Das Universale Haus der Gerechtigkeit | Das Jahrhundert des Lichts
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Der Friedensvertrag von Versailles, durch den die Alliierten sich im Grunde an den besiegten Feinden rächten, säte nur den Samen eines anderen, noch schrecklicheren Konfliktes, darauf wiesen sowohl ‘Abdu’l-Bahá als auch Shoghi Effendi hin. Die ruinösen Reparationszahlungen, die von den Besiegten verlangt wurden, und die Ungerechtigkeit, die sie dazu verpflichtete, die volle Schuld für einen Krieg zu tragen, den mehr oder weniger alle Parteien zu verantworten hatten, trugen dazu bei, die demoralisierten Völker Europas empfänglich zu machen für totalitäre Bewegungen, die ihnen eine bessere Zukunft versprachen. Andernfalls hätten sie ihnen vielleicht nie Gehör geschenkt.
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Wie hoch auch die Reparationen waren, die von den Besiegten verlangt wurden, so dämmerte doch den vermeintlichen Siegern langsam die schreckliche Erkenntnis, dass ihr Triumph – und die bedingungslose Kapitulation, die sie verlangten –, nur zu einem lähmenden Preis zu haben war. Horrende Kriegsschulden beendeten für immer die wirtschaftliche Vormachtstellung, die die europäischen Länder in den letzten drei Jahrhunderten durch die imperialistische Ausbeutung des restlichen Planeten erlangt hatten. Der Tod von Millionen junger Männer, die dringend dafür benötigt worden wären, die Herausforderungen der bevorstehenden Jahrzehnte anzugehen, war ein Verlust, der nie wieder gut gemacht werden konnte. Ja, Europa – das noch vor vier Jahren den anerkannten Höhepunkt der Zivilisation und des Einflusses in der Welt verkörperte – verlor auf einen Schlag die Vorherrschaft und begann während der folgenden Jahrzehnte den unerbittlichen Abstieg zur Hilfstruppe eines aufstrebenden neuen Machtzentrums in Nordamerika.
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Anfänglich schien es so, als würde die Zukunftsvision Woodrow Wilsons jetzt verwirklicht. Teilweise traf dies auch zu: In ganz Europa erlangten zuvor unterdrückte Völker die Freiheit, ihr Schicksal selbst zu bestimmen in einer Reihe neuer Nationalstaaten, die aus den Ruinen der alten Reiche hervorgingen. Außerdem verliehen in den Augen von Millionen Europäern die ›Vierzehn Punkte‹ des Präsidenten seinen öffentlichen Reden solch immense moralische Autorität, dass nicht einmal die widerwilligsten unter den übrigen Führern der Alliierten seine Wünsche vollkommen missachten konnten. Trotz monatelangen Feilschens um Kolonien, Grenzen und Klauseln in den Friedensbedingungen, sah der Versailler Vertrag schließlich eine abgeschwächte Form des von Präsident Wilson angeregten Völkerbundes vor, einer Institution, von der man hoffte, dass sie zukünftige Auseinandersetzungen unter den Nationen beilegen und die internationalen Beziehungen harmonisieren könnte.
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Shoghi Effendis Kommentar zur Bedeutung dieser historischen Initiative sollte von jedem Bahá’í, der die Ereignisse dieses turbulenten Jahrhunderts zu verstehen sucht, sorgfältig gelesen werden. Er beschreibt zwei in enger Beziehung stehende Entwicklungen, die mit dem Anbruch des Weltfriedens zusammenhängen, und betont, dass sie »dazu bestimmt sind, gemeinsam ihren Höhepunkt und ihre herrliche Erfüllung zu finden, wenn die Zeit gekommen ist«Citadel of Faith, S. 32Q. Die erste, so erklärt der Hüter, betrifft die Mission der Bahá’í-Gemeinde des nordamerikanischen Kontinents, die zweite das Schicksal der Vereinigten Staaten als Nation. Über dieses zweite Phänomen, das auf den Ausbruch des ersten Weltkrieges zurückgeht, schreibt Shoghi Effendi:
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»Seinen anfänglichen Auftrieb erhielt es durch die Formulierung von Präsident Wilsons Vierzehn Punkten, die erstmalig diese Republik mit den Geschicken der Alten Welt in Verbindung brachte. Es erfuhr seinen ersten Rückschlag durch den Rückzug dieser Republik vom neugeschaffenen Völkerbund, auf dessen Gründung der Präsident hingearbeitet hatte … Wie lang und schmerzvoll der Weg auch sein mag, so muss es doch durch eine Reihe von Siegen und Niederlagen zur politischen Einheit der östlichen und westlichen Hemisphäre führen, zur Entstehung eines Weltparlaments und zur Errichtung des Geringeren Friedens, wie von Bahá’u’lláh verkündet und vom Propheten Jesaja vorausgesagt. Am Ende muss es in der Entfaltung des Banners des Größten Friedens gipfeln, im Goldenen Zeitalter der Offenbarung Bahá’u’lláhsa. a. O., S. 32f.Q
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Wie tragisch war deshalb das Schicksal des Planes, der die Bemühungen des amerikanischen Präsidenten beflügelt hatte. Wie bald deutlich wurde, war der Völkerbund eine Totgeburt. Obwohl er Formen einer Legislative, einer Judikative, einer Exekutive und einer unterstützenden Verwaltungsstruktur enthielt, so wurde ihm doch die Autorität verweigert, welche für die Funktion, die er angeblich erfüllen sollte, unerlässlich war. Gefesselt durch die aus dem neunzehnten Jahrhundert übernommene Idee uneingeschränkter nationaler Souveränität, konnte er Entscheidungen nur mit der geschlossenen Zustimmung aller Mitgliedsstaaten treffen, eine Auflage, die wirksames Handeln weitgehend unmöglich machte.In der schließlich verabschiedeten Fassung verlangte Artikel X des Völkerbundes im Angriffsfall nicht die kollektive militärische Intervention, sondern legte lediglich fest, dass »der Rat die Mittel festlegen soll, durch die diese Pflicht erfüllt wird«.A Die Hohlheit dieses Systems zeigte sich auch darin, dass einige der mächtigsten Staaten der Welt nicht aufgenommen wurden: Deutschland wies man als besiegte Nation, die für den Krieg verantwortlich gemacht wurde, zurück; Russland wurde anfänglich aufgrund seines bolschewistischen Regimes der Eintritt verwehrt, und die Vereinigten Staaten selbst verweigerten – in der Folge engstirniger Parteipolitik im Kongress – sowohl den Beitritt zum Völkerbund als auch die Ratifizierung des Vertrages. Selbst die halbherzigen Anstrengungen zum Schutz der ethnischen Minderheiten, die in den neu geschaffenen Nationalstaaten lebten, erwiesen sich schließlich nur als Waffen, die in den anhaltenden brudermörderischen Konflikten Europas eingesetzt werden konnten.
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Kurz, in genau dem Augenblick der Menschheitsgeschichte, da ein beispielloser Ausbruch an Gewalt die überlieferten Bollwerke zivilisierten Gebarens ausgehöhlt hatte, entmachtete die politische Führung der westlichen Welt das einzige alternative System internationaler Ordnung, das die eben durchlebte Katastrophe geboren hatte, und das allein die noch größeren bevorstehenden Leiden hätte mildern können. Mit den prophetischen Worten ‘Abdu’l-Bahás: »Friede, Friede! … unaufhörlich verkünden die Lippen der Machthaber und der Völker ›Frieden, Frieden‹, während das Feuer ungestillten Hasses noch in ihren Herzen schwelt.« »Die Krankheiten, an denen die Welt jetzt leidet«, fügte Er 1920 hinzu, »werden sich vervielfachen; die Dunkelheit, die sie umschließt, wird sich vertiefen … Die besiegten Mächte werden weiterwühlen. Sie werden zu jeder Maßnahme greifen, die die Flamme des Krieges wieder entzündet.«In: Shoghi Effendi, Die Weltordnung Bahá’u’lláhs, S. 50f.Q
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Während das Inferno des Krieges die Welt in eisernem Griff hielt, widmete ‘Abdu’l-Bahá Seine Aufmerksamkeit der einen großen Aufgabe, die Ihm in Seiner Amtszeit verblieb, nämlich der, für die Verbreitung der Botschaft, die in islamischen und in westlichen Gesellschaften missachtet oder gar angefeindet wurde, bis in die abgelegensten Gegenden der Erde Sorge zu tragen. Das Instrument, das Er zu diesem Zweck einsetzte, war der Göttliche Plan, der in vierzehn wunderbaren Sendschreiben dargelegt wurde, von denen vier an die nordamerikanische Bahá’í-Gemeinde und zehn weitere an fünf Teilgruppen dieser Gemeinde gerichtet waren. Zusammen mit Bahá’u’lláhs Tafel vom Karmel und dem Testament des Meisters, wurden die Sendschreiben zum göttlichen Plan von Shoghi Effendi als eine von drei »Chartas« des Glaubens bezeichnet. Der Göttliche Plan, offenbart in den dunkelsten Tagen des Krieges 1916 und 1917, rief die kleine Zahl der amerikanischen und kanadischen Gläubigen dazu auf, die Führungsrolle in der Begründung der Sache Gottes auf dem ganzen Planeten zu übernehmen. Die Tragweite dieses Auftrags war ehrfurchtgebietend. Mit den Worten des Meisters:
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»‘Abdu’l-Bahás Hoffnung für euch ist, dass derselbe Erfolg, der eure Bemühungen in Amerika begleitet, auch eure Anstrengungen in anderen Teilen der Welt kröne; dass durch euch der Ruhm der Sache Gottes über den Osten und den Westen verbreitet werde; dass in allen fünf Kontinenten des Erdballs das Kommen des Herrn der Heerscharen und Seines Reiches verkündet werde. Sobald die amerikanischen Gläubigen diese göttliche Botschaft über die Küsten Amerikas hinaustragen und sie quer durch die Kontinente Europa, Asien, Afrika und Australasien, bis weit auf die pazifischen Inseln verkünden, wird sich diese Gemeinde unverrückbar auf den Thron ewiger Herrschaft gesetzt sehen. Dann werden alle Völker der Welt bezeugen, dass diese Gemeinde geistig erleuchtet und göttlich geführt ist. Dann wird die ganze Erde widerhallen vom Lobpreis ihrer Majestät und Größe.«‘Abdu’l-Bahá, Sendschreiben zum göttlichen Plan 7:4-5Q
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Shoghi Effendi erinnert uns daran, dass diese historische, von ihm als »das Geburtsrecht der nordamerikanischen Bahá’í-Gemeinde«Citadel of Faith, S. 7Q beschriebene Mission ihre Wurzeln in den Worten der Zwillingsoffenbarer über das Reifealter der Menschheit hat. Sie tauchte zuerst in den Worten des Báb auf, der die »Völker des Westens« aufrief: »Kommt hervor aus euren Städten … und steht Gott bei noch vor dem Tag, da der Herr des Erbarmens zu euch herabkommen wird im Schatten der Wolken … Werdet wie wahre Brüder in der einen, unteilbaren Religion Gottes, ohne Unterschied … so dass ihr euch in ihnen und sie sich in euch gespiegelt finden.«Eine Auswahl aus Seinen Schriften 2:24:1-2Q In Seinem Aufruf an die »Herrscher Amerikas und die Präsidenten seiner Republiken« gab Bahá’u’lláh jenen einen Auftrag, der in Seinen anderen Sendscheiben an die Führer der Welt seinesgleichen sucht: »Verbindet den Verletzten mit den Händen der Gerechtigkeit und zermalmet den Unterdrücker auf der Höhe seiner Macht mit der Rute der Gebote eures Herrn, des Gesetzgebers, des Allweisen.«Kitáb-i-Aqdas 88Q Bahá’u’lláh formulierte auch eine der tiefsten Wahrheiten über den Prozess der Entwicklung der Kultur wie folgt: »Im Osten ist das Licht Seiner Offenbarung angebrochen, im Westen erscheinen die Zeichen Seiner Herrschaft. Sinnt darüber nach in euren Herzen, o Menschen … «Botschaften aus ‘Akká 2:15Q
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Obwohl der Göttliche Plan, wie der Hüter später sagen sollte, noch zurückgehalten wurde, bis das für seine Durchführung notwendige System geschaffen war, so hatte doch ‘Abdu’l-Bahá eine Schar von Gläubigen ausgewählt, bestärkt und beauftragt, zu Beginn des Unternehmens die Führung zu übernehmen. Zwar kam nun das Ende Seines eigenen Lebens immer näher, rückblickend jedoch gaben die drei Ihm verbleibenden Jahre nach Kriegsende einen Vorgeschmack auf die Siege, die die Sache Gottes im Laufe des Jahrhunderts erleben sollte. Die veränderten Bedingungen im Heiligen Land gaben dem Meister die Freiheit, Seine Arbeit ungehindert zu verfolgen, und schafften die Voraussetzungen, unter denen Sein brillanter Verstand und Sein erleuchteter Geist ihren Einfluss auf Regierungsvertreter, Würdenträger aller Art, die Ihn aufsuchten, und die verschiedenen Bevölkerungsgruppen im Heiligen Land ausüben konnte. Die britische Mandatsmacht selbst suchte ihrer Anerkennung der einigenden Wirkung Seines Vorbildes und Seiner philanthropischen Werke dadurch Ausdruck zu verleihen, dass sie Ihm die Ritterwürde verlieh.In der Laudatio wird Bezug genommen auf den ›Rat‹, den der Meister den britischen Militärbehörden gab, die darum bemüht waren, nach dem Sturz des türkischen Regimes das öffentliche Leben in der Region wieder aufzubauen. Weiter heißt es dort, dass »all sein Einfluss nur zum Guten war«. Vgl. Moojan Momen, Hg., The Bábí and Bahá’í Religions, S. 344.A Noch bedeutender war jedoch, dass wieder ein Strom von Pilgern und zahllose Briefe an Bahá’í-Gemeinden im Osten wie im Westen eine Ausweitung der Lehrtätigkeit und die Vertiefung der Freunde in ihrem Verständnis der Tragweite der Botschaft des Glaubens bewirkte.
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Nichts zeigt vielleicht deutlicher den geistigen Triumph, den der Meister im Weltzentrum des Glaubens errungen hatte, als die Ereignisse in Haifa nach Seinem Hinscheiden in den frühen Morgenstunden des 28. November 1921. Am nächsten Tag folgte eine riesige Schar Tausender Menschen, die die bunte Vielfalt der in der Region vertretenen Volksgruppen und Religionen widerspiegelten, dem Begräbniszug den Hang des Karmel hinauf in einem Zustand aufrichtiger Trauer, wie sie die Stadt noch nie zuvor gesehen hatte. Der Zug wurde angeführt von Vertretern der Britischen Regierung, Mitgliedern des Diplomatischen Korps und den Führern aller religiösen Gemeinden der Region, von denen mehrere an der Andacht am Schrein des Báb teilnahmen. Dieser rückhaltlose vereinte Ausbruch der Trauer spiegelte die plötzliche Erkenntnis wider, dass man mit dem Meister eine Gestalt verloren hatte, deren Vorbild ein Brennpunkt der Einheit in einem hasserfüllten, geteilten Land gewesen war. Für alle, die Augen hatten zu sehen, war diese Versammlung selbst ein lebendiger Beweis der Wahrheit der Einheit der Menschheit, die der Meister so unermüdlich verkündet hatte.
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Mit dem Hinscheiden ‘Abdu’l-Bahás war das Apostolische Zeitalter der Sache zu Ende gegangen. Das unmittelbare Wirken der göttlichen Vorsehung, die vor siebenundsiebzig Jahren – in der Nacht, in der der Báb Seine Sendung Mullá Ḥusayn erklärte und in der ‘Abdu’l-Bahá geboren wurde – in die Geschicke der Menschheit eingegriffen hatte, war nun abgeschlossen. Es war – mit den Worten Shoghi Effendis – »ein Zeitraum … so strahlend, dass weder die heute, noch in irgendeinem zukünftigen Zeitalter errungenen Siege, so großartig sie auch sein mögen, ihm gleichkommen können … «The Bahá’í World, Bd. 15, S. 132Q Vor uns liegen tausend oder Tausende von Jahren, in denen die Entwicklungsmöglichkeiten, die diese schöpferische Kraft im menschlichen Bewusstsein angelegt hat, sich allmählich entfalten werden.
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Betrachtet man diese höchst bedeutende Zeit in der Kulturgeschichte, so rückt unvermeidlich die Persönlichkeit ins Zentrum, deren Wesen und Rolle in diesem sechstausendjährigen Prozess einzigartig ist. Bahá’u’lláh nannte ‘Abdu’l-Bahá »das Geheimnis Gottes«Vgl. Shoghi Effendi, Die Weltordnung Bahá’u’lláhs, S. 195Q. Shoghi Effendi beschrieb Ihn als den »Mittelpunkt und die Achse« des Bundes Bahá’u’lláhs, als das »vollkommene Beispiel« der Lehren der göttlichen Offenbarung für das Zeitalter der menschlichen Reife, und »die Triebkraft der Vereinigung der Menschheit«a. a. O.Q. Ein mit Seinem Auftreten auch nur annähernd vergleichbares Phänomen hatte keine der göttlichen Offenbarungen, aus denen die anderen der Geschichtsschreibung bekannten großen Religionen hervorgingen, begleitet; sie alle waren im wesentlichen Vorstufen, die die Menschheit auf ihr Reifealter vorbereiteten. ‘Abdu’l-Bahá war Bahá’u’lláhs höchste Schöpfung, der Eine, der alles andere möglich machte. Die Erkenntnis dieser Wahrheit ließ einen verständigen amerikanischen Bahá’í folgendes niederschreiben:
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»Nun war eine Botschaft von Gott zu überbringen, und die Menschheit wollte die Botschaft nicht hören. Darum schenkte Gott der Welt ‘Abdu’l-Bahá. ‘Abdu’l-Bahá empfing die Botschaft Bahá’u’lláhs im Namen der Menschheit. Er vernahm die Stimme Gottes; Er war vom Geist durchdrungen; Er erlangte vollkommenes Verständnis und Wissen über die Bedeutung dieser Botschaft, und Er gelobte, dass die Menschheit auf die Stimme Gottes hören würde … das ist für mich der Bund, dass es in der Welt jemanden gab, der für ein bis heute unerschaffenes Geschlecht stand. Es gab nur Stämme, Familien, Konfessionen, Klassen, und so weiter, aber es gab keinen Menschen außer ‘Abdu’l-Bahá. Und der Mensch ‘Abdu’l-Bahá verinnerlichte die Botschaft Bahá’u’lláhs und versprach Gott, dass Er die Menschen zur Einheit der Menschheit führen und ein Menschengeschlecht schaffen werde, das Träger des göttlichen Gesetzes sein kann.«Horace Holley, Religion for Mankind, S. 243f.Q
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Seine Sendung begann der Meister als Gefangener eines grausamen, ignoranten Regimes, Er wurde unbarmherzig von treulosen Brüdern angegriffen, die Ihn schließlich töten wollten, und doch formte Er – allein auf sich gestellt – die persische Bahá’í-Gemeinde zu einem leuchtenden Beispiel – einem Beispiel für die gesellschaftliche Entwicklung, die die Sache Gottes hervorbringen kann. Er förderte die Ausbreitung des Glaubens im ganzen Orient, rief überall im Westen Gemeinden von ergebenen Gläubigen ins Leben, entwarf einen Plan für die weltweite Verbreitung der Sache, gewann, soweit Sein Einfluss reichte, die Achtung und Bewunderung namhafter Denker und hinterließ den Anhängern Bahá’u’lláhs in der ganzen Welt einen Fundus autoritativer Erklärungen zu den Gesetzen und Lehren des Glaubens. Am Hang des Karmel errichtete Er unter gewaltigen Mühen und Schwierigkeiten den Schrein, der die sterblichen Überreste des Báb birgt – der Brennpunkt jenes Prozesses, durch den das Leben auf dem ganzen Planeten nach und nach geordnet wird. Gleichzeitig sorgte Er Sein Leben lang dafür – ein Leben voller Sorgen und Anforderungen aller Art, das Freund und Feind gleichermaßen zu jeder Zeit einsehen konnten –, dass die Nachwelt jenen Schatz besitzen konnte, von dem die Dichter, Philosophen und Mystiker aller Zeitalter träumten: ein ungetrübtes Beispiel menschlicher Vollkommenheit.
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Und schließlich stellte ‘Abdu’l-Bahá sicher, dass die göttliche Ordnung, die Bahá’u’lláh offenbart hatte, um die Menschheit zu einen und Gerechtigkeit im Zusammenleben der Menschheit zu begründen, mit den Werkzeugen ausgestattet wurde, die zur Verwirklichung der Absicht ihres Stifters erforderlich sind. Damit Einheit unter den Menschen bestehen kann – selbst auf der einfachsten Ebene – müssen zwei Grundvoraussetzungen erfüllt sein. Als erstes bedarf es einer grundlegenden Übereinstimmung über das Wesen der Wirklichkeit, da dies die Beziehungen zwischen den Menschen und zur Welt bestimmt. Zweitens braucht es allgemein anerkannte, verbindliche Instrumente und Entscheidungsregeln, die das Verhältnis zwischen den Menschen regulieren und ihre gemeinsamen Ziele bestimmen.
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Das bedeutet, dass Einheit nicht bloß durch ein Gefühl gegenseitigen guten Willens und gemeinsamer Absicht entsteht, so tiefgehend und aufrichtig solche Empfindungen auch sein mögen, ebenso wenig wie ein Organismus das Produkt einer zufälligen und formlosen Verbindung verschiedener Elemente ist. Einheit ist eine Erscheinungsform schöpferischer Kraft, deren Existenz in den Wirkungen gemeinschaftlichen Handelns sichtbar wird, und deren Abwesenheit sich in der Fruchtlosigkeit solcher Bemühungen zeigt. So oft Unwissenheit und Eigensinn sie auch behinderten, war diese Kraft doch der wichtigste Antrieb im Fortschritt der Zivilisation und brachte Gesetzesbücher, gesellschaftliche und politische Institutionen, künstlerische Werke, zahllose technologische Errungenschaften, sittliche Durchbrüche, materiellen Wohlstand und lange Friedenszeiten hervor, an deren Abglanz sich spätere Generationen als ›Goldenes Zeitalter‹ erinnerten.
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Die Offenbarung Gottes, welche das Zeitalter der Mündigkeit der Menschheit einleiten soll, setzt die Möglichkeiten dieser schöpferischen Kraft endlich ganz frei und begründet die zur Verwirklichung der göttlichen Absicht notwendigen Instrumente. ‘Abdu’l-Bahá legt in Seinem Testament, das Shoghi Effendi als »Charta« der Gemeindeordnung bezeichnet hat, ausführlich Wesen und Funktion der Zwillingsinstitutionen dar, die Er zu Seinen Nachfolgern ernannt hat: das Hütertum und das Universale Haus der Gerechtigkeit. Ihre sich ergänzenden Funktionen sichern die Einheit der Bahá’í-Sache und die Erfüllung ihres Auftrags während der gesamten Dauer der Sendung Bahá’u’lláhs. Er betont besonders ausdrücklich die damit übertragene Autorität:
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»Was immer sie entscheiden, ist von Gott. Wer ihm nicht gehorcht oder ihnen nicht gehorcht, hat Gott nicht gehorcht. Wer sich gegen ihn oder gegen sie auflehnt, hat sich gegen Gott aufgelehnt. Wer sich ihm entgegenstellt, hat sich Gott entgegengestellt. Wer sie bekämpft, hat Gott bekämpft.«Das Testament. In: Dokumente des Bündnisses I:17Q
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Shoghi Effendi erklärt die Bedeutung dieses einzigartigen Textes:
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»Es sei gesagt, dass die mit diesem historischen Dokument geschaffene Verwaltungsordnung kraft ihres Ursprungs und ihrer Eigenart in der Geschichte der religiösen Systeme der Welt einzig dasteht. Man kann bestimmt sagen, dass vor Bahá’u’lláh von keinem Propheten … irgend etwas maßgebend und schriftlich festgesetzt wurde, das mit der Verwaltungsordnung zu vergleichen wäre, die der befugte Ausleger der Lehren Bahá’u’lláhs schuf, einer Ordnung, die … den Glauben, dem sie entstammt, vor Spaltungen bewahren muss und wird, in einer Weise, wie es bei keiner früheren Religion der Fall war.«Gott geht vorüber 22:7Q
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Bevor das Testament verlesen und verbreitet wurde, hatte die große Mehrheit der Gläubigen angenommen, dass die nächste Stufe in der Entwicklung der Sache die Wahl des Universalen Hauses der Gerechtigkeit sein würde, der Institution, die Bahá’u’lláh selbst im Kitáb-i-Aqdas als leitende Körperschaft der Bahá’í-Welt eingesetzt hatte. Für die heutigen Bahá’í ist es wichtig zu verstehen, dass der Bahá’í-Gemeinde vor diesem Zeitpunkt das Konzept des Hütertums völlig unbekannt war. Die Freude über die einzigartige Auszeichnung, die der Meister Shoghi Effendi verliehen hatte, und darüber, dass in des Hüters Rolle nun ein Bindeglied zu den Stiftern des Glaubens fortbestehen würde, war groß. Bis zu diesem Zeitpunkt wusste man jedoch nicht, dass Bahá’u’lláh eine solche Institution vorgesehen hatte noch erahnte man, dass dieser Institution die Aufgabe der Auslegung übertragen war – eine Funktion, die – wie rückblickend erkennbar – bereits in manchen Seiner Schriften vorweggenommen war und deren zentrale Bedeutung offensichtlich ist.
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Völlig jenseits der Vorstellungskraft eines jeden, der damals lebte, gleich ob gläubig oder übelgesinnt, war die Transformation im Leben der Sache, die das Testament des Meisters in Gang setzte. »Wenn ihr wüsstet, was nach mir geschehen wird«, hatte ‘Abdu’l-Bahá erklärt, »dann würdet ihr sicherlich beten, dass sich mein Ende beschleunige.«In: Shoghi Effendi, Bahá’í Administration, S. 15Q
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Wenn man die Stellung des Hütertums in der Bahá’í-Geschichte richtig würdigen will, dann muss man sich zuerst ganz objektiv die Umstände vergegenwärtigen, unter denen Shoghi Effendi seinen Auftrag zu erfüllen hatte. Besonders wichtig ist dabei die Tatsache, dass die erste Hälfte seiner Amtszeit einen Zeitraum zwischen zwei Kriegen umfasste, der von wachsender Unsicherheit und Angst in allen Lebensbereichen geprägt war. Zwar hatte man hinsichtlich der Überwindung von Schranken zwischen den Nationen und Klassen beachtliche Fortschritte gemacht, aber andererseits behinderten politische Unfähigkeit und eine daraus resultierende wirtschaftliche Lähmung alle Bemühungen, Vorteile aus diesen sich eröffnenden Möglichkeiten zu ziehen. Überall hatte man das Gefühl, dass das Wesen der Gesellschaft und die Rolle ihrer Institutionen von Grund auf neu definiert werden müsse – ja, dass man den Sinn des Menschenlebens selbst neu definieren müsse.
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In wichtigen Bereichen boten sich der Menschheit am Ende des ersten Weltkrieges nie gekannte Möglichkeiten. In ganz Europa und im Nahen Osten waren absolutistische Systeme, die zu den mächtigsten Hindernissen auf dem Weg zur Einheit gehört hatten, hinweggefegt worden. Vielerorts wurden auch erstarrte religiöse Dogmen, die zuvor Konflikte und Entfremdung moralisch gestützt hatten, in Frage gestellt. Durch die im Versailler Vertrag neu geschaffenen Nationalstaaten stand es ehemals unterdrückten Völkern jetzt frei, die eigene Zukunft zu planen und selbst Verantwortung für ihre außenpolitischen Beziehungen zu übernehmen. Der gleiche Erfindungsgeist, der bisher Waffen der Zerstörung geschaffen hatte, wandte sich nun den herausfordernden aber lohnenden Aufgaben der wirtschaftlichen Expansion zu. Selbst aus den schwärzesten Zeiten des Krieges werden ergreifende Geschichten berichtet, zum Beispiel wie britische und deutsche Soldaten spontan ihre Schützengräben verlassen hatten, um gemeinsam Christi Geburt zu feiern – ein Aufflackern der Einheit der Menschheit, die der Meister während Seiner Reisen durch jenen Kontinent so unermüdlich verkündet hatte. Am wichtigsten aber war, dass durch eine außergewöhnlich kraftvolle Vision die Einigung der Menschheit einen immensen Schritt vorangebracht wurde. Die Führer der Welt hatten, wenn auch zögerlich, im Völkerbund ein internationales Beratungssystem geschaffen, das, obwohl durch einzelstaatliche Interessen deutlich geschwächt, doch dem Ideal einer internationalen Ordnung erstmals vage Form und Struktur verlieh.
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Der neue Aufbruch nach dem Krieg war weltweit spürbar. Mit Sun Yat-sen als Führer hatte das chinesische Volk sich der dekadenten kaiserlichen Herrschaft, die das Wohlergehen des Landes gefährdet hatte, entledigt und versuchte, die Grundlagen für eine Wiedergeburt der Größe Chinas zu legen. In ganz Südamerika kämpften Volksbewegungen trotz wiederholter schlimmer Rückschläge um die Kontrolle über das Schicksal ihrer Länder und die Nutzung der ungeheueren Naturschätze ihres Kontinentes. In Indien war eine der bemerkenswertesten Persönlichkeiten des Jahrhunderts, Mahatma Gandhi, ein Wagnis eingegangen, das nicht nur die Geschicke seines Landes verändern sollte, sondern der Welt deutlich zeigte, was geistige Kraft zu erreichen vermag. Afrika wartete noch auf seine Stunde, ebenso die Bewohner anderer Kolonialstaaten, aber jeder scharfsichtige Mensch erkannte, dass ein Wandlungsprozess in Gang gekommen war und nicht mehr unterdrückt werden konnte, weil er den Sehnsüchten der Menschheit entsprach.
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Diese ermutigenden Fortschritte konnten die historische Tragödie, die sich abgespielt hatte, nicht verbergen. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatte Bahá’u’lláh den Herrschern Seiner Zeit, in deren Händen die Geschicke der Menschheit lagen, den Tag Gottes verkündet – und diese Verkündigung war von den Adressaten in Ost und West zurückgewiesen oder ignoriert worden. Ein derartiger Glaubensbruch rückt auch die späteren Reaktionen auf die Mission ‘Abdu’l-Bahás im Westen in eine ernüchternde Perspektive. Man mag sich noch so sehr über die Anerkennung freuen, mit der der Meister von allen Seiten überschüttet wurde – die unmittelbaren Ergebnisse Seiner Bemühungen zeigten nur das erneute moralische Versagen eines beträchtlichen Teils der Menschheit und ihrer Führer. Die im Osten unterdrückte Botschaft wurde von der westlichen Welt weitgehend ignoriert. In anmaßender Selbstzufriedenheit hatte sie schon lange den eigenen Ruin vorbereitet und schließlich die Ideale des Völkerbundes verraten.
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Die beiden Jahrzehnte, die der Amtsübernahme Shoghi Effendis folgten, waren in der ganzen westlichen Welt eine zunehmend düstere Zeit, scheinbar ein deutlicher Rückschlag im Prozess der Integration und Aufklärung, den der Meister doch so zuversichtlich verkündet hatte. Das politische, soziale und wirtschaftliche Leben erstarrte. Tiefe Zweifel kamen auf an der Fähigkeit der liberalen demokratischen Tradition, der Probleme der Zeit Herr zu werden. So verdrängten in einer Reihe europäischer Staaten autoritäre Regime die Regierungen, die in diesen Prinzipien wurzelten. Der wirtschaftliche Zusammenbruch im Jahre 1929 führte schon bald zu einem weltweiten Rückgang des Wohlstands mit all den daraus resultierenden moralischen und psychologischen Unsicherheiten.
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Wenn wir diese Umstände berücksichtigen, können wir eher verstehen, vor welch ungeheurer Herausforderung Shoghi Effendi zu Beginn seiner Amtszeit stand. Die Stifter des Bahá’í-Glaubens hatten ihm die Vision einer Neuen Welt hinterlassen. Aber angesichts der konkreten Bedingungen, die er vorfand, sprach absolut nichts dafür, dass er dieses Erbe nennenswert voranbringen könnte, ganz gleich wie viel Zeit ihm dafür bleiben würde.
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Auch schien der ihm zur Verfügung stehende Apparat weder kraftvoll, noch belastbar, noch entwickelt genug zu sein, um diese Aufgabe zu erfüllen. Als Shoghi Effendi 1923 endlich in der Lage war, in vollem Maße die Leitung der Sache Gottes zu übernehmen, lebte der Großteil der Anhänger Bahá’u’lláhs im Írán. Damals hätte man nicht einmal ihre Zahl zuverlässig schätzen können. Auch wurde die íránische Gemeinde, der die meisten Wege zur Förderung der Sache versperrt und deren verfügbare materielle Mittel äußerst begrenzt waren, durch ständige Schikanen behindert. In Nordamerika, wo die Freunde mit der schwerwiegenden Verantwortung für den Göttlichen Plan betraut waren, mussten die kleinen Gemeinden der Gläubigen, als sich die Wirtschaftskrise immer mehr vertiefte, um den bloßen Lebensunterhalt für sich und ihre Familien kämpfen. In Europa, Australasien und im Fernen Osten waren es noch kleinere Bahá’í-Gruppen, welche die Flamme des Glaubens am Brennen hielten, ebenso isolierte Gruppen, Familien und Einzelne in den übrigen Teilen der Welt. Selbst in englischer Sprache gab es nur sehr wenig Bahá’í-Literatur, und die Aufgabe, die Schriften in andere wichtige Sprachen zu übersetzen und Geldmittel für deren Veröffentlichung zu finden, stellte eine fast nicht zu bewältigende Bürde dar.
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Die vom Meister übermittelte Vision strahlte zwar so hell wie je, die dafür verfügbaren Mittel aber müssen den Bahá’í angesichts der überall herrschenden Umstände jammervoll unzureichend erschienen sein. Der ungestalte nackte Unterbau des zukünftigen Muttertempels des Westens am Seeufer nördlich von Chicago schien des glänzenden Entwurfs zu spotten, der noch vor wenigen Jahren die Bewunderung der Architekten erregt hatte. In Bagdad war das Heiligste Haus, das Bahá’u’lláh zum Mittelpunkt der Bahá’í-Pilgerreise bestimmt hatte, in die Hände von Gegnern des Glaubens gefallen. Im Heiligen Land selbst verfiel das Landhaus Bahá’u’lláhs, weil die Bundesbrecher, die es in Besitz genommen hatten, es nicht in Stand hielten, und der Schrein, der die kostbaren sterblichen Überreste des Báb und ‘Abdu’l-Bahás barg, bestand noch immer nur aus dem schlichten, vom Meister errichteten Steingebäude.
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In einer Reihe von Sondierungsberatungen mit führenden Bahá’í wurde dem Hüter klar, dass schon ein formelles Gespräch mit erfahrenen, fähigen Gläubigen über die Bildung eines internationalen Sekretariats nicht nur nutzlos, sondern wahrscheinlich kontraproduktiv sein würde. Daher machte sich Shoghi Effendi ganz allein an die Aufgabe, das seinen Händen anvertraute ungeheure Unternehmen voranzutreiben. Wie völlig allein er war, kann die heutige Bahá’í-Generation kaum erfassen, doch allein schon unser vages Verständnis ist äußerst schmerzvoll.
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Ursprünglich hatte der Hüter angenommen, dass die Mitglieder der weitverzweigten Familie des Meisters, deren edle Abstammung ihnen die Hochachtung aller Bahá’í eintrug, ihm gern helfen würden, die Absicht, die in des Meisters Testament in so gebieterischer und eindringlicher Sprache dargelegt war, zu verwirklichen. So hatte er seine Brüder, Vettern und eine seiner Schwestern, deren Ausbildung sie alle für diesen Zweck qualifizierte, eingeladen, bei der vom Hüteramt zu bewältigenden anspruchsvollen Arbeit zu helfen. Unglücklicherweise erwies sich im Laufe der Zeit einer nach dem anderen als unzufrieden mit der ihm übertragenen, nur unterstützenden Rolle, und kam den übernommenen Aufgaben nicht sorgfältig nach. Schlimmer noch, Shoghi Effendi sah sich der Situation gegenüber, dass seine Verwandten die ihm verliehene Autorität, obgleich unzweideutig im Testament niedergelegt, lediglich als nominell betrachteten. Für sie war die Führung des Glaubens im wesentlichen eine Familienangelegenheit, wobei großes Gewicht auf die Ansicht der Älteren unter ihnen zu legen sei, die man für ein solches Vorrecht als qualifiziert erachtete. Zunächst kam es nur zu eigensinnigem Widerstand, allmählich aber verschlimmerte sich die Situation so sehr, dass die Kinder und Enkel ‘Abdu’l-Bahás glaubten, Seinem ernannten Nachfolger widersprechen und seinen Anweisungen den Gehorsam verweigern zu können.
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Rúḥíyyih Khánum, die diesen Zersetzungsprozess in einer späteren Phase verfolgte und sehr unter den Auswirkungen auf die Arbeit für den Glauben und auf den Hüter selbst litt, schrieb dazu:
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[Hierfür] … »muss [man] die alte Erzählung von Kain und Abel verstehen, die Erzählung von Familieneifersucht, die wie ein dunkler Faden im Gewebe der Geschichte durch alle ihre Epochen läuft und in allen ihren Ereignissen aufgespürt werden kann … Die Schwäche des Menschenherzens, das sich so oft an einen unwürdigen Gegenstand klammert, die Schwäche des menschlichen Geistes mit seinem Hang zu Eitelkeit und Selbstzufriedenheit in persönlichen Ansichten, erzeugen in den Menschen einen solchen Wirrwarr der Gefühle, dass ihre Urteilskraft eingeschränkt wird und sie weit in die Irre geführt werden … Obgleich dieser Vorgang des Bundesbruchs ein der Religion innewohnender Aspekt zu sein scheint, bedeutet es nicht, dass er keine schädigende Auswirkung auf die Sache hat … Vor allem bedeutet es auch nicht, dass es auf den Mittelpunkt des Bundes selbst keine verheerende Wirkung gehabt hätte. Shoghi Effendis ganzes Leben war durch die auf ihn gerichteten bösartigen persönlichen Angriffe getrübt.«Rúḥíyyih Rabbání, Die unschätzbare Perle, S. 201, 204Q
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Vor diesem dunklen Hintergrund erstrahlen die Leistungen des Größten Heiligen Blattes, der Schwester ‘Abdu’l-Bahás und letzten Vertreterin des Heroischen Zeitalters des Glaubens, in umso hellerem Licht. Bahíyyih Khánum spielte eine entscheidende Rolle, als sie nach des Meisters Tod über die Interessen des Glaubens wachte und zur einzigen echten Stütze für Shoghi Effendi wurde. Ihre Treue ließ seiner Feder Worte entströmen, die vielleicht tiefer bewegen als alles, was er je schreiben sollte. Der feierliche Nachruf, den er nach ihrem Hinscheiden 1932 an sie richtete, findet sich in einem Brief an die Bahá’í »im Westen« und lautet auszugsweise:
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