Shoghi Effendi | Die Weltordnung Bahá’u’lláhs
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Die Offenbarung Bahá’u’lláhs, deren höchstes Ziel es ist, diese organische, geistige Einheit aller Nationen in ihrer Gesamtheit zu vollenden, muss, wenn wir zu ihren selbstverständlichen Folgerungen stehen, als Signal für den Eintritt des gesamten Menschengeschlechts in den Zustand der Mündigkeit betrachtet werden. Sie darf nicht nur als eine weitere geistige Erneuerung in den allzeit wechselnden Geschicken der Menschheit angesehen werden, nicht nur als ein weiteres Glied in einer Kette fortschreitender Offenbarungen, selbst nicht nur als der Gipfelpunkt in einer Stufenfolge wiederholter prophetischer Zyklen. Vielmehr bezeichnet die Offenbarung Bahá’u’lláhs die letzte, höchste Stufe in der atemberaubenden Entwicklung des menschlichen Gesellschaftslebens auf diesem Planeten. Das Hervortreten einer Weltgemeinschaft, das Bewusstsein des Weltbürgertums, die Begründung einer Weltzivilisation und Weltkultur – Strukturen, die allesamt mit den Anfangsstadien in der Entfaltung des Goldenen Zeitalters der Bahá’í-Ära zusammenfallen müssen – sollten ihrer wahren Natur nach, was dieses planetarische Leben anbelangt, als die äußersten Grenzen für die Organisation der menschlichen Gesellschaft angesehen werden, wenngleich der Mensch als Einzelwesen im Ergebnis dieser Vollendung unbegrenzt weiter fortschreiten, sich weiter entwickeln wird und muss.
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Die geheimnisvolle, allesdurchdringende und doch letztlich unbestimmbare Wandlung, die wir im Leben des Einzelwesens und in der Entwicklung der Frucht als Reifezustand bezeichnen, muss, wenn wir Bahá’u’lláhs Äußerungen richtig begreifen, in der organisatorischen Entwicklung der menschlichen Gesellschaft ihr Gegenstück haben. Früher oder später muss ein ähnlicher Reifezustand im Gemeinschaftsleben der Menschheit eintreten, ein noch eindrucksvolleres Erscheinungsbild in den weltweiten Verhältnissen hervorbringen und das ganze Menschengeschlecht mit solchen Möglichkeiten der Wohlfahrt ausstatten, wie sie während der nachfolgenden Zeitalter den für die letztliche Erfüllung ihrer hohen Bestimmung notwendigen Antrieb bilden. Ein solcher Reifezustand im Ablauf menschlicher Regierungsgeschäfte muss, wenn wir den herausfordernden Anspruch Bahá’u’lláhs richtig erkennen, für alle Zeiten mit der Offenbarung, deren Träger Er war, gleichgesetzt werden.
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An einer besonders charakteristischen Stelle Seines Offenbarungswerkes bezeugt Er in unmissverständlicher Sprache die Wahrheit dieses hervorstechenden Grundzuges im Bahá’í-Glauben: »Es ist von Uns verordnet worden, dass das Wort Gottes und alle seine Möglichkeiten in genauer Übereinstimmung mit solchen Verhältnissen offenbart werden sollen, wie sie von Ihm, dem Allwissenden, dem Allweisen, vorherbestimmt worden sind … Würde es zugelassen, dass das Wort plötzlich alle ihm innewohnenden Kräfte entfesselt, könnte kein Mensch die Wucht einer so mächtigen Offenbarung ertragen … Erwäge, was Muḥammad, dem Gesandten Gottes, herabgesandt worden ist. Das Maß der Offenbarung, deren Träger Er war, ist zuvor von Ihm, dem Allmächtigen, dem Allmachtvollen, deutlich bestimmt worden. Jene, die Ihn hörten, konnten jedoch Seine Absicht nur bis zu dem Grade ihrer Stufe und geistigen Aufnahmefähigkeit begreifen. So entschleierte Er das Antlitz der Weisheit nach Maßgabe ihrer Fähigkeit, die Last Seiner Botschaft zu tragen. Kaum aber hatte die Menschheit die Stufe der Reife erreicht, da enthüllte das Wort vor den Augen der Menschen die verborgenen Energien, mit denen es ausgestattet ist – Energien, die sich in der Fülle ihrer Herrlichkeit offenbarten, als im Jahre sechzig1844 n. Chr – Anm. d. Hrsg.A die Altehrwürdige Schönheit in der Person ‘Alí-Muḥammads, des Báb, erschien.«Bahá’u’lláh, in: Ährenlese 33:1, 33:1, 33:2 – Anm. d. Hrsg.Q
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‘Abdu’l-Bahá erläutert diese Grundwahrheit und schreibt: »Alles Erschaffene hat seinen Grad oder seine Stufe der Reife. Der Reifezustand im Leben eines Baumes ist die Zeit, da er Früchte trägt … Das Tier erreicht eine Stufe des vollen Wachstums und der Vollständigkeit, und im Menschenreich gelangt der Mensch zur Reife, wenn das Licht seines Verstandes die höchste Macht und Entwicklung erreicht … Ähnlich gibt es Abschnitte und Stufen im Gesellschaftsleben der Menschheit. Einmal durchwanderte sie ihre Kindheit, späterhin ihre Jugendzeit, aber jetzt ist sie in ihre lange verheißene Reifezeit eingetreten, deren Beweise überall offenkundig sind … Was den menschlichen Bedürfnissen in der Frühgeschichte unseres Geschlechts angemessen war, ist weder passend noch genügend für die Erfordernisse des heutigen Tages, dieser Zeit des Neuen und der Vollendung. Die Menschheit hat sich aus ihrem früheren Zustand der Begrenztheit und der Vorerziehung erhoben. Jetzt muss der Mensch mit neuen Tugenden und Kräften, mit neuen sittlichen Maßstäben, mit neuen Fähigkeiten erfüllt werden. Neue Wohltaten, vollkommene Gaben, warten auf ihn und senken sich schon auf ihn herab. Die Gaben und Segnungen der Jugendzeit, wenngleich sie während des Heranwachsens der Menschheit passten und genügten, sind nunmehr außerstande, den Erfordernissen ihrer Reifezeit zu entsprechen.«‘Abdu’l-Bahá, in: Promulgation of Universal Peace 130:2, 130:2, 130:4, 130:4 – Anm. d. Hrsg.Q
