Shoghi Effendi | Die Weltordnung Bahá’u’lláhs
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Ihr wahrer Bruder Shoghi
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Haifa, Palästina 21. März 1932
Amerika und der Größte Friede
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An die Geliebten des Herrn und die Dienerinnen des Barmherzigen in den Vereinigten Staaten und in Kanada
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Freunde und Mitkämpfer für den Glauben Gottes!
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Vierzig Jahre werden vor dem Ende des kommenden Sommers verstrichen sein, seitdem der Name Bahá’u’lláhs zum ersten Mal auf dem amerikanischen Erdteil erwähnt wurde. Seltsam müssen in der Tat jedem Beobachter, der die Bedeutung eines derart wichtigen Wendepunkts in der Geistesgeschichte der großen amerikanischen Republik in seinem Herzen bewegt, die Umstände vorkommen, unter denen diese erste öffentliche Bezugnahme auf den Urheber unseres geliebten Glaubens geschah. Noch seltsamer müssen die Gedankenverbindungen erscheinen, welche die kurzen Worte, die bei dieser historischen Gelegenheit geäußert wurden, in den Gemütern der Zuhörer ausgelöst haben müssen.
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Nichts von Pomp und Staat, nichts von Bekundungen öffentlichen Jubels oder volkstümlichen Beifalls bei diesem ersten HinweisDie Erwähnung geschah in einem Vortrag von Dr. Henry H. Jessup vor dem Parlament der Religionen, Columbia-Ausstellung, Chicago 1893 – Anm. d. BWCA amerikanischer Bürger auf das Bestehen und die Zielsetzung der von Bahá’u’lláh verkündeten Offenbarung. Auch bekannte sich er, der das erwählte Werkzeug dafür war, keineswegs selbst als einer, der an die der überbrachten Botschaft innewohnende Gewalt glaubte, noch vermutete er das Ausmaß der Kräfte, die seine beiläufige Erwähnung entfesseln sollte.
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Angekündigt durch den Mund eines erklärten Verfechters jener engstirnigen Kirchlichkeit, die unser Glaube herausfordert und zu tilgen sucht, zur Stunde ihrer Geburt als obskurer Ableger eines schändlichen Irrglaubens bezeichnet, konnte die Botschaft des Größten Namens doch, gespeist von den Strömen unaufhörlicher Prüfungen und erwärmt vom Sonnenschein der zärtlichen Fürsorge ‘Abdu’l-Bahás, ihre Wurzeln tief in den fruchtbaren Boden Amerikas schlagen und in weniger als einem halben Jahrhundert ihre Schösslinge und Ableger bis in die entlegensten Ecken des Erdballs entsenden. Heute steht sie da, gekleidet in die Pracht des geweihten Baus, den sie im Herzen dieses Erdteils aufgerichtet hat, fest entschlossen, ihre Ansprüche zu verkünden und ihre Fähigkeit, ein schwer verwundetes Volk zu erlösen, unter Beweis zu stellen. Ohne sich auf Vorteile wie Talent, Rang und Reichtümer stützen zu können, hat die Gemeinde der amerikanischen Gläubigen trotz ihres zarten Alters, ihrer geringen Zahl, ihrer beschränkten Erfahrung, kraft der begnadeten Weisheit, des vereinten Willens und der unverbrüchlichen Bundestreue ihrer Verwalter und Lehrer die Würde unbestrittener Führerschaft unter ihren Schwestergemeinden in Ost und West bei der tatkräftigen Beschleunigung des Kommens des von Bahá’u’lláh erwarteten Goldenen Zeitalters erlangt.
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Und doch! Wie schwer wogen die Krisen, welche diese jugendliche, diese gesegnete Gemeinde im Verlauf ihrer bewegten Geschichte glücklich überwunden hat! Wie langsam und schmerzlich war der Prozess, der sie Schritt für Schritt aus einem unbeachteten Dahindämmern ins helle Tageslicht öffentlicher Anerkennung brachte! Wie hart waren die Schläge, die mit dem Abfall der Kleinmütigen, mit der Bosheit der Unheilstifter, mit der Verräterei der Hochmütigen und Ehrgeizigen durch die Reihen ihrer ergebenen Anhänger gingen! Welche Stürme von Spott, Schimpf und Ehrabschneiderei hatten ihre Vertreter zu gewärtigen, während sie die Unversehrtheit ihres erkorenen Glaubens unerschütterlich wahrten und seinen guten Namen tapfer verteidigten! Wie unaufhörlich waren die Wechselfälle, wie verwirrend die Rückschläge, welche ihre bevorrechtigten Mitglieder, junge und alte gleichermaßen, in ihrem heldenhaften Bemühen, jene Höhen zu erstürmen, die ihnen ein liebender Meister zu erreichen gebot, durchzukämpfen hatten!
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Zahllos und mächtig waren die Feinde des Glaubens. Kaum hatten diese an seinen erklärten Trägern die Beweise wachsender Überlegenheit entdeckt, da wetteiferten sie miteinander darin, ihnen die gemeinsten Anschuldigungen ins Gesicht zu schleudern und über den Gegenstand ihrer Verehrung die Schale ihres grimmigsten Zornes auszugießen. Wie oft haben sie über die bescheidenen Mittel dieser Gemeinde und über ihr scheinbar stockendes Leben gespöttelt! Wie beißend verlachten sie diese wegen ihres Ursprungs und taten sie in völliger Fehleinschätzung ihrer Ziele als nutzlosen Fortsatz eines welkenden Glaubens ab! Haben sie nicht in ihren schriftlichen Angriffen die heldische Person des Vorläufers einer so geheiligten Offenbarung als feigen Widerrufler, als verdrehten Abtrünnigen gegeißelt, haben sie nicht die gesamte Reihe Seiner umfangreichen Schriften als das leere Geschwätz eines Hirnlosen gebrandmarkt? Haben sie nicht ihrem göttlichen Begründer die gemeinsten Beweggründe angedichtet, die ein skrupelloser Verschwörer, ein Thronräuber hegen könnte? Haben Sie nicht den Mittelpunkt Seines Bundes als die Verkörperung grausamer Gewaltherrschaft hingestellt, als Unheilstifter, als allbekanntes Beispiel orientalischer List und Tücke? Die weltvereinenden Grundsätze eines stetig wachsenden Glaubens haben diese ohnmächtigen Feinde immer wieder als von Grund auf mangelhaft abgetan, sein allumfassendes Programm als völlig phantastisch dargestellt, seinen Ausblick auf die Zukunft als Hirngespinst, als mutwilligen Betrug betrachtet. Die grundlegenden Wahrheiten, welche die Lehraussage dieses Glaubens bilden, haben seine törichten Gegner als einen Deckmantel für leere Dogmen ausgegeben; sie haben sich gewehrt, seinen Verwaltungsapparat von seinem innersten Wesen zu unterscheiden, und die Mysterien, die dieser Glaube verehrt und verteidigt, haben sie als reinen Aberglauben abgetan. Den Grundsatz der Einheit, für den dieser Glaube eintritt und mit dem er gleichgesetzt wird, haben sie als einen öden Versuch der Gleichmacherei missdeutet; seine wiederholten Bekräftigungen, dass es übernatürliche Wirkkräfte gibt, haben sie als hohlen Zauberglauben verurteilt, die Herrlichkeit seines Idealismus als bloße Utopie verworfen. Jeden Reinigungsprozess, durch den eine unerforschliche Weisheit von Zeit zu Zeit die Körperschaft Seiner erwählten Anhänger vom Schmutz des Unerwünschten und Wertlosen zu läutern beliebte, haben diese Opfer einer unerbittlichen Eifersucht als ein Anzeichen für die einbrechenden Kräfte der Spaltung begrüßt, Kräfte, welche bald die innere Festigkeit dieses Glaubens auszehren, seinen Lebensodem ersticken, seinen Niedergang besiegeln sollten.
