Das Universale Haus der Gerechtigkeit | Das Jahrhundert des Lichts
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Ein Aspekt des Aufenthalts in Ägypten, der besondere Aufmerksamkeit verdient, war die Gelegenheit zur ersten öffentlichen Bekanntmachung der Botschaft des Glaubens. Die relativ kosmopolitische und liberale Atmosphäre in Kairo und Alexandria zu dieser Zeit eröffnete einen Weg zu freimütigen und sachorientierten Diskussionen zwischen dem Meister und bekannten Persönlichkeiten aus der intellektuellen Welt des sunnitischen Islams. Dazu gehörten Geistliche, Parlamentarier, führende Beamte und Aristokraten. Darüber hinaus hatten nun Herausgeber und Journalisten einflussreicher arabischer Zeitungen, deren Informationen über die Sache bisher durch vorurteilsvolle Berichte aus Persien und Konstantinopel gefärbt waren, die Gelegenheit, Informationen aus erster Hand zu erhalten. Bislang ausgesprochen feindselige Publikationsorgane änderten ihren Ton. Die Herausgeber einer solchen Zeitung begannen ihren Artikel über die Ankunft des Meisters mit den Worten »Seine Eminenz Mírzá ‘Abbás Effendi, das erfahrene und gelehrte Oberhaupt der Bahá’í in ‘Akká und die höchste Autorität für die Bahá’í der ganzen Welt« und begrüßten ausdrücklich den Besuch ‘Abdu’l-Bahás in Alexandria.Hasan M. Balyuzi, ‘Abdu’l-Bahá, S. 200Q Diese und andere Artikel zollten besonders ‘Abdu’l-Bahás Verständnis des Islam und den Prinzipien der Einheit und religiösen Toleranz, die im Zentrum Seiner Lehren standen, Hochachtung.
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Trotz der angegriffenen Gesundheit des Meisters, die den Zwischenaufenthalt in Ägypten notwendig gemacht hatte, erwies sich dieser als großer Segen. Westliche Diplomaten und Offizielle konnten dadurch selbst den außergewöhnlichen Erfolg ‘Abdu’l-Bahás im souveränen Umgang mit führenden Persönlichkeiten in einer Region des Nahen Ostens beobachten, die für europäische Kreise von höchstem Interesse war. Als sich der Meister am 11. August 1911 nach Marseille einschiffte, war Ihm Sein Ruf bereits vorausgeeilt.
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In einem Brief, den ‘Abdu’l-Bahá 1905 an einen amerikanischen Gläubigen richtete, findet sich eine Aussage, die ebenso aufschlussreich wie anrührend ist. ‘Abdu’l-Bahá spricht darin über Seine Situation nach dem Hinscheiden Bahá’u’lláhs, und erwähnt einen Brief, der Ihn aus Amerika erreichte, zu »einer Zeit, da hoch ein Meer von Prüfungen und Leiden brandete … «Briefe und Botschaften 200:1Q
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»In dieser Lage befanden wir uns, als uns ein Brief der amerikanischen Freunde erreichte. Sie hatten sich geschworen, so schrieben sie, in allen Dingen einig zu bleiben. Die Unterzeichnenden hatten allesamt gelobt, auf dem Pfade der Liebe Gottes Opfer zu bringen, um ewiges Leben zu gewinnen. In dem Augenblick, als dieser Brief mit all den Unterschriften am Ende verlesen wurde, überkam ‘Abdu’l-Bahá so große Freude, dass keine Feder sie zu beschreiben vermag.«a. a. O., 200:3Q
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Aus einer Reihe von Gründen müssen heute lebende Bahá’í unbedingt die Umstände verstehen lernen, unter denen sich die Ausbreitung des Glaubens im Westen vollzog. Dies hilft, uns von der Kultur einer derben, aufdringlichen Kommunikationsweise zu lösen, die in der heutigen Gesellschaft etwas so Alltägliches geworden ist, dass sie kaum noch auffällt. Es lenkt unsere Aufmerksamkeit auf die liebevolle, behutsame Art, mit der der Meister Seinen westlichen Zuhörern die Konzepte der Natur des Menschen und der menschlichen Gesellschaft, wie Bahá’u’lláh sie offenbart hatte, nahebrachte – Konzepte, die in ihren Auswirkungen revolutionär waren und jenseits des Erfahrungshorizontes der Hörerschaft lagen. Es erklärt die Feinfühligkeit, mit der Er Metaphern gebrauchte oder historische Beispiele heranzog, Seine häufig indirekte Herangehensweise, die Vertrautheit, die Er nach Belieben schaffen konnte, und die offenbar grenzenlose Geduld, mit der Er auf Fragen antwortete, auch wenn die ihnen zugrunde liegenden Vorstellungen oftmals schon seit langem jede Gültigkeit, die sie vielleicht einmal besessen haben mochten, verloren hatten.