Der Vorgang der Einswerdung
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Eine derart einmalige, bedeutsame Krise im Leben der organisierten Menschheit kann überdies mit dem Höhepunkt in der politischen Entwicklung der großen amerikanischen Republik verglichen werden – einem Stadium, das durch die Bildung einer vereinten Gemeinschaft verbundener Staaten gekennzeichnet war. Ein neues Nationalbewusstsein regte sich, ein neuer Kulturtypus war geboren, unendlich reicher und edler als irgendeiner, den die völkischen Bestandteile dieser neuen Nation, jeder für sich, hätten zu erreichen hoffen können. Auf solche Weise, kann man sagen, ist die Mündigkeit des amerikanischen Volkes verkündet worden. Innerhalb der gebietsmäßigen Grenzen dieser Nation ist jene Vollendung als der Höhepunkt in der Entwicklung menschlicher Regierung zu betrachten. Die mannigfachen, nur lose verbundenen Teile einer getrennten Gemeinschaft wurden zusammengebracht, vereint und zu einem ganzheitlichen System verschmolzen. Auch wenn diese Ganzheit weiter wachsende innere Anziehungskraft gewinnen kann, auch wenn die vollzogene Einheit weiter gefestigt werden mag, auch wenn die Kultur, die nur aus dieser Einheit geboren werden konnte, sich ausbreiten und blühen mag, lässt sich doch sagen, dass der für diese Entfaltung lebenswichtige Apparat damals aufgebaut und der für ihre Steuerung und Erhaltung notwendige Anstoß damals vermittelt worden ist. Über diese Vollendung der nationalen Einheit hinaus ist in den geographischen Grenzen jener Nation keine weitere Entwicklungsstufe vorstellbar, wenngleich die höchste Bestimmung ihres Volkes als Bestandteil einer noch größeren, die ganze Menschheit umfassenden Ganzheit noch unerfüllt bleibt. Betrachtet man jene Nation als gesonderte Einheit, dann lässt sich sagen, dass dieser Vorgang der Einswerdung seine höchste, endgültige Vollendung erreicht hat.
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Das ist auch die Stufe, der sich eine in der Entwicklung befindliche Menschheit gemeinsam nähert. Die Offenbarung, die der Allmächtige Gebieter Bahá’u’lláh anvertraut hat, ist nach dem festen Glauben Seiner Anhänger mit Möglichkeiten ausgestattet, wie sie der Reife des Menschengeschlechts, der krönenden, folgenschwersten Etappe zwischen seiner Kindheit und seiner Mannhaftigkeit, angemessen sind.
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Die aufeinanderfolgenden Begründer aller vergangenen Religionen, die seit unvordenklichen Zeiten mit wachsender Stärke den Glanz einer gemeinsamen Offenbarung auf die verschiedenen Stufen des Fortschritts der Menschheit zu ihrer Reife hin ergossen haben, mögen daher in gewissem Sinn als vorläufige Manifestationen Gottes, als Vorboten und Wegbereiter für das Kommen jenes Tages der Tage betrachtet werden, da die ganze Erde Frucht tragen und der Baum der Menschheit seine vorbestimmte Ernte bringen wird.
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So unbestreitbar diese Wahrheit ist, darf ihr herausfordernder Charakter doch nie die Absicht verdunkeln oder den Grundsatz verdrehen, der allen Äußerungen Bahá’u’lláhs zugrunde liegt, Äußerungen, die für alle Zeiten die völlige Einheit aller Propheten Gottes, Ihn selbst einbegriffen, in der Vergangenheit wie in der Zukunft, begründen. Obwohl die Sendung der Bahá’u’lláh vorangegangenen Propheten in dem erwähnten Lichte gesehen werden kann, obwohl das jedem von ihnen anvertraute Maß göttlicher Offenbarung im Ergebnis dieses Entwicklungsprozesses notwendig unterschiedlich ist, dürfen ihr gemeinsamer Ursprung, ihre Wesenseinheit, ihre gleiche Absicht zu keiner Zeit und unter keinen Umständen missverstanden oder geleugnet werden. Dass alle Gottgesandten so zu sehen sind, dass sie »im gleichen Heiligtum wohnen, im gleichen Himmel schweben, auf dem gleichen Throne sitzen, die gleiche Rede führen und den gleichen Glauben verkünden«Bahá’u’lláh, Kitáb-i-Íqán 162 – Anm. d. Hrsg.Q, muss die unabänderliche Grundlage, der Hauptlehrsatz des Bahá’í-Glaubens bleiben, wie sehr wir auch das Maß göttlicher Offenbarung preisen, das der Menschheit auf dieser krönenden Stufe ihrer Entwicklung gewährt worden ist. Unterschiede in dem Strahlenglanz, den jede dieser Manifestationen des göttlichen Lichtes über die Welt ergossen hat, sollten nicht einer innewohnenden Überlegenheit zugeschrieben werden, mit der die eine oder andere von ihnen wesenhaft ausgestattet worden wäre, sondern vielmehr der fortschreitenden Fassungskraft, der stetig wachsenden geistigen Empfänglichkeit, die das Menschengeschlecht auf seinem Fortschritt zur Reife unabänderlich an den Tag gelegt hat.