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Innig geliebte Freunde! Es ist nicht an mir noch scheint es für jemanden aus unserer Generation statthaft zu sein, die genaue und vollständige Geschichte des Aufstiegs und der fortschreitenden Festigung dieses unbesiegbaren Armes, dieses machtvollen Organs der stetig sich entwickelnden Sache Gottes nachzuzeichnen. Zum jetzigen frühen Stand der Entwicklung wäre es voreilig, wollte man eine erschöpfende Analyse versuchen oder zu einer richtigen Einschätzung der Triebkräfte kommen, die diese Gemeinde auf ihren erhabenen Rang unter den zahlreichen Werkzeugen gehoben haben, welche die Hand des Allmächtigen für die Durchführung Seiner göttlichen Absicht bereitet hat und nun weiter verfeinert. Künftige Geschichtsschreiber dieser machtvollen Offenbarung mit kundigeren Federn, als je einer ihrer gegenwärtigen Anhänger sie für sich beanspruchen kann, werden zweifellos der Nachwelt eine meisterliche Darstellung des Ursprungs jener Kräfte hinterlassen, die in einzigartigem Pendelschwung das Verwaltungszentrum unseres Glaubens weit weg von seiner Wiege an die Küsten des amerikanischen Erdteils und in dessen Herz hinein verlagerten, hin zur gegenwärtigen Haupttriebfeder und Hauptbastei ihrer rasch sich entwickelnden Institutionen. Ihnen wird dann auch die Aufgabe zukommen, den Ablauf einer derart grundlegenden Umwälzung in den Geschicken eines langsam reifenden Glaubens aufzuzeichnen und seine Bedeutung abzuschätzen. Ihnen wird die Gelegenheit zuteil, die Tugenden jener Männer und Frauen zu preisen, die an der Vollendung dieses Prozesses teilnahmen, und deren Gedächtnis unsterblich zu machen. Sie werden das Vorrecht haben, den Anteil jedes einzelnen dieser Vorkämpfer und Baumeister der Weltordnung Bahá’u’lláhs an der Einleitung jenes Goldenen Zeitalters, dessen Verheißung in Seinen Lehren verwahrt liegt, zu bewerten.
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Bietet nicht die Geschichte des frühen Christentums und die des Aufstiegs des Islám, jede auf ihre eigene Art, eine verblüffende Parallele zu der denkwürdigen Erscheinung, deren Anfänge wir jetzt, im ersten Jahrhundert des Bahá’í-Zeitalters, miterleben? Ist nicht der göttliche Impuls, der jedem großen Religionssystem das Leben schenkte, unter der Einwirkung jener Kräfte, die das unaufhaltsame Wachstum des Glaubens entfesselte, aus seinem Geburtsland abgelenkt worden, um sich in günstigeren Himmelsstrichen ein vorbereitetes Feld und bessere Lebensbedingungen für die Verkörperung seines Geistes und die Verkündigung seiner Sache zu suchen? Waren nicht die asiatischen Kirchen von Jerusalem, Antiochia und Alexandrien, die hauptsächlich aus bekehrten Juden bestanden und nach deren Charakter und Temperament dazu neigten, sich auf das überlieferte Zeremoniell der mosaischen Sendung einzustimmen – waren nicht diese Kirchen gezwungen, das wachsende Übergewicht ihrer griechischen und römischen Brüder zur Kenntnis zu nehmen? Mussten sie nicht die Überlegenheit und die geschulte Tüchtigkeit anerkennen, die jene Bannerträger der Sache Jesu Christi befähigte, die Zeichen Seiner Weltherrschaft auf den Ruinen eines zusammenbrechenden Imperiums aufzupflanzen? War nicht der den Islám belebende Geist unter dem Druck ähnlicher Verhältnisse gezwungen, die ungastlichen Wüsten seiner arabischen Heimat, die Schauplätze seiner größten Leiden und Heldentaten, zu verlassen, um in einem fernen Land die köstlichste Frucht seiner langsam reifenden Kultur hervorzubringen?
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»Vom Anbeginn der Zeit bis auf den heutigen Tag«, bekräftigt ‘Abdu’l-Bahá selbst, »ist das Licht göttlicher Offenbarung im Osten aufgegangen und hat seine Strahlen auf den Westen ergossen. Im Westen aber hat seine Leuchtkraft ungewöhnliches Feuer erlangt. Betrachte den Glauben, den Jesus verkündete. Obgleich er zuerst im Osten erschien, wurde doch das volle Maß seiner Möglichkeiten erst offenbar, als sich sein Licht auf den Westen ergoss.« »Der Tag naht heran«, so versichert Er uns an einer anderen Stelle, »da ihr bezeugen werdet, wie durch den Strahlenglanz des Glaubens Bahá’u’lláhs der Westen den Osten abgelöst haben wird und das Licht göttlicher Führung verbreiten wird.« »In den Büchern der Propheten«, bestätigt Er des Weiteren, »sind gewisse Frohe Botschaften aufgezeichnet, die völlig wahr und unzweifelhaft sind. Der Osten war allezeit der Aufgangsort für die Sonne der Wahrheit. Im Osten sind alle Propheten Gottes aufgetreten … Der Westen hat vom Osten Erleuchtung erfahren, aber in mancherlei Hinsicht war die Widerspiegelung des Lichtes im Abendland stärker. Dies gilt besonders für die Christenheit. Jesus Christus erschien in Palästina, Seine Lehren wurden in jenem Land begründet. Aber obwohl die Tore des Königreichs dort zuerst geöffnet und die Gnadengaben Gottes vom Mittelpunkt jenes Landes weithin verbreitet wurden, haben die Menschen des Westens das Christentum umfassender angenommen und verkündet als die Menschen des Ostens.«‘Abdu’l-Bahá, in: Foundations of World Unity, p. 72 – Anm. d. Hrsg.Q
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Was Wunder, dass nach ‘Abdu’l-Bahás denkwürdigem Besuch im Westen aus derselben unfehlbaren Feder folgende oft zitierten Worte strömten, deren Bedeutung ich kaum zu überschätzen vermöchte: »Der amerikanische Erdteil«, so verkündet Er in einem Sendschreiben, das den in den nordöstlichen Staaten der amerikanischen Republik wohnenden Gläubigen Seinen Göttlichen Plan darstellt, »ist in den Augen des einen wahren Gottes das Land, wo der Strahlenglanz Seines Lichtes offenbart, die Geheimnisse Seines Glaubens enthüllt, wo die Rechtschaffenen wohnen und die Freien sich versammeln werden.«‘Abdu’l-Bahá, in: Sendschreiben zum göttlichen Plan 9:2 – Anm. d. Hrsg.Q »Möge diese amerikanische Demokratie«, so hörte man Ihn während Seines Aufenthalts in Amerika bemerken, »die erste Nation sein, welche die Grundlage internationaler Verständigung aufbaut. Möge sie die erste Nation sein, die Einheit der Menschheit zu verkünden. Möge sie die erste sein, das Banner des ›Größten Friedens‹vgl. Bahá’u’lláh, Ishráqát, in: Botschaften aus ‘Akká 8:52, Lawḥ-i-Malikih, in: Anspruch und Verkündigung 1:180 – Anm. d. Hrsg.Q zu entfalten … Das amerikanische Volk ist in der Tat würdig, das erste zu sein, um das Tabernakel des großen Friedens aufzurichten und die Einheit der Menschheit aller Welt zu verkünden … Möge Amerika zum Vertriebszentrum geistiger Erleuchtung werden und alle Welt diese himmlische Gabe aufnehmen! Denn Amerika hat Kräfte und Fähigkeiten entwickelt, größer und wunderbarer als andere Nationen. … Mögen die Bewohner dieses Landes wie himmlische Engel werden, ihr Angesicht beständig auf Gott gerichtet. Mögen sie alle Diener des Allmächtigen werden. Mögen sie sich über ihre gegenwärtigen materiellen Errungenschaften hinaus zu solchen Höhen erheben, dass himmlische Erleuchtung aus diesem Mittelpunkt zu allen Völkern der Welt ströme … Die amerikanische Nation ist gerüstet und befähigt, das zu erreichen, was die Seiten im Buch der Geschichte ziert, der Neid aller Welt zu werden und im Osten wie im Westen für die Triumphe ihres Volkes selig gepriesen zu werden … Der amerikanische Erdteil weist Zeichen und Beweise für überaus große Errungenschaften auf Seine Zukunft ist noch verheißungsvoller, denn sein Einfluss und seine Erleuchtung sind weitreichend. Er wird alle Nationen geistig führen.«‘Abdu’l-Bahá, in: Sendschreiben zum göttlichen Plan 14:6, 14:6, 8:5, 8:5, 42:6, 43:1 – Anm. d. Hrsg.Q