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Eine weitere Erkenntnis, zu der eine leidenschaftslose Betrachtung der geschichtlichen Situation, in der sich der Meister an den Westen wandte, unserer Generation verhelfen kann, liegt in der Wertschätzung der geistigen Größe jener, die auf Ihn hörten. Diese Seelen antworteten Seinem Ruf trotz, nicht wegen der liberalen und wirtschaftlich hoch entwickelten Welt, die sie kannten, einer Welt, die ihnen zweifellos lieb und teuer war und in der sie notgedrungen ihrem täglichen Leben nachgehen mussten. Ihre Antwort rührte von einem, wenn auch manchmal nur vagen, Bewusstsein her, dass die Menschheit geistiger Erleuchtung bitter bedurfte. Standhaftigkeit in ihrer Hingabe an diese Einsicht verlangte von diesen frühen Gläubigen – auf deren selbstlosem Opfer die Grundlagen der heutigen Bahá’í-Gemeinden im Westen und in vielen anderen Ländern größtenteils errichtet wurden –, dass sie nicht nur dem Druck ihrer Familien und der Gesellschaft standhielten, sondern auch den leichtfertigen Argumenten und moralischen Verbrämungen einer Weltanschauung, mit der sie aufgewachsen und der sie überall stets und ständig ausgesetzt waren. In der Standhaftigkeit dieser frühen westlichen Gläubigen lag ein Heldenmut, der auf seine Art ebenso bewegend ist wie der ihrer persischen Glaubensgeschwister, die in denselben Jahren für ihren Glauben Verfolgung und Tod erlitten.
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An der Spitze jener, die im Westen auf den Ruf des Meisters antworteten, waren die kleinen Gruppen unerschrockener Gläubiger, die Shoghi Effendi als »gott-trunkene Pilger«Gott geht vorüber 16:16Q gepriesen hatte, und die das Vorrecht hatten, ‘Abdu’l-Bahá in der Gefängnisstadt ‘Akká zu besuchen, mit eigenen Augen das Leuchten Seiner Person zu sehen und aus Seinem Mund Worte zu hören, die das Leben der Menschen von Grund auf zu verwandeln vermochten. Den Eindruck auf diese Gläubigen schildert May Maxwell:
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»Ich erinnere mich weder an Freude, noch an Schmerz, noch an irgend etwas anderes in Worte zu Fassendes bei diesem ersten Beisammensein. Ich war plötzlich zu hoch emporgehoben, meine Seele war mit dem göttlichen Geist in Berührung gekommen und diese so reine, heilige und mächtige Kraft hatte mich überwältigt … «Gott geht vorüber 16:13Q
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Mit ihrer Heimkehr, so erklärt Shoghi Effendi, »begann eine ununterbrochene, systematische Tätigkeit, die … ihre Stützpunkte bis nach Westeuropa und in die Staaten und Provinzen Nordamerikas vorschob … «Gott geht vorüber 16:16Q Eine Flut von Briefen, die der Meister an Empfänger auf beiden Seiten des Atlantiks richtete, trieben die Bemühungen dieser frühen Pilger und ihrer Mitgläubigen an. In der Folge schlossen sich immer mehr Menschen dem Glauben an. Diese Botschaften öffneten die Vorstellungskraft für die Konzepte, Prinzipien und Ideale der neuen Offenbarung Gottes. Die Kraft dieser schöpferischen Macht lässt sich in folgenden Worten nachempfinden, mit denen der erste amerikanische Gläubige, Thornton Chase, zu beschreiben versuchte, was er sah:
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»Seine [des Meisters] eigenen Schriften, die sich wie weißgeflügelte Tauben aus der Mitte Seiner Gegenwart bis ans Ende der Welt ausbreiten, sind so zahlreich (Hunderte entströmen Seiner Feder täglich), dass Er unmöglich Zeit darauf verwandt haben kann, über sie nachzusinnen oder die Denkprozesse eines Gelehrten darauf anzuwenden. Sie ergießen sich wie Ströme aus einer sprudelnden Quelle … «In: The Bahá’í Centenary, 1844 – 1944, S. 140f.A
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Diese Worte vermitteln einen Eindruck von der Entschlossenheit, mit der der Meister ein derart kühnes Unterfangen anging, dass viele in Seiner unmittelbaren Umgebung darüber erschraken. Ungeachtet der oft geäußerten Besorgnis wegen Seines hohen Alters, Seiner angegriffenen Gesundheit und den körperlichen Leiden, die von den Jahrzehnten der Gefangenschaft herrührten, begab Er sich auf eine Reihe von Reisen, die nahezu drei Jahre dauern und Ihn bis an die Pazifikküste des nordamerikanischen Kontinentes führen sollten. Die Belastungen und Gefahren, die die Reisen nach Übersee in den frühen Jahren des Jahrhunderts mit sich brachten, waren noch die geringsten Hindernisse auf dem Wege zur Verwirklichung der Ziele, die Er sich gesetzt hatte. Mit den Worten Shoghi Effendis:
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»Er, der, wie Er selbst sagte, als Jüngling ins Gefängnis und erst als alter Mann wieder herausgekommen war, der niemals im Leben vor einem Auditorium gestanden, nie die Schule besucht, nie in Kreisen westlicher Menschen verkehrt hatte, deren Sprachen und Sitten Ihm fremd waren, machte sich auf, um von Kanzel und Katheder in Europas Hauptstädten und in führenden Städten Nordamerikas nicht nur die der Religion Seines Vaters eigenen Wahrheiten zu verkünden, sondern auch den göttlichen Ursprung der Propheten vor Bahá’u’lláh darzulegen und die Art ihrer Verbundenheit mit dem neuen Glauben aufzudecken.«Gott geht vorüber 19:5Q
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Keine glanzvollere Bühne hätte man sich für den ersten Akt dieses großartigen Schauspiels wünschen können als London, die Hauptstadt des größten und kosmopolitischsten Weltreiches, das die Welt je gesehen hat. In den Augen der kleinen Gruppen von Gläubigen, die die praktischen Vorbereitungen getroffen hatten und sich nach dem Anblick Seines Antlitzes sehnten, war die Reise ein Triumph, der ihre kühnsten Hoffnungen weit übertraf. Inhaber öffentlicher Ämter, Gelehrte, Schriftsteller, Publizisten, Industrielle, Führer von Reformbewegungen, Mitglieder des britischen Adels und einflussreiche Geistliche zahlreicher Konfessionen suchten Ihn eifrig auf, luden Ihn ein, auf ihren Bühnen, von ihren Kanzeln, in ihren Hörsälen und Häusern zu sprechen, und zollten den Ansichten, die Er darlegte, die größte Wertschätzung. Am Sonntag, dem 10. September 1911, sprach der Meister von der Kanzel der städtischen Synagoge zum ersten Mal überhaupt zu einem öffentlichen Publikum. Seine Worte ließen für Seine Zuhörer die Vision eines neuen Zeitalters in der kulturellen Entwicklung lebendig werden:
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»Dies ist ein neuer Zyklus menschlicher Fähigkeiten. Alle Horizonte der Welt sind strahlend hell, und die Welt wird wie ein Garten und ein Paradies werden … Ihr seid befreit von altem Aberglauben, der die Menschen in Unwissenheit gehalten und die Grundlagen wahren Menschseins zerstört hat.