Die letzte Vollendung
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Nur wer willens ist, die Offenbarung Bahá’u’lláhs mit der Vollendung einer so gewaltigen Entwicklung im Gemeinschaftsleben des ganzen Menschengeschlechts in Verbindung zu bringen, kann die Bedeutung jener Worte begreifen, die Er als passend für eine Anspielung auf die Herrlichkeit dieses verheißenen Tages und auf die Dauer des Bahá’í-Zeitalters erachtet hat. »Dies ist der König der Tage«, ruft Er aus, »der Tag, welcher den Heißgeliebten hat kommen sehen, Ihn, nach dem die Sehnsucht der Welt seit aller Ewigkeit gegangen.« »Die Heiligen Schriften früherer Sendungen«, versichert Er weiter, »feiern das große Jubelfest, das diesen größten Tag Gottes begrüßen muss. Wohl steht es um den, der diesen Tag erlebt und schaut und seine Stufe erkennt.« »Es ist klar«, erläutert Er an anderer Stelle, »dass jedes Zeitalter, in dem eine Manifestation Gottes gelebt hat, göttlich verordnet ist und in gewissem Sinn als Gottes festgesetzter Tag bezeichnet werden kann. Dieser Tag jedoch ist einzigartig und muss von den vorausgegangenen unterschieden werden. Die Bezeichnung ›Siegel der Propheten‹Qur’án 33:40 – Anm. d. Hrsg.Q enthüllt seine hohe Stufe völlig. Der prophetische Zyklus ist wahrlich beendet. Er, der die Ewige Wahrheit ist, ist jetzt gekommen. Er hat das Banner der Macht gehisst und ergießt nunmehr auf die Welt den unumwölkten Glanz Seiner Offenbarung.«Bahá’u’lláh, in: Ährenlese 25:1 – Anm. d. Hrsg.Q »In dieser mächtigsten Offenbarung«, erklärt Er in kategorischer Sprache, »haben alle Sendungen der Vergangenheit ihre höchste, ihre letzte Vollendung erlangt. Was in dieser überragenden, dieser erhabensten Offenbarung kundgemacht worden ist, steht ohne Beispiel in den Annalen der Vergangenheit da, noch werden künftige Zeitalter Gleichartiges schauen.«
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‘Abdu’l-Bahás verbürgte Erklärungen sollten gleichfalls ins Gedächtnis gerufen werden, da sie nicht weniger nachdrücklich die beispiellose Unermesslichkeit der Sendung Bahá’u’lláhs bestätigen. »Jahrhunderte«, bekräftigt Er in einem Seiner Sendschreiben, »nein, ungezählte Zeitalter müssen vergehen, ehe das Tagesgestirn der Wahrheit wieder in seiner hochsommerlichen Pracht erstrahlt oder aufs neue im Glanze frühlingsfrischer Herrlichkeit scheint … Allein die innere Schau der Sendung, die von der Gesegneten Schönheit eingeleitet wurde, konnte genügen, die Heiligen vergangener Zeitalter zu verzücken – Heilige, die sich danach sehnten, auch nur für einen Augenblick an seiner großen Herrlichkeit teilzuhaben.« »Was jene Manifestationen angeht, die zukünftig ›in den Schatten der Wolken‹Qur’án 2:210 – Anm. d. Hrsg.Q herniederkommen werden«, bestätigt Er in noch deutlicherer Sprache, »so wisse wahrlich, dass sie in ihrer Beziehung zur Quelle ihrer Eingebung unter dem Schatten der Altehrwürdigen Schönheit stehen. Jedoch in ihrer Beziehung zu dem Zeitalter, in dem sie erscheinen, tut jeder von ihnen, ›was immer Er will.‹vgl. Qur’án 2:253, 3:40, 14:27; 22:14, 22:18 – Anm. d. Hrsg.Q«Q »Diese heilige Sendung«, erläutert Er mit Blick auf die Offenbarung Bahá’u’lláhs, »ist vom Lichte der Sonne der Wahrheit erleuchtet, wie sie von ihrer erhabensten Stufe, in der Fülle ihres Glanzes, ihrer Glut und ihrer Herrlichkeit strahlt.«‘Abdu’l-Bahá, Q
Todesqualen und Geburtswehen
7:17
Innig geliebte Freunde! Obgleich die Offenbarung Bahá’u’lláhs geschehen ist, ist doch die Weltordnung, die eine solche Offenbarung zeugen muss, noch ungeboren. Obgleich das heroische Zeitalter Seines Glaubens vergangen ist, sind die schöpferischen Kräfte, die jenes Zeitalter entfesselt hat, noch nicht in derjenigen Weltgesellschaft auskristallisiert, die in der Fülle der Zeit den Glanz Seiner Herrlichkeit widerspiegeln soll. Obgleich das Rahmenwerk Seiner Gemeindeordnung errichtet ist, obgleich der gestaltgebende Abschnitt des Bahá’í-Zeitalters begonnen hat, ist doch das verheißene Reich Gottes, zu dem die Saat Seiner Institutionen heranreift, noch nicht ausgerufen. Obgleich Er Seine Stimme erhoben hat, obgleich die Zeichen Seines Glaubens in nicht weniger als vierzig Ländern des Ostens wie des Westens aufgerichtet worden sind, ist doch die Ganzheit des Menschengeschlechts noch nicht anerkannt, seine Einheit noch nicht verkündet, das Banner des Größten Friedens noch nicht gehisst.
7:18
»Die Höhen«, bezeugt Bahá’u’lláh selbst, »die durch Gottes huldvollste Gnade der sterbliche Mensch an diesem Tag erreichen kann, sind seinem Blick bis jetzt verborgen. Noch nie hat die Welt des Seins die Fassungskraft für eine solche Offenbarung besessen und besitzt sie auch heute nicht. Der Tag naht jedoch heran, da die Möglichkeiten einer so großen Gunst kraft Seines Geheißes den Menschen offenbart werden.«Bahá’u’lláh, in: Ährenlese 109:1 – Anm. d. Hrsg.Q
7:19
Für die Offenbarung einer so großen Gunst scheint eine Übergangszeit schlimmer Unruhen und weitverbreiteter Leiden unausweichlich. So glänzend das Zeitalter war, das den Beginn der Bahá’u’lláh anvertrauten Sendung miterlebte, wird doch in wachsendem Maße offenkundig, dass die Zeitspanne, die zu verstreichen hat, ehe jenes Zeitalter seine köstlichste Frucht trägt, von sittlicher und gesellschaftspolitischer Finsternis überschattet sein muss, weil nur so eine unbußfertige Menschheit auf das reiche Erbe vorbereitet wird, das sie antreten soll.