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Wäre es im Lichte so erhabener Äußerungen überspannt zu erwarten, aus der Mitte eines so beneidenswerten Weltteils, aus der Seelenqual und dem Strandgut einer Krise von nie dagewesenem Ausmaß werde eine geistige Wiedergeburt hervorbrechen, die sich vermittels der amerikanischen Gläubigen verkündet und die Geschicke eines niedergegangenen Zeitalters wiederherstellt? ‘Abdu’l-Bahá selbst war es, der nach dem Zeugnis Seiner vertrautesten Begleiter bei mehr als einer Gelegenheit andeutete, die Begründung von Seines Vaters Glauben auf dem nordamerikanischen Kontinent rage als das bedeutendste der drei Ziele hervor, die Er zusammen als den Hauptzweck Seines Amtes verstand. Er war es auch, der in der Blüte Seines Lebens, fast unmittelbar nach Seines Vaters Heimgang, den Gedanken fasste, Seine Sendung damit einzuleiten, dass er die Bewohner eines so vielversprechenden Landes unter dem Banner Bahá’u’lláhs sammle. In Seiner unfehlbaren Weisheit und aus überquellendem Herzen beliebte Er, Seinen bevorzugten Jüngern bis zum letzten Tag Seines Lebens die Zeichen Seiner unversieglichen Sorge zuzuwenden und sie mit den Zeugnissen Seiner besonderen Gunst zu überschütten. Er war es auch, der in vorgerücktem Alter, kaum von den Ketten langer, grausamer Kerkerhaft befreit, den Entschluss fasste, jenes Land zu besuchen, das schon so viele Jahre hindurch der Gegenstand Seiner unendlichen Liebe und Fürsorge gewesen war. Er war es, der durch die Macht Seiner Gegenwart und den Charme Seiner Äußerung der gesamten Gemeinschaft Seiner Anhänger jene Empfindungen und Grundsätze einflößte, die allein sie durch die mit der Verfolgung ihrer Aufgabe unvermeidlichen Prüfungen aufrechterhalten konnten. Vermachte Er nicht ihnen allen mit den verschiedensten feierlichen Handlungen, die Er während Seines Aufenthalts unter ihnen wahrnahm, ob bei der Grundsteinlegung zu ihrem Haus der Andacht, ob bei dem Fest, das Er ihnen gab und bei dem es Ihm gefiel, sie persönlich zu bedienen, oder durch die Betonung, die Er bei einer ernsteren Gelegenheit auf die Folgerungen aus Seiner geistigen Stufe legte, – vermachte Er nicht dadurch ihnen allen mit Bedacht die Wesenszüge jenes geistigen Erbes, das sie, wie Er wohl wusste, tüchtig wahren und durch ihre Taten ständig bereichern würden? Und wer könnte schließlich bezweifeln, dass Er sie in dem Göttlichen Plan, den Er in den Abendstunden Seines Lebens ihren Augen enthüllte, mit einem geistigen Vorrang belehnte, auf den sie sich bei der Erfüllung ihrer hohen Bestimmung verlassen konnten?
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»O ihr Apostel Bahá’u’lláhs so redet Er sie in einem Seiner Sendschreiben an, »Möge mein Leben ein Opfer für euch sein! … Sehet die Tore, die Bahá’u’lláh vor euch eröffnet hat! Bedenket, wie hehr und erhaben die Stufe ist, die zu erreichen euch bestimmt wurde, wie einzigartig die Gunstbeweise sind, die euch verliehen wurden.«‘Abdu’l-Bahá, in: Sendschreiben zum göttlichen Plan 8:5 – Anm. d. Hrsg.Q »Meine Gedanken«, sagt Er ihnen an anderer Stelle, »sind euch zugewandt, und bei eurer Erwähnung hüpft mir das Herz in der Brust. Könntet ihr doch wissen, wie meine Seele in Liebe zu euch erglüht; so großes Glück würde euch da ins Herz fluten, dass ihr ineinander verliebt wäret.«‘Abdu’l-Bahá, in: Sendschreiben zum göttlichen Plan 8:9 – Anm. d. Hrsg.Q »Das volle Maß eures Erfolges«, erklärt Er in einem weiteren Sendschreiben, »ist noch nicht enthüllt, seine Bedeutung ist noch nicht verstanden. Bald werdet ihr mit eigenen Augen bezeugen, wie leuchtend jeder von euch, einem hellen Sterne gleich, vom Himmelszelt eures Landes das Licht göttlicher Führung herniederstrahlt und allem Volke dort die Herrlichkeit ewigen Lebens verleiht.«‘Abdu’l-Bahá, in: Sendschreiben zum göttlichen Plan 7:1 – Anm. d. Hrsg.Q »Die Reichweite eurer künftigen Errungenschaften«, bestätigt Er ein anderes Mal, »ist noch verborgen. Ich hoffe inbrünstig, dass die Ergebnisse eurer Errungenschaften in naher Zukunft die ganze Erde bewegen und aufrütteln werden.«‘Abdu’l-Bahá, in: Sendschreiben zum göttlichen Plan 7:3 – Anm. d. Hrsg.Q »Der Allmächtige«, versichert Er ihnen, »wird euch zweifellos die Hilfe Seiner Gnade gewähren. Er wird euch mit den Zeichen Seiner Macht bekleiden und wird euch mit der stützenden Kraft Seines heiligen Geistes ausstatten.« »Seid nicht besorgt«, so ermahnt Er sie, »über eure geringe Zahl, noch seid niedergedrückt von der Menschenmasse einer ungläubigen Welt … Mühet euch; denn eure Sendung ist unaussprechlich ruhmreich. Wenn der Erfolg euer Unternehmen krönt, wird sich Amerika sicherlich zu einem Mittelpunkt entwickeln, von dem Wellen geistiger Macht ausstrahlen, und der Thron des Reiches Gottes wird in der Fülle seiner Majestät und Herrlichkeit festgegründet sein.«‘Abdu’l-Bahá, in: Sendschreiben zum göttlichen Plan 13:4 – Anm. d. Hrsg.Q
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»Die Hoffnung, welche ‘Abdu’l-Bahá für euch hegt«, so drängt Er sie, »ist, dass derselbe Erfolg, der eure Bemühungen in Amerika begleitete, auch eure Anstrengungen in anderen Teilen der Welt kröne, dass durch euch der Ruhm der Sache Gottes überall im Osten wie im Westen verbreitet und das Kommen des Reiches des Herrn der Heerscharen in allen fünf Teilen des Erdballs öffentlich verkündet werde … Bisher waret ihr unermüdlich in euren Tätigkeiten. Lasst eure Anstrengungen künftig tausendfach wachsen. Fordert das Volk dieser Länder in ihren Hauptstädten, auf ihren Inseln, in ihren Versammlungen und Kirchen auf zum Eintritt in das Königreich Abhá! Die Reichweite eurer Bemühungen muss unbedingt ausgedehnt werden. Je weiter sie geht, desto eindrucksvoller werden die Beweise göttlichen Beistands sein … O könnte ich doch diese Gegenden durchreisen, wenn auch zu Fuß und in tiefster Armut, in den Städten, den Dörfern, den Bergen, Wüsten und Meeren den Ruf Yá Bahá’u’l-Abhá erheben und die göttlichen Lehren verbreiten! Leider kann ich das nicht! Wie schmerzlich beklage ich dies! So Gott will, könnt ihr es erreichen.«‘Abdu’l-Bahá, in: Sendschreiben zum göttlichen Plan 7:3, 7:15, 7:7 – Anm. d. Hrsg.Q Und schließlich, als wollte Er alle Seine früheren Äußerungen krönen, diese feierliche Bekräftigung Seiner Schau von Amerikas geistiger Bestimmung: »Sobald die amerikanischen Gläubigen diese göttliche Botschaft von den Küsten Amerikas weggetragen und quer durch die Erdteile Europa, Asien, Afrika und Australasien bis hin zu den Inseln des Stillen Ozeans verbreitet haben, wird sich diese Gemeinde unverrückbar auf dem Thron unsterblicher Herrschaft sitzen sehen. Dann werden alle Völker der Welt bezeugen, dass diese Gemeinde geistig erleuchtet und göttlich geführt ist. Dann wird der ganze Erdball widerhallen vom Lobpreis ihrer Majestät und Größe.«‘Abdu’l-Bahá, in: Sendschreiben zum göttlichen Plan 7:4 – Anm. d. Hrsg.Q
