Universales Haus der Gerechtigkeit | Das Jahrhundert des Lichts
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Das Universale Haus der Gerechtigkeit
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Das Jahrhundert des Lichts
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Vorwort
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Das Ende des zwanzigsten Jahrhunderts bietet den Bahá’í eine einzigartige Perspektive. Während der vergangenen hundert Jahre erlebte unsere Welt weit tiefer gehende Veränderungen als in ihrer ganzen bisherigen Geschichte – Veränderungen, die von der heutigen Generation zum größten Teil nur wenig begriffen werden. Dieselben hundert Jahre sahen auch, wie die Bahá’í-Sache nach und nach ins Licht der Öffentlichkeit trat und dabei im globalen Maßstab die einigende Macht zeigte, mit der sie aufgrund ihres göttlichen Ursprungs ausgestattet ist. Während sich das Jahrhundert dem Ende näherte, wurde zunehmend sichtbar, wie beide historische Entwicklungen immer mehr aufeinander zustreben.
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Das Jahrhundert des Lichts, das unter unserer Leitung ausgearbeitet wurde, gibt im Lichte der Bahá’í-Lehren einen Überblick über diese beiden Prozesse und ihre Beziehung zueinander. Wir empfehlen den Freunden, es aufmerksam zu studieren im Vertrauen darauf, dass die Perspektiven, die es eröffnet, sich als geistige Bereicherung und als praktische Hilfe herausstellen, wenn wir unsere Mitmenschen an der herausfordernden Bedeutung der Offenbarung Bahá’u’lláhs teilhaben lassen.
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Das Universale Haus der Gerechtigkeit
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Naw-Rúz, 158 B. E.
Einführung
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Das zwanzigste Jahrhundert, das bisher turbulenteste in der Geschichte der Menschheit, ist zu Ende. Das zunehmende moralische und soziale Chaos dieser Zeit versetzte die meisten Völker der Welt in Schrecken, so dass sie sich nichts dringender wünschen, als die Erinnerungen an die Leiden dieser Jahrzehnte hinter sich zu lassen. Ganz gleich, wie schwach die Grundfesten des Vertrauens in die Zukunft sein mögen und wie groß die Gefahren sind, die am Horizont drohen: die Menschheit scheint verzweifelt daran zu glauben, dass sich die Lebensumstände dennoch irgendwie mit den Wünschen der meisten Menschen in Einklang bringen lassen müssten.
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Im Lichte der Lehren Bahá’u’lláhs sind solche Hoffnungen nicht nur illusorisch, sondern übersehen auch vollkommen das Wesen und die Bedeutung jener außergewöhnlichen Wendezeit, durch die unsere Welt in diesen entscheidenden Jahren gegangen ist. Nur wenn es der Menschheit gelingt, die Auswirkungen der Ereignisse dieser Geschichtsperiode zu verstehen, wird sie den vor ihr liegenden Herausforderungen gewachsen sein. Der wertvolle Beitrag, den wir als Bahá’í zu diesem Prozess leisten können, erfordert, dass wir selbst die Bedeutung dieser historischen Wandlung begreifen, die das zwanzigste Jahrhundert mit sich brachte.
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Was uns dieses Verständnis ermöglicht, ist das Licht, das von der aufgehenden Sonne der Offenbarung Bahá’u’lláhs ausstrahlt und dessen Einfluss jetzt nach und nach in allen Bereichen menschlicher Existenz deutlich wird. Die folgenden Seiten handeln von dieser besonderen Chance.