7:20
In eine solche Übergangszeit gleiten wir jetzt stetig und unwiderstehlich hinein. Inmitten der Schatten, die sich immer dichter um uns scharen, können wir am Horizont der Weltgeschichte schwach den ersten Schimmer von Bahá’u’lláhs überirdischer Herrschaft erkennen. Uns fällt als »Generation des Zwielichts«, deren Lebenstage als die Brutzeit des von Bahá’u’lláh vorhergeschauten Weltgemeinwesens bezeichnet werden können, eine Aufgabe zu, deren hohes Vorrecht wir niemals hinreichend würdigen können und deren Mühsal wir bis jetzt erst in Umrissen wahrnehmen. Berufen, das Wirken dunkler Mächte, welche eine Flut lähmender Heimsuchungen auszulösen bestimmt sind, am eigenen Leibe zu erfahren, können wir wohl glauben, dass die finsterste Stunde, die dem Anbruch des Goldenen Zeitalters unseres Glaubens vorangehen muss, noch nicht geschlagen hat. So undurchdringlich das Düster ist, das die Welt bereits umgibt, ist doch das Gottesgericht, das diese Welt erwartet, erst in Vorbereitung, und keiner kann sich bereits vorstellen, wie finster es werden wird. Wir stehen an der Schwelle eines Zeitalters, dessen Zuckungen zugleich die Todesqualen der alten Ordnung und die Geburtswehen der neuen künden. Durch den zeugenden Einfluss des von Bahá’u’lláh gestifteten Glaubens ist, so kann man sagen, diese neue Weltordnung empfangen worden. Wir können gegenwärtig ihre Bewegungen im Mutterleib eines kreißenden Zeitalters wahrnehmen – eines Zeitalters, das auf die festgesetzte Stunde wartet, in der es seine Last abwerfen und seine schönste Frucht erbringen kann.
7:21
»Die ganze Erde«, schreibt Bahá’u’lláh, »ist jetzt in einem Zustand der Trächtigkeit. Der Tag naht heran, da sie ihre edelsten Früchte zeitigt, da ihr die stattlichsten Bäume, die köstlichsten Blüten, die himmlischsten Segnungen entsprießen. Unermesslich erhaben ist der Hauch, der dem Gewande deines Herrn, des Gepriesenen, entströmt! Denn siehe, sein Duft ist verbreitet und macht alle Dinge neu. Wohl dem, der begreift.« »Die brausenden Winde der göttlichen Gnade«, verkündet Er in der Súratu’l-Haykal, »sind über alle Dinge gekommen. Jedes Geschöpf ist mit all den Möglichkeiten, die es tragen kann, ausgestattet worden. Und doch haben die Völker der Welt diese Gnade abgelehnt! Jeder Baum ist mit den erlesensten Früchten begabt, jedes Meer mit den leuchtendsten Edelsteinen bereichert worden. Der Mensch selbst wurde mit den Gaben des Verständnisses und der Erkenntnis belehnt. Die ganze Schöpfung ist zur Empfängerin geworden für die Offenbarung des Allbarmherzigen, und die Erde zur Schatzkammer für solche Dinge, die unerforschlich sind für alle außer Gott, der Wahrheit, dem Wissenden um das Ungeschaute. Die Zeit naht, da alles Erschaffene seine Last abwirft. Verherrlicht sei Gott, der Verleiher dieser Gnade, die alles umfasst, das Sichtbare wie das Unsichtbare!«Bahá’u’lláh, Súriy-i-Haykal, in: Anspruch und Verkündigung 1:47 – Anm. d. Hrsg.Q
7:22
»Als der Ruf Gottes erhoben ward«, so hat ‘Abdu’l-Bahá geschrieben, »hauchte er dem Körper der Menschheit neues Leben ein und goss einen neuen Geist in die ganze Schöpfung. Aus diesem Grunde ist die Welt bis in ihre Tiefen bewegt, Herz und Gewissen der Menschen sind erfrischt. Binnen kurzem werden die Zeichen dieser Wiedergeburt offenbar, die tief Schlafenden werden erweckt.«‘Abdu’l-Bahá, Q
Umfassende Gärung
7:23
Wenn wir die Welt um uns betrachten, können wir nicht umhin, die mannigfachen Beweise der umfassenden Gärung wahrzunehmen, welche die Menschheit in jedem Teil des Erdballs und auf jedem Gebiet des menschlichen Lebens im Vorgefühl des Tages, an dem die Ganzheit des Menschengeschlechts anerkannt und ihre Einheit begründet sein wird, läutert und neu gestaltet. Ein zweifacher Vorgang lässt sich hier jedoch unterscheiden, wobei jeder dieser beiden Prozesse auf seine eigene Weise und mit wachsender Schwungkraft darauf angelegt ist, jene Mächte, die das Antlitz unseres Planeten umgestalten, zum Höhepunkt zu führen. Der erste Vorgang ist dem Wesen nach ein Integrationsprozess, während der zweite von Grund auf zersetzend ist. Im Zuge seiner stetigen Entwicklung entfaltet der erste Prozess ein System, das recht wohl als Modell jenes Weltgemeinwesens dienen kann, zu dem eine seltsam in Unordnung geratene Welt beständig fortschreitet. Demgegenüber führt der zweite Prozess in dem Maße, wie sein zersetzender Einfluss sich vertieft, zu einem immer gewaltsameren Niederreißen der veralteten Schranken, die den Fortschritt der Menschheit zu ihrem vorbestimmten Ziel zu hemmen drohen. Der aufbauende Prozess ist verknüpft mit dem jugendlichen Glauben Bahá’u’lláhs; er ist der Vorbote der neuen Weltordnung, die dieser Glaube bald errichten muss. Die zerstörerischen Mächte, die den anderen Vorgang kennzeichnen, sollten mit einer Zivilisation gleichgesetzt werden, die ihre Antwort auf die Erwartung eines neuen Zeitalters verweigert hat und demzufolge in Chaos und Niedergang verfällt.
