Das Universale Haus der Gerechtigkeit | Das Jahrhundert des Lichts
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»Jeder Gläubige muss … voll begreifen, dass die Institution des Hütertums die Gewalten, die Bahá’u’lláh dem Universalen Haus der Gerechtigkeit im Kitáb-i-Aqdas verliehen und die ‘Abdu’l-Bahá wiederholt und feierlich in Seinem Testament bestätigt hat, unter keinen Umständen aufhebt oder sie im geringsten schmälert. Das Hütertum stellt auf keinen Fall einen Widerspruch zu dem Testament und den Schriften Bahá’u’lláhs dar, noch hebt es irgendeine Seiner offenbarten Weisungen auf.«Die Weltordnung Bahá’u’lláhs, S. 22Q
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Dieses Verständnis der Einzigartigkeit dessen, was Bahá’u’lláh geschaffen hat, öffnet den Blick dafür, was die Sache Gottes zur Vereinigung der Menschheit und zur Errichtung einer Weltgesellschaft leisten kann. Die unmittelbare Verantwortung für die Errichtung einer Weltregierung liegt bei den Nationalstaaten. Die Aufgabe der Bahá’í-Gemeinde zum jetzigen Zeitpunkt in der sozialen und politischen Evolution der Menschheit ist, mit allen ihr zu Gebote stehenden Kräften dazu beizutragen, solche Bedingungen zu schaffen, die dieses höchst anspruchsvolle Unterfangen fördern und begünstigen. So wie Bahá’u’lláh den Herrschern Seiner Zeit versicherte: »Wir haben nicht den Wunsch, Hand an eure Reiche zu legen«Kitáb-i-Aqdas 83Q, so verfolgt auch die Bahá’í-Gemeinde keine eigenen politischen Interessen, vermeidet alle Handlungen parteiischen Charakters und anerkennt vorbehaltlos die legitimen Machtbefugnisse der Regierung. Was immer die Bahá’í über die gegenwärtigen Zustände oder die Bedürfnisse der Mitglieder ihrer Gemeinde zu sagen haben, vollzieht sich auf dem Boden der jeweiligen Verfassung und des gesetzten Rechts.
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Die Macht der Sache Gottes, den Lauf der Geschichte zu beeinflussen, liegt demnach nicht nur in der geistigen Kraft ihrer Botschaft, sondern auch in dem Beispiel, das sie bietet. »So machtvoll ist das Licht der Einheit«, erklärt Bahá’u’lláh, »dass es die ganze Erde erleuchten kann.«Ährenlese 132:3Q Die Einheit der Menschheit, die der Glaube verkörpert, so betont Shoghi Effendi, »ist kein bloßer Ausdruck unkundiger Gefühlsseligkeit oder unklarer frommer Hoffnung«Die Weltordnung Bahá’u’lláhs, S. 69Q. Die organische Einheit aller Gläubigen – und die Gemeindeordnung, die diese ermöglicht – sind Beweise für die vom Hüter so bezeichnete »gesellschaftsbildende Macht ihres Glaubens«a. a. O., S. 283Q. Während die Sache Gottes sich ausbreitet und die in ihrer Gemeindeordnung verborgenen Kräfte immer klarer erkennbar werden, wird sie zunehmend die Aufmerksamkeit führender Denker erregen und den fortschrittlichen unter ihnen das Vertrauen einflößen, dass ihre Ideale letztlich doch erreichbar sind. Mit den Worten Shoghi Effendis:
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»Religionsführer, Vertreter politischer Theorien, Verwalter menschlicher Institutionen, die heutzutage verwirrt und bestürzt den Bankrott ihrer Ideen, den Zusammenbruch ihrer Lebensarbeit feststellen – sie alle täten gut daran, ihren Blick auf die Offenbarung Bahá’u’lláhs zu richten und über die Weltordnung nachzudenken, die in Seinen Lehren beschlossen ist und sich langsam, kaum merklich aus dem Wirrwarr und Chaos der gegenwärtigen Zivilisation erhebt.«a. a. O., S. 44Q
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Im Zentrum derartiger Überlegungen wird die Kraft stehen, die es den Bahá’í ermöglichte, ihre Einheit zu erlangen, zu festigen und zu erhalten. »Der Menschen Licht«, erklärt Bahá’u’lláh, »ist die Gerechtigkeit.« Ihr Zweck, fährt Er fort, »ist das Zustandekommen von Einheit unter den Menschen. Das Meer göttlicher Weisheit wogt in diesem erhabenen Wort … «Botschaften aus ‘Akká 6:26Q Die Bezeichnung ›Häuser der Gerechtigkeit‹ für die Institutionen, welche die von Ihm entworfene Weltordnung auf örtlicher, nationaler und internationaler Ebene leiten, spiegelt den zentralen Stellenwert des Gerechtigkeitsprinzips in der Offenbarung und im Leben des Glaubens wieder. In dem Maße, wie die Bahá’í-Gemeinde zunehmend am Leben der Gesellschaft teilhat, wird ihre Erfahrung immer ermutigendere Belege für die Gültigkeit dieses Gesetzes bei der Heilung der zahllosen Leiden liefern, welche die Menschheit quälen. Sie alle sind in letzter Konsequenz eine Folge der Uneinigkeit. »Wisse wahrlich«, erklärt Bahá’u’lláh, »diese großen Heimsuchungen, die über die Welt gekommen sind, bereiten sie vor auf das Kommen der größten Gerechtigkeit.«In: Das Kommen göttlicher Gerechtigkeit, S. 46Q Offensichtlich wird aber diese höchste Stufe in der gesellschaftlichen Evolution erst in einer Welt erreicht, die sich von der uns heute bekannten deutlich unterscheidet.
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Durch die Erfüllung der Ziele des Zehnjahresplanes und die Errichtung des Universalen Hauses der Gerechtigkeit erfuhr der Glaube einen mächtigen Schub voran. Diesmal zeigte sich der Fortschritt – der praktisch alle Bereiche des Bahá’í-Lebens ergriff – in Form längerfristiger Entwicklungen, die man am besten versteht, wenn man den Zeitraum seit 1963 als Ganzes betrachtet. In diesen entscheidenden siebenunddreißig Jahren entwickelte sich die Arbeit des Glaubens zügig in zwei parallelen Bereichen: zum einen wurden große Fortschritte in der Ausbreitung und Festigung der Bahá’í-Gemeinde erzielt, zum anderen gewann der Glaube deutlich an Einfluss im Leben der Gesellschaft. Mit der Zeit betätigten sich die Bahá’í auf immer mehr und immer unterschiedlicheren Feldern, und viele dieser Bemühungen förderten unmittelbar die eine oder die andere der beiden wesentlichen Entwicklungslinien.