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Die Gabe Gottes an dieses erleuchtete Zeitalter ist die Erkenntnis der Einheit der Menschheit und der grundlegenden Einheit der Religionen. Der Krieg zwischen den Nationen wird aufhören, und mit Gottes Willen wird der Größte Friede kommen; die Welt wird als eine angesehen werden, und alle Menschen werden wie Brüder leben.«‘Abdu’l-Bahá in London, S. 19f.Q
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Nach einem weiteren zweimonatigen Aufenthalt in Paris und einer vorübergehenden Rückkehr nach Alexandria, um dort den Winter zu verbringen und Seine Gesundheit wieder herzustellen, fuhr ‘Abdu’l-Bahá am 25. März 1912 mit einem Schiff nach New York ab und kam dort am 11. April dieses Jahres an. Allein was die körperliche Belastung angeht, war ein derart volles Programm, mit Hunderten öffentlichen Ansprachen, Konferenzen und persönlichen Gesprächen in mehr als vierzig Städten überall in Nordamerika und neunzehn weiteren in Europa, von denen einige mehrmals besucht wurden, eine Leistung, die in der modernen Geschichte wohl ihresgleichen sucht. Auf beiden Kontinenten, besonders aber in Nordamerika, wurde ‘Abdu’l-Bahá von hochrangigen Hörern, die sich etwa dem Frieden, den Rechten der Frau, der Gleichberechtigung der Rassen, sozialen Reformen und der moralischen Entwicklung verschrieben hatten, mit großer Wertschätzung begrüßt. Fast täglich wurde über Seine Vorträge und Gespräche in zahlreichen auflagenstarken Zeitungen berichtet. Er selbst sollte später schreiben, dass Er »alle Türen offen [fand] … und sah, wie die geistige Macht des Reiches Gottes jedes Hemmnis und Hindernis beseitigte«Sendschreiben zum göttlichen Plan 13:4A.
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Die Offenheit, mit der man Ihm begegnete, ermöglichte es ‘Abdu’l-Bahá, die sozialen Prinzipien der neuen Offenbarung unzweideutig darzulegen. Shoghi Effendi fasst die Wahrheiten, die so verkündet wurden, zusammen:
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»Die unabhängige, von Aberglauben und Tradition befreite Wahrheitssuche; die Einheit des ganzen Menschengeschlechts – Hauptlehre und Leitprinzip des Glaubens –; die grundlegende Einheit aller Religionen; strikte Ablehnung jeglichen Vorurteils, ob religiöser, rassischer, gesellschaftlicher oder ethnischer Art; der unabdingbare Einklang von Religion und Wissenschaft; Gleichheit für Mann und Frau, die beiden Flügel, mit denen der Vogel Menschheit sich aufschwingen kann; die Einführung der Schulpflicht; die Adoption einer universellen Hilfssprache; die Beseitigung der Extreme von Reichtum und Armut; die Einrichtung eines Welttribunals zur Schlichtung von Streit unter Völkern; die Würdigung jeglicher im Geist des Dienstes geleisteten Arbeit als Gottesdienst; die Verherrlichung der Gerechtigkeit als herrschendes Prinzip in der menschlichen Gesellschaft und der Religion als Bollwerk für den Schutz aller Menschen und Völker; die Stiftung eines dauernden universalen Friedens als das erhabenste Ziel für die ganze Menschheit – dies sind die Grundelemente dieser göttlichen Verfassung, die Er im Verlauf Seiner Lehrreisen den Meinungsführern wie dem großen Publikum verkündete.«Gott geht vorüber 19:7Q
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Der Kern der Botschaft des Meisters war die Verkündigung, dass der seit langem verheißene Tag der Vereinigung der Menschheit und der Errichtung von Gottes Königreich auf Erden gekommen ist. Dieses Reich, wie ‘Abdu’l-Bahá es in Seinen Briefen und Ansprachen enthüllte, hatte nicht das geringste gemein mit den weltfernen Auffassungen, die aus den Lehren traditioneller Religionen bekannt waren. Vielmehr verkündete der Meister den Eintritt der Menschheit in ihr Reifealter und die Herausbildung einer Weltkultur, in der das Zusammenspiel universeller geistiger Werte und eines bislang unvorstellbaren materiellen Fortschritts in die Entwicklung der gesamten Bandbreite menschlicher Möglichkeiten münden wird.