7:24
Ein titanischer, ein geistiger Kampf, noch nie dagewesen in solchen Ausmaßen und doch unaussprechlich herrlich in seinen letzten Folgen, wird im Ergebnis dieser gegensätzlichen Bestrebungen während der heutigen Übergangszeit, die von der organisierten Gemeinschaft der Anhänger Bahá’u’lláhs und von der Menschheit als Ganzem durchschritten werden muss, geführt.
7:25
Der in den Institutionen eines aufsteigenden Glaubens verkörperte Geist stieß auf seinem Vormarsch zur Erlösung der Welt auf Mächte, die ihn bekriegen und größtenteils seine genaue Verneinung sind. Der Fortbestand dieser Mächte muss ihn unausweichlich hindern, sein Ziel zu erreichen. Sinnentleerte, abgetragene Institutionen, veraltende Lehren und Bekenntnisse, abgenutzte, unglaubwürdig gewordene Überlieferungen, wie jene Mächte sie vertreten, sind in gewissen Fällen – und das muss bemerkt werden – infolge ihrer Altersschwäche, ihres Verlusts an innerem Zusammenhalt und der ihnen eigentümlichen Verdorbenheit völlig untergraben. Einzelne dieser Mächte sind von den anstürmenden Gewalten, die der Bahá’í-Glaube zur Stunde seiner Geburt auf so geheimnisvolle Weise entfesselt hat, hinweggefegt worden. Andere sind als unmittelbare Folge eines vergeblichen, schwächlichen Widerstands gegen den Aufstieg dieses Glaubens während der frühen Abschnitte seiner Entwicklung ausgestorben und völlig in Misskredit geraten. Wieder andere hatten aus Furcht vor dem durchdringenden Einfluss der Institutionen, in denen sich eben jener Geist späterhin verkörpern sollte, alle Kräfte gesammelt und ihren Angriff vorangetragen, nur um nach kurzem, trügerischem Erfolg eine schimpfliche Niederlage zu erleiden.
Unsere Zeit des Übergangs
7:26
Es ist nicht meine Absicht, die nachfolgenden geistigen Kämpfe in Erinnerung zu rufen oder gar im Einzelnen genau zu untersuchen, noch will ich die Siege aufzählen, die dem Glauben Bahá’u’lláhs seit dem Tage seiner Begründung zum Ruhm gereichten. Die Hauptsache sind mir nicht jene Geschehnisse, die das erste, das apostolische Zeitalter der Bahá’í-Sendung ausgezeichnet haben, sondern viel eher die herausragenden Ereignisse und Strömungen, die den gestaltgebenden Abschnitt ihrer Entwicklung, unsere Zeit des Übergangs, kennzeichnen – eine Zeit, deren Trübsale Vorboten sind für jene Ära der Wonne und der Glückseligkeit, die Gottes letztes Ziel für die ganze Menschheit verkörpert.
7:27
Auf den katastrophalen Zusammenbruch mächtiger Königtümer und Kaiserreiche am Vorabend des Hinscheidens ‘Abdu’l-Bahás, dessen Heimgang als Beginn der Eröffnungsphase unserer Zeit des Übergangs angesprochen werden kann, habe ich in einer früheren Mitteilung kurz angespielt. Die Auflösung des deutschen Kaiserreiches, die demütigende Niederlage, die seinem Herrscher zugefügt wurde, dem Nachfolger und geradlinigen Abkommen jenes preußischen Königs und Kaisers, an den Bahá’u’lláh Seine feierliche, historische Warnung gerichtet hatte, wie auch die Auslöschung der österreichisch-ungarischen Monarchie, Überbleibsel des vormals großen Heiligen Römischen Reiches, wurden beide durch einen Krieg beschleunigt, dessen Ausbruch den Beginn eines Zeitalters der Frustration kennzeichnet, das seinerseits der Errichtung der Weltordnung Bahá’u’lláhs voranzugehen bestimmt ist. Beide bedeutsamen Ereignisse können als die ersten Vorfälle dieses wirren Zeitalters betrachtet werden, und heute treten wir in die Randzonen seines Kernschattens langsam ein.