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Im Lichte der vorstehend angeführten Worte ‘Abdu’l-Bahás sollte jeder nachdenkliche und gewissenhafte Gläubige die Bedeutung dieser gewichtigen Äußerung Bahá’u’lláhs erwägen: »Im Osten ist das Licht Seiner Offenbarung angebrochen; im Westen sind die Zeichen Seiner Herrschaft erschienen. Denke tief im Herzen darüber nach, o Volk, und gehöre nicht zu denen, die für Seine, des Allmächtigen, des Allgepriesenen, Ermahnungen taube Ohren habenBahá’u’lláh, Lawḥ-i-Aqdas, in: Botschaften aus ‘Akká 2:13 – Anm. d. Hrsg.Q … Sollten sie das Licht Seiner Offenbarung auf dem Festland zu verdecken suchen, dann wird es sicherlich sein Haupt mitten im Herzen des Weltmeeres erheben und mit lauter Stimme verkünden: ›Ich bin der Lebensspender der Welt!‹«
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Innig geliebte Freunde! Kann unser Auge so trübe sein, dass es inmitten der Qual und der Unruhe, die heutzutage schlimmer als in jedem anderen Land und in einer durch ihre ganze Geschichte hindurch noch nie dagewesenen Weise die amerikanische Nation heimsuchen, die Anzeichen jener beginnenden geistigen Wiedergeburt verkennen, welche die bedeutungsschweren Worte ‘Abdu’l-Bahás so klar voraussagen? Schmerz und Todespein, wie sie die Seele einer in Wehen liegenden Nation nun auszukosten beginnt, verkünden jene Wiedergeburt in überreichem Maße. Setzen Sie gegen die traurige Lage der Nationen dieser Erde und besonders der großen Republik des Westens das wachsende Glück jener Handvoll ihrer Bürger, deren Sendung es ist, wenn sie nur ihrem Erbe treu bleiben, die Wunden dieser Nation zu heilen, ihr Vertrauen neu zu bauen und ihre erschütterten Hoffnungen wiederzubeleben. Setzen Sie gegen die furchtbaren Zuckungen, die mörderischen Auseinandersetzungen, die kleinlichen Wortstreitereien, die überholten Gegensätze, die endlosen Umwälzungen, welche die Massen aufwühlen – setzen Sie dagegen das ruhige neue Licht des Friedens und der Wahrheit, das die tapferen Erben von Bahá’u’lláhs Gesetzen und Bahá’u’lláhs Liebe umhüllt, führt und erhält. Vergleichen Sie die sich auflösenden Institutionen, die in Misskredit geratene Staatskunst, die veralteten Theorien, die erschreckende Entartung, die Torheiten und Tollheiten, die Schliche, Kniffe und Kompromisse, welche das gegenwärtige Zeitalter kennzeichnen, mit der stetigen Festigung, der heiligen Selbstzucht, der Einheit und Verbundenheit, der gewissen Überzeugung, der unbeugsamen Bundestreue, der heldenmütigen Selbstaufopferung, welche das Gütesiegel dieser glaubensstarken Verweser und Vorboten für das Goldene Zeitalter der Religion Bahá’u’lláhs bilden.
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Kein Wunder, dass ‘Abdu’l-Bahá diese prophetischen Worte offenbart hat: »Der Osten«, so versichert Er uns, »ist wahrlich vom Lichte des Reiches Gottes erleuchtet worden. Bald wird dieses selbe Licht noch größeren Glanz auf den Westen ergießen. Dann werden die Herzen seines Volkes belebt durch die Kraft der Lehren Gottes, und ihre Seelen werden glühen im unvergänglichen Feuer Seiner Liebe.« »Das Ansehen des Glaubens Gottes«, so bestätigt Er, »ist unermesslich gewachsen. Seine Größe ist nunmehr offenkundig. Der Tag naht, da er entsetzlichen Aufruhr in die Menschenherzen geworfen haben wird. Freuet euch darüber, o ihr Bewohner Amerikas, freuet euch mit jubelnder Freude!«
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Meine hochgeschätzten, meine innig geliebten Brüder! Wenn wir auf die vierzig Jahre zurückblicken, die vergangen sind, seitdem die glückverheißenden Strahlen der Bahá’í-Offenbarung zum ersten Male den Erdteil Amerika erwärmt und erleuchtet haben, dann merken wir, dass diese vierzig Jahre in vier deutlich verschiedene Zeitabschnitte zerfallen, von denen jeder in einem Ereignis von solcher Bedeutung gipfelte, dass es einen Meilenstein auf dem Weg der amerikanischen Gläubigen zu ihrem verheißenen Siege darstellt. Das erste dieser vier Jahrzehnte1893–1903.A ist gekennzeichnet durch einen Vorgang langsamer, stetiger Gärung; wir können sagen, dass dieser Abschnitt in den historischen Pilgerreisen der amerikanischen Jünger ‘Abdu’l-Bahás zum Schreine Bahá’u’lláhs gipfelte. Die folgenden zehn Jahre1903–1913.A waren voll von Proben und Prüfungen, welche die Körperschaft der ersten Pioniere des Glaubens dortzulande aufrüttelten, läuterten und kräftigten; ihr glückstrahlender Gipfelpunkt war ‘Abdu’l-Bahás denkwürdiger Besuch Amerikas. Die dritte Periode1913–1923.A, ein Abschnitt ruhiger, ununterbrochener Festigung, führte unausweichlich zur Geburt jener göttlich bestimmten Gemeindeordnung, deren Grundlagen der Letzte Wille des dahingegangenen Meisters unverkennbar gelegt hat. Die letzten zehn Jahre1923–1933.A zeichneten sich durchgehend durch die weitere innere Entwicklung wie auch durch eine beachtliche Ausdehnung der internationalen Tätigkeiten einer wachsenden Gemeinde aus; sie sind Zeuge der Fertigstellung des Überbaus am Mashriqu’l-Adhkár, dem machtvollen Bollwerk jener Gemeindeordnung, Sinnbild ihrer Stärke, Kennzeichen ihrer künftigen Herrlichkeit.
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Jeder dieser aufeinanderfolgenden Zeitabschnitte hat, so will es mir scheinen, seinen besonderen Teil dazu beigetragen, das geistige Leben dieser Gemeinde zu bereichern und ihre Glieder auf die ungeheure Verantwortung ihrer einzigartigen Sendung vorzubereiten. Die Pilgerreisen, zu denen sich ihre führenden Vertreter im ersten Abschnitt ihrer Geschichte bewegt fühlten, entflammten die Seelen ihrer Mitglieder mit solcher Liebe und solchem Eifer, dass noch so schlimme Widerwärtigkeiten sie nicht mehr löschen konnten. Die Prüfungen und Trübsale, welche die Gemeinde daraufhin erduldete, vermittelten denen, die sie überstanden, einen Begriff von der Tragweite ihres Glaubens, den kein noch so entschlossener und wohlorganisierter Widerstand mehr schwächen konnte. Die Institutionen, welche die erprobten und geprüften Anhänger dieser Gemeinde später errichteten, gaben ihren Vorkämpfern das stabile Gleichgewicht, das sie bei ihrer wachsenden Zahl und bei der unaufhörlichen Ausweitung ihrer Tätigkeiten dringend brauchten. Und schließlich bot den Vertretern einer bereits festgegründeten Gemeindeordnung der Tempel, den zu errichten ihnen eingegeben worden war, eine Zukunftsschau, welche weder die Stürme innerer Unordnung noch die Wirbelwinde internationaler Unruhe verfinstern konnten.