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Die Mittel, dieses Ziel zu erreichen, so sagte ‘Abdu’l-Bahá, seien schon vorhanden. Jetzt bedürfe es des Willens zum Handeln, der festen Überzeugung und Durchhaltekraft:
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»Wir alle wissen, dass Weltfriede gut ist, dass er die Grundlage des Lebens ist, aber Wille und Tat sind vonnöten. Weil dies das Jahrhundert des Lichts ist, wurde dem Menschen die Fähigkeit verliehen, den Frieden zu erreichen. Es steht fest, dass diese Gedanken so weit unter den Menschen verbreitet werden, dass sie zu Taten führen.«‘Abdu’l-Bahá, The Promulgation of Universal Peace, S. 121 (aus dem Persischen übersetzt)Q
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Zwar stets voller Höflichkeit und Rücksicht, jedoch klar und unmissverständlich wurden die Prinzipien der neuen Offenbarung bei privaten wie bei öffentlichen Anlässen dargelegt. Zu jeder Zeit waren die Handlungen des Meisters ebenso überzeugend wie Seine Worte. Beispielsweise hätte in den Vereinigten Staaten nichts den Glauben der Bahá’í an die Einheit der Religionen deutlicher vermitteln können als die Bereitschaft ‘Abdu’l-Bahás, sich in Ansprachen an eine christliche Hörerschaft auch auf den Propheten Muḥammad zu beziehen, und Sein entschiedenes Eintreten für den göttlichen Ursprung von Christentum wie Islam vor der Versammlung in der Emanu-El-Synagoge in San Francisco. Seine Fähigkeit, in Frauen aller Altersgruppen das Vertrauen darauf zu wecken, dass sie geistige und intellektuelle Fähigkeiten besaßen, die denen der Männer in nichts nachstanden; Seine unprovokante aber dennoch unmissverständliche Demonstration der Bedeutung der Lehren Bahá’u’lláhs über die Einheit der Rassen, indem er schwarze wie weiße Gäste an Seinem eigenen Tisch und an dem Seiner prominenten Gastgeberinnen willkommen hieß; Sein Bestehen auf der absoluten Vorrangigkeit der Einheit bei allen Aspekten von Bahá’í-Unternehmungen – mit anschaulichen Beispielen, wie die geistigen und praktischen Aspekte des Lebens zusammenwirken müssen, öffnete Er den Gläubigen Pforten in eine Welt neuer Möglichkeiten. Durch den Geist der Liebe, in dem all diese herausfordernden Erklärungen vorgebracht wurden, gelang es, die Ängste und Zweifel derer zu überwinden, an die der Meister sich wandte.
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Noch größer als die Anstrengungen, mit der Er den Glauben in der Öffentlichkeit vorstellte, war jedoch Sein Einsatz an Zeit und Energie, um die Gläubigen in ihrem Verständnis der geistigen Wahrheiten der Offenbarung Bahá’u’lláhs zu vertiefen. In einer Stadt nach der anderen, vom frühen Morgen bis spät in die Nacht, verbrachte Er die Stunden, die nicht von den öffentlichen Verpflichtungen Seiner Mission beansprucht wurden, damit, auf die Fragen der Freunde zu antworten, ihren Bedürfnissen nachzukommen und ihnen einen Geist des Vertrauens darauf einzuflößen, dass jeder von ihnen zur Verbreitung des Glaubens, den sie angenommen hatten, beitragen konnte. Sein Besuch in Chicago gab ‘Abdu’l-Bahá die Möglichkeit, eigenhändig den Grundstein des ersten Bahá’í-Hauses der Andacht im Westen zu legen, ein Projekt, das vom bereits begonnenen Bau des Hauses der Andacht in ‘Ishqábád inspiriert war und ebenso vom ersten Moment der Planung an von ‘Abdu’l-Bahá gefördert wurde.