7:28
An den Besieger Napoleons III. richtete der Begründer unseres Glaubens unmittelbar nach des Königs Sieg in Seinem Heiligsten Buche diese klare, bedeutungsschwere Warnung: »O König von Berlin! … Hüte dich, dass nicht Hochmut dich hindere, den Tagesanbruch göttlicher Offenbarung zu erkennen, dass irdische Begierden dich nicht wie ein Schleier von dem Herrn des Thrones in der Höhe und hienieden auf Erden trennen. Dies rät dir die Feder des Höchsten. Er, wahrlich, ist der Gnädigste, der Allgütige. Denke an den, dessen Macht deine Macht überstiegNapoleon III.A und dessen Rang deinen Rang übertraf. Wo ist er? Wohin ist entschwunden, was er besaß? Sei gewarnt und gehöre nicht zu denen, die tief schlafen. Er war es, der das Sendschreiben Gottes wegwarf, als Wir ihm kundtaten, was die Scharen der Tyrannei Uns hatten erdulden lassen. Deshalb kam Schande von allen Seiten über ihn, und er fiel in den Staub mit großem Verlust. Denke tief über ihn nach, o König, und über jene, die gleich dir Städte erobert und Menschen beherrscht haben. Der Allbarmherzige brachte sie aus ihren Palästen hinab in ihre Gräber. Sei gewarnt und gehöre zu denen, die nachdenken.«Bahá’u’lláh, Kitáb-i-Aqdas 1:86 – Anm. d. Hrsg.Q
7:29
»O Ufer des Rheins!« prophezeit Bahá’u’lláh an einer anderen Stelle desselben Buches, »Wir haben euch mit Blut bedeckt gesehen, weil die Schwerter der Vergeltung gegen euch gezückt wurden. Und so wird es euch noch einmal ergehen. Und wir hören das Wehklagen Berlins, obwohl es heute in deutlichem Ruhmesglanz steht.«Bahá’u’lláh, Kitáb-i-Aqdas 1:90 – Anm. d. Hrsg.Q
Der Zusammenbruch des Islám
7:30
Der Machtverfall der shí‘itischen Geistlichkeit in einem Lande, das jahrhundertelang zu den uneinnehmbaren Bollwerken des muslimischen Fanatismus gehört hatte, war die unvermeidliche Folge jener Woge der Verweltlichung, die später auch einige der mächtigsten, konservativsten Kircheneinrichtungen auf dem europäischen wie dem amerikanischen Kontinent durchdringen sollte. Auch wenn sie nicht das unmittelbare Ergebnis des letzten Krieges war, verstärkte diese plötzliche Erschütterung der bislang bewegungslosen Pfeiler islámischer Orthodoxie die Probleme und vermehrte die Ruhelosigkeit, die eine kriegsmüde Welt quälten. In Bahá’u’lláhs Geburtsland hatte der shí‘itische Islám als unmittelbare Folge seiner unerbittlichen Feindseligkeit gegen Bahá’u’lláhs Glauben alle kämpferische Kraft verloren, seine Rechte und Privilegien eingebüßt. Er wurde erniedrigt und sittenverderbt, endgültig zu hoffnungsloser Finsternis und schließlich zum Erlöschen verurteilt. Nicht weniger als zwanzigtausend Märtyrer mussten jedoch ihr Leben opfern, ehe die Sache, für die sie lebten und starben, diesen ersten Sieg über jene verzeichnen konnte, welche die ersten gewesen waren, deren Ansprüche zu verwerfen und deren tapfere Krieger niederzumähen. »Niedertracht und Elend waren ihnen eingeprägt, und mit Zorn kehrten sie von Gott zurück.«Qur’án 2:61 – Anm. d. Hrsg.Q
7:31
»Sehet«, bemerkt Bahá’u’lláh zum Niedergang eines gefallenen Volkes, »wie die Sprüche und Taten des Shí‘ah-Islám die Freude und den Eifer seiner frühen Tage abgestumpft, wie sie den vormaligen Glanz seines Lichtes getrübt haben. In den ersten Tagen, als sie sich noch an die Regeln hielten, die mit dem Namen ihres Propheten, des Herrn der Menschheit, verbunden sind, da war ihr Lebenslauf gekennzeichnet von einer ununterbrochenen Kette von Siegen und Triumphen. Als sie aber Schritt um Schritt vom Pfade ihres vollkommenen Vorbilds und Meisters abirrten, als sie sich vom Lichte Gottes abkehrten und den Grundsatz Seiner göttlichen Einheit verfälschten, als sie ihr Augenmerk immer mehr und immer ausschließlicher auf jene richteten, die nur Entschleierer waren für die Macht Seines Wortes, da wandelte sich ihre Macht in Ohnmacht, ihr Ruhm in Schande, ihr Mut in Angst. Du selbst bist Zeuge, wie weit es mit ihnen gekommen ist.«Bahá’u’lláh, in: Ährenlese 82:1 – Anm. d. Hrsg.Q
7:32
Der Sturz der Qájáren-Dynastie, der anerkannten Verteidigerin und des willigen Werkzeugs einer verrotteten Geistlichkeit, fiel zeitlich fast zusammen mit der Demütigung, welche die shí‘itischen Glaubensführer über sich ergehen lassen mussten. Von Muḥammad Sháh bis zu dem letzten, schwächlichen Monarchen dieses Herrscherhauses wurde dem Glauben Bahá’u’lláhs die unvoreingenommene Beachtung, die interessenfreie und gerechte Behandlung versagt, die die Sache Bahá’u’lláhs rechtmäßig gefordert hatte. Im Gegenteil: Dieser Glaube wurde grausam gequält, fortgesetzt verraten und verfolgt. Das Martyrium des Báb, die Verbannung Bahá’u’lláhs, die Beschlagnahme Seiner weltlichen Besitzungen, Seine Einkerkerung in Mázindarán, die Schreckensherrschaft, welche Ihn in das ekelhafteste aller Verließe warf, die Ränke, Proteste und Verleumdungen, die Ihn dreimal aufs neue verbannten und schließlich zu Seiner Gefangenschaft in der trostlosesten aller Städte führten, die schändlichen Urteilssprüche, die im stillschweigenden Einvernehmen von richterlichen und geistlichen Gewalten gegen Person, Eigentum und Ehre Seiner unschuldigen Anhänger ergingen – dies sind die auffälligsten Schandtaten, für welche die Nachwelt dieses blutbefleckte Herrscherhaus zur Rechenschaft ziehen wird. Ein weiteres Hindernis, das den Vormarsch des Glaubens aufzuhalten versucht hatte, war jetzt beseitigt.
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Auch nach der Verbannung Bahá’u’lláhs aus Seinem Vaterland war die Flut der Leiden, die mit solchem Ungestüm über iIhm und den Anhängern des Báb zusammengeschlagen war, noch keineswegs abgeebbt. Im Rechtsbereich des Sulṭáns der Türkei, des Erzfeindes Seiner Sache, war ein neues Kapitel der Geschichte Seiner immer wiederkehrenden Prüfungen eröffnet worden. Der Sturz des Sulṭánats und Khalífats, der Doppelpfeiler des sunnítischen Islám, kann daher in keinem anderen Lichte denn als unvermeidliche Folge der grimmigen, nachhaltigen, wohlüberlegten Verfolgungen betrachtet werden, welche die Herrscher des wankenden Hauses ‘Uthmán, die anerkannten Nachfolger des Propheten Muḥammad, der Sache Gottes zuteil werden ließen. Von der Stadt Konstantinopel aus, dem überkommenen Sitz sowohl des Sulṭánats als auch des Khalífats, hatten die Herrscher der Türkei während einer Zeitspanne von fast drei Vierteln eines Jahrhunderts mit unvermindertem Eifer die Flut eines Glaubens, den sie fürchteten und verabscheuten, zu dämmen gesucht. Beginnend mit der Zeit, als Bahá’u’lláh den Fuß auf türkischen Boden setzte, als Er damit im Grunde genommen Gefangener des mächtigsten Potentaten des Islám wurde, bis zum Jahr der Befreiung des Heiligen Landes vom türkischen Joch hatten die aufeinanderfolgenden Khalífen, besonders die Sulṭáne ‘Abdu’l-‘Azíz und ‘Abdu’l-Ḥamíd, in uneingeschränkter Ausübung der geistlichen wie weltlichen Gewalt, die ihr erhabenes Amt ihnen verlieh, den Begründer unseres Glaubens ebenso wie den Mittelpunkt Seines Bundes mit Qualen und Leiden gepeinigt, wie kein Geist sie ergründen und keine Feder oder Zunge sie beschreiben kann. Nur sie selbst konnten solche Pein ermessen und ertragen.