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Eine Entscheidung, die das Haus der Gerechtigkeit schon früh in diesem Zeitraum traf, erwies sich als besonders wichtig für alle Aspekte des Lehrens und für die Entwicklung der Gemeindeordnung. Die Erkenntnis, dass es keinen Nachfolger Shoghi Effendis geben konnte, brachte es mit sich, dass auch keine neuen Hände der Sache mehr ernannt werden konnten. Wie wichtig aber die Aufgaben dieser Institution für den Fortschritt des Glaubens waren, hatte sich in den sechs kritischen Jahren zwischen 1957 und 1963 gezeigt. Daher richtete das Haus der Gerechtigkeit – in dessen Kompetenz es ausdrücklich liegt, neue Bahá’í-Institutionen ins Leben zu rufen, wenn die Belange der Sache Gottes es erfordernVgl. The Establishment of the Universal House of Justice, S. 17Q – im Juni 1968 die Kontinentalen Beraterämter ein. Dieser neuen Institution wurde die Aufgabe übertragen, in Zukunft die beiden Hauptaufgaben der Hände der Sache, nämlich den Schutz und die Verbreitung des Glaubens, weiter auszuüben, sie leitete von nun an die Arbeit der bereits bestehenden Hilfsämter an und half den Nationalen Räten die Verantwortung für den Fortschritt des Glaubens zu schultern. Die großen Erfolge, die 1973 am Ende des Neunjahresplanes gefeiert werden konnten, zeigen, wie reibungslos das neue Organ der Gemeindeordnung seine Pflichten übernommen hatte, und wie bereitwillig und freudig die Gläubigen wie die Räte sich ihm zuwandten. In diese Zeit fiel noch ein weiterer wichtiger Schritt in der Entwicklung der Gemeindeordnung: das Internationale Lehrzentrum wurde geschaffen, das Gremium, das in der Zukunft etliche Aufgaben weiterführen sollte, welche die »im Heiligen Land lebenden Hände der Sache« wahrgenommen hatten, und das vom Augenblick seiner Entstehung an die Arbeit der Beraterämter weltweit koordinierte.
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Shoghi Effendi hatte die Richtung, in die das Wachstum des Glaubens sich entwickelte, bereits vorausgesehen und geschrieben, dass das Universale Haus der Gerechtigkeit »später in diesem [dem Gestaltenden] Zeitalter weltweite Unternehmungen angehen wird, welche die Einheit der Nationalen Räte symbolisieren, ihre Arbeit koordinieren und harmonisieren werden«In: Botschaften des Universalen Hauses der Gerechtigkeit, Bd. 1, S. 30Q. Diese weltweiten Unternehmungen begannen 1964 mit dem Neunjahresplan, gefolgt von einem Fünfjahresplan (1974), einem Siebenjahresplan (1979), einem Sechsjahresplan (1986), einem Dreijahresplan (1993), einem Vierjahresplan (1996) und einem Zwölfmonatsplan, der das Jahrhundert abschloss. An den Schwerpunkten, durch die diese Pläne sich unterschieden, lässt sich das Wachstum der Sache Gottes während dieser Jahrzehnte ablesen, wie auch die dadurch entstandenen neuen Möglichkeiten und Herausforderungen. Wichtiger als die unterschiedlichen Schwerpunkte ist allerdings, dass die Aktivitäten, zu denen die einzelnen Pläne aufrufen, Fortsetzungen der unter Shoghi Effendi begonnen Initiativen sind, der seinerseits die von den Stiftern des Glaubens gesponnenen Fäden aufgegriffen und weiterentwickelt hatte: die Schulung Geistiger Räte; die Übersetzung, Veröffentlichung und Verbreitung von Bahá’í-Literatur; die Ermutigung der Freunde zu universeller Beteiligung; die geistige Bereicherung des Bahá’í-Lebens; die Bemühung um die Einbindung der Bahá’í-Gemeinde in das Leben der Gesellschaft; die Stärkung des Bahá’í-Familienlebens sowie die Erziehung von Kindern und Jugendlichen. Diese verschiedenen Prozesse werden bis in alle Zukunft immer neue Möglichkeiten eröffnen; dabei verleiht die Tatsache, dass jeder seinen Ausgangspunkt im schöpferischen Impuls der Offenbarung selbst hat, allem, was die Bahá’í-Gemeinde tut, eine vereinigende Kraft und ist gleichzeitig das Geheimnis und die Garantie ihres letztlichen Erfolges.
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Die ersten beiden Jahrzehnte dieses Prozesses gehören zu den fruchtbarsten Perioden, die die Bahá’í-Gemeinde je erlebt hat. In kürzester Zeit vervielfachte sich die Anzahl der Geistigen Räte, und das Bahá’í-Leben war zunehmend durch die ethnische und kulturelle Vielfalt der Gemeindemitglieder gekennzeichnet. Zwar bereitete der Zerfall der Gesellschaft den Bahá’í-Institutionen Probleme, gleichzeitig erhöhte sich dadurch aber auch das Interesse an der Botschaft der Sache Gottes. Zu Beginn dieser Zeit wurde die Gemeinde vor die Herausforderung gestellt, »die Massen zu lehren«. 1967 war sie dann aufgerufen, »einen nachhaltigen Prozess in Gang zu setzen und die heilende Botschaft, dass der Verheißene erschienen ist, allen sozialen Schichten zu verkünden«Botschaften des Universalen Hauses der Gerechtigkeit, S. 67Q.
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Als die Bahá’í aus den städtischen Ballungsräumen sich aufmachten und Projekte begannen, mit denen die Massen der Weltbevölkerung in den Dörfern und ländlichen Gegenden erreicht werden sollten, erlebten sie eine viel größere Aufnahmebereitschaft für die Botschaft Bahá’u’lláhs, als sie sich je vorgestellt hatten. Zwar unterschied sich die Reaktion der Menschen hier grundlegend von dem, was die Lehrer bisher gekannt hatten, aber die Neuerklärten wurden freudig willkommen geheißen. In Afrika, Asien und Lateinamerika nahmen Zehntausende den Glauben an, dabei handelte es sich oft um den Großteil der Bewohner eines ganzen Dorfes. Die sechziger und siebziger Jahre waren für die Bahá’í-Gemeinde, deren Wachstum außerhalb des Íráns ja bisher langsam und gleichmäßig gewesen war, begeisternde Zeiten. Den Freunden im Pazifikraum wurde die große Auszeichnung zuteil, das erste Staatsoberhaupt, Seine Hoheit Malietoa Tanumafili II. von Samoa, zum Glauben zu führen – eine Auszeichnung, die erst zukünftige Ereignisse in einen angemessenen Rahmen setzen können.
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Kernstück dieser Entwicklung war, wie zu allen Zeiten in der Geschichte des Glaubens, das Engagement des einzelnen Gläubigen. Schon während der Amtszeit Shoghi Effendis hatten weitsichtige Freunde die Initiative ergriffen und sich aufgemacht, um einheimische Völker in Ländern wie Uganda, Bolivien und Indonesien zu erreichen. Während des Neunjahresplans wurden nun immer mehr Lehrer in diese Arbeit eingebunden, besonders in Indien, mehreren afrikanischen Ländern und den meisten Gegenden in Lateinamerika, ebenso auf den pazifischen Inseln, in Alaska und beim Lehren der einheimischen Stämme in Kanada sowie der farbigen Landbevölkerung im Süden der Vereinigten Staaten. Die Unterstützung dieser Arbeit durch Pioniere erwies sich als lebenswichtig; auf diese Weise wurden die einheimischen Gläubigen ermutigt und dabei unterstützt, sich selbst als Lehrer der Sache zu erheben.
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Dennoch wurde sehr bald deutlich, dass durch persönliche Initiative allein, von wie viel Geist und Tatkraft sie auch durchdrungen war, nicht angemessen auf die sich eröffnenden Möglichkeiten reagiert werden konnte. Also machten sich Bahá’í-Gemeinden an vielfältige gemeinsame Lehr- und Proklamationsprojekte, die die heldenhaften Tage der Dawnbreakers ins Gedächtnis rufen. Teams begeisterter Bahá’í-Lehrer stellten fest, dass es jetzt möglich war, nicht nur eine Reihe von Interessenten mit der Botschaft des Glaubens bekannt zu machen, sondern gleich Gruppen oder sogar ganze Dorfbevölkerungen. Aus den Zehntausenden wurden Hunderttausende. Mitglieder von Geistigen Räten hatten bisher nur Erfahrung damit, Einzelne – aufgewachsen in Kulturen voller Skepsis oder geprägt von religiösem Fanatismus – in ihrem Verständnis des Bahá’í-Glaubens zu vertiefen. Das Wachstum des Glaubens bedeutete nun, dass man lernen musste, mit Glaubensäußerungen großer Gruppen umzugehen, für die Religion selbstverständlich zum Alltag gehörte.
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Kein Teil der Gemeinde trug mehr zu diesem dramatischen Wachstumsprozess bei als die Bahá’í-Jugend. Ihre Leistungen während dieser entscheidenden Jahrzehnte – ja während der gesamten hundertfünfzigjährigen Geschichte des Glaubens – erinnern immer wieder daran, dass die überwiegende Mehrzahl der Heldinnen und Helden, die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts die Entwicklung des Glaubens in Gang brachten, sehr jung waren. Der Báb selbst war fünfundzwanzig Jahre alt, als Er Seine Sendung erklärte, und Anís, der den unsterblichen Ruhm erlangte, gemeinsam mit seinem Herrn zu sterben, war noch jugendlich. Quddús erkannte die Wahrheit der Offenbarung mit zweiundzwanzig. Zaynab, deren genaues Alter wir nicht kennen, war eine sehr junge Frau. Shaykh ‘Alí, den Quddús und Mullá Ḥusayn so liebten und schätzten, starb mit zwanzig den Märtyrertod; Muḥammad-i-Báqir-Naqsh war erst vierzehn, als er sein Leben hingab; und als Ṭáhirih den Glauben des Báb annahm, war sie Mitte zwanzig.
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Tausende Bahá’í-Jugendliche, die dem Pfad folgten, den jene herausragenden Gestalten eröffnet hatten, erhoben sich in den folgenden Jahren, um die Botschaft des Glaubens in allen fünf Kontinenten und auf den verstreuten Inseln des Erdballs zu verkünden. Mit der Herausbildung einer internationalen Jugendkultur in den späten sechziger und den siebziger Jahren, konnten Gläubige, die in den Bereichen Musik, Theater und Kunst begabt waren, zeigen, was Shoghi Effendi gemeint hatte als er sagte: »An jenem Tag wird die Sache Gottes sich wie ein Lauffeuer verbreiten, wenn ihr Geist und ihre Lehren auf der Bühne oder in der Kunst und Literatur dargestellt werden.«Bahá’í News, Nr. 73, Wilmette, Mai 1933, S. 7Q Auch forderte die für die Jugend so typische Begeisterung und Hingabe den Großteil der Gemeinde ständig dazu heraus, immer kühner die für das soziale Leben revolutionäre Bedeutung der Lehren Bahá’u’lláhs in der Praxis zu erproben.
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Der enorme Anstieg der Zahl der Erklärungen brachte allerdings auch große Probleme mit sich. Zunächst überstieg die Aufgabe, für die anhaltende Vertiefung, derer die neuen Gläubigen bedurften, und für die Festigung der neuen Gemeinden und Geistigen Räte zu sorgen, bald die begrenzten Möglichkeiten der an dieser Arbeit beteiligten Bahá’í-Gemeinden. Darüber hinaus wiederholten sich jetzt auf der ganzen Welt die kulturellen Herausforderungen, denen sich vormals jene persischen Gläubigen gegenübersahen, die als erste den Glauben im Westen zu etablieren versucht hatten. Theologische und administrative Prinzipien, die für die Pioniere und Reiselehrer vielleicht von höchster Wichtigkeit waren, standen selten im Zentrum des Interesses der Neuerklärten, deren soziale und kulturelle Wurzeln so ganz andere waren. Oftmals brachten unterschiedliche Ansichten über so simple Dinge wie die Anfangszeit von Veranstaltungen oder elementare soziale Umgangsformen Verständnisprobleme, die die Kommunikation extrem erschwerten.