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Es würde zu lange dauern, wollte ich hier versuchen, auch nur eine kurze Beschreibung der ersten Druckwellen zu geben, die die Einführung der Bahá’í-Offenbarung in der Neuen Welt, wie unser geliebter Meister sie plante, einleitete und steuerte, unmittelbar auslöste. Der begrenzte Raum erlaubt mir auch nicht, die Begleitumstände jenes epochemachenden Besuches der ersten amerikanischen Pilger an Bahá’u’lláhs geweihtem Schreine zu erzählen, von den Taten zu berichten, welche die Rückkehr jener Träger eines neugeborenen Evangeliums kennzeichneten, oder die unmittelbaren Folgen ihrer Errungenschaften zu bewerten. Kein Wort aus meiner Feder könnte genügend ausdrücken, wie die enthüllten Hoffnungen, Erwartungen und Ziele ‘Abdu’l-Bahás für einen erwachenden Weltteil spontan Geist und Herz derer elektrisierten, die ihm zuzuhören das Vorrecht hatten, die zu Empfängern Seiner kostbaren Segnungen und zu Schatzkammern Seines Vertrauens und Seiner Zuversicht erwählt waren. Nie kann ich hoffen, die in jenen heldenmütigen Herzen wogenden Gefühle angemessen darzustellen, wie sie ihrem Meister zu Füßen saßen, unter dem Obdach Seiner Gefängniswohnung, die Ausgießungen Seiner göttlichen Weisheit eifrig aufsaugend und sorgsam speichernd. Nie kann ich dem Geist unbeugsamer Entschlossenheit hinreichenden Tribut zollen, jenem Geist, den der Aufprall auf eine Persönlichkeit von magnetischer Anziehungskraft, der Zauber einer machtvollen Redeweise bei der ganzen Gesellschaft dieser heimkehrenden Pilger, dieser geweihten Herolde des neuen Gottesbundes, in einem so entscheidenden Abschnitt ihrer Geschichte entzündet hat. Das Gedenken an Namen wie Lua, Chase, MacNutt, Dealy, Goodall, Dodge, Farmer und Brittingham – um nur einige wenige Sterne aus jener unsterblichen, erlesenen Schar zu nennen, die jetzt zur Herrlichkeit Bahá’u’lláhs versammelt ist – wird für alle Zeit mit dem Aufstieg und der Begründung Seines Glaubens auf dem amerikanischen Kontinent verknüpft sein und wird auf dessen Annalen einen Glanz werfen, der nie verblassen kann.
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Durch diese Pilgerfahrten, wie sie in den ersten Jahren nach dem Heimgang Bahá’u’lláhs aufeinanderfolgten, trat der Strahlenglanz des Bundes, der beim scheinbaren Aufstieg des Erzbundesbrechers vorübergehend in Wolken gehüllt war, sieghaft aus den Wechselfällen, die es heimgesucht hatten, hervor. Die Ankunft dieser Pilger – und nur sie – vertrieb schließlich das Düster, das die untröstlichen Familienangehörigen ‘Abdu’l-Bahás umhüllt hatte. Diese nacheinander eintreffenden Besucher bewirkten beim Größten Heiligen Blatt, die mit ihrem Bruder zusammen, allein unter allen Mitgliedern des väterlichen Haushalts, der Auflehnung fast aller Verwandten und Freunde entgegenzutreten hatte, jene Tröstung, die sie bis zum Ende ihres Lebens aufrecht erhielt. Und die Kräfte, welche diese kleine Gruppe heimkehrender Pilger im Herzen Nordamerikas entfesseln konnte, gaben jedem Anschlag jenes Schurken, der die Sache Gottes dort zu zerstören suchte, den Rest.
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Die Sendschreiben, welche die nimmermüde Feder ‘Abdu’l-Bahás in der Folgezeit offenbarte, verkörperten in leidenschaftlicher, eindeutiger Sprache Seine Anweisungen und Ratschläge, Seine Aufrufe und Anmerkungen, Seine Hoffnungen und Wünsche, Seine Befürchtungen und Warnungen. Bald wurden sie, eines nach dem anderen, übersetzt, veröffentlicht und weit und breit auf dem nordamerikanischen Erdteil in Umlauf gesetzt. Sie versorgten den wachsenden Kreis der ersten Gläubigen mit dem Beistand, der allein sie befähigte, die schweren, bald auf sie zukommenden Prüfungen zu bestehen.
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Denn unerbittlich nahte die Stunde einer beispiellosen Krise. Anzeichen von Meinungsverschiedenheiten, wie Stolz und Ehrgeiz sie in Gang setzen, begannen den Strahlenglanz der neugeborenen Gemeinde, welche die apostolischen Lehrer jenes Weltteils arbeitsam begründet hatten, zu verdüstern und ihr Wachstum zu hemmen. Er, der das Werkzeug für die Einleitung eines so glänzenden Abschnitts in der Geschichte des Glaubens war, dem der Mittelpunkt des Bundes Bahá’u’lláhs Titel wie »Petrus Bahás«, »Hirte der Herde Gottes«, »Eroberer Amerikas« verliehen hatte, dem das einzigartige Vorrecht zuteil geworden war, ‘Abdu’l-Bahá bei der Grundsteinlegung für den Schrein des Báb am Berge Karmel zur Hand zu gehen – dieser Mann, geblendet durch seinen außergewöhnlichen Erfolg und besessen vom Ehrgeiz nach unkontrollierter Herrschaft über den Glauben und die Tätigkeit seiner Mitjünger, pflanzte dreist das Banner des Aufruhrs auf. Er trennte sich von ‘Abdu’l-Bahá und tat sich mit dem Erzbundesbrecher des Gottesglaubens zusammen. So suchte dieser irregeleitete Abtrünnige die Lehren zu verdrehen, einen Feldzug übelster Schmähungen gegen die Person ‘Abdu’l-Bahás einzuleiten und dadurch den Glauben derjenigen Freunde zu untergraben, die zu bekehren er sich nicht weniger als acht Jahre lang emsig bemüht hatte. Mit den Traktaten, die er veröffentlichte, mit der aktiven Unterstützung von Abgesandten seines Hauptverbündeten und verstärkt durch die Bemühungen der allmählich heranwachsenden kirchenchristlichen Feinde der Bahá’í-Offenbarung gelang es ihm, dem keimenden Glauben Gottes einen Schlag zu versetzen, von dem sich dieser nur langsam unter Schmerzen wieder erholte.
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Bei den unmittelbaren Auswirkungen dieser ernsten, aber vorübergehenden Spaltung in den Reihen der amerikanischen Anhänger der Sache Bahá’u’lláhs brauche ich nicht zu verweilen, noch muss ich mich über den Charakter der Schmähschriften auslassen, die auf sie niederströmten. Auch scheint es unnötig, die Maßnahmen aufzuzählen, die ein allzeit wachsamer Meister ergriff, um ihre Befürchtungen zu mildern und schließlich zu zerstreuen. Der künftige Geschichtsschreiber wird die Bedeutung der Sendung jedes der fünf erwählten Botschafter abzuschätzen haben, die ‘Abdu’l-Bahá in rascher Aufeinanderfolge absandte, um jene vielgeprüfte Gemeinde zu beruhigen und neu zu stärken. Er wird in den Aufgaben, die jenen Abgesandten ‘Abdu’l-Bahás gestellt waren, die Anfänge einer weitgespannten Gemeindeordnung nachzuweisen haben, deren Grundstein diese Botschafter zu legen beauftragt waren, deren symbolisches Bauwerk Er zu einem späteren Zeitpunkt persönlich stiftete und deren Grundlage und Reichweite die Vorkehrungen Seines Letzten Willens ausbreiten sollten.