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Vergegenwärtigen wir uns zunächst das Ausmaß des Verderbens, das die Menschheit während der Periode, von der die Rede ist, über sich gebracht hat. Allein der Verlust an Menschenleben liegt jenseits jeder begreifbaren Zahl. Der Zerfall grundlegender sozialer Einrichtungen, die Verletzung – ja die Preisgabe – von Anstandsregeln, der Verrat am geistigen Leben durch seine Auslieferung an hohle, phrasenhafte Ideologien, die Erfindung und der Einsatz fürchterlicher Massenvernichtungswaffen, der Bankrott ganzer Nationen und der Abstieg unzähliger Menschen in hoffnungslose Armut, die rücksichtslose Zerstörung der Umwelt – all das sind nur die offensichtlichsten Schrecken in einem Horrorkatalog, der selbst den dunkelsten Zeitaltern der Vergangenheit unbekannt war. Ihre bloße Erwähnung ruft die göttlichen Warnungen in Erinnerung, die Bahá’u’lláh ein Jahrhundert zuvor ausgesprochen hatte: »O ihr Achtlosen! Auch wenn die Wunder Meines Erbarmens alles Erschaffene – ob sichtbar oder unsichtbar – umschließen und die Offenbarungen Meiner Gunst und Gnade jedes Atom des Weltalls durchdringen, ist doch die Rute, mit der Ich die Gottlosen züchtigen kann, schmerzhaft, und furchtbar ist die Gewalt Meines Zornes.«In: Shoghi Effendi, Das Kommen göttlicher Gerechtigkeit, S. 127f.Q
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Damit kein Beobachter der Sache Gottes dazu verleitet werde, solche Warnungen als lediglich metaphorisch misszuverstehen, verdeutlichte Shoghi Effendi 1941, was dies für diese Zeit bedeutet:
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»Ein Sturm von beispielloser Gewalt, unberechenbar in seiner Bahn, von verheerendem Ausmaß, langfristig aber mit unvorstellbar herrlichen Folgen fegt heute über das Antlitz der Erde. Unbarmherzig wächst er an Umfang und Gewalt. Zumeist unbemerkt wächst seine reinigende Kraft mit jedem Tag. Die Menschheit – ein Spielball seiner verheerenden Macht – wird zu Boden geschmettert von seinem unwiderstehlichen Wüten. Weder kann sie seine Herkunft erkennen, noch seine Bedeutung erfassen oder seine Folgen abschätzen. Verstört, hilflos und in Todespein muss sie zusehen, wie dieser gewaltige Sturm Gottes über die fernsten und schönsten Länder der Erde hereinbricht, die Grundfesten erschüttert, die Ordnung zerstört, Völker zerstreut, Heime vernichtet, Städte verwüstet, Könige vertreibt, Bollwerke niederreißt, Institutionen entwurzelt, das Licht verdüstert und die Seelen der Bewohner martert.«Der verheißene Tag ist gekommen, S. 21Q
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Was Wohlstand und Einfluss betraf, bestand ›die Welt‹ um 1900 aus Europa und – damals ungern zugestanden – den Vereinigten Staaten von Amerika. Überall auf dem Planeten betrieb der westliche Imperialismus unter der Bevölkerung anderer Länder das, was er als seine ›Mission der Zivilisierung‹ betrachtete. Mit den Worten eines Historikers schien das erste Jahrzehnt des zwanzigsten Jahrhunderts im wesentlichen eine Fortführung des »langen neunzehnten Jahrhunderts«Eric Hobsbawm, Age of Extremes, London 1995, S. 584Q zu sein, einer Ära, deren grenzenlose Selbstzufriedenheit sich vielleicht am deutlichsten in der Feier des diamantenen Thronjubiläums von Königin Viktoria im Jahre 1897 manifestiert. Dabei rollte über viele Stunden eine Parade durch die Straßen Londons, die in ihrer imperialen Aufmachung und Zurschaustellung militärischer Macht weit über alles hinausging, was vergangene Zivilisationen jemals auch nur angestrebt hatten.