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Von diesen schmerzlichen Prüfungen hat Bahá’u’lláh wiederholt Zeugnis abgelegt: »Bei der Gerechtigkeit des Allmächtigen! Würde Ich dir alles aufzählen, was Mich befallen hat, Seele und Gemüt der Menschen wären unfähig, die Last all dessen zu tragen. Gott selbst ist Mir Zeuge.«Bahá’u’lláh, in: Days of Remembrance 34:9 – Anm. d. Hrsg.Q »Zwanzig Jahre sind vergangen«, schrieb Er, an die Könige der Christenheit gewandt, »in denen Wir jeden Tag die Pein einer neuen Trübsal gekostet haben. Keiner von denen, die vor Uns waren, hat Dinge erduldet, wie Wir sie erdulden. Könntet ihr es doch erkennen! Die sich gegen uns erhoben, haben uns hingerichtet, unser Blut vergossen, unser Eigentum geplündert, unsere Ehre verletzt.«Bahá’u’lláh, Súriy-i-Mulúk, in: Anspruch und Verkündigung 5:20 – Anm. d. Hrsg.Q »Gedenke Meiner Schmerzen«, offenbart Er in anderem Zusammenhang, »Meiner Sorge und Unruhe, Meiner Leiden und Prüfungen, Meines Zustands der Gefangenschaft, der Tränen, die Ich vergoss, und nun Meiner Kerkerhaft in diesem entlegenen Lande … Könnte man dir sagen, was die Altehrwürdige Schönheit befallen hat, du flöhest hinaus in die Wildnis und weintest mit großem Wehe … Jeden Morgen, den Ich Mich von Meinem Lager erhob, fand Ich die Heerscharen ungezählter Heimsuchungen hinter Meiner Tür versammelt, und jeden Abend, wenn Ich Mich niederlegte, siehe, da war Mein Herz zerrissen von all dem, was es von der teuflischen Grausamkeit seiner Feinde erduldet hat.«Bahá’u’lláh, in: Ährenlese 62:1, 62:1, 62:2 – Anm. d. Hrsg.Q
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Die Befehle, welche diese Feinde erließen, die Verbannungen, welche sie anordneten, die Beleidigungen, welche sie zufügten, die Pläne, welche sie schmiedeten, die Untersuchungen, welche sie einleiteten, die Drohungen, welche sie aussprachen, die Gräueltaten, zu denen sie gewillt waren, die Ränke und Niederträchtigkeiten, zu denen sie, ihre Minister, ihre Statthalter und Militärgewaltigen sich erniedrigten – dies alles ergibt einen Bericht, wie er kaum seinesgleichen in der Geschichte einer Offenbarungsreligion findet. Die bloße Aufzählung der hervorstechendsten Züge dieses dunklen Dramas würde Bände füllen. Sie waren sich wohl bewusst, dass der geistige und administrative Mittelpunkt der Sache, die auszurotten sie bestrebt waren, nunmehr in ihren Herrschaftsbereich übergewechselt war, dass deren Führer türkische Untertanen waren, dass jegliche Mittel, über die jene verfügten, ihrer eigenen Gnade ausgeliefert waren. Dass es während einer Zeit von fast siebzig Jahren dieser Gewaltherrschaft, die noch in der Fülle ihrer unangefochtenen Zwangsmittel stand, die durch nie endende Machenschaften der staatlichen und geistlichen Behörden eines Nachbarlandes noch gekräftigt und durch die Unterstützung jener Verwandten Bahá’u’lláhs, die sich gegen Seine Sache aufgelehnt und sich davon getrennt hatten, noch ermutigt wurden – dass es dieser Gewaltherrschaft am Ende nicht gelungen ist, eine bloße Handvoll verurteilter Untertanen auszurotten, muss für jeden nichtgläubigen Betrachter eine der fesselndsten, geheimnisvollsten Episoden der Zeitgeschichte bleiben.
