen, du würdest diesen Diener beklagen und beweinen, denn Er ist den Gottlosen ausgeliefert, bestürzt ob Seiner Lage und verwirrt in diesem unergründlichen Meer. Tag um Tag verschwören sie sich, Mich zu töten, und zu jeder Stunde suchen sie, Mich aus diesem Land zu vertreiben, wie sie Mich bereits aus einem anderen Land verbannt haben. Doch dieser Diener steht ihnen bereit und wartet auf das, was der Allmächtige für Uns verordnet und bestimmt hat. Auch wenn die Frevler und Hasserfüllten Leid und Heimsuchung über Uns bringen und Trauer und Sorgen Uns umfangen, so fürchte Ich doch niemanden und fliehe keinen: »Der Sintflut Noahs gleich ist eine jede Meiner Tränen, und Meine Pein gleicht dem Feuer, das für Abraham entfacht ward. Jakobs Gram ist nur ein Abglanz Meines Kummers und alle Drangsal Hiobs nur ein Bruchteil Meiner Not.«Ibn-i-Fáriḍ, Díván.Q
96
Wollte Ich dir berichten, welch Unglück über Mich gekommen ist, so wärest du so betrübt, dass du an nichts anderes mehr denken könntest und dich selbst und alles, was der Herr erschaffen hat, vergessen würdest. Da dies jedoch nicht Unser Wunsch ist, habe Ich die Offenbarung des göttlichen Befehls in Bahás Brust verborgen und sie vor den Augen aller im Reich der Schöpfung verhüllt. So ruht sie im Tabernakel des Unsichtbaren bis zu der Zeit, da Gott Sein Geheimnis offenbaren wird. »Nichts im Himmel noch auf Erden entgeht Seinem Wissen. Und Er wacht über alle Dinge.«vgl. Qur’án 10:61; 34:3.Q
97
Wir sind von Unserem Thema abgeschweift und wollen darum nicht länger bei diesen Andeutungen verweilen, sondern Unsere Erörterung über diese Stadt fortsetzen. Wahrlich, wer sie betritt, wird erlöst, und wer sich von ihr abwendet, wird zugrunde gehen.
98
O du, der du auf diesen Tafeln genannt bist! Wisse: Wer sich auf diese Reise begibt, der wird über die Zeichen der Macht Gottes und die wundersamen Zeugnisse Seines Werks in Verwirrung geraten. Bestürzung wird von allen Seiten über ihn kommen, wie es das Juwel der Unsterblichkeit vor der himmlischen Schar bezeugt hat: »Herr! Steigere Meine Verwirrung!«ein Ḥadíth.Q Zutreffend wurde gesagt:
99
»Verwirrung kannte ich nicht,
bis ich Deine Liebe zum Glauben erkor;
O welche Verwirrung,
käme meine Verwirrung nicht von Dir!«Ibn-i-Fáriḍ, Díván.
Q
100
In diesem Tal verirren sich die Wanderer; sie gehen zugrunde, bevor sie ihre Heimstatt erreichen. Bei Gott! So unermesslich weit ist dieses Tal, so mächtig diese Stadt im Reich der Schöpfung, dass sie weder Anfang noch Ende zu haben scheinen. Wohl dem, der seine Reise dort vollendet und mit Gottes Hilfe den gesegneten Boden dieser göttlichen Stadt betritt, einer Stadt, in der die Gottnahen und die treu Ergebenen von Staunen überwältigt werden. Und Wir sprechen: »Preis sei Gott, dem Herrn der Welten.«
weiter nach unten ...