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Als das zwanzigste Jahrhundert begann, erkannte kaum jemand – gleich wie sensibel er in sozialen und moralischen Fragen auch war – die bevorstehenden Katastrophen, und nur wenige – wenn überhaupt – konnten sich deren Ausmaß vorstellen. Die militärischen Führer der meisten europäischen Länder nahmen an, dass ein Krieg ausbrechen würde, begegneten dieser Aussicht aber mit Gleichmut, weil sie der festen Überzeugung waren, dass er kurz sein würde und nur ihre Seite ihn gewinnen könne. In ganz erstaunlichem Umfang hatte die internationale Friedensbewegung die Unterstützung von Staatsmännern, Industriellen, Gelehrten, Medien und einflussreichen Persönlichkeiten gewinnen können – sogar solcher, die man in diesen Reihen nicht erwartet hätte, wie etwa die des Zaren von Russland. Wenn auch die sich rasch beschleunigende Aufrüstung bedenklich war, so schien doch ein Netzwerk sorgfältig gesponnener und häufig sich überlappender Allianzen zu garantieren, dass der Ausbruch eines Flächenbrandes vermieden werden könnte und regionale Konflikte, wie so oft im vergangenen Jahrhundert, zu lösen seien. Diese Annahme wurde durch die Tatsache bestärkt, dass die gekrönten Häupter Europas – die meisten von ihnen Mitglieder einer ausgedehnten Familie und viele von ihnen scheinbar mit politischer Entscheidungsmacht ausgestattet – einander vertraut mit Spitznamen anredeten, private Korrespondenz pflegten, die Schwestern und Töchter der anderen heirateten und zusammen auf ihren Schlössern, Privatjachten und Jagdhütten eine lange Spanne des Jahres hindurch Ferien machten. Sogar die schmerzlichen Unterschiede in der Verteilung des Reichtums wurden in den westlichen Gesellschaften energisch – wenn auch nicht sehr systematisch – durch eine Gesetzgebung angegangen, die darauf abzielte, der schlimmsten Ausbeutung früherer Jahrzehnte Einhalt zu gebieten und den dringendsten Bedürfnissen der wachsenden städtischen Bevölkerung nachzukommen.
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Die große Mehrheit der Menschheitsfamilie, die in Ländern außerhalb der westlichen Welt lebte, hatte nur wenig Anteil an deren Segnungen und teilte auch nicht den Optimismus ihrer europäischen und amerikanischen Brüder. China war trotz seiner alten Zivilisation und seines Selbstverständnisses als ›Reich der Mitte‹ das unglückliche Opfer der Ausplünderung durch westliche Nationen und seines sich modernisierenden Nachbarn Japan geworden. Die großen Massen in Indien – dessen wirtschaftliches und politisches Leben so vollkommen unter die Herrschaft einer einzigen imperialen Macht geraten war, dass dies die üblichen Manöver um kleine Vorteile ausschloss – entgingen zwar einigen der schlimmsten Übergriffe, von denen andere Länder heimgesucht wurden, mussten aber ohnmächtig zusehen, wie ihre verzweifelt benötigten Ressourcen allmählich geplündert wurden. Das bevorstehende Leid Lateinamerikas wurde nur allzu klar im Schicksal Mexikos vorgezeichnet, von dem weite Teile durch seinen großen nördlichen Nachbarn annektiert worden waren und dessen natürliche Ressourcen bereits die Aufmerksamkeit habgieriger ausländischer Großkonzerne erregt hatten. Die mittelalterliche Unterdrückung, unter der hundert Millionen dem Namen nach befreiter Leibeigener in Russland ein Leben in düsterem, hoffnungslosem Elend lebten, war vom westlichem Standpunkt her gesehen wegen der Nähe zu solch strahlenden europäischen Hauptstädten wie Berlin und Wien