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»Der Mashriqu’l-Adhkár ist eine der wichtigsten Institutionen auf der Welt. Er hat viele ergänzende Einrichtungen. Zwar ist er ein Haus der Andacht, ihm sind aber ein Krankenhaus, eine Apotheke, ein Hospiz für Reisende, eine Schule für Waisen und eine Universität für fortgeschrittene Studien angeschlossen … Es ist meine Hoffnung, dass in Amerika jetzt der Mashriqu’l-Adhkár errichtet werde und dass dann allmählich das Krankenhaus, die Schule, die Universität, die Apotheke und das Hospiz folgen werden, alle nach dem wirksamsten, zweckmäßigsten Verfahren arbeitend.«‘Abdu’l-Bahá, Briefe und Botschaften 64:1Q
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Ebenso wie bei der Entwicklung, die sich zeitgleich in Persien vollzog, werden wohl auch erst zukünftige Historiker imstande sein, die schöpferische Kraft dieser Dimension der Reise in den Westen angemessen zu würdigen. Memoiren und Briefe zeugen davon, wie selbst kurze Begegnungen mit dem Meister zahllosen westlichen Bahá’í Kraft gaben für die folgenden Jahre der Anstrengungen und Opfer, in denen sie sich um die Ausbreitung und Festigung des Glaubens mühten. Ohne ein solches Eingreifen des Mittelpunktes des Bundes selbst wäre es unvorstellbar gewesen, dass kleine Gruppen westlicher Gläubiger – denen das geistige Erbe vollständig fehlte, das ihre persischen Glaubensgeschwister von Eltern und Großeltern und deren langjähriger Verbindung mit den heroischen Ereignissen der Bábí- und der frühen Bahá’í-Geschichte übernommen hatten – so schnell hätten erfassen können, was der Glaube von ihnen verlangte, und die erforderlichen immensen Aufgaben hätten vollbringen können.
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Seine Zuhörer waren aufgerufen, liebevolle und zuversichtliche Träger eines großen Zivilisationsprozesses zu werden, dessen Dreh- und Angelpunkt die Erkenntnis der Einheit des Menschengeschlechtes ist. Wenn sie sich erhöben, ihre Mission zu erfüllen, so versprach Er ihnen, dann würden sie in sich selbst und anderen gänzlich neue Fähigkeiten freigesetzt finden, mit denen Gott die Menschheit an diesem Tage ausgestattet hat:
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»Ihr müsst die wahre Seele der Welt werden, der Lebenshauch im Leib der Menschenkinder. In diesem wundervollen Zeitalter, da die Urewige Schönheit, der Größte Name mit zahllosen Gaben am Horizont der Welt erschienen ist, flößt Gott durch Sein Wort dem innersten Wesenskern der Menschheit solche erstaunlichen Kräfte ein, dass Er menschlichen Eigenschaften alle Wirkung nimmt und die Völker mit Seiner allbezwingenden Macht in einem weiten Meer der Einheit zusammenführt.«‘Abdu’l-Bahá, Briefe und Botschaften 7:2Q
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Die Antwort, die die Gläubigen diesem Aufruf entgegenbrachten, wird wohl am deutlichsten durch die Tatsache, dass die unter ihnen errichtete Einheit sie nicht daran hinderte, die Wahrheiten des Glaubens auf sehr unterschiedliche persönliche Art und Weise auszudrücken. Das Verhältnis zwischen dem Einzelnen und der Gemeinschaft war schon immer eine der herausforderndsten Fragen gesellschaftlicher Entwicklung. Schon das flüchtige Lesen der Lebensgeschichten der frühen westlichen Gläubigen zeigt, dass die meisten ein hohes Maß an Individualität auszeichnete, besonders die aktivsten und kreativsten. Nicht selten hatten sie erst nach der intensiven Beschäftigung mit verschiedenen geistigen und sozialen Bewegungen jener Zeit zum Glauben gefunden. Dieses tiefe Verständnis der Sorgen und Bedürfnisse ihrer Zeitgenossen machte sie zweifellos zu derart wirksamen Lehrern des Glaubens. Ebenso klar ist jedoch, dass die vielen verschiedenen Ausdrucks- und Sichtweisen sie nicht davon abhielten, zur Entwicklung einer gemeinsamen Einheit beizutragen, die die Hauptanziehungskraft des Glaubens war. Wie die Memoiren und historischen Aufzeichnungen jener Zeit deutlich machen, war das Geheimnis dieser Balance zwischen dem Einzelnen und der Gemeinschaft das geistige Band, das alle Gläubigen mit den Worten und dem Vorbild des Meisters verband. Für sie alle war ‘Abdu’l-Bahá der Bahá’í-Glauben.