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Es genüge zu sagen, dass die Tätigkeiten eines unbesiegbaren Glaubens auf dieser Stufe seiner Entwicklung bereits einen Umfang angenommen hatten, der auf der einen Seite seine Feinde zwang, neue Waffen für ihre geplanten Angriffe zu ersinnen, auf der anderen Seite aber seinen höchsten Verfechter ermutigte, seine Anhänger durch befähigte Vertreter und Lehrer in die Anfangsgründe einer Gemeindeordnung einzuweisen, die mit fortschreitender Entfaltung den Geist dieses Glaubens zugleich verkörpern, bewahren und hegen sollte. Die Arbeiten von so hartnäckigen Gegnern wie Vatralsky, Wilson, Jessup und Richardson nehmen es in ihren nutzlosen Versuchen, die Reinheit dieses Glaubens zu besudeln, seinen Vormarsch aufzuhalten und seine Kapitulation zu erzwingen, eine mit der anderen auf. Den Vorwürfen des Nihilismus, des Ketzertums, des muḥammadanischen Gnostizismus, der Unmoral, des Okkultismus und des Kommunismus, die so ungestört gegen sie erhoben wurden, begegneten die unerschrockenen, nach den Anweisungen ‘Abdu’l-Bahás vorgehenden Opfer solcher schändlichen Anklagen dadurch, dass sie eine Reihe von Tätigkeiten einleiteten, die ihrer Natur nach Vorläufer von ständigen, offiziell anerkannten Verwaltungseinrichtungen sein sollten. Die feierliche Einsetzung des ersten Hauses der Geistigkeit in Chicago, von ‘Abdu’l-Bahá als das »Haus der Gerechtigkeit«‘Abdu’l-Bahá, in: Tablets of Abdul-Baha 1:1 Fn1, 3:1 Fn1 – Anm. d. Hrsg.Q jener Stadt bezeichnet; die Gründung der Bahá’í-Veröffentlichungsgesellschaft; die Bildung der Green Acre-Gemeinschaft; die Herausgabe des Star of the West; die Abhaltung der ersten Bahá’í-Nationaltagung, die zeitlich mit der Überführung der heiligen Überreste des Báb zu ihrem endgültigen Ruheort am Berge Karmel zusammenfiel, schließlich die gerichtliche Eintragung der ›Bahá’í Temple Unity‹ und die Bildung des Geschäftsführenden Ausschusses für den Mashriqu’l-Adhkár – diese Maßnahmen ragen als die bemerkenswertesten Errungenschaften der amerikanischen Gläubigen hervor und haben den stürmischsten Abschnitt ihrer Geschichte im Gedächtnis aller unsterblich gemacht. Dies waren die Taten, welche die Arche des Bundes Bahá’u’lláhs in die aufgewühlten Wogen unaufhörlicher Drangsale hinein vom Stapel ließen, damit sie, gesteuert vom machtvollen Arm ‘Abdu’l-Bahás, bemannt mit einer Schar schwer geprüfter Jünger voll kühnen Wagemuts und überquellender Lebenskraft, seit jenen Tagen stetig ihren Kurs verfolgen konnte, ungeachtet all der Stürme bitteren Missgeschicks, die sie umtost haben und weiterhin umtosen werden, während sie sich ihren Weg zu dem verheißenen Hafen ungetrübten, gesicherten Friedens bahnt.
5:24
Unzufrieden mit den Errungenschaften, welche die gemeinschaftlichen Bemühungen ihrer gewählten Vertreter auf dem amerikanischen Kontinent krönten, und ermutigt von den Anfangserfolgen ihrer Pioniere und Lehrer jenseits der Grenzen in Großbritannien, Frankreich und Deutschland, entschloss sich die Gemeinde der amerikanischen Gläubigen, in fernen Himmelsstrichen neue Rekruten für die vorrückende Heeresmacht Bahá’u’lláhs zu gewinnen. An den Westküsten ihres Vaterlands in See stechend, getrieben von der unbezwinglichen Kraft eines neugeborenen Glaubens, drängten die Reiselehrer für das Evangelium Bahá’u’lláhs zu den Inseln des Stillen Ozeans und weiter bis nach China und Japan, fest entschlossen, auch jenseits der weitesten Meere die Vorposten ihres Glaubens zu errichten. Zu Hause so gut wie in der Ferne hatte diese Gemeinde unterdessen ihre Fähigkeit bewiesen, die Reichweite ihrer ausgedehnten Bemühungen zu steigern und deren Grundlagen zu festigen. Ärgerliche Stimmen, die im Protest gegen den Aufstieg dieser Gemeinde erhoben wurden, übertönte der Beifall, mit dem der Osten ihre neuesten Siege begrüßte, und die hässlichen Gestalten, die so drohend aufgeragt waren, verschwanden allmählich im Hintergrund. So bot sich diesen edlen Kämpen ein noch weiteres Feld für die Erprobung ihrer schlummernden Kräfte.
5:25
Der Glaube Bahá’u’lláhs war auf dem amerikanischen Kontinent in der Tat zu neuem Leben erweckt worden. Dem Phönix gleich hatte er sich in ganzer Frische, Kraft und Schönheit erhoben und bat nun durch die Stimme seiner frohlockenden Vertreter ‘Abdu’l-Bahá inständig, eine Reise zu den Ufern Amerikas zu unternehmen. Die ersten Früchte der Sendung, die den würdigen Verfechtern dieses Glaubens anvertraut worden war, gaben ihrer Bitte solches Gewicht, dass ‘Abdu’l-Bahá, eben erst aus den Fesseln peinvoller Gewaltherrschaft befreit, nicht widerstehen konnte. Seine große, Seine unvergleichliche Liebe zu Seinen eigenen, bevorzugten Kindern trieb Ihn an, ihrem Ruf zu antworten. Ihr dringendes, ja leidenschaftliches Flehen war überdies durch zahlreiche Einladungen von Vertretern interessierter Organisationen religiösen, erzieherischen und menschenfreundlichen Hintergrunds verstärkt worden. Sie alle hatten heftig danach verlangt, aus Seinem eigenen Munde eine Darlegung der Lehren Seines Vaters zu erhalten.
5:26
Obwohl Er vom Alter niedergebeugt war, obwohl Er unter Krankheiten litt, die sich aus der Ansammlung von Sorgen in fünfzig Jahren Verbannung und Gefangenschaft ergeben hatten, machte sich ‘Abdu’l-Bahá zu Seiner denkwürdigen Reise über die Meere zu dem Lande auf, wo Er durch Seine Gegenwart und Seine Taten die machtvollen Leistungen, zu deren Vollendung Sein Geist Seine Jünger angeführt hatte, zu segnen und zu heiligen gedachte. Die Umstände zu schildern, welche Seinen Triumphzug durch die wichtigsten Städte der Vereinigten Staaten und Kanadas begleiteten, ist meine Feder unfähig. Die Freude, welche die Ankündigung Seines Kommens hervorrief, das öffentliche Ansehen, das Seine Tätigkeiten herbeiführte, die Kräfte, welche Seine Äußerungen auslösten, der Widerstand, den die Folgerungen aus Seinen Lehren schürten, die eindrucksvollen Episoden, zu denen Seine Worte und Taten auf Schritt und Tritt Anlass gaben – das alles werden künftige Geschlechter ohne Zweifel genau und angemessen beschreiben. Sie werden diese Geschehnisse sorgsam in allen ihren Zügen nachzeichnen, werden sie im Gedächtnis hegen und bewahren und ihren Nachkommen den Bericht selbst über die beiläufigsten Einzelheiten unverkürzt übermitteln. Vermessen wäre es in der Tat, wollten wir jetzt schon versuchen, auch nur die nackten Umrisse eines so umfassenden, so fesselnden Themas aufs Papier zu bannen. Wenn wir nach Ablauf von mehr als zwanzig Jahren über diesen denkwürdigen Wendepunkt in der Geistesgeschichte Amerikas nachsinnen, müssen wir noch immer unsere Unfähigkeit bekennen, seine Tragweite zu verstehen oder sein Mysterium auszuloten. Ich habe in den vorangehenden Abschnitten auf einige wenige besonders hervorspringende Züge dieses unvergesslichen Besuches angespielt. Im Rückblick auf die Geschehnisse verkünden sie uns beredsam ‘Abdu’l-Bahás besondere Absicht, durch solche symbolischen Handlungen auf die erstgeborene Gemeinde des Westens jenen geistigen Vorrang zu übertragen, der das Geburtsrecht der amerikanischen Gläubigen sein sollte.
5:27
Die Saaten, die ‘Abdu’l-Bahá, unermüdlich tätig, so freizügig ausstreute, hatten die Vereinigten Staaten und Kanada, nein den ganzen Kontinent, mit Möglichkeiten wie nie zuvor in seiner Geschichte ausgestattet. Der kleinen Schar Seiner geschulten und geliebten Jünger und durch diese deren Nachkommen hatte Er vermittels dieses Besuches ein unschätzbares Erbe vermacht – ein Erbe, das die heilige, vorrangige Pflicht in sich trug, sich aufzumachen und auf jenem fruchtbaren Acker die Arbeit weiterzuführen, die Er so ruhmreich eingeleitet hatte. Nur blass können wir uns die Wünsche ausmalen, die Ihm aus heißem Herzen aufgestiegen sein müssen, als Er jenem verheißungsvollen Lande Sein letztes Lebewohl sagte. Eine unerforschliche Weisheit, so können wir Ihn in unserer Vorstellung Seinen Jüngern gegenüber am Vorabend Seines Abschieds bemerken hören, hat in ihrer unendlichen Großmut euer Geburtsland für die Ausführung eines machtvollen Planes auserkoren. Durch die Wirksamkeit des Bundes Bahá’u’lláhs bin ich von Anbeginn meines Amtes an dazu berufen gewesen, hier zu erscheinen und diesen Acker umzubrechen. Die machtvollen Bestätigungen, die in den ersten Jahren eurer Laufbahn auf euch herniedergeströmt sind, haben diesen Grund und Boden zubereitet und gekräftigt. Die Prüfungen, die ihr späterhin zu erdulden hattet, haben in den Acker, den meine Hände bereitet hatten, tiefe Furchen gezogen. Die mir anvertrauten Saaten sind nun weithin vor euch ausgestreut. Unter eurer liebenden Fürsorge, durch euren unaufhörlichen Einsatz muss jedes Korn dieser Saaten keimen und seine vorherbestimmte Frucht bringen. Bald wird euch ein Winter, streng wie nie zuvor, überkommen. Seine Wolken ziehen schnell am Horizont zusammen. Stürme werden euch von allen Seiten umtoben. Das Licht des Bundes wird durch meinen Weggang verdunkelt werden. Diese mächtigen Windstöße, diese winterliche Öde werden jedoch vergehen. Die schlummernde Saat wird zu frischer Tat aufbrechen. Sie wird ihre Keime treiben, wird in machtvollen Institutionen ihre Blätter und Blüten zeigen. Die Frühlingsschauer, welche die sanften Segnungen meines himmlischen Vaters auf euch herabregnen lassen, werden diese zarte Pflanze befähigen, ihre Zweige weit über die Grenzen eures Heimatlandes hinaus in ferne Gebiete auszubreiten. Und schließlich wird die stetig steigende Sonne Seiner Offenbarung, wenn sie erst in ihrem Mittagsglanz erstrahlt, diesen machtvollen Baum Seines Glaubens in den Stand setzen, zur rechten Zeit auf eurem Felde seine goldenen Früchte zu bringen.
5:28
Der tiefere Sinn einer solchen Abschiedsbotschaft konnte ‘Abdu’l-Bahás eingeweihten Jüngern nicht lange unentdeckt bleiben. Kaum hatte Er Seine lange, mühsame Reise quer durch Amerika und Europa beendet, da begannen sich bereits die furchtbaren Ereignisse zu offenbaren, auf die Er angespielt hatte. Eine Auseinandersetzung, wie Er sie vorhergesagt hatte, trennte vorübergehend alle Mittel der Verständigung mit jenen, in die Er so grenzenlose Zuversicht gesetzt hatte und von denen Er so viel zurückerwartete. Die winterliche Öde mit all ihren Verheerungen und Blutbädern setzte ihren unbarmherzigen Lauf vier Jahre lang fort, während Er, zurückgezogen in die ruhige Einsamkeit Seines Wohnsitzes, dem heiligen Schreine Bahá’u’lláhs unmittelbar benachbart, fortfuhr, Seine Gedanken und Wünsche denen zu übermitteln, die Er zurückgelassen hatte und denen Er die einzigartigen Zeichen Seiner Gunst hatte zuteil werden lassen. In den unsterblichen Sendschreiben, die Seine Feder in den langen Stunden seelischer Verbindung zu Seinen innig geliebten Freunden zu offenbaren bewegt wurde, entfaltete Er vor ihren Augen Seine Idee von ihrer geistigen Bestimmung, Seinen Plan für die Sendung, die Er von ihnen übernommen wissen wollte. So bewässerte Er die Saaten, die Seine Hände ausgestreut hatten, mit derselben Fürsorge, derselben Liebe und Geduld, die bereits Seine früheren Bemühungen, während Er noch in ihrer Mitte wirkte, gekennzeichnet hatten.
5:29
Der Posaunenruf, den ‘Abdu’l-Bahá hat erschallen lassen, war das Zeichen für den Ausbruch neuer Aktivitäten, wie sie nach den Beweggründen und den dabei entfalteten Kräften Amerika noch selten erlebt hatte. Diese mächtige Bewegung gab der Arbeit, welche die wagemutigen Botschafter Bahá’u’lláhs in fernen Ländern eingeleitet hatten, neuen Auftrieb. Sie breitete sich bis auf den heutigen Tag weiter aus und gewann neuen Schwung in dem Maße, wie sie ihre Verzweigungen über die ganze Erdoberfläche ausdehnte. So wird sie fürderhin ihren Vormarsch beschleunigen, bis die letzten Wünsche ihres ursprünglichen Begründers vollständig erfüllt sein werden.
5:30
Heim und Herd, Familie, Freunde und Beruf verlassend, erhob sich eine Handvoll Männer und Frauen, angefeuert von einem Eifer und von einer Zuversicht, wie sie keine menschliche Organisation bewirken kann. So zogen sie hinaus, den Auftrag ‘Abdu’l-Bahás zu erfüllen. Sie fuhren nordwärts bis nach Alaska, stießen nach Westindien vor, durchdrangen den südamerikanischen Erdteil bis zu den Gestaden des Amazonas und quer durch die Anden bis in den südlichsten Zipfel der Republik Argentinien, eilten westwärts zur Insel Tahiti, weiter zum Erdteil Australien und von dort noch weiter nach Neuseeland und Tasmanien. Durch solche Taten gelang es diesen furchtlosen Herolden des Glaubens Bahá’u’lláhs, der lebenden Generation ihrer Mitgläubigen ein Vorbild zu setzen, dem diese wohl nacheifern können. Angeführt von ihrer erleuchteten Vertreterin, die seit dem Rufe ‘Abdu’l-Bahás zweimal die Welt umkreiste und heute noch mit wunderbarem Mut und bemerkenswerter Seelenkraft die unvergleichliche Liste ihrer Dienste bereichert, waren diese Männer und Frauen Werkzeuge dafür, dass sich der Einfluss von Bahá’u’lláhs weltumspannender Oberhoheit in einem von der Bahá’í-Geschichte noch unübertroffenen Maße ausdehnte. Angesichts fast unüberwindlicher Schwierigkeiten gelang es ihnen in den meisten Ländern, durch die sie kamen oder in denen sie sich niederließen, die Lehren ihres Glaubens öffentlich zu verkünden, seine Literatur zu verbreiten, seine Sache zu verteidigen, den Grund für seine Institutionen zu legen und die Zahl seiner erklärten Anhänger zu verstärken. Unmöglich kann ich in diesem engen Rahmen den Bericht solcher heldenhaften Leistungen entfalten, noch kann ein Tribut von meiner Seite dem Geiste gerecht werden, der diese Fahnenträger der Religion Gottes in die Lage versetzte, derartige Lorbeeren zu gewinnen und der Generation, der sie angehören, solche Würde zu verleihen.
5:31
Unterdessen hatte die Sache Bahá’u’lláhs bereits den Erdball umspannt. Ihr Licht, im finstersten Persien geboren, war nacheinander in den europäischen, den afrikanischen und den amerikanischen Erdteil hineingetragen worden. Es durchdrang jetzt das Herz Australiens und umkränzte damit die ganze Erde mit einer Lichterbrücke von strahlender Herrlichkeit. Das Maß, in dem derart würdige und beherzte Jünger ‘Abdu’l-Bahás die letzten Tage Seines Erdenlebens erleuchtet haben, hat Er allein wahrhaft erkannt und kann nur Er selbst hinreichend abschätzen. Die einzigartige, ewige Bedeutung dieser Errungenschaften werden die Arbeiten der heranwachsenden Generation sicherlich enthüllen; ihre Werke werden das Andenken daran in geeigneter Weise bewahren und erhöhen. Welch tiefe Befriedigung muss ‘Abdu’l-Bahá empfunden haben, wenn Er im Bewusstsein der herannahenden Stunde Seines Abschieds die ersten Früchte des internationalen Dienstes dieser Helden im Glauben Seines Vaters miterlebte! Ihrer Obhut hatte Er ein großes, ein stattliches Erbe anvertraut. Im Dämmerlicht Seines schwindenden Erdenlebens konnte Er zufrieden, sicher und gewiss sein, dass derart fähige Hände verlässlich die Unversehrtheit dieses Erbes wahren und dessen Vorzüge steigern werden.
5:32
Das Hinscheiden ‘Abdu’l-Bahás, so plötzlich nach seinen Ursachen und Umständen, so dramatisch in seinen Auswirkungen, konnte diese dynamische Kraft weder in ihrer Wirksamkeit behindern noch in ihrer Zielsetzung verdunkeln. Die feurigen Appelle, wie sie im Willen und Testament des dahingegangenen Meisters verkörpert sind, konnten vielmehr ihr Ziel nur bestätigen, ihren Charakter näher bestimmen und die Verheißung ihres endgültigen Erfolges verstärken.
5:33
Aus dem Schmerz und der Seelenqual, die Seine verwaisten Anhänger erduldeten, wurde inmitten des Staubes und der Hitze, die die Angriffe eines allzeit lauernden Feindes hinterlassen hatten, die Gemeindeordnung des unbesiegbaren Glaubens Bahá’u’lláhs geboren. Die mächtigen Kräfte, entfesselt durch die Himmelfahrt des Mittelpunktes Seines Bundes, kristallisierten sich in diesem höchsten, diesem unfehlbaren Organ für die Durchsetzung eines göttlichen Zieles. Willen und Testament ‘Abdu’l-Bahás entschleierten seinen Charakter, bestätigten seine Grundlagen, ergänzten seine Prinzipien, bekräftigten seine Unerlässlichkeit und zählten seine wichtigsten Institutionen auf. Mit demselben raschen inneren Antrieb, der seinerzeit den ersten Widerhall auf die von Bahá’u’lláh verkündete Botschaft gekennzeichnet hatte, erhob sich nun Amerika aufs Neue und trat für die Sache dieser Gemeindeordnung ein, die der Wille und das Testament Seines Sohnes unmissverständlich begründet hatten. Amerika und nur Amerika war es gegeben, in den bewegten Jahren, die der Offenbarung einer derart bedeutungsschweren Urkunde folgten, zum furchtlosen Vorkämpfer dieser Ordnung, zum Angelpunkt ihrer neugeborenen Institution, zum Führer und Träger ihres Einflusses zu werden. Ihren persischen Brüdern, die im heroischen Zeitalter des Glaubens die Krone des Märtyrertums erworben hatten, folgten die amerikanischen Gläubigen, Vorläufer des Goldenen Zeitalters dieses Glaubens, nunmehr würdevoll nach; sie trugen nun ihrerseits die Palme eines hart erkämpften Sieges. Über den Schatten eines Zweifels hinaus hat der ungebrochene Rekord ihrer ruhmreichen Taten ihren überwiegenden Anteil an der Gestaltung der Geschicke ihres Glaubens bewiesen. In einer Welt, die sich vor Schmerzen krümmt und immer tiefer ins Chaos sinkt, konnte diese Gemeinde als Vorhut der befreienden Streitkräfte Bahá’u’lláhs in den Jahren nach ‘Abdu’l-Bahás Hinscheiden, weit über die Institutionen ihrer Schwestergemeinden in Ost und West hinaus, Institutionen schaffen, die sehr wohl die Hauptsäule jenes künftigen Hauses darstellen können, eines Hauses, welches die Nachwelt als letzte Zuflucht einer wankenden Kultur betrachten wird.
5:34
Weder dem Geflüster der Verräter noch den heftigen Angriffen ihrer erklärten Feinde erlaubten sie beim Verfolgen ihrer Aufgaben, sie selbst von ihren hohen Zielen abzulenken oder ihren Glauben an die Erhabenheit ihrer Berufung zu untergraben. Die Aufwiegelung durch denjenigen, der mit seiner unaufhörlichen, eigennützigen Jagd nach irdischen Reichtümern den guten Namen ihres Glaubens besudelt hätte, wäre er nicht von ‘Abdu’l-Bahá verwarnt worden, ließ sie im Ganzen ungestört. Durch Drangsale geschult und in der Feste ihrer rasch sich entwickelnden Institutionen geborgen, lachten sie seiner Anspielungen, und in ihrer unerschütterlichen Bundestreue waren sie fähig, seine Hoffnungen zunichte zu machen. Sie weigerten sich, ihm das wohlerworbene Ansehen und die früheren Dienste seines Vaters und seiner Genossen zugutezuhalten und somit in ihrer Entschlossenheit wankend zu werden, einen Mann, den ‘Abdu’l-Bahá so nachdrücklich verurteilt hatte, völlig unbeachtet zu lassen. Auch die verhüllten Angriffe, mit denen eine Handvoll irregeleiteter Schwärmer später auf den Seiten ihrer Zeitschrift das Wachstum einer jugendlichen Gemeindeordnung aufzuhalten und deren Erwartungen im Keim zu ersticken suchten, verfehlten völlig ihr Ziel. Die Haltung, die ein betörtes Weib in der Folge einnahm, ihre drolligen Behauptungen, ihre Kühnheit, den Letzten Willen ‘Abdu’l-Bahás verächtlich zu machen und seine Echtheit anzuzweifeln, schließlich ihre Versuche, die Grundsätze dieses Letzten Willens umzustoßen – das alles war wiederum außerstande, auch nur die geringste Bresche in die Reihen seiner tapferen Verfechter zu schlagen. Die verräterischen Anschläge, die der Ehrgeiz eines hinterlistigen, noch später aufgetretenen Feindes ersonnen hat, mit denen dieser noch immer bestrebt ist, ‘Abdu’l-Bahás edles Werk zu entstellen und dessen Verwaltungsgrundsätze zu verderben, sind ein weiteres Mal vollständig vereitelt worden. Solche immer wieder einsetzenden, immer wieder missglückten Versuche von Seiten seiner Gegner, die Übergabe des neuerbauten Bollwerks des Glaubens zu erzwingen, haben dessen Verteidiger vom ersten Tag an mit Verachtung übergangen. Wie grimmig die Angriffe des Feindes, wie geschickt seine Kriegslisten je sein mochten, haben diese Verteidiger sich geweigert, auch nur ein Jota, auch nur ein Tüttelchen von ihren tief verinnerlichten Überzeugungen preiszugeben. Seine Anspielungen und sein Geschrei haben sie folgerichtig übergangen. Die Beweggründe, die seine Taten antrieben, die Methoden, nach denen er hartnäckig vorging, die widerruflichen Vorrechte, deren er sich vorübergehend zu erfreuen schien – all dies konnten sie nur gering schätzen. Vorübergehend gelang es solchen berüchtigten Trägern von Verderbnis und Ketzerei durch die Ränke, die ihre überhitzten Gehirne geschmiedet hatten, und unterstützt von vergänglichen Vorteilen, wie Bekanntheit, Geschicklichkeit oder Vermögen sie bieten können, ihre hässlichen Züge emporzurecken, aber nur, um so schnell, wie sie sich erhoben hatten, in den Schmutz eines schmählichen Endes zurückzusinken.
5:35
Aus der Mitte dieser quälenden Prüfungen, die in mancherlei Hinsicht an den grimmigen Sturm bei der Geburt des Glaubens in ihrem Heimatland erinnerten, stiegen die amerikanischen Gläubigen siegreich empor, in ihrem Kurs unbeirrt, in ihrem Ruf unbefleckt, in ihrem Erbe ungeschmälert. Eine Reihe großartiger Errungenschaften, eine bedeutsamer als die andere, sollte nunmehr zunehmenden Glanz auf die bereits hell leuchtende Liste von Verdiensten ergießen. In den dunklen Jahren unmittelbar nach ‘Abdu’l-Bahás Heimgang strahlten ihre Taten bereits eine Leuchtkraft aus, die bei ihren weniger bevorrechtigten Brüdern Neid und Bewunderung weckte. Die ganze Gemeinde, ungebunden und in höchstem Maße zuversichtlich, erhob sich, eine große, eine ruhmreiche Möglichkeit wahrzunehmen. Die Kräfte, welche ihre Geburt eingeleitet und zu ihrem Aufstieg beigetragen hatten, beschleunigten nun ihr Wachstum in solcher Weise und mit solcher Schnelligkeit, dass weder die Schmerzen weltweiter Leiderfahrungen noch die unaufhörlichen Zuckungen eines zerrütteten Zeitalters ihre Anstrengungen lähmen oder ihren Vormarsch aufhalten konnten.
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