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Anfangs erwiesen sich solche Probleme als sehr anregend, denn Institutionen wie Gläubige bemühten sich darum, eine neue Sichtweise zu entwickeln – ja, wichtige Passagen der Schrift neu zu verstehen. Viele Gemeinden taten ihr Möglichstes, um der Führung aus dem Weltzentrum zu folgen, dass Ausbreitung und Festigung Zwillingsprozesse sind, die Hand in Hand gehen müssen. Dort jedoch, wo die erhofften Ergebnisse sich nicht so bald einstellten, machte sich oft eine gewisse Entmutigung breit. In vielen Ländern ging die Zahl der Neuerklärungen rapide zurück, was einige Bahá’í-Institutionen und -Gemeinden dazu verleitete, sich wieder altbekannten Aktivitäten und leichter erreichbaren Zielgruppen zuzuwenden.
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Vor allem jedoch machten die Rückschläge den Gemeinden klar, dass die hohen Erwartungen der frühen Jahre der Massenlehrarbeit in mancher Hinsicht unrealistisch waren. Obwohl die schnellen Erfolge der ersten Lehraktivitäten sehr ermutigend waren, schufen sie allein noch kein Gemeindeleben, das den Bedürfnissen der neuen Mitglieder gerecht werden und sich aus eigener Kraft weiter entwickeln konnte. Vielmehr sahen sich Pioniere und neue Gläubige gleichermaßen Fragen gegenüber, auf welche die Erfahrung der Bahá’í im Westen – und selbst im Írán – kaum Antwort geben konnte. Wie sollten Geistige Räte gebildet werden – und, einmal gebildet, auch funktionieren – in Gegenden, in denen über Nacht große Zahlen Neuerklärter den Glauben angenommen hatten, allein aufgrund ihrer geistigen Fähigkeit, seine Wahrheit zu erkennen? Wie konnte man in Gesellschaften, die seit Menschengedenken von Männern dominiert wurden, Frauen zu einer gleichwertigen Stimme verhelfen? Wie sollte man die Erziehung und Ausbildung einer großen Zahl von Kindern angehen, wenn im kulturellen Umfeld Armut und Analphabetentum vorherrschten? Welche Schwerpunkte sollten in der moralischen Erziehung verfolgt werden, und wie konnte man diese Ziele zu den jeweiligen Lebensbedingungen eingeborener Völker in Beziehung setzen? Wie war ein dynamisches Gemeindeleben zu entwickeln, das das geistige Wachstum der Mitglieder anregte? Worauf sollte man sich bei der Herausgabe von Bahá’í-Literatur konzentrieren, besonders im Hinblick darauf, dass plötzlich so enorm viele verschiedene Sprachen in der Gemeinde vertreten waren? Wie konnten Würde und Funktion der so wichtigen Institution des Neunzehntagefestes gewahrt bleiben, während es sich gleichzeitig dem bereichernden Einfluss verschiedener Kulturen öffnete? Und schließlich – die Frage betraf alle Bereiche – woher sollte die erforderliche personelle und finanzielle Unterstützung kommen und wie konnte ihr Einsatz koordiniert werden?
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Unter dem Druck dieser dringenden, ineinandergreifenden Herausforderungen trat die Bahá’í-Welt in einen Lernprozess ein, der sich als ebenso wichtig wie die Ausbreitung selbst erwies. Man kann getrost sagen, dass es während dieser Jahre buchstäblich keine Art von Lehraktivität gab, keine Kombination von Ausbreitung, Festigung und Proklamation, keine administrative Variante, keine Bemühung um kulturelle Anpassung, die nicht in irgendeinem Teil der Bahá’í-Welt energisch versucht wurde. Unter dem Strich lehrte diese Erfahrung einen Großteil der Bahá’í-Gemeinde, was es praktisch bedeutet, die Massen zu lehren – eine Erkenntnis, die anders nicht hätte gewonnen werden können. Seinem Wesen gemäß war der Prozess in seiner Schwerpunktsetzung vor allem lokal und regional, die Ergebnisse waren eher qualitative als quantitative, und der erreichte Fortschritt zeigte sich eher in kleinen Entwicklungsschritten als im Großen. Ohne die sorgfältige, immer schwierige und oft frustrierende Festigungsarbeit dieser Jahre hätte allerdings die später folgende Strategie, die Förderung des Beitritts in Scharen zu systematisieren, kaum eine Basis gehabt.
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Aufgrund der Tatsache, dass die Botschaft Bahá’u’lláhs nicht mehr nur das Leben kleiner Gruppen von Gläubigen durchdrang, sondern das ganzer Gemeinden, wurde jetzt auch ein Merkmal früherer Entwicklungsphasen des Glaubens wieder belebt. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten erlebte die Sache Gottes wieder, dass Lehren und Vertiefung untrennbar mit sozialer und wirtschaftlicher Entwicklung verbunden waren. Die iranischen Gläubigen – denen ja verwehrt wurde, an den begrenzten Möglichkeiten, die ihre Gesellschaft bot, gleichberechtigt teilzuhaben – hatten sich in den frühen Jahren des Jahrhunderts unter der Führung des Meisters und des Hüters mit großem Einsatz daran gemacht, ein umfassendes Gemeindeleben aufzubauen. Die relativ vereinzelten Bahá’í-Gruppen in Nordamerika und Westeuropa bedurften eines solchen Gemeindelebens noch nicht, auch lag es nicht im Bereich ihrer Möglichkeiten. Geistige und moralische Erziehung, Lehraktivitäten, die Errichtung von Schulen und Krankenhäusern, der Aufbau von Verwaltungen und die Unterstützung von Initiativen zur Förderung von wirtschaftlicher Unabhängigkeit und Wohlstand – all diese waren im Írán schon früh nicht wegzudenkende Aspekte eines organischen, geeinten Entwicklungsprozesses. Jetzt boten sich in Afrika, Lateinamerika und Teilen Asiens dieselben Herausforderungen und Möglichkeiten erneut.
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Zwar hatte es vor allem in Lateinamerika und in Asien schon lange Projekte im Bereich sozialer und wirtschaftlicher Entwicklung gegeben, doch das waren isolierte Unternehmungen durch Gruppen von Gläubigen unter der Führung einzelner Nationaler Räte. Im Oktober 1983 wurden nun die Bahá’í-Gemeinden in aller Welt aufgerufen, solche Aktivitäten zu einem festen Bestandteil ihrer Tätigkeit zu machen. Im Weltzentrum wurde ein Büro für soziale und wirtschaftliche Entwicklung eingerichtet, welches das Gelernte allgemein nutzbar machte und bei der Suche nach finanzieller Unterstützung half.
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Im folgenden Jahrzehnt wurde viel experimentiert in diesem Bereich, auf den die meisten Bahá’í-Gemeinden kaum vorbereitet waren. Man versuchte, von den Modellen zu lernen, die die vielen auf der ganzen Welt arbeitenden Entwicklungsorganisationen erprobten. Gleichzeitig mussten die Bahá’í-Gemeinden auch die Bedingungen, die sie in den verschiedenen Entwicklungsbereichen vorfanden – Erziehung, Gesundheitswesen, Alphabetisierung, Landwirtschaft und Kommunikationstechnologie –, zu ihrem Verständnis der Bahá’í-Prinzipien in Beziehung setzen. Angesichts der enormen Mittel, die Regierungen und Stiftungen investieren konnten, und dem Selbstvertrauen, mit der solche Bemühungen verfolgt wurden, war die Versuchung groß, einfach gängige Methoden zu übernehmen oder die Bemühungen der Bahá’í an aktuelle Theorien anzupassen. Als die Arbeit sich weiterentwickelte, begannen die Bahá’í-Institutionen sich jedoch auf das Ziel zu konzentrieren, Entwicklungsgrundsätze auszuarbeiten, die geeignet waren, die gesellschaftlichen Gegebenheiten mit dem einzigartigen Menschenbild des Glaubens zu verbinden.
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Nirgends zeigte sich der Erfolg der Strategie der ineinandergreifenden Pläne so eindrucksvoll wie in Indien. Die dortige Gemeinde ist heute ein Gigant des Glaubens und zählt weit über eine Million Mitglieder. Ihre Arbeit erstreckt sich über einen riesigen Subkontinent und bezieht eine enorme Vielfalt an Kulturen, Sprachen, ethnischen Gruppen und religiösen Traditionen ein. In vieler Hinsicht fassen die Erfahrungen dieser gesegneten Gemeinde die Mühen, Experimente, Rückschläge und Siege zusammen, die die Bahá’í-Welt in diesen drei entscheidenden Jahrzehnten erlebte. Der drastische Anstieg der Erklärungen brachte dieselben Probleme mit sich, denen man auch anderswo auf der Welt begegnete, aber in ganz anderem Ausmaß. Der lange Weg zur heute so herausragenden Stellung der indischen Gemeinde war voll größter Schwierigkeiten, von denen einige zeitweise die verfügbaren administrativen Ressourcen zu übersteigen drohten. Die Siege lassen jedoch die Bestätigungen erahnen, die in Zukunft die Bemühungen der Bahá’í-Gemeinden auf anderen Kontinenten segnen werden, die es mit denselben Herausforderungen zu tun haben. 1985 hatte das Wachstum des Glaubens in Indien einen Punkt erreicht, an dem die Bedürfnisse und Möglichkeiten so vieler verschiedener Regionen mehr Aufmerksamkeit verlangten, als der Nationale Geistige Rat allein sie zu geben vermochte. So wurde die neue Institution der Regionalen Bahá’í-Räte geboren, womit ein Prozess der Dezentralisierung der Verwaltung begann, die sich inzwischen auch in vielen anderen Ländern als sehr effektiv erwiesen hat.
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1986 wurde die Ausbreitung und Festigung der Sache Gottes in Indien mit der Einweihung des wunderschönen ›Lotustempels‹ gebührend gekrönt. Zwar hatte man mit diesem Gebäude schon recht optimistische Erwartungen hinsichtlich der öffentlichen Anerkennung des Glaubens verbunden, die Wirklichkeit übertraf jedoch die kühnsten Hoffnungen bei weitem. Das indische Haus der Andacht zieht heute mehr Besucher an als irgendein anderer Ort auf dem Subkontinent, jeden Tag besichtigen es über zehntausend Menschen, und es erfährt große Aufmerksamkeit in Büchern und Artikeln, Filmen und Fernsehproduktionen. Das Interesse, das ein Glaube erregt, dessen Geist sich in so einem großartigen Bauwerk verkörpert, verleiht ‘Abdu’l-Bahás Bezeichnung der Häuser der Andacht als ›stille Lehrer‹ des Glaubens eine ganz neue Bedeutung.
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Der Fortschritt der indischen Bahá’í-Gemeinde, gleichermaßen in ihrer inneren Entwicklung wie in ihrer Beziehung zur Gesellschaft, zeigte sich im November 2000 in einer bahnbrechenden Initiative im Bereich sozialer und wirtschaftlicher Entwicklung. Der Nationale Geistige Rat machte sich den guten Ruf, den er verdientermaßen in fortschrittlichen Kreisen genießt, zunutze, und lud, in Zusammenarbeit mit dem gerade neu gegründeten Institut für Studien zum sozialen WohlstandDas Institut wurde 1998 vom Universalen Haus der Gerechtigkeit als Organ der Internationalen Bahá’í-Gemeinde eingerichtet; es untersteht dem Haus indirekt über das Office of Public Information. Laut Aufgabenbeschreibung dient das Institut »der Erforschung sowohl der geistigen und materiellen Grundlagen menschlichen Wissens als auch der Prozesse des gesellschaftlichen Fortschritts«.A der Internationalen Bahá’í-Gemeinde zu einem Symposion zum Thema ›Religion, Wissenschaft und Fortschritt‹ ein. Über hundert der einflussreichsten Entwicklungsorganisationen Indiens nahmen an dem Projekt teil, und die Medien berichteten landesweit darüber. Die Initiative stellte einen Beitrag zur Förderung des gesellschaftlichen Fortschritts dar, den nur die Bahá’í leisten können, und bereitete den Boden für ähnliche Symposien in Afrika, Lateinamerika und anderen Regionen. Dort können kreative Bahá’í-Gemeinden einem Prozess Gestalt verleihen, der vielleicht der größte Erfolg des Glaubens werden kann.
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Während dieser Jahre trat plötzlich auch die Bahá’í-Gemeinde Malaysias als Motor der Ausbreitung des Glaubens hervor; sie erfüllte ihre Ziele in überwältigend kurzer Zeit und sandte Pioniere und Reiselehrer in die Nachbarländer aus. Dieser bedeutende Fortschritt wurde vor allem möglich durch die Bande geistiger Partnerschaft, die zwischen Gläubigen chinesischer und indischer Abstammung geknüpft wurden. Wer von Besuchen in Malaysia zurückkehrte, sprach beinahe ehrfürchtig darüber, wie die dortige Gemeinde, obwohl sie unter vielen Einschränkungen und Behinderungen zu arbeiten hatte, die Metaphern aus dem Militärwesen, mit denen die Schriften Shoghi Effendis versuchten, den Geist der Lehrbemühungen der Bahá’í auszudrücken, geradezu verkörperten.
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Weder das weltweite Wachstum der Bahá’í-Gemeinde noch der Lernprozess, den sie durchlief, erzählen jedoch die ganze Geschichte dieser stürmischen, schöpferischen Jahrzehnte. Wenn die Geschichte dieser Zeit einmal niedergeschrieben wird, dann wird eins ihrer glanzvollsten Kapitel von den geistigen Siegen jener Bahá’í-Gemeinden berichten, die, vor allem in Afrika, Krieg, Terror, politische Unterdrückung und extreme Armut überlebten und aus diesen Prüfungen ungebrochen in ihrem Glauben hervorgingen, fest entschlossen, gemeinsam die unterbrochene Arbeit am Aufbau einer lebensfähigen Bahá’í-Gemeinde wieder aufzunehmen. Der Gemeinde in Äthiopien – Heimat eines kulturellen Erbes, das zu den ältesten und reichsten der Welt zählt – war es gelungen, trotz der gnadenlosen Unterdrückung durch eine brutale Diktatur sowohl den Geist der Zuversicht bei ihren Mitgliedern als auch eine intakte Gemeindeordnung zu bewahren. Auch über die Freunde in anderen afrikanischen Ländern kann man sagen, dass ihre Treue zur Sache Gottes sie wahrhaft durch eine Hölle von Leiden führte – die moderne Geschichte berichtet nur wenig Vergleichbares. In den Annalen des Glaubens kann kaum etwas die pure Kraft des Geistes eindrucksvoller bezeugen als jene Geschichten über Mut und Herzensreinheit, die aus dem Inferno, das die Freunde im damaligen Zaire umgab, nach außen drangen – Geschichten, die künftige Generationen inspirieren werden und ein unschätzbarer Beitrag zur Schaffung einer globalen Bahá’í-Kultur sind. Länder wie Uganda und Ruanda fügen dieser Liste heldenhaften Ringens ihre eigenen unvergesslichen Siege hinzu.
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Sehr eindrucksvoll zeigte sich die dem Glauben innewohnende erneuernde Kraft auch in kambodschanischen Flüchtlingslagern an der thailändischen Grenze. Durch die heldenhaften Anstrengungen einer Handvoll Lehrer konnten dort Menschen Geistige Räte bilden, die gerade einem Völkermord entgangen waren, dessen Grausamkeit beinahe die Fassungskraft übersteigt. Sie hatten so viele geliebte Menschen und alles, was sie an materieller Sicherheit besaßen, verloren, aber in ihnen brannte immer noch das Verlangen der Seele nach geistiger Wahrheit. Eine ähnlich herausragende Leistung vollbrachte die liberianische Bahá’í-Gemeinde. Viele dieser unerschrockenen Gläubigen nahmen, als sie aus ihrer Heimat in die Nachbarländer vertrieben wurden, ihr gesamtes Gemeindeleben mit ins Exil: sie errichteten Geistige Räte, trieben die Lehrarbeit voran, setzten die Erziehung und Ausbildung ihrer Kinder fort, nutzen ihre Zeit, um neue Fähigkeiten zu erwerben und fanden in Musik, Theater und Tanz geistige Kräfte, die ihnen halfen, die Hoffnung nicht zu verlieren, bis sie in ihr Heimatland würden zurückkehren können.
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Während der Lernprozess hinsichtlich der Methoden der Massenlehrarbeit voranging, änderte sich das Bild der Bahá’í-Weltgemeinde. 1992 beging die Gemeinde ihr zweites Heiliges Jahr, das diesmal den hundertsten Jahrestag des Hinscheidens Bahá’u’lláhs und der Verkündigung Seines Bundes bezeichnete. Die ethnische, kulturelle und nationale Vielfalt der siebenundzwanzigtausend Teilnehmer des Zweiten Bahá’í-Weltkongresses, die im Javits Convention Center in New York zusammenkamen, bezeugte den Erfolg der weltweiten Lehrbemühungen eindrucksvoller, als Worte dies je gekonnt hätten. Gleichzeitig versammelten sich weltweit Tausende Gläubige bei neun parallelen Konferenzen in Bukarest, Buenos Aires, Moskau, Nairobi, Neu Delhi, Panama City, Singapur, Sydney und West-Samoa. Die Liveschaltung zwischen der Konferenz in Moskau und der in New York bei der Satelliten-Übertragung, die alle Konferenzen miteinander verband, war besonders bewegend, und die weltweit versammelten Bahá’í jubelten begeistert, als sie die Grüße auf Russisch vernahmen – der gemeinsamen Sprache von zweihundertachtzig Millionen Menschen aus mindestens fünfzehn Ländern –, die für eine neue Phase in der Antwort der Menschheit auf den Ruf Bahá’u’lláhs standen.
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In den Konferenzen in Moskau und Bukarest spiegelte sich die Wiedergeburt von Bahá’í-Gemeinden, die durch das Sowjetregime und seiner Satellitenregime unterdrückt und beinahe ausgelöscht worden waren. ‘Alí-Akbar Furútan, eine der drei letzten lebenden Hände der Sache, der in Russland geboren wurde, erlebte die große Freude, im Alter von sechsundachtzig Jahren anlässlich der Wahl des ersten Nationalen Geistigen Rates seines Heimatlandes nach Moskau zurückzukehren. In jedem der neu erschlossenen Länder schossen Geistige Räte aus dem Boden, und sechs neue Nationale Geistige Räte wurden gewählt. Sehr bald schon entstanden mit Hilfe von Pionieren und Lehraktivitäten noch mehr örtliche und acht neue Nationale Geistige Räte in den Ländern am südlichen Rand des früheren Sowjetreiches, wo der Glaube ebenfalls vormals verboten war. Bahá’í-Literatur wurde in eine Vielzahl von neuen Sprachen übersetzt, man setzte sich energisch für die zivilrechtliche Anerkennung der Bahá’í-Institutionen ein, und Vertreter aus Osteuropa und den Ländern der früheren Sowjetunion widmeten sich schon bald gemeinsam mit ihren Mitgläubigen der Öffentlichkeitsarbeit der Bahá’í-Gemeinde auf internationaler Ebene.
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Nach und nach wandten sich auch die Menschen in vielen Teilen Chinas und im Ausland lebende Chinesen der Botschaft des Glaubens zu. Bahá’í-Literatur wurde ins Mandarin übersetzt; viele chinesische Universitäten luden Bahá’í-Wissenschaftler zu Gastvorlesungen ein; am angesehenen Pekinger Institut für Weltreligionen, das im Rahmen der Akademie für Sozialwissenschaften tätig ist, wurde eine Abteilung für Bahá’í-Studien eingerichtet,Ihre Aufgabe ist die »systematische Erforschung des Bahá’ítums, einschließlich seiner religiösen Kultur, seines humanitären Geistes und seiner religiösen Ethik«.A und viele chinesische Würdenträger drückten ihre Wertschätzung für die Prinzipien, die sie in den Schriften finden, aus. Wenn man sich vergegenwärtigt, wie lobend der Meister die chinesische Kultur und ihre Rolle für die Zukunft der Menschheit hervorhob, gewinnt man eine Vorstellung des schöpferischen Beitrags, den Gläubige mit diesen kulturellen Wurzeln in Zukunft zum intellektuellen und moralischen Leben des Glaubens leisten werden.Zitiert in Star of the West, Bd. 13, Nr. 7, Oktober 1922, S. 184ff.Q
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Die große Bedeutung dieser drei Jahrzehnte der Mühen, des Lernens und der Opfer trat klar zutage, als der Moment gekommen war, einen globalen Plan zu entwerfen, der die gewonnenen Einsichten und das entwickelte Potential jetzt nutzen würde. Die Bahá’í-Gemeinde, die sich 1996 an die Erfüllung des Vierjahresplanes machte, war nicht mehr dieselbe wie die zwar eifrige, aber junge und noch unerfahrene Gemeinde, die 1964 das erste Unternehmen dieser Art anging, das nicht mehr durch die führende Hand Shoghi Effendis angeleitet wurde. 1996 war es möglich geworden, die einzelnen Stränge des Unternehmens als Teile eines zusammenhängenden Ganzen zu sehen.
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Diese Erfahrung brachte auch den dringend erforderlichen Rückblick auf das Erreichte mit sich. Die Ausbreitung der Sache Gottes während der letzten drei Jahrzehnte zeigte, dass die Begegnung mit der Botschaft Bahá’u’lláhs mehrere Millionen Menschen so beeindruckt hatte, dass sie sich – in unterschiedlichem Maße – mit der Sache Gottes identifizierten. Ihnen war bewusst, dass ein neuer Gottesbote erschienen war, sie waren vom Geist des Glaubens berührt und wurden durch die Lehre von der Einheit der Menschheit angezogen. Einige wenige von ihnen waren in der Lage, noch weiter zu gehen. Die meisten dieser Freunde blieben jedoch Adressaten von Lehr- und Vertiefungsprogrammen, welche Reiselehrer und Pioniere von außerhalb durchführten. Eine der größten Stärken der Massen der Menschheit, aus denen diese neuerklärten Gläubigen kamen, liegt in der Offenheit der Herzen, durch die ein nachhaltiger gesellschaftlicher Wandel vollzogen werden kann. Die größte Schwäche dieser Massen war bisher eine gewisse Passivität, die – unter dem ständigen Einfluss fremder Mächte – über Generationen hinweg eingeübt worden war. Unabhängig davon, welche materiellen Vorteile dieser Einfluss auch gebracht haben mag, die Ziele, welche diese Mächte verfolgten, hatten meist nur sehr indirekt, wenn überhaupt, mit dem alltäglichen Leben und den tatsächlichen Bedürfnissen der eingeborenen Völker zu tun.
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Der Vierjahresplan, ein deutlicher Schritt über die bisherigen Pläne hinaus, war darauf angelegt, aus den neuen Möglichkeiten und den gewonnenen Einsichten vollen Nutzen zu ziehen. Ein klares Ziel durchdrang das gesamte Unternehmen: die Förderung des Prozesses des Beitritts in Scharen. Aufgrund der Erfahrungen während der früheren Pläne wurde jetzt der Schwerpunkt weltweit auf die Entwicklung der Fähigkeiten der Gläubigen gelegt, so dass alle sich voller Vertrauen würden erheben können, um die Mission des Glaubens voranzutragen. Das Instrumentarium, mit dem dieses Ziel erreicht werden konnte, war während der letzten Pläne ständig überarbeitet und verbessert worden und hatte seine Wirksamkeit inzwischen bewiesen.
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So wie die meisten anderen Methoden und Aktivitäten, mit deren Hilfe der Glaube voranschritt, war auch dieses Instrument schon Jahrzehnte zuvor in ‘Abdu’l-Bahás Sendschreiben zum göttlichen Plan vorgesehen: Vertiefte Gläubige, so erklärt der Meister, sollten »die Jugend der Liebe Gottes in Schulen der Unterweisung um sich scharen und sie all die göttlichen Beweise und unwiderleglichen Argumente lehren, ihnen die Geschichte der Sache erläutern und erklären, auch die Verheißungen und Beweise auslegen, die in den göttlichen Büchern und Episteln enthalten sind über die Manifestation des Verheißenen … «‘Abdu’l-Bahá, Sendschreiben zum göttlichen Plan 8:15Q Der so geliebte Ṣadru’ṣ-ṢudúrEtwa 1904 begann der gelehrte iranische Gläubige, den wir unter dem Namen Ṣadru’ṣ-Ṣudúr kennen, mit Ermutigung ‘Abdu’l-Bahás, eine erste Bahá’í-Lehrer-Schulung mit Jugendlichen in Teheran durchzuführen. Die Studiengruppe traf sich täglich, und die Absolventen, die in den Glaubensinhalten anderer Religionen unterrichtet wurden und verschiedene Aspekte des Bahá’í-Glaubens studierten, trugen wesentlich zur Ausbreitung und Festigung der Sache Gottes in ihrem Heimatland bei.A hatte während der frühen Jahre des Jahrhunderts auf diesem Feld Pionierarbeit geleistet und im Írán systematisch Unterricht dieser Art abgehalten. Mit der Zeit fanden immer mehr Winter- und Sommerferienkurse statt, und ein Plan nach dem anderen ermutigte die Gemeinden, sich an der Entwicklung von Trainingsinstituten zu versuchen.
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Der mit Abstand bedeutendste Fortschritt auf diesem Gebiet wurde in Kolumbien erreicht: Über einen Zeitraum von gut zwanzig Jahren, beginnend in den Siebzigern, entwickelten die Freunde dort ein systematisches, längerfristig angelegtes Programm zum Unterricht in den Schriften des Glaubens, das bald auch in den Nachbarländern aufgegriffen wurde. Diese Leistung, die stark von den Bemühungen der kolumbianischen Gemeinde im Bereich sozialer und wirtschaftlicher Entwicklung beeinflusst war, beeindruckt vor allem deshalb so sehr, weil sie in einer Umgebung gelang, in der Gewalt und Gesetzlosigkeit das Leben der Gesellschaft zunehmend zersetzten.
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Das Beispiel der kolumbianischen Freunde begeisterte und ermutigte auch anderswo auf der Welt Bahá’í-Gemeinden. Am Ende des Vierjahresplanes hatten weltweit über hunderttausend Gläubige an den Programmen der über dreihundert fest eingerichteten Trainingsinstitute teilgenommen. Um dieses Ziel zu erreichen, waren die meisten Institute noch einen Schritt weiter gegangen, indem sie ein Netzwerk von Studienkreisen schufen, in denen die Fähigkeiten der Gläubigen dafür eingesetzt wurden, die Arbeit der Institute auch auf örtlicher Ebene weiterzuführen. Schon jetzt wird deutlich, dass der Erfolg der Tätigkeit der Institute den Prozess wesentlich beschleunigt hat, der langfristig zur Herausbildung eines universellen Bahá’í-Erziehungssystems führen wird.Bei dem Modell handelt es sich um das ›Ruhi-Institut‹, dessen Methoden und Materialien von vielen Bahá’í-Gemeinden in der ganzen Welt übernommen wurden. Sein Grundgedanke ist die Verbindung von aktiven Dienstleistungen mit intensivem Studium der Bahá’í-Schriften. Das System besteht aus mehreren Studienniveaus, die einen zentralen Stamm des Grundverständnisses der wesentlichen Lehren Bahá’u’lláhs bilden, von dem dann eine fast unbegrenzte Zahl von Untergruppen abzweigen, die von den verschiedenen nationalen Gemeinden nach ihren eigenen Bedürfnissen entwickelt werden können.A
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Obwohl die Anstrengungen dieser Jahrzehnte noch relativ moderat waren – zumindest im Vergleich zum Heroischen Zeitalter –, gewähren sie doch der heutigen Generation von Bahá’í einen Eindruck dessen, was Shoghi Effendi als die Zyklen bezeichnet, in denen sich der Glaube entwickelt. Seine Geschichte, so schreibt er, gliedert sich »in eine Folge von mehr oder weniger schweren inneren und äußeren Krisen, die sich zunächst verheerend auswirkten, dann aber auf geheimnisvolle Weise ein entsprechendes Maß göttlicher Kraft auslösten und dadurch dem Glauben einen frischen Impuls zum Fortschritt vermittelten«Gott geht vorüber V:6Q. Diese Worte rücken all die Anstrengungen ins rechte Licht, die Experimente, die entmutigenden Rückschläge und die Siege, die den Beginn der großangelegten Lehrtätigkeit kennzeichneten und die Bahá’í-Gemeinde auf die noch größeren vor ihr liegenden Herausforderungen vorbereiteten.
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Durch die gesamte Geschichte hindurch wohnte der Großteil der Menschheit dem Fortschritt der Zivilisation immer nur als Zuschauer bei. Ihre Rolle bestand darin, den Plänen der jeweiligen Elite zu dienen, die den Zivilisationsprozess gerade anführte. Sogar die aufeinanderfolgenden göttlichen Offenbarungen, deren Zweck ja die Befreiung des menschlichen Geistes war, gerieten mit der Zeit in die Gefangenschaft des »beharrenden Selbstes«‘Abdu’l-Bahá, Briefe und Botschaften 206:15Q; sie erstarrten zu menschengemachten Dogmen, Ritualen, Führungsprivilegien und interkonfessionellen Streitereien, und schließlich ging ihre Zeit zu Ende, ohne dass sie ihr Ziel erreicht hätten.
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Bahá’u’lláh ist gekommen, um die Menschheit aus dieser langen Knechtschaft zu befreien, und die Gemeinde Seiner Anhänger verwendete die letzten Jahrzehnte des zwanzigsten Jahrhunderts darauf, verschiedene Mittel zu ersinnen und auszuprobieren, mit denen Seine Absicht verwirklicht werden kann. Die Verfolgung des Göttlichen Planes verlangt nichts Geringeres, als die ganze Menschheit in die Arbeit an ihrer eigenen geistigen, sozialen und intellektuellen Entwicklung einzubinden. Die Schwierigkeiten, denen die Bahá’í-Gemeinde in der Zeit seit 1963 begegnete, waren notwendig, um die Anstrengungen noch zielgerichteter einzusetzen und die Beweggründe zu läutern, damit jene, die mit dieser Arbeit betraut sind, einer solchen Verantwortung würdig werden. Solche Prüfungen sind ganz eindeutige Kennzeichen des Reifungsprozesses, den ‘Abdu’l-Bahá so zuversichtlich beschreibt:
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