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Keine objektive Rückschau auf ‘Abdu’l-Bahás Mission im Westen darf die ernüchternde Tatsache ignorieren, dass nur eine geringe Zahl derer, die den Glauben angenommen hatten – und noch viel weniger unter der öffentlichen Zuhörerschaft, die in Scharen herbeigeströmt war, um Seine Worte zu hören –, bei diesen unschätzbaren Gelegenheiten mehr als ein verhältnismäßig vages Verständnis der Bedeutung Seiner Botschaft erlangte. Obwohl ‘Abdu’l-Bahá die begrenzte Einsicht seitens Seiner Zuhörer bewusst war, zögerte Er nicht, im Umgang mit westlichen Gläubigen ein Verhalten an den Tag zu legen, das sie zu einer Geisteshaltung rief, die über bloßen gesellschaftlichen Liberalismus oder pure Toleranz weit hinaus ging. Ein Beispiel, das hier für viele solcher Eingriffe stehen soll, war Seine behutsame und doch zukunftsweisende Ermutigung der Hochzeit von Louis Gregory und Louise Mathew – der eine schwarz, die andere weiß. Die Initiative setzte für die amerikanische Bahá’í-Gemeinde den Maßstab für die wahre Bedeutung der Zusammenführung der Rassen, wie zögerlich und langsam ihre Mitglieder auch der tieferen Bedeutung dieses herausfordernden Prinzips entsprechen mochten.
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Auch ohne ein wirklich tiefgehendes Verständnis der Ziele des Meisters machten sich die, die Seiner Botschaft folgten, oft unter hohen eigenen Kosten auf, den Prinzipien, die Er lehrte, praktischen Ausdruck zu verleihen. Hingabe an die Sache des Weltfriedens; die Abschaffung der Extreme von Reichtum und Armut, die die Einheit der Gesellschaft untergruben; das Überwinden nationaler, rassischer und anderer Vorurteile; die Förderung gleicher Erziehung für Jungen und Mädchen; die Notwendigkeit, die Fesseln alter Dogmen abzuschütteln, die die Erforschung der Wirklichkeit behinderten – diese Prinzipien für den Fortschritt der Zivilisation hatten einen tiefen Eindruck hinterlassen. Was, wenn überhaupt, nur wenige der Zuhörer des Meisters erfassten – vielleicht erfassen konnten –, war die revolutionäre Umwandlung der grundlegenden Struktur der Gesellschaft und die willentliche Unterwerfung der menschlichen Natur unter das göttliche Gesetz, die letzten Endes allein die notwendigen Veränderungen in Einstellung und Verhalten bewirken können.
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Der Schlüssel zu dieser Vision der bevorstehenden Umwandlungen im persönlichen und gesellschaftlichen Leben der Menschheit war ‘Abdu’l-Bahás Verkündigung des Bundes Bahá’u’lláhs, die kurz nach Seiner Ankunft in Nordamerika erfolgte, und der zentralen Rolle, die Er selbst darin einzunehmen aufgerufen worden war. Mit den Worten des Meisters:
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»Das herausragendste Merkmal der Offenbarung Bahá’u’lláhs, eine Besonderheit, die bei keinem der früheren Propheten zu finden ist, ist das Amt und die Designation des ›Mittelpunktes des Bundes‹. Durch diese Einrichtung und die gleichzeitige Designation sichert und schützt Bahá’u’lláh die Religion Gottes gegen Meinungsstreit und Schisma, so dass niemand mehr eine Sekte oder Fraktion bilden kann.«In: Der Gottesbund 17Q
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Als Ort dieser Verkündigung wählte Er New York, nannte es »die Stadt des Bundes« und erklärte den westlichen Gläubigen hier, wie der Stifter ihres Glaubens die Autorität, Seine Offenbarung bindend auszulegen, übertragen hatte. Eine hochgeachtete Gläubige, Lua Getsinger, war vom Meister aufgefordert worden, die Gruppe von Bahá’í, die in dem Haus, in dem Er vorübergehend wohnte, versammelt war, auf diesen historischen Moment vorzubereiten. Im Anschluss daran begab Er sich selbst ins Erdgeschoss und sprach über einige der Bedeutungen des Bundes im allgemeinen. Juliet Thompson, die zusammen mit einem der persischen Übersetzer im Raum im Obergeschoss gewesen war, als ihre Freundin diesen Auftrag erhielt, hinterlässt einen Bericht über die näheren Umstände. Sie zitiert ‘Abdu’l-Bahá:
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»Ich bin der Bund, ernannt durch Bahá’u’lláh. Und niemand kann Sein Wort widerlegen. Dies ist das Testament Bahá’u’lláhs. Ihr werdet es im heiligen Buch Aqdas finden. Geht hin und verkündet: ›Dies ist der Bund Gottes in eurer Mitte.‹«In: Juliet Thompson, The Diary of Juliet Thompson, S. 313Q
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Von Bahá’u’lláh als das Instrument vorgesehen, das, mit den Worten Shoghi Effendis, die »Unverletzbarkeit [des Glaubens] gewährleisten, ihn vor Spaltung bewahren und seine weltweite Ausdehnung fördern sollte«Gott geht vorüber 15:3Q, war der Bund beinahe sofort nach Seinem Hinscheiden von Mitgliedern Seiner eigenen Familie verletzt worden. Als diese erkannten, dass die Autorität, die dem Meister im Kitáb-i-‘Ahd, in der Tafel vom Zweig und in damit zusammenhängenden Dokumenten übertragen worden war, ihre eigenen Hoffnungen, den Glauben zu ihrem persönlichen Vorteil ausnutzen zu können, zunichte machte, begannen sie – zuerst im Heiligen Land und dann in Persien, wo der Großteil der Bahá’í-Gemeinde ansässig war – eine hartnäckige Kampagne mit dem Ziel, ‘Abdu’l-Bahás Position zu schwächen. Als diese Vorhaben scheiterten, versuchten sie die Angst der osmanischen Regierung und die Habsucht ihrer Vertreter in Palästina für sich zu nutzen. Auch diese Hoffnungen wurden zerstört, als die Jungtürkische Revolution das Regime in Konstantinopel entmachtete und einunddreißig ihrer führenden Amtsträger gehenkt wurden, darunter mehrere, die in die Pläne der Bundesbrecher verwickelt waren.
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Im Westen hatten bereits in den ersten Jahren der Amtszeit des Meisters einige von Ihm beauftragte Gläubige erfolgreich den Machenschaften Ibráhím Khayru’lláhs entgegengewirkt – ausgerechnet desjenigen, der viele amerikanische Gläubige mit der Sache Gottes bekannt gemacht, der jedoch schließlich durch die Verbindung mit den Bundesbrechern innerhalb der heiligen Familie versucht hatte, selbst eine Machtposition einzunehmen. Solche Erfahrungen hatten die westlichen Gläubigen zweifellos auf die offizielle Erklärung der Stufe des Meisters vorbereitet, und auf die Bestimmtheit, mit der Er sie mahnte, jegliche Verbindung zu solchen Zwietrachtstiftern zu meiden. »Einige schwache, launenhafte, übelmeinende und unwissende Seelen … bemühen sich, den Bund Gottes und Sein Testament auszutilgen. Sie wollen das klare Wasser verschmutzen, um dann im Trüben zu fischen.«Bahá’í World Faith, S. 429Q Die Bedeutung dieses großen Gesetzes, das die neue Offenbarung ordnete, sollte jedoch erst allmählich klar werden, während die neuen Gemeinden sich darum mühten, Meinungsverschiedenheiten zu überwinden und der ständigen Versuchung zu widerstehen, über unterschiedliche Ansichten in Splittergruppen zu zerfallen.
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Während der Meister in öffentlichen Ansprachen und privaten Gesprächen die Vision einer Welt in Einheit und Frieden verkündete, die die Offenbarung Gottes für diesen Tag hervorbringen wird, warnte Er ebenso nachdrücklich vor den Gefahren, die unmittelbar bevorstanden – für den Glauben und für die Welt. Für beide sah ‘Abdu’l-Bahá – mit den Worten Shoghi Effendis – »ein[en] Winter, streng wie nie zuvor«Die Weltordnung Bahá’u’lláhs, S. 131Q voraus.
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