7:36
Die Sache, deren sichtbares Oberhaupt noch immer Bahá’u’lláh war, hatte trotz der Berechnungen eines kurzsichtigen Feindes unbestreitbar triumphiert. Kein unbefangener Geist, der durch die äußeren Lebensumstände des Gefangenen von ‘Akká hindurchblickte, konnte dies noch länger verkennen oder abstreiten. Obgleich sich die verminderte Spannung in den Verhältnissen nach dem Hinscheiden Bahá’u’lláhs vorübergehend wieder erhöhte und die Gefahren einer immer noch ungefestigten Lage wieder auflebten, war es doch in wachsendem Maße offenkundig, dass die heimtückischen Kräfte des Verfalls, die sich durch lange Jahre in die Eingeweide einer zerrütteten Nation gewühlt hatten, nunmehr einem Gipfelpunkt zustrebten. Eine Reihe innerer Zuckungen, jede verheerender als die vorhergehende, war bereits entfesselt, um schließlich eines der katastrophalsten Ereignisse der Neuzeit nach sich zu ziehen. Die Ermordung jenes anmaßenden Despoten im Jahre 1876, der russisch-türkische Zusammenstoß, der kurz darauf folgte, dann die Befreiungskriege, der Aufstieg der Jungtürkischen Bewegung, die türkische Revolution von 1909, die den Sturz ‘Abdu’l-Ḥamíds beschleunigte, die Balkankriege mit ihren unheilvollen Folgen, die Befreiung Palästinas mit den Städten ‘Akká und Haifa, dem Weltzentrum eines der Knechtschaft entronnenen Glaubens, im Herzen dieses Landes, die weitere Zerstückelung des türkischen Reiches durch den Vertrag von Versailles, die Abschaffung des Sulṭánats und der Untergang des Hauses ‘Uthmán, die Auslöschung des Khalífats, die Beseitigung der Staatsreligion, die Aufhebung des Gesetzes der Sharí‘ah und die Verkündung eines allgemeinen Bürgerlichen Gesetzbuches, die Unterdrückung verschiedener Orden, Glaubensbekenntnisse, Überlieferungen und Zeremonien, die man für unauflöslich verwoben mit der Struktur der muslimischen Religion gehalten hatte – all dies folgte mit einer Leichtigkeit und Schnelligkeit, wie sie kein Mensch sich auszumalen gewagt hätte. In diesen verheerenden Schlägen, die von Freunden und Feinden, von christlichen Nationen wie von bekennenden Muslimen gleichermaßen ausgeteilt wurden, erkannte jeder Anhänger des verfolgten Glaubens Bahá’u’lláhs Zeichen der lenkenden Hand des verstorbenen Begründers seiner Religion, der aus dem Reich des Unsichtbaren eine Flut wohlverdienter Trübsale über einer widersetzlichen Religion und Nation entfesselte.
7:37
Vergleichen Sie die Zeichen göttlicher Heimsuchung, wie sie die Verfolger Jesu Christi befiel, mit diesen geschichtsträchtigen Vergeltungen, die im zweiten Teil des ersten Jahrhunderts des Bahá’í-Zeitalters die Hauptfeinde der Religion Bahá’u’lláhs in den Staub warfen. Hatte nicht der römische Kaiser in der zweiten Hälfte des ersten Jahrhunderts christlicher Zeitrechnung nach einer qualvollen Belagerung Jerusalems die heilige Stadt verwüstet, den Tempel zerstört, das Allerheiligste entweiht und seiner Schätze beraubt, um diese nach Rom zu schaffen? Hatte er nicht auf dem Berge Zion eine heidnische Kolonie errichtet, die Juden niedergemetzelt, die Überlebenden verbannt und zerstreut?
7:38
Vergleichen Sie ferner die Worte, die der verfolgte Christus nach dem Zeugnis des Evangeliums an Jerusalem richtete, mit Bahá’u’lláhs Botschaft für Konstantinopel, die Er in Seinem fernen Gefängnis offenbarte und in Seinem Heiligsten Buche aufzeichnete: »O Jerusalem, Jerusalem, die du die Propheten tötest und sie steinigest, die zu dir gesandt sind, wie oft wollte Ich deine Kinder versammeln, wie eine Henne ihre Küken unter ihre Flügel nimmt!«Mt. 23:37 – Anm. d. Hrsg.Q Und wieder, als Er über diese Stadt weinte: »Hättest du doch, gerade du, wenigstens an diesem deinem Tage die Dinge erkannt, die deinem Frieden dienen! Aber nun sind sie vor deinen Augen verborgen. Denn die Tage werden über dich kommen, da deine Feinde einen Graben um dich legen und dich umzingeln und von jeder Seite bezwingen und dem Erdboden gleichmachen werden, und deine Kinder mit dir. Und sie werden keinen Stein in dir auf dem andern lassen, weil du die Zeit deiner Heimsuchung nicht kanntest.«Lk. 19:41–43 – Anm. d. Hrsg.Q
7:39
»O Ort, an den Ufern zweier Meere gelegen!« so wendet sich Bahá’u’lláh an die Stadt Konstantinopel. »Wahrlich, der Thron der Tyrannei ist in dir errichtet, und die Flamme des Hasses ist in deinem Busen auf solche Weise entzündet, dass die Scharen der Höhe und jene, die den Erhabenen Thron umkreisen, jammern und wehklagen. Wir sehen in dir die Narren über die Weisen herrschen, und die Finsternis brüstet sich gegenüber dem Lichte. Du bist in der Tat von sichtbarem Hochmut erfüllt. Hat dein äußerer Glanz dich hoffärtig gemacht? Bei Ihm, welcher der Herr der Menschheit ist! Er soll bald vergehen, und deine Töchter und deine Witwen und alle Geschlechter, die in dir wohnen, werden wehklagen. So belehrt dich der Allwissende, der Allweise.«Bahá’u’lláh, Kitáb-i-Aqdas 1:89 – Anm. d. Hrsg.Q
7:40
An Sulṭán ‘Abdu’l-‘Azíz, jenen Monarchen, der alle drei Verbannungen Bahá’u’lláhs anordnete, richtete der Begründer unseres Glaubens während Seiner Gefangenschaft in des Sulṭáns Hauptstadt diese Worte: »Höre, o König, auf die Rede Dessen, der die Wahrheit spricht, der nicht von dir verlangt, dass du Ihn mit dem entlohnest, was Gott dir zu schenken beliebte, und der unfehlbar auf dem geraden Pfade wandelt … Halte dir Gottes unfehlbare Waage vor Augen und wäge damit wie einer, der in Seiner Gegenwart steht, deine Handlungen jeden Tag, jeden Augenblick deines Lebens. Ziehe dich selbst zur Verantwortung, ehe du zur Rechenschaft gezogen wirst an dem Tag, da aus Furcht vor Gott kein Mensch die Kraft haben wird, aufrecht zu stehen, an dem Tag, da die Herzen der Achtlosen erzittern werden.«Bahá’u’lláh, Súriy-i-Mulúk, in: Anspruch und Verkündigung 5:58, 5:69 – Anm. d. Hrsg.Q
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