besonders beschämend. Am tragischsten aber war das schlimme Los der Einwohner Afrikas. Sie wurden durch künstlich gezogene Grenzen voneinander getrennt, die menschenverachtende Abmachungen unter den europäischen Mächten geschaffen hatten. Man schätzt, dass während des ersten Jahrzehnts des zwanzigsten Jahrhunderts im Kongo über eine Million Menschen verschwanden – verhungert, geschlagen, buchstäblich für den Profit ihrer fernen Herren zu Tode geschunden; ein Ausblick auf das Schicksal, das mehr als hundert Millionen Menschen in Europa und Asien ereilen sollte, bevor das Jahrhundert zu Ende ging.Leopold II., König der Belgier, führte über drei Jahrzehnte (1877–1908) die Kolonie als Privatbesitz. Die Gräueltaten, die unter seinem Regime begangen wurden, führten zu internationalen Protesten. Er wurde 1908 gezwungen, das Territorium der belgischen Regierung zur Verwaltung zu übergeben.A
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Obwohl diese ausgeplünderten und gering geschätzten Massen die überwiegende Anzahl der Erdbewohner repräsentierten, wurden sie nicht als Menschen angesehen, sondern im wesentlichen als Objekte des viel gepriesenen Zivilisationsprozesses des neuen Jahrhunderts. Auch wenn eine Minderheit dabei profitierte: die Kolonialvölker existierten in erster Linie nur dazu, benutzt zu werden – verwendet, angeleitet, ausgebeutet, christianisiert, zivilisiert und mobilisiert – so, wie es die wechselnden Pläne der westlichen Mächte diktierten. Die Umsetzung dieser Pläne mochte hart oder eher moderat sein, aufgeklärt oder selbstsüchtig, das Evangelium verbreitend oder ausbeuterisch – dahinter standen in der Regel materielle Interessen, die sowohl die Mittel als auch die meisten Ziele bestimmten. Religiöse und politische Pietäten verschiedenster Art verbargen diese Mittel und Ziele weitgehend vor der Öffentlichkeit der westlichen Länder, denen es auf diese Weise möglich wurde, moralische Befriedigung aus den Segnungen zu ziehen, die ihre Nationen angeblich den weniger wertvollen Völkern erwiesen, während sie selbst die materiellen Früchte dieser Wohltaten genossen.
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Die Fehler einer großen Zivilisation aufzuzeigen heißt nicht, ihre Errungenschaften zu leugnen. Als das zwanzigste Jahrhundert begann, konnten die Völker des Westens zu Recht auf die technischen, wissenschaftlichen und philosophischen Entwicklungen stolz sein, die sie hervorgebracht hatten. Jahrzehnte des Experimentierens hatten ihnen materielle Möglichkeiten eröffnet, die weit jenseits des Verständnisses der restlichen Menschheit lagen. Überall in Europa und Amerika waren ausgedehnte Industrien entstanden, die sich der Metallurgie, der Herstellung von chemischen Produkten aller Art, der Textilfertigung und der Konstruktion von Geräten widmeten, die in allen Lebensbereichen Erleichterung brachten. Ein ständiger Prozess von Entdeckungen, Entwürfen und Verbesserungen machte durch die Nutzung von billigem Treibstoff und Strom Kräfte unvorstellbaren Ausmaßes leicht verfügbar – leider mit zu jener Zeit ebenso unvorstellbaren ökologischen Folgen. Die ›Ära der Eisenbahn‹ war weit fortgeschritten, und Dampfschiffe nahmen ihren Kurs über die Seewege der Welt. Mit der Ausbreitung von telegrafischer und telefonischer Kommunikation näherte sich die westliche Gesellschaft dem Zeitpunkt ihrer Befreiung von den Grenzen, die geographische Entfernungen der Menschheit seit Anbeginn der Geschichte auferlegt hatten.
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Noch weiterreichend waren Veränderungen, die auf einer höheren Ebene des wissenschaftlichen Denkens stattfanden. Das neunzehnte Jahrhundert war noch fest im Griff der newtonschen Auffassung von der Welt als einem mechanischen Uhrwerk, aber am Ende des Jahrhunderts hatten sich bereits die intellektuellen Fortschritte vollzogen, die dieses Paradigma anfochten. Neue Ideen tauchten auf, die später zur Formulierung der Quantenmechanik führten, und bald sollte die revolutionäre Wirkung der Relativitätstheorie die Auffassung der sinnlich wahrnehmbaren Welt in Frage stellen, die Jahrhunderte lang als gesunder Menschenverstand akzeptiert worden war. Solche Durchbrüche wurden dadurch ausgelöst und beträchtlich verstärkt, dass die Wissenschaft sich bereits von der Tätigkeit einzelner Denker zum systematisch verfolgten Anliegen einer großen und einflussreichen internationalen Forschergemeinde gewandelt hatte, welche Universitäten, Laboratorien und Symposien zum Austausch experimenteller Entdeckungen nutzen konnte.
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Die Stärke der westlichen Gesellschaften war nicht auf den wissenschaftlichen und technischen Fortschritt begrenzt. Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts erntete die westliche Zivilisation die Früchte einer sozialphilosophischen Kultur, die immer schneller die Energien ihrer Bevölkerung freisetzte und deren Einfluss bald revolutionäre Auswirkungen auf die ganze Welt haben sollte. Es war eine Kultur, die den Verfassungsstaat stärkte, die der Rolle des Gesetzes und der Achtung der Rechte aller Mitglieder der Gesellschaft große Bedeutung beimaß, und die all denen, die sie erreichte, die Vision eines kommenden Zeitalters sozialer Gerechtigkeit vor Augen führte. Obschon der Stolz auf Freiheit und Gleichheit, der oft die patriotische Rhetorik in den westlichen Ländern aufblähte, weit entfernt war von den tatsächlich herrschenden Verhältnissen, konnten die Abendländer zu Recht die Fortschritte in Richtung dieser Ideale feiern, die im neunzehnten Jahrhundert erreicht worden waren.
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In geistiger Hinsicht wurde das Zeitalter von einer eigenartigen, paradoxen Dualität beherrscht. Einerseits verdunkelten Wolken des Aberglaubens, hervorgebracht durch gedankenlose Nachahmung früherer Zeitalter, von fast allen Seiten den intellektuellen Horizont. Beim überwiegenden Teil der Weltbevölkerung reichten die Folgen von tiefster Unkenntnis über die menschlichen Möglichkeiten und das physische Universum bis hin zu naivem Anhängen an Theologien, die wenig oder gar keinen Bezug zur Erfahrung hatten. Andererseits wurde dort, wo in den gebildeten Klassen des Westens die Winde des Wandels diese Nebelschleier vertrieben, ererbtes orthodoxes Denken nur allzu oft durch den schädlichen Einfluss eines aggressiven Säkularismus ersetzt, der gleichermaßen die geistige Natur des Menschen wie die Autorität moralischer Werte an sich in Zweifel zog. Überall schien die Säkularisierung der gesellschaftlichen Oberschicht Hand in Hand zu gehen mit einem immer weiter um sich greifenden religiösen Obskurantismus unter den Massen. Weil der religiöse Einfluss tief in die menschliche Psyche reicht und für sich selbst eine einzigartige Autorität einfordert, hatten in allen Ländern religiöse Vorurteile über Generationen hinweg schwelende Feuer bitterer Feindseligkeit tief im Innern am Leben erhalten. Sie sollten der Zündstoff für die Schrecken der kommenden Jahrzehnte werden.Die Prozesse, die diese Veränderungen hervorbrachten, werden ausführlich von A. N. Wilson et al. in God’s Funeral (London 1999) besprochen. 1872 veröffentlichte Winwood Reade ein Buch unter dem Titel The Martyrdom of Man (London 1968), das in den frühen Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts eine Art weltliche ›Bibel‹ wurde. Darin wurde die Erwartung ausgedrückt, dass »die Menschen schließlich die Kräfte der Natur meistern werden. Sie selbst werden Architekten von Systemen, Erbauer von Welten werden. Der Mensch wird dann vollkommen sein, ein Schöpfer; deswegen wird er das sein, was einfache Gemüter als einen Gott anbeten.« Zitiert in: Anne Glyn-Jones, Holding up a Mirror: How Civilizations Decline, London 1996, S. 371f.A
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In dieser geistigen Landschaft voll falscher Zuversicht und tiefer Hoffnungslosigkeit, wissenschaftlicher Aufklärung und geistigen Dunkels erschien zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts die leuchtende Gestalt ‘Abdu’l-Bahás. Der Weg, der Ihn an diesen entscheidenden Moment der Menschheitsgeschichte brachte, hatte Ihn durch mehr als fünfzig Jahre Exil, Gefangenschaft und Entbehrung geführt, in denen kaum ein Monat auch nur annähernd in Ruhe und Sorgenfreiheit verstrichen war. Er war entschlossen, den Aufgeschlossenen wie den Gedankenlosen jenes verheißene Reich des universalen Friedens und der Gerechtigkeit auf Erden zu verkünden, auf das die Menschen seit Jahrhunderten gehofft hatten. Er erklärte, dass das Fundament dieses Reiches, die Vereinigung der Völker der Welt, in diesem »Jahrhundert des Lichts«Briefe und Botschaften 15:6; The Promulgation of Universal Peace, S. 65, 74, 322, 334Q errichtet werden würde:
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»Heute … haben sich die Kommunikationsmittel vervielfacht, und die fünf Kontinente der Erde sind im Grunde zu einem Ganzen verschmolzen … Ebenso sind alle Glieder der menschlichen Familie, ob Völker oder Regierungen, Städte oder Dörfer, in steigendem Maße voneinander abhängig geworden … Folglich ist die Einheit der ganzen Menschheit heutzutage erreichbar geworden. Wahrlich, dies ist nur eines der Wunder dieses wunderbaren Zeitalters, dieses ruhmreichen Jahrhunderts.«Briefe und Botschaften 15:6Q
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Während der langen Jahre der Gefangenschaft und Verbannung, die der Weigerung Bahá’u’lláhs folgten, den politischen Zielen der osmanischen Obrigkeit zu dienen, war ‘Abdu’l-Bahá mit der Leitung der Glaubensangelegenheiten und der Verantwortung betraut, als Vertreter Seines Vaters aufzutreten. Ein wichtiger Teil dieser Arbeit war die Zusammenarbeit mit Offiziellen auf lokaler Ebene und in den Provinzen, die Seinen Rat zu Problemen suchten, mit denen sie konfrontiert waren. Schon 1875 richtete ‘Abdu’l-Bahá auf Anweisung Bahá’u’lláhs eine Abhandlung an die Regierenden und das Volk Persiens mit dem Titel Das Geheimnis göttlicher Kultur. Darin legte Er ausführlich die geistigen Prinzipien dar, welche die Gestaltung ihrer Gesellschaft im Zeitalter der Reife der Menschheit leiten müssen. Im ersten Abschnitt ruft Er das iranische Volk auf, darüber nachzudenken, was – nach den Lehren der Geschichte – der Schlüssel zu gesellschaftlichem Fortschritt ist:
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»Bedenket wohl: All die weitverzweigten Erscheinungen, die Begriffe und Erkenntnisse, die Verfahren der Technik und die Systeme der Philosophie, die Wissenschaften, Künste, Gewerbe und Erfindungen – alle sind Ausstrahlungen des menschlichen Verstandes. Jedes Volk, das sich weiter in dieses uferlose Meer hineinwagte, hat am Ende die anderen Völker überragt. Glück und Stolz einer Nation bestehen darin, dass sie wie die Sonne am Himmel des Wissens erstrahlt. ›Sollen die, welche erkennen, gleich behandelt werden wie die, welche in Unwissenheit leben?‹Qur’án 39:12Q «Das Geheimnis göttlicher Kultur, S. 13f.Q
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Dieses Werk ließ bereits die Orientierung und Führung erahnen, die in den folgenden Jahrzehnten aus der Feder ‘Abdu’l-Bahás fließen sollten. Nach dem niederschmetternden Verlust, den das Hinscheiden Bahá’u’lláhs für sie bedeutete, wurden die persischen Gläubigen durch eine Flut von Sendschreiben des Meisters wieder aufgerichtet und ermutigt. Diese Sendschreiben gaben ihnen nicht nur den geistigen Beistand, den sie brauchten, sondern auch die Führung, ihren Weg durch den Aufruhr zu finden, der die etablierte Ordnung in ihrem Land aushöhlte. Diese Botschaften, die selbst in das kleinste Dorf gelangten, antworteten auf Bitten und Fragen unzähliger einzelner Gläubiger und brachten Führung, Ermutigung und Zuversicht. So lesen wir etwa in einem Brief, der sich an die Gläubigen im Dorf Kishih richtet und fast einhundertsechzig von ihnen namentlich erwähnt, über das gerade erwachende Zeitalter: »Dies ist das Jahrhundert des Lichts.« Dabei erklärte der Meister, dass die Bedeutung dieser Metapher die Annahme des Prinzips der Einheit und seiner Folgen sei:
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»Damit will ich sagen, dass die Geliebten des Herrn jeden, der ihnen Übel will, so betrachten sollten, als wolle er ihnen Gutes … Das heißt, den Feind sollten sie so behandeln, wie es sich für einen Freund geziemt, und den Unterdrücker so, wie es sich für einen liebevollen Gefährten schickt. Sie sollen ihren Blick nicht auf die Fehler und Vergehen ihrer Widersacher richten, noch ihrer Feindseligkeit, Ungerechtigkeit oder Unterdrückung achten.«Makátíb-i-‘Abdu’l-Bahá, Bd. 4, S. 132ff. (vorläufige Übersetzung)Q
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Es ist bemerkenswert, dass die kleine Gruppe verfolgter Gläubiger in diesem Brief aufgerufen wird, ihren Blick über lokale Fragen zu erheben und die Auswirkungen der Einheit in globalem Kontext zu sehen – lebten sie doch in dieser entlegenen Ecke eines Landes, das noch weitgehend unberührt war von den Entwicklungen, die sich anderswo im sozialen und intellektuellen Leben vollzogen.
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»Vielmehr sollten sie die Menschen im Lichte des Gebots der Gesegneten Schönheit sehen, dass alle Diener des Herrn der Macht und Herrlichkeit sind, so wie Er die ganze Schöpfung Seinem gnadenvollen Wort unterworfen und uns auferlegt hat, Liebe und Zuneigung, Klugheit und Mitgefühl, Aufrichtigkeit und Eintracht ohne Ausnahme gegenüber allen zu bezeigen.«a. a. O.Q
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In diesem Aufruf des Meisters geht es nicht nur um eine neue Ebene des Verständnisses, sondern auch um die Notwendigkeit von Engagement und Tat. Seine Sprache zeigt Dringlichkeit und Vertrauen und lässt die Kraft spüren, aus der die großen Leistungen der persischen Gläubigen in den folgenden Jahrzehnten hervorgehen sollten – sowohl bei der weltweiten Verbreitung der Sache Gottes als auch beim Erwerb solcher Fähigkeiten, die die Zivilisation voranbringen:
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»O ihr Geliebten des Herrn! Dient der Menschenwelt mit größter Glückseligkeit und Freude, und liebt die Menschheit. Überseht alle Begrenzungen und befreit euch von Beschränkungen, denn … von ihnen frei zu sein bringt göttliche Segnungen und Gaben.
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Rastet daher nicht, und sei es auch nur für einen kurzen Augenblick, haltet nicht eine Minute um Atem inne, noch sucht einen Moment Ruhe. Wogt wie die Wellen der mächtigen See und toset gleich dem Leviathan des Ozeans der Ewigkeit.
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Deshalb muss jeder, solange auch nur eine Spur von Leben in seinen Adern pulst, streben und sich mühen, um ein Fundament zu legen, das die vorübergleitenden Jahrhunderte und Zyklen nicht zersetzen können, und ein Gebäude zu erbauen, das dahinfließende Zeitalter und Äonen nicht niederreißen können – ein Gebäude, das sich als ewig und dauerhaft erweist, so dass die Herrschaft von Herz und Seele in beiden Welten errichtet und gesichert werde.«Makátíb-i-‘Abdu’l-Bahá, Bd. 4, S. 132ff.Q
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Künftige Sozialhistoriker – mit dem Vorzug einer weit sachlicheren und universelleren Sicht als gegenwärtig möglich und mit dem Vorteil eines ungehinderten Zugangs zu allen wichtigen Unterlagen – werden sehr sorgfältig den Wandel studieren, den der Meister in diesen frühen Jahren bewirkte. Tag für Tag, Monat für Monat, aus einem fernen Exil, in dem Er ständig von einer Unzahl Ihn umringender Feinde gequält wurde, gelang es ‘Abdu’l-Bahá, nicht nur die Ausweitung der persischen Bahá’í-Gemeinde in Gang zu bringen, sondern auch ihr Bewusstsein und ihr Leben zu formen. Das Ergebnis gipfelte im Entstehen einer, wenn auch räumlich begrenzten Kultur, die anders war als alles, was die Menschheit bis jetzt gesehen hatte. Unser Jahrhundert, mit all seinen Umwälzungen und hochtrabenden Versprechungen, eine neue Ordnung zu schaffen, lieferte kein vergleichbares Beispiel, in dem ein einziger herausragender Geist systematisch seine Fähigkeiten darauf konzentrierte, eine unverwechselbare und erfolgreiche Gemeinschaft aufzubauen, die letztlich den gesamten Globus als ihren Wirkungsbereich begreift.
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Obwohl die persische Bahá’í-Gemeinde immer und immer wieder unter den Gräueltaten der muslimischen Geistlichkeit und deren Helfer zu leiden hatte – ohne jeden Schutz seitens der aufeinanderfolgenden Monarchen aus der Dynastie der Qájáren – fand sie doch zu einem neuen Leben. Die Zahl der Gläubigen vervielfachte sich in allen Regionen des Landes, bekannte Persönlichkeiten des gesellschaftlichen Lebens, darunter einige einflussreiche Angehörige der Geistlichkeit, schlossen sich dem Glauben an, und die Vorläufer der späteren Gemeindeinstitutionen entstanden in Form erster beratender Gremien. Allein die Wichtigkeit dieser letztgenannten Entwicklung kann nicht hoch genug bewertet werden. In einem Land, einem Volk, das über Jahrhunderte ein patriarchalisches System gewohnt war, in dem jegliche Entscheidungsgewalt in den Händen eines absoluten Monarchen oder shí‘itischer Mujtahidsmujtahid (jemand, der sich anstrengt, abmüht), Partizip Aktiv des arabischen Verbes ijtahada (sich anstrengen, sich mühen); hier: Titel aus der juristischen Terminologie. Bezeichnet jemanden, der aufgrund seiner Kenntnis der Prinzipien der Rechtsgelehrsamkeit dazu befähigt und berechtigt ist, durch eigene Denkanstrengung verbindliche Entscheidungen in juristischen und kultischen Fragen zu treffen. (Anm. des Übersetzers)A lag, brach eine Gemeinde, die einen Querschnitt der Gesellschaft repräsentierte, mit der Vergangenheit, indem sie die Verantwortung für die Entscheidung ihrer Angelegenheiten durch einen neuartigen Prozess der gemeinsamen Beratung in die eigenen Hände